Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021395--10656-3035149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. Bloch's WvchrnfchrM Seite 149 Nr 9 artete und Schwachsinnige sind, können nur mystisch, d. h. verschwommen denken, bestimmte Worte mit klarer Feststellung des Inhaltes können sie nicht gebrauchen, sie wählen verschwommene, vieldeutige Worte, weil dies ihrer vieldeutigen, verschwommenen Vorstellung am besten entspricht/ Verschwommenheit ist also auch ein Merkmal der Entarteten, und ich möchte fast glauben, daß Dr. Nordau mit seiner furchtbar rationalistischen sogenannten Naturphilosophie, als er diese Zeilen schrieb, dennoch an das „zweite Gericht", an die Deutoroskopie mancher englischer und deutscher Mystiker glaubte, an die Hallucinationen nämlich, vermöge deren Menschen s i ch s e l b st sehen, wie sogar Goethe erzählte, daß er sich selbst gesehen habe zu Pferde und in einem Kleide, in welchem er 8 Jahre später eben dort wirklich geritten sei. Nordau muß sich wirklich hier selbst gesehen haben, so erschreckend ähnlich ist das Selb st Porträt, das er hier von sich entwirft. Denn es kann unmöglich mehr Verschwommenheit und Widerspruch, als in Nordau's Artikeln über die politische Gleichberechtigung der Juden und in der Offenbarung gefunden werden, die er seinen zweifelnden Jüngern in Nr. 5 und 7 der „Welt" vom Jahre 1901 von sich gibt. „Wo die Juden die politischen Rechte besitzen, sollen sie diese mit weiser und geschmackvoller Zurückhaltung üben. Vor allen Dingen sollen sie grundsätzlich darauf verzichten, einen Antheil an der Handhabung des Herrschergewalt des Staates zu fordern." Also einerseits sollen die Juden ihre politischen Rechte üben, andererseits sollen sie grundsätzlich darauf verzichten! Weiters: „Die Juden sollen alle vom Vaterlands g e f ü h l e vorgeschriebenen Opfer bringen, dagegen auf jeden politischen Lohn verzichten." Nun sind aber die Opfer, die jeder Staatsbürger zu bringen hat. Steuer zahlen und Wehrpflicht leisten. Steuerzahlen und Wehrpflichtleistung wird aber nicht vom Vaterlands ge fühle, sondern vom Gesetze vorgeschrieben. — Das ist doch höchster Symbolismus! Weiters: „Für die Juden, denen an ihrem Judenthume wenig oder nichts lag, hatten die politischen Rechte die Bedeutung, sich in die Angelegenheiten des Staates e i n z u m i s ch e n. Sie sollen eher versuchen, versöhnend und ausgleichend zu wirken und unsere Po litis chen Rechte dazu zu benützen, um unser Staatsbürgerinteresse als Steuerzahler und Wehrpflichtige, als Verwaltungs¬ und Rechtssubjecte maßvoll in Reih und Glied mit unseren christlichen Landsleuten zu vertheidigen und überall, wo es gilt, für eine Verbesserung und Aufklärung zu wirken." Wir sollen also einerseits uns in die Angelegenheiten des Staates nicht e i n m i s ch e n, wir sollen aber andererseits unsere Staatsbürgerintereffen in Reih und Glied mit den christlichen Landsleuten vertheidigen. Das ist nicht mehr Verschwommenheit, sondern vielmehr Verschrobenheit! Denn erstens sind Steuerzahlung und Wehrpflicht keine Staatsbürger-J n t e r e s s e n. sondern Staatsbürger- Pflichten, die wir nicht erst zu vertheidigen brauchen, weil wir zur Erfüllung derselben vom Staate gezwungen werden, und wenn zweitens Dr. Nordau uns als Verwaltungs¬ und Rechts-S u b j e c t e anerkennt, wenn er uns auffordert, unsere politischen Rechte dazu zu benützen, daß wir in Reih' und Glied mit unseren christlichen Landsleuten für eine Verbesserung, für höhere Gerechtigkeit und für Aufklärung wirken, so spricht erdochselbstesaus, daß wir Alles dies nur dadurch vermögen, wenn wir in die Gesetzgebung eintreten, d. h. wenn wir an politischen Wahlen uns betheiligen, Compromisse schließen, am Gcsetzgebungsrechte und an der Staatsgewalt theilnehmen und als Verwaltungs¬ und Rechts-Subjecte politische, richterliche und militärische Aemter und Würden anstreben! Weiter: Dr. Nordau gibt auf den Einwurf, daß bürgerliche von politischen Rechten sich nicht trennen lassen und daß das Recht zur Erwerbung von Grundeigenthum den Besitz der politischen Rechte zur Voraussetzung habe, voll Wohlwollen und Weisheit die tiefsinnige These von sich, daß ja in allen Staaten Europas, mit Ausnahme von Rußland und Rumänien, Ausländer, die politisch im Lande vollkommen rechtlos sind, Grundbesitz genau so erwerben, wie vollberechtigte Landesbürger." Ist das perfid oder entartet?" Wir sollen auf dem Boden, den unsere Ahnen bereits mit ihrem Blute gedüngt haben, uns als „vollkommen r-chtlose Ausländer" mit dem Erwerb von Grundbesitz zufrieden geben!" Ist aber dem Herrn Nordau unbekannt, daß der Ausländer in allen civilisirten Staaten jederzeit in Gefahr ist. unter dem Bor wände, daß er sich der Regierung „lästig gemacht habe", des Landes verwiesen und von seinem Grundbesitze weg, m i t Brachialgewalt weggeführt zu werden? Kennt er nicht die Geschichte der Fremden-Ausweisungen in Deutschland und Frankreich während der letzten Jahrzehnte? Ist das der Ersatz, welchen er uns für die muthwillige Preisaebung der aus dem politischen Rechte für uns erwachsenden persönlichen Rechtssicherheit bietet? Dr. Nordau behauptet weiter in Nr. 7. der „Welt" 190! : „Das Judenthum in den Ländern der Emancipation ist in voller Auflösung begriffen und er will es dem Leben erhalten." — Israel war zu den Z-iten Jesajas und zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels, wo es in die Secten der Pharisäer. Zadukäer und Effäer gespalten war. in weit schlimmerer Auflösung und es ist auch ohne Nordau am Leben geblieben und so möge uns Herr Dr. Nordau auch jetzt in Ruhe lassen und anstatt das jüdische Volk, dessen Gott und Religion er haßt und lästert. mit s e i n er P e r s o n z u b e s ch ä ft i g e n, lieber sich selb st mit dem Studium der Nervenpathologie beschäftigen! Mit Berlaub übriqens: Welches Judenthum ist in voller Auflösung begriffen? Doch nur seines und seiner ebenso blindwüthigen, als urtheilslosen Anhängerschaft, die. vom Banne der SuggesÜon b-wältigt, ihm Solches nachredet. Doch nur das Judenthum jener mit dem Christenthume sich assimilirenden zionistischen Studenten, welche, wie Robert Ja ff 6 in Nr. 7 der „Welt" v. I. 1901 mit Stolz mir entgegnet „selbst in orthodoxen deutschen Pastorenhäusern, die s'o n st dem G e i st e S t ö ck e r's huldigen, gerne gesehen werden und die in der Berliner akademischen Lesehalle freundliche Beziehungen zu den D eu t s ch n a t i o n al e n unterhalten!" — Welch wahnsinniger Widerspruch offenbart sich da vor uns! Bald will Nordau uns deshalb ins Ghetto zurückführen, damit wir in der christlichen Mehrheit nicht aufgehen, uns nicht asfimiliren, mit ihr nichts zu thun haben und es vorziehen, nur mit „lieben, blutverwandten Nachbarn" zu verkehren — bald wieder drängen sich Juden in Pastorenfamilien Stöcker'scher Richtung und unterhalten freundliche Beziehungen zu den Deutschnationalen! — Das ist entarteter Zionismus, das ist zionistische Entartung!" — Und das Alles ist die „gewaltige, unvergängliche Anregung" des „großen Geistes" Nordau's, des „Mannes der großen Initiative!" — Wem da nicht die Augen aufgehen, um in den tiefen Abgrund des ch r i st l i ch e n Zionismus hinabzusehen, in den uns diese Zionsführer Herzl und Nordau stürzen wollen, der ist eben von diesen Herren blind und zum Narren gemacht worden, wie ja immer ein Narr hundert Narren macht J Weiter: Dr. Nordau will aber nicht gestört werden — er will das jüdische Volk am Leben erhalten — er glaubt an seine Zukunft." Wer glaubt aber ihm? Wer darf Dr. Nordau und seinen im Größenwahn prahlenden Erlöserthum vertrauen, — ihm. der sich am Schluffe seiner „Entartung" in krankhafter Monomanie als einen leibhaftigen Erlöser mit den Worten Christi erklärt : „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen?". — Hätte er sein Buch nicht besser mit den Worten Brief I Petri: „Er geht einher wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge" — oder noch besser mit dem Spruch Salomos abgeschloffen: „Dem Albernen ziemt nicht hohe Rede?". Wer darf seinen heuchlerisch frömmelnden Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes ernst nehmen, wenn er dessen Moral eine „empörende" nennt? Kann denn ein Volk mit empörender Moral überhaupt eine Zukunft haben? Dr. Nordau spricht dem jüdischen Volke und seinemSchriftthum jedeMoral ab! In seiner „Entartung" S. 289 beschimpft er Nietzsche unter Anderem auch deshalb, weil dieser die Moral und Ethik des Judenthums p r e i st, und hier läßt sich Nordau wie folgt aus: „Aber ist es denn wahr, daß unsere heutige Moral mit ihren Begriffen von Gut und Böse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.