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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. S Vr. Bloch's Wochenlchrist. Seite 147 gung des Ehrgeizes einiger Streber zu dienen, welche nach Art der Thierbändiger uns Juden in den Zwinger des Ghettos behufs leichterer Lenkbarkeit und Beherrschung sperren möchten, da sie uns in Freiheit nicht dressiren können! Das war so die Methode der Judenhasser zu allen Zeiten! In seiner in der letzten Nummer der „Welt" gegebenen sogenannten Aufklärung über die beabsichtigte Entrechtung der Juden beruft sich N o r d a u auf den preußischen Justizminister Schönstedt und dessen bekannte Aeußerungen im preußischen Landtage, und es citirt die „Welt" noch mit ganz besonderem Behagen die Stimmen antisemitischer Blätter zur Unterstützung der Theorie Nordau's. Hätte aber der judenfeindliche Minister Schönstedt sich nicht mit weit größerem Erfolge auf Nordau berufen können? Ist der Hinweis Nordau's auf die Erklärungen Schönstedt's ein Beweis dafür, daß Nordau's Theorie der Entrechtung der Juden, die ja auch von den Antisemiten angestrebt wird, uns zum Heile gereiche? Diese Theorie, welche bekanntermaßen nicht neu ist, wurde vielmehr in der Zeit der Emancipationskämpfe von allen Judenfeinden vertreten. Damals sagte schon der judenfeindliche Theologe Paulus: „Die Juden müssen auf die politischen Rechte verzichten, es genügt, wenn man ihnen die bürgerlichen Rechte gewähre." Gabriel Rießer aber war es, der schon damals in einer seiner merkwürdigsten Streitschriften den Gedanken popularisirte, daß die bürgerlichen Rechte werthlos sind, wenn sie nicht von den politischen Rechten geschützt und gestützt werden. Neu an der Nordau'schen Theorie ist blos die traurige Thatsache, daß der Wiedererwecker derselben ein Jude ist und sich sogar die Führerschaft in Israel anmaßt. Das ist das Novum, mit dem wir uns immer wieder beschäftigen müssen. Allerdings ist Nordau blos ein geborener Jude, aber kein solcher, der von Jugend auf in und mit seinem Volke gelebt hat, sondern einer, der uns längst entfremdet war und den nur äußere Einflüsse zurückgeführt haben. In seinen „Paradoxen" wendet sich Nordau noch gegen die Juden: „weil sie mit unbegreiflicher Verblendung und Hartnäckigkeit an äußerlichen Gepflogenheiten, wie Zeitrechnung, Feier der Ruhetage und Feste, Speisegesetze, Wahl der Vornamen u. s. w. festhalten, welche von denen ihrer christlichen Volksgenossen völlig verschieden sind und in diesen das Gefühl eines Gegensatzes und einer Absonderung fortwährend lebendig erhalten müssen; aber jene Gemeinsamkeit ist keinesfalls hinreichend, um aus Völkern ein Volk zu bilden und Angehörigen eines Staates eine Nationalität zu geben. Nein, das alles sind pfiffige Künsteleien, welche die Wahrheit wie Seifenschaum zerbläst. . . und was man von der Stimme des Blutes faselt, das ist ein Hirngespinst. . . ." Das war noch vor Kurzem die Stellung Nordau's zum jüdischen Volke. Von Dr. Herzl gilt dasselbe. — Und das kam so: Zwei Journalisten lebten als Correspondenten der „Neuen Freien Presse" in Paris. Sie nährten sich da schlecht und recht und zehrten von ihrem mageren Ruhme, der immer kleiner ward. Sie bemühten sich, in der sie umgebenden christlichen Bevölkerung aufzugehen, so gut es ging, aber es ging nicht. Die Salons der Arier waren für sie verschlossene Paradiese, weil die „granä nation" mit den „Juifs" nichts zu thun haben wollte. Da erinnerten sie sich plötzlich ihrer Abstammung — sie wurden Convertiten und traten zum Judenthum über. Männer, die von Jugend auf innerhalb ihres Volkes gelebt und nicht aufgehört haben, an seinen Kämpfen und an seiner Noth lebendigen Antheil zu nehmen, hätten das Herz nicht, uns solch' entehrende Selbstmordpolitik zuzumuthen. Wahrer, jüdischer Patriotismus, nicht der heuchlerische, nach Sensationen auslugende, welcher nur posirt und volltönende, große Worte drechselt, sondern jener echte Patriotismus, welcher ernstlich um das Massenelend des Volkes besorgt ist, hätte Vieles vermieden. was nachher zu einer nationalen Katastrophe geführt hat und führen mußte. Schon wird das Verbrechen des rumänischen Experiments, das namenlose Unglück der rumänischen jüdischen Auswanderer von dem Speeial-Commissär der nordamerikanischen Regierung auf den Zionismus und seine Führer gewälzt. Und nicht mit Unrecht! War ja doch die Hoffnung auf die schon unmittelbar bevorstehende Heimkehr nach Palästina bei der urtheilslosen Masse der Armen und Elenden unserer Brüder bis zur Gluthitze genährt! Schon zwei Jahre vorher sprach Dr. Herzl auf jenem großen jüdischen Meeting in London die hochtönenden — denkschwache Volksmasien jedenfalls zu täuschen geeigneten Worte: „Ich will Ihnen kein Bild der Heimkehr malen, sie wird ja bald beginnen. Ich darf Sie dessen versichern: Wir halten nicht mehr weit von dem Zeitpunkte. Ich weiß wohl, was ich sage, ich habe noch nie so bestimmt gesprochen. Heute erkläre ich Ihnen: Ich halte die Zeit nicht mehr für weit entfernt, da das jüdische Volk sich in Bewegung setzen wird. — Ja, wir glauben, wir find die Leibgarde der Wahrheit. . ." Und das jüdische Volk setzte sich zwei Jahre später wirklich in Bewegung — der ganze Jammer menschlicher Bethörung und Verelendung faßt uns an, so oft wir daran denken — und wo war die Leibgarde der Wahrheit? Sie war die Leibgarde der Lüge geworden! Diejenigen, welche das namenlose Elend der rumänischen Massenemigration heraufbeschworen, geberdeten sich als die unerbittlichsten Ankläger wider Alle, die der hereingebrochenen Noth Hilfe und Rettung zu bringen redlich bemüht waren, deren Mittel und Kräfte vielleicht gegenüber der Größe des anstürmenden Elends nicht voll und ganz hinreichttn. Wochen und Monate hindurch waren die Vorstandsmitglieder der „Wiener Israelitischen Allianz" Gegenstand der Schmähungen, Beschimpfungen und Verleumdungen giftigster Art in dem zionistischen Parteiorgan' man erging sich in ehrenrührigsten Andeutungen, man flüsterte und zischelte, was man laut zu sagen nicht wagte, man drohte mit gerickrlichen Schritten, forderte außerordentliche Generalversammlungen und jederSchimpfexceß endete bedeutungsvoll: „Fortsetzung folgt" aber die „Fortsetzung" ließ maneinesTages aus, um dafür als Preisdes Schweigens, als Lohn für die Einstellung der Feindseligkeit gegen die Allianz von dem Präsidenten Herrn v. Gutmann die Zusage der Eooptirung dreier Zionisten in den Beirath der Allianz und des Herrn Leon Kellner (Redacteur des zionistischen Amtsblattes) für das Curatorium der Baron Hirsch- Stiftung zu verlangen! „Wir brauchen das für unsere Agitation", erklärte Herr Dr. Herzl dem Vorstande der Allianz gelegentlich einer Besprechung. Weil Dr. Herzl zum Zwecke der Agitation das braucht, muß entgegen dem vielfach in der bestimmtesten Form k u n d gegebenen Willen des verstorbenen Stifters, welcher alle politischen Parteimänner für alle Zeit aus der Stiftungsverwaltuug ausgeschlossen wissen wollte, der journalistische Wortführer derZionisten in das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung hineingebracht werden. Das war der Zweck der unerhörten Hetze, darum wurden Monate hindurch gegen wohlverdiente Männer häßliche Scandale und Schimpfexceffe veranstaltet, um einen Posten zu ergattern, zur Honorirunz eines treuen „Lohnschreibers", im Jargon des Herrn Nordau zu reden. Wir wollen vorläufig vermeiden, den moralischen Charakter der Vorgänge, welche derzeit einen heitern Gesprächsstoff in allen Kreisen der Wiener Gemeinde abgeben, mit der gebührenden Bezeichnung zu qualificiren; wir wollen zunächst das Resultat und den Erfolg dieser Attaquen abwarten. Noch halten wir es für undenkbar, daß Männer von Ehre und Pflichtbewußtsein, berufen, eine Stiftung im Sinne und nach den Intentionen des Erblassers zu verwalten' sich ohne Scheu vor der öffentlichen Kritik zu einer Maßregel herbeilafsen, von welcher sie wohl wiffen, daß der verewigte Stifter die Zumuthung, wenn sie je sich an ihn herangewagt hätte, mitZorn und Entrüstung von sich gewiesen! Einer solchen Felonie und Treulosigkeit, das Curatorium zu verdächtigen, scheint uns eine unverdiente Ehrenkränkung. So präseutirt sich eine bedenkenfreie Streberei krankhafter Großmannssucht, wie sie öffentlich alle Schranken durchbricht. Eine Bank wird gegründet, zu welcher der ärmste Packträger den letzten Sparpfennig opfert, in dem Wahne, sich dadurch einen Antheil an dem Boden Palästinas zu erwerben. Nun wird sogar die religiöse Zucht und der Gottesglaube mit einemmale von dem Gottesverächter Nordau gepredigt; — er empfiehlt in seiner Judenpolitik, daß wir Juden nur „unter uns" heiraten sollen, er selbst aber geht eine Mischehe ein; — Dr. Herzl agitirt für die Cultuswahlen und eröffnet eine jüdische Wählerversammlung bei Ronacher mit dem

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