Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 9 (1.3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 146 Dr. Blvch's Woüxen-rlLLiu. Str. S der Loch nur eine gerichtlich bestätigte, wahrheitsgetreue lieber fetzuug eines feierlich anerkannten Lehrbuches der christlichen Moraltheologie dem Parlamentsprotokoll einverleibt wissen wollte. Und Herr Scheicher, der sich mit den unfläthigsten Ausdrücken gegen die Statistik der Alldeutschen wehrt, welche das Cölibat abschaffeu wollen, hat nie ein Wort der Abwehr gefunden, wenn eine noch viel verlogenere Statistik gegen die Juden producirt wurde. So werden sie dann mit ihren eigenen Ruthen gestraft. Noch weniger als die Entrüstung, die man derzeit im Parlamente zur Schau trägt, können jene Argumente, die von Dr. Eisenkolb vorgebrachteu Thatsachen entkräften, welche darauf hinausgeheu, daß der heil. Alfons von Liguori nur von den besten Absichten beseelt war und daß sein Buch erst dann gelesen werden soll, wenn der Leser schon die nöthige Reife hat. Auf den Inhalt und Wortlaut kommt es an, und wenn dieser nicht anstößig ist — warum hat man denn die Aufnahme eines Protokolls abgelehnt? — Bei den Anträgen auf „Talmudübersetzung", die voll Lügen und Verunglimpfungen waren, hat sich Niemand erhoben, um gegen die empörenden Beleidigungen zu protestiren und gegen die Aufnahme ins Protokoll Einsprache zu erheben, da war offenbar das religiöse Gefühl, das die Herren „Alldeutschen" jetzt geweckt und verletzt haben, in tiefem Schlafe. Und doch braucht der Talmud die Uebersetzung nicht zu scheuen. Er ist bereits übersetzt, nur sind die Antragsteller so unwissend, daß sie die Übersetzungen nicht kennen. Aber es ist Niemandem im Parlamente eingefallen, sich gegen die von Gemeinheit strotzenden Beschuldigungen eines Schneider zu wehren. Die Verletzung der heiligsten Gefühle eines Volkes und einer Religionsgenoffenschaft darf von einem Parlamente nicht geduldet werden und nur weil die Abgeordneten früher so conciliant waren, wenn es galt, die Juden zu beschimpfen, konnte jene Atmosphäre sich herausbilden, aus der nichts Anderes hervorgeht, als Schimpf und Schande Das ist die Nemesis der Geschichte. Es rächt sich an den christlichen Parteien mit vollem Maße, was sie früher an „Nichtchristen" geduldet oder verübt haben. Sie büßen in verdienter Weise die Schuld, die sie auf sich geladen haben, und es ist nur verdientes Schicksal, daß sie jetzt von ihren eigenen Religionsgenossen mit demselben Maße gemessen werden, mit dem sie gemessen haben. Wem aber die parlamentarischen Enthüllungen über die Liguori-Moral nicht genügen, der kann an den Affairen — Einspänner-Genossenschaft, Schneider-Genossenschaft, Spar- und Vorschuß-Verein in Nußdorf — die er zu den früheren Affairen von Mühldorf bis Salzburg beilegen mag, — die praktische Moral der Antisemiten studiren. Wir sagen der Antisemiten, denn es zeigt sich uns das köstliche Schauspiel, daß die Christlich- Socialen ihre deutschnationalen Kampfgenossen verleugnen wollen, daß sie den Peitschenhieb, den die antisemitische Moral erhielt, nur den Alldeutschen appliciren und der Welt die Lüge auftischen möchten, daß all' die Lumpereien sie nichts angingen. So steht aber die Sache nicht. Was in der Einspänner-Genossenschaft vorging und was jetzt in Nußdorf vorgeht, ist nicht specifisch deutschnational, sondern specifisch antisemitisch. Und was in der Schneider-Genossenschaft vorging, das hat ja gar keine Spur von Deutschnationalismus an sich, sondern war ausschließlich von Christlich-Socialen durchgesührt. Ja diese antisemitischen „Größen", auf die sich die Macht der herrschenden Partei stützt, sind ja alle noch in Function, und es hat ihnen weder das Gericht noch die Verwaltungsbehörde irgend etwas angehabt. Wir gönnen ihnen von ganzem Herzen ihre Freiheit und chre Erlebnisse. Sie mögen nur so weiter wirthschasten und sie mögen nur so weiter dann auch übereinander herfallen. Darin liegt unsere stärkste Waffe gegen sie. Und, wenn sie sich wieder gegen uns einmal vereinigen sollten — Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, — dann wollen wir ihnen das Spiegelbild der letzten Tage wieder riunial vor Augen führen.. Es war sehr lehrreich für uns, cs wird auch für sie eine kräftig applicirte Lection sein. Wohl könnte auch die Bevölkerung endlich zur Besinnung kommen und einsehen lernen, wie es mit der Moral der Antisemiten in Wirklichkeit stehe. Allein so weit ist die Erkenntniß noch nicht gelangt. Die Bevölkerung hat noch immer die Binde vor dem Augen, die sie am Sehen verhindert. Aber nur Geduld, die Dinge werden noch ärger kommen, je mehr man sie zu vertuschen sich bemüht, und dann bricht der Tag an und das Strafgericht für unsere Gegner. A. W i e n e r. Zionistische Entartung und entarteter Zionismus. Von Dr. Marcell Hoffman«, Hof- und Gerichtsadvocat in Wien. Mein Conflict mit Nordau ist weit davon entfernt, eia persönliches G?zänke zu sein. Nordau's Insulten haben mich persönlich nicht verletzt, und es ist nicht gekränkte Eitelkeit, welche mich neuerdings oazu drängt, in dieser Frage öffentlich das Wort zu ergreifen. Es ist vielmehr eine der wichtigsten Princ i p i e n f r a g e n, welche seit Jahrhunderten das Judenthum in der Diaspora beschäftigt hat, für die Juden der europäischen Staaten aber geradezu eine Lebensfrage. Je mehr Herr Dr. Nordau den Versuch immer wieder erneuert, das öffentliche Urtheil zu Gunsten seiner verderblichen Ghettopolitik zu verdunkeln, die Geister zu verwirren, umso nachdrücklicher, energischer und unermüdlicher muß das Wort der Abwehr sein. In der That, es handelt sich da um nichts Geringeres. als um den mit seltsamer Verwegenheit und Consequenz unternommenen Versuch, den Standpunkt, welchen das jüdische Volk seit Jahrhunderten in seinem Kampfe ums Recht, um seine bürgerliche und politische Freiheit traditionell festgehalten, plötzlich zu verrücken. Dieser Kampf ums Recht ist nicht nur eine dem Menschen eingeborene sittliche Pflicht, sondern gan? insbesondere dem Judenthume als ein von Gott auf seinen Weg in der Geschichte mitgegebenes kostbares Pfund, das wir zu allen Zeiten ebenso hoch hielten, wie unseren Gottesglauben selbst. Es ist nur zu verwundern, oder richtiger nicht tief ge" nug zu beklagen, daß der Nordau'sche Ansturm auf diese unsere traditionelle Stellung in der Geschichte die öffentliche Meinung innerhalb des Judenthumes relativ so wenig erregt hat. Wenn Lueger oder Schneider uns im Parlamente oder in irgend einer Marktweiber-Versammlung beschimpfen, da erhebt sich ein Sturm der Entrüstung gegen solches Verbrechen. Die officiellen und nichtofficiellen Vertreter des Judenthums, unterstützt von der sogenannten judenliberalen Presse „nehmen Stellung dagegen" Wenn aber unser ganzes jüdisches Volk nach, dem wohl-, überlegten Anschläge zweier Juden, die sich als unsere Führer aufspielen, politisch entrechtet werden soll, da schweigt das officielle und nichtofficielle Judenthum, und wir haben nicht gehört, daß auch nur eine einzige Versammlung jüdischer Nolabeln, auch nur eine einzige israelitische Cultusrepräsentanz, auch nur ein einziger Tempelverein, oder auch nur ein einziger jüdischpolitischer Verein gegen dieses auf uns verübte unerhörte Attentat auch nur mit einer schwachmütigen Resolution „Stellung genommen hätte!" Man sehe doch nach Berlin hin, wo die Erklärung des Justizministers Schönstedt, welche nichts als eine Paraphrase der Nordau'schen Beglückungsthevrie enthielt, die ganze Judenheit Deutschlands wie einen Mann zur entrüsteten und, wie sich schon jetzt zeigt, auch erfolgreichen Abwehr zusammenführte. Vielleicht werden die Wiener Juden endlich auch anfangen, sich — zu schämen! Denn man thut unrecht, die Nordau'schen Enunciationen über die von ihm empfohlene politische Entrechtung der Juden als bedeutungslose Paradoxen anzusehen. Es zeigt sich immer mehr, daß es Nordau mit seinem verwegenen Versuch, die Rechtsbasis der europäischen Juden zu verrücken, durchaus ernst ist. Die neueste Nummer der „Welt" enthält ja ein neuerliches Plaidoyer für diesen Einbruch in die von unseren Vätern schwer erkämpfte Rechtssphäre der politischen Freiheit, welche wir jetzt unter den allernichtigsten und heuchlerischesten Vorwänden aufgeben sollen, um als Sprungbrett für die Befriedi-