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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
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iir. 8 Dr. Blocht iLiocheuschrist» Eeilk 1^3 „Es ist mein Sohn!" ächzte er. „Dein Sohn!" stieß Nathan hervor. „Ich schwöre beim Himmel", rief der Priester leidenschaftlich, „fic war mein Weib, und das reinste, holdeste Weib, das je lebte". „Frau Wirthschafterin!" murmelte Nathan. „Sie ist todt", schluchzte der Priester und vergrub sein Gesicht in die Hülle des Kindes auf seinem Arme. Während der gangen Nacht blieben die beiden Männer beieinander und die Dämmerung fand sie noch mit verschlungenen Händen dasitzend. „Er soll mein Sohn sein und meinen Namen tragen und ich will ihn lieben, wie mein eigen Kind", sprach Nathan beim Abschied, schloß das Kind fest in seine Arme und flüsterte ein Gebet für den geliebten Freund, dessen Gestalt im Nebel verschwand. Der Priester schlich fort in die Dämmerung hinein, die kalt und grau vor ihm lag, wie sein Leben. In sechs kurzen Jahren hatten die Leute von Maritz beinahe vergessen, daß der kleine Rudolf nicht Reb Nathan's Sohn war. Wenn ein Fremder vor dem Wirthshaufe sitzend seine Pfeife schmauchte und Rachel mit ihren Kindern vorübergehen sah, pflegte er zu bemerken: „Eigenthümlich, daß diese tiefbrünette Frau ein so lichtblondes Kind hat". Da pflegten der Wirth und seine Stammgäste sich wie aus einem Traume emporzuraffen und einer erinnerte sich vielleicht und bemerkte: „Es ist nicht ihr Kind!" „Wer sind seine Eltern?" fragte dann der^Fremde. „Wer weiß?" antwortete der Andere. Und die alten Schwatzbrüder bliesen große Rauchwolken vor sich hin und blinzelten einander schlau an. Und die Leute hatten beinahe auch vergessen, daß Rudolf ein Christ war und im katholischen Glauben erzogen wurde. Aber das Kind hatte es nicht vergessen dürfen. Seine früheste Erinnerung war, daß er um die Mittagszeit immer an der Thür hatte warten müssen, bis das hebräische Tischgebet vorüber war; dann durfte er zu Tische kommen und das kurze Tischgebet aufsagen, welches „Onkel Pfarrer" ihn gelehrt hatte. Die andern Kinder gingen in die jüdische Lernstube, um beim Rabbiner hebräisch zu lernen, während Rudi zu Hause bei seinem Vater lernte. Am Samstag gingen alle Leute in die Synagoge, während er draußen blieb. Am Sonntag war es umgekehrt, da saß Rudi in der Kirche und hörte die Messe, während Nathan ihn an der Thüre erwartete. An den langen Winterabenden belehrte Rachel ihre Töchter aus dem großen schwarzen Gebetöuche, während Rudi in der fernsten Ecke des großen Zimmers saß und lange lateinische Gebete aus einem Buche lernte, das ein schreckliches Bild auf dem Titelblatte hatte, den gekreuzigten Jesus. Das Bild entsetzte ihn. denn große, Helle Blutstropfen fielen vom Kopf und den Händen Christi. Der Leib war an der Brust offen und zeigte ein blutendes Herz, das von einem Dolche durchbohrt war. Das waren traurige Stunden. Der einsame kleine Junge sah verlangend nach der freundlichen Gruppe am andern Ende des Zimmers. Da stand das Kind plötzlich eines Tages mit bleichem Gesichte vor Rachel und sagte: „Die Leute sagen, Du bist meine Stiefmutter, das ist wohl wahr, denn Du liebst mich nicht. „Wehe mir!" rief Rachel. „Mein Rudileben, mein Lamm! Achte nicht auf sie, die Leute haben böse Zungen." Aber diesen Abend sagte sie zu ihrem Gatten: „Ist es nicht eine größere Sünde, dem Herzen eines unschuldigen Kindes Thränen zu erpressen, als ihn unsere frommen guten Gebete anhören zu lassen?" Wir müssen uns hüten, ihn zu beeinfluffen", sagte Reb Nathan ängstlich. „Er muß nicht zuhören, nur lass' ihn bei uns sein", bat Rachel. Bon diesem Tage saß Rudi mit einem Stück Watte in jedem Ohr neben seiner Mutter, wenn sie ihre Töchter unterrichtete und nach und nach war er bei dem ganzen Familiengottesdienst dabei. „Du horchst sicherlich nicht, Rudileben?" pflegte Rachel warnend auszurufen. „Du könntest mich erschlagen, und ich wüßte nicht, ob es Esau oder Jacob war, der die haarigen Hände hatte." Als Rudi 12 Jahre alt war, war er für das Gymnasium reif, und Onkel Pfarrer bestimmte, daß er zu ihm nach Prag kommen müsse. Da war großer Jammer in Reb Nathan's Haushalt. Ist Eine in der großen, gottlosen Stadt, die Erbsensuppe so kochen kann, wie er sie gern hat? Wer ^wird ihn erinnern, bei Wind ein Halstuch umzulegen? „Er ist uns doch nur geliehen!" seufzte Nathan. „Ich werde jede Woche nach Hause kommen", rief Rudolf in das Weinen seiner Schwestern einstimmend. Der Priester Ferdinand Ulm hatte ein schönes Haus in Prag; Rudolf's Zimmer war voll Bücher, er hatte einen Schrank voll schöner Kleider, und wenn er aß, stand ein Diener hinter seinem Stuhle. „Aber zu Hause ist es beffer" dachte er und erwartete voll Sehnsucht den Freitag. An diesem Tage holte ihn, bei gutem oder schlechtem Wetter, Reb Nathan nach Hause. Das war die Freude seines Daseins. Der lange, angenehme Ritt hinter dem Vater auf dem alten Schimmel, die Heimkunft, das Glück sich in den Armen seiner Mutter zu fühlen und seinen Kopf an ihre Brust zu drücken, der süße Geruch der backenden Barches; die Scherze, wenn er den Tisch Herrichten half; der ruhigfröhliche Dienst beim Anzünden der Sabbathlampe und die Begrüßung des einziehenden heiligen Tages. Der Austausch der Wochenbegebniffe mit den Schwestern; die Rückkehr Reb Nathan's aus der Synagoge; die feierliche Freude, die Hand seines Vaters segnend auf seinem Haupte zu fühlen. Dann das Abendbrot mit einem besondern kleinen Laibchen Barches für ihn allein, und ganz voll Rosinen. Wie viel besser war die harte Holzbank neben der Mutter als der Polsterstuhl bei Onkel Pfarrer. (Schluß folgt.) Literatur. Der wackere „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" in Berlin hat soeben seinen vortrefflichen „Antisemiten-Spiegel" in einer wesentlich erweiterten Neubearbeitung herausgegeben. Das 500 Seiten starke Buch vereinigt in seiner neuen Gestalt alle Vorzüge der ersten Auflage, deren Werth durch eine Reihe von Berichtigungen und namentlich von Ergänzungen noch gesteigert wurde. Diese übersichtliche, erschöpfende Zusammenstellung des gesammten Materials zur Bekämpfung der Judenhetze bedarf keiner befürwortenden Empfehlung. Sie kann und wird ihre Wirkung nur dann thun und für den außerordentlichen Aufwand an Fleiß und Mühe entschädigen, wenn für möglichst ausgedehnte Verbreitung gesorgt wird. Das Buch kann von der Verlags- Handlung A. W. Kafemann in Danzig und von den Bureaus der Abwehr-Vereine in Berlin (Dessauerstraße 25) und in Frankfurt a. M. (Seidelstraße 15), sowie durch jede Buchhandlung zum Preise von Mk. 1.25 bezogen werden. Eine neue und eigenartige Monatsschrift erscheint von Ende dieses Monats ab im Berlage von S. Calvary u. Co.. Berlin N. W. 7 unter dem Titel „Ost und West", illustrirteMonatsschriftfürmodernesJudenthum. Die Zeitschrift wird aus der Feder namhafter Gelehrter und Schriftsteller kurze Aufsätze über Kunst, Wissenschaft und Literatur des alten und modernen Judenthums, neben reichem Jllustrationsschmuck und vorzüglichen Reproductionen von Kunstwerken bringen. Zu ihren Mitarbeitern gehören: Profeffor Lazarus, Nahida Remy, Max Nordau, Professor Ludw. Geiger, Profeffor Martin Philippsohn, Dr. Alsred Noffig, Dr. Sr' Bernfeld, S. Lublinski und Andere. Jede Nummer wird ferne eine Revue der Preffe und Aphorismen und Miscellen in größerer Anzahl enthalten. Obgleich ein jüdisches Organ, wird ihm doch in keiner Weise ein engerer konfessioneller Charakter anhasten. Es sollen überhaupt lediglich Themate von großem allgemeinen Jntereffe behandelt werden, so daß das Blatt sich an die gesammte deutsch sprechende und deutsch verstehende jüdische Intelligenz wendet. Die Titelzeichnung ist von dem bekannten Künstler E. M. Lilien. Wegen Probenummern wende man sich entweder direct an den Verlag oder an eine bessere Sortimentsbuchhandlung.

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