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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 142 Vr. Bloch's Wochenschrift. Str. 8 Berlin. (Zum Mädchen morde in Polna.) Geradezu abenteuerliche Geschichten hört man aus Oesterreich über den Mädchenmord in Polna. Deutsche Blätter bringen jetzt die einzelnen Details jener Vorgänge, die aber, wie gesagt, so haarsträubend sind, daß wir noch Anstand nehmen müssen, sie mitzutheilen. Und doch sind diese Aufklärungen, wie von verschiedenen Seiten und von Männern, die mit den Verhältnissen Böhmens genau vertraut sind, mitgetheilt wird, so gut wie authentisch und unanfechtbar. Wir sind neugierig, ob sie irgendwelchen begründeten Widerspruch finden werden. Sollte dies aber nicht der Fall sein, so wird die gesammte liberale Presse aller Länder sich der Sache bemächtigen und im Jnteresie der Humanität den Fall vor die Assisen der Culturwelt bringen müsien. Oesterreich ist doch nicht China. Und solche Vorkommnisse, wie sie dieser Proceß Hilsner gezeitigt, dürfen nicht vertuscht werden. Homburg. (Israelitisches Kinderpflege- Hospiz.) Der von einer Anzahl hiesiger Israeliten gefaßte Plan, in einem Nordseebad ein dem Verein zur Gesundheitspflege schwacher Kinder zu Hilfe kommendes Hospiz zu errichten, soll demnächst verwirklicht werden. Durch die Bemühungen des stets für alle humanen Bestrebungen und wohlthätigen Anstalten begeistert wirkenden Herrn Predigers Dr. L e i m d ö r f e r ist es gelungen, diese ganz Norddeutschland zu gute kommende humani-' täre Veranstaltung ins Leben treten zu lasten. Auf Anregung dieses Herrn hat sich ein durch seltenen Wohlthäügkeitssinn ausgezeichneter Mann, destcn Name auf seinen Wunsch nicht genannt werden soll, bewogen gefühlt, die Summe von 20.000 Mark für diesen edlen Zweck herzugeben. Die Zinsen dieses Capitals sollen einer Anzahl kränklicher Kinder alljährlich die Wohlthat des Hospizes gewähren. Feuilleton. Der Mönch aus dem Ghetto. Von Martha Wolfenstein. es war immer so und es ist kein Unrecht dabei Unser Herr Pfarrer ist ein heiliger Mann und Reb Nathan ist ganz anständig — o ja, ganz anständig. Im Winter bewahrt er den Pächtern das Geld auf, und rechnet nicht einmal etwas dafür. Er ist ein rechtlicher Jude — der Reb Nathan/ . So sprach der alte Wirth des Gasthauses »zum grauen Esel" zu einem Fremden, der vor seinem gastlichen Thore saß. Es waren immer nur Fremde, die bei dem seltenen Anblicke eines katholischen Priesters und eines Juden, die Arm in Arm und in ein Gespräch vertieft mit einander spazieren gingen. Bemerkungen machten. Den Bewohnern von Maritz war der Anblick der unzertrennlichen Freunde, die miteinander durch Straßen und Felder streiften, längst vertraut. Die älteren Leute erinnerten sich, wie diese Beiden als Knaben miteinander aufwuchsen, wie sie während der Ferien wie mit unsichtbaren Banden an einander hingen, und wie sie sich grämten, als Jeder in eine andere Schule geschickt wurde. »Du wirst mich nicht vergessen?" war Ferdinand's schluchzende Frage. »Ich werde Dich lieben, so lange ich lebe", antwortete Nathan ernsthaft. Sie erinnerten sich auch des Interesses und der Aufregung im Dorfe, als Ferdinand zum Priester geweiht und an einen entfernten Ort geschickt wurde, um seine Arbeit für die Kirche zu beginnen. — Sie wußten, daß Nathan's Herz schwer und traurig ward. Aber sie wußten nichts von seiner Sehnsucht nach seinem Freunde, von seiner Besorgniß zwischen dem seltenen und unregelmäßigen Einlangen der Post, nichts von seinem Schmerz und Gram, als Ferdinand's Briefe immer kürzer und weniger häufig wurden, und endlich ganz ausblieben. Auch wußten sie nicht, daß, als Nathan später, durch die großmüthige Duldung der Regierung, die Erlaubniß erhielt, ein Pachtgut zu pachten und den ihm nicht zusagenden Lehrerberuf aufzugeben, als er das Weib seiner Liebe heiratete und sich der Geburt seiner Erstgeborenen fteute, noch immer das Andenken seines Freundes hochhielt, besten geliebtes Antlitz je wiederzusehen er längst nicht mehr zu hoffen wagte. Fünfzehn Jahre waren vergangen, seit Ferdinand das Dorf verlaßen hatte, als Nathan eines Morgens zwischen den reifenden Kornfelder» dahingehend den Klang einer fernen Kirchenglocke hörte. »Der neue Geistliche wird feine erste Messe lesen", dachte er, und summte die bekannte Melodie des Kyrie Eleison vor sich hin. Eine Stunde später ging der Priester, den Weg nach der Nachbarpfarre Eberdorf abschneidend, durch den Pachthof an Nathan's Haus vorüber. Nathan wartete yn seiner Thür, mit dem Hute in der Hand, um ihn zu begrüßen. Der Priester gieng vorüber, den sonnigen Weg hinab, eine Schwalbe zwitscherte und Tannenduft hing in der Luft; einealte Melodie, ähnlich einem windgebornen Echo, sang in Nathan's Herzen: »Freude, edler Götterfunken, Tochter aus Elysium", und er sah der sich entfernenden Gestalt mit einem eigenthümlichen, unbestimmten Gefühl von Vergnügen nach, wie Jemand der aus einem glücklichen, obgleich vergessenen Traume erwacht Am Abend erwartete er die Rückkehr des Priesters. »Gott willkommen, Hochwürden", sagte er. »Herzlichen Dank", antwortete der Priester und blieb stehen, um die Wange der kleinen Leah zu streicheln, die Nathan an der Hand hielt. Plötzlich fuhr er zusammen und blickte von dem Kinde auf in des Vaters Gesicht. »Nathan!" rief er. »Ferdinand!" Und die Männer sanken einander in die Arme. Von diesem Tage begann die alte Gemeinsamkeit aufs Neue, der Priester verbrachte alle seine Mußestunden im Hause des Juden und die kleine Leah lernte bald ihr Köpfchen vertrauensvoll an die Brust »Onkel Pfarrers" zu schmiegen. Es war bekannt, daß, wenn einer den Priester suchte, er in dem Hause des Juden zu finden war. Wenn Nathan Freitag Abends, aus der Synagoge heimkehrend, einen fremden, bettelnden Reisenden mitbrachte, wurde die Anwesenheit des Geistlichen durch dse Geschichte ihrer Kindheit erklärt. Dann pflegte Nathan's junges, dunkeläugiges Weib ruhig lächelnd den oft gehörten Erzählungen von jugendlichen Träumereien und Herumstreifereien zuzuhören; die glücklichen Erinnerungen an Ausflüge und Reisen. Die heiteren Rückblicke auf geheime Wald-Zusammenkünfte, wo der geliebte, verbotene Schiller eifrig verschlungen und treulichst nachgeahmt wurde. Die Zeit verstrich, dann kam der Winter und da wurde der Priester eigrnthümlich still und schwermüthig, und verließ nur selten den Pfarrhof. Seine Haushälterin, eine schöne, bleiche Frau im Dorfe, als »Frau Wirthschafterin" bekannt, kam oft und nahm die kleine Leah mit, damit sie den Tag bei »Önkel Pfarrer" verbringe. Das Kind kam, die Hände voll Honigkuchen, heim und fragte die Mutter: »Mutterleben, warum weint Frau Wirthschafterin, wenn sie mich küßt?" »Weint sie denn?" fragte die Mutter, während die Farbe aus ihrem Gesicht entwich. Vielleicht ist sie nicht glücklich, die arme Frau Wirthschafterin. Um diese Zeit wurde Nathan's zweites Kind geboren und bald darauf wurde der Priester in eine größere und reichere Pfarre nach Prag versetzt. Es war ein weiter Weg, »man kann kaum auf dem flinksten Pferde in drei Stunden hinkommen", klagte Nathan. Der Priester wurde jetzt selten im Dorfe gesehen. Er schob es auf die Bürde seines neuen Amtes. Nathan härmte sich im Stillen. In einer bitterkalten Nacht im strengsten Winter wurde Nathän durch ein Geräusch wie von Hagel an seinem Fenster, geweckt. »Es kann bei solchem Frost nicht hageln. Diese Steine kamen nicht vom Himmel l" dachte er. Er eilte zum Fenster, und in der Dunkelheit entdeckte er etwas, das wie flatterndes Gewand aussah. Er eilte hinab, riß die Thür auf und fing in seinen Armen die schwankende Gestalt eines Mannes auf. »Rasch!" stieß der Mann hervor. »Sorge für Feuer — rasch! Es ist erfroren!" »Gott erbarme sich!" rief Nathan, unddie Kerze hochhaltend blickte er voll Erstaunen in das bläuliche, zuckende Gesicht seines Freundes. Der Priester eilte zum Ofen und hielt ein Bündel nahe zur Glut. »Was ist geschehen? Was hast Du da?" rief Nathan. Ein leises Stöhnen, gleich dem Todesschrei eines ThiereS, entrang sich dem Priester. Er hob die Decke von einem Ende des Bündels und enthüllte das Gesicht eines schlafenden Kindes.

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