Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021394--10643-3035135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 8 Seite 187 Dr. Bloch's Wochenschrift. gestellt. Ms Geschenk der Gemeinde wurden ein paar silberne Armleuchter und eine Jardinitzre von herrlicher stilvoller Arbeit überreicht. Schriftliche Glückwünsche trafen ein von dem Regierungspräsidenten Freiherrn v. Richthofen, dem Polizeipräsidenten, dem Ersten Staatsanwalt Biebig namens desGefängnißvereins u. A. m. Am Abend fand in der Philharmonie ein glänzendes Bankett statt, an dem etwa 170 Personen theiluahmen und das einen nach jeder Richtung hin gelungenen Verlauf nahm. Am Mittwoch Abends veranstaltete der Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Verbindung mit der Chewra Semichas Dalim im großen Saale der Philharmonie dem Jubilar eine Feier. Herr Wolfsohn gedachte zunächst in loyalen Worten des Kaisers, dem mit einem dreifachen Hoch gehuldigt wurde, und gab dann in beredten Morten der Verehrung für Dr. Frank Ausdruck, dem er eine künstlerisch ausgeführte Adresse überreichte. Gesangs- und Mufikvorträge wechselten mit Reden ab. Der Abend verlief reich an Ehrungen für den Jubilar und bildete den würdigen Abschluß der Festlichkeiten. Berlin. Das „Berliner Tageblatt" schreibt: In letzter Zeit konnte man mehrfach die Beobachtung machen, daß sowohl die unverschämt als auch die verschämt antisemitischen, das heißt conservativen Blätter mit einer gewissen Liebe sich der Berichterstattung über zionistische Versammlungen unterzogen. Das war um so verwunderlicher, als die liberale Presse an diesen Versammlungen, ohne davon Notiz zu nehmen, vorüberging. Woher diese auffällige Liebe der Antisemiten für die Zionisten sich schrieb, hat sich auch für Den, der es bis dahin nicht wußte, bald offenbart: Die antisemitische Presse sah in der Z'onistenbewegung und in dem Ausdruck, den sie in den erwähnten Versammlungen gefunden, ein prächtiges Mittel, dem Liberalismus und den verhaßten Juden etwas am Zeuge zu flicken. Die Phrasen unreifer und überspannter Redner aus Zionistenversammlungen, die von einer unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Judenthnm und dem deutschen Volke gefaselt hatten, schienen den Antisemiten eine vortreffliche Handhabe zu bieten, Zwist ins liberale Lager zu tragen und das deutsche Judenthum selbst in Verruf zu bringen. Gelingen wird ja dieser Versuch schon um deswillen nickt, weil die Antisemiten sich in einem fundamentalen Jrrthum über die Bedeutung der Z onisten innerhalb des Judenthums und über den Anspruch dieser Secte auf Gehör und Beachtung finden. Seitens der verständigen und besonnenen deutschen jüdischen Bevölkerung sind die Utopien der Zionsschwärmer abgewiesen worden. Die Zustände in der Heimat fast aller modernen utopistischen Ideen, in Rußland, mögen für solche utopistische Gedanken und Wünsche einen günstigen Nährboden abgeben; die deutschen Juden dagegen haben als Bürger eines Verfassungsstaates mit vorgeschrittener Cultur trotz mancher Beeinträchtigungen keinen Anlaß, sich von russischen Israeliten ins Schlepptau nehmen zu lassen. Mit verschwindend geringen Ausnahmen will die israelitische Bevölkerung Deutschlands von den zionistischen Hirngespinnsten nichts wissen; es geht also auch nicht an — was in der antisemitischen Preffe bereits versucht wird — auf ihr Conto zu setzen, was zionistisch begeisterte Redner, oft aller Kenntniß der wirklichen Verhältnisse bar, bezüglich der Aufgaben des Judenthums mit apodiktischer Sicherheit anzuordnen sich erdreisten. Die liberale Preffe wird alle Unterstellungen der Antisemiten, als bedeutete das zionistische Gerede den Ausdruck der in der deutschen Bevölkerung mosaischen Bekenntnisses herrschenden Auffassungen, mit Entschiedenheit zurückzuweisen haben; die deutschen Juden ihrerseits aber werden noch deutlicher als bisher öffentlich feststellen müssen, daß sie mit den zionistischen Schwärmern nichts gemein haben wollen und nichts gemein haben. Wenn die Zionisten ihre Privcrtzwecke mit einzelnen allgemeinen Wünschen der deutschen israelitischen Bevölkerung verquicken, so muß darauf hingewiesen werden, daß dieses Verfahren nur deshalb eingeschlagen zu sein scheint, um hinter der Maske von Vorkämpfern für allgemein jüdische Wünsche zionistischen Ideen nachzujagen. Sehr lesenswerth ist eine Kritik des Treibens der Zionisten in einem ihren Bestrebungen sehr objectiv gegenüberstehenden Blatte, der „Allg. Ztg. des Judenthums". Wir lesen dort in der Nummer vom 1. .Februar über das Verlangen der Zionisten nach einem allgemeinen deutschen Judentage unter Anderem: „Meinen es Einberufer, Redner und Referenten dieser zionistischen Volksversammlungen wirklich ernst mit der Sache, wollen sie in der That, daß der Judentag zusammentrete, und glauben sie mit solchen Mitteln und auf diese Weise das Ziel zu erreichen? Man muß diese Frage aufwerfen, wenn man die Verhandlungen aufmerksam liest, denn die A r t und Weise, in der hier das sogenannte „o f f i c ielle" Judenthum angegriffen und beschimpft wird, der Ton, der in diesen Volksversammlungen eingerissen i st, die Herabsetzung von Männern, die für das Judenthum seit jeher mit aller Kraft eingetreten sind, dies alles wäre wohl geeignet, an dem Ernst d er S a ch e zu z weif eln. Jndeß wir wollen nicht so weit gehen, wir nehmen gern an, daß es den jungen Zionisten — den nur um solche handelt es sich — heiliger Ernst um die Sache ist. Aber die Reiferen unter den jungen Zionisten sollten sich angesichts der tumultuarischen Scenen, die sich in diesen Versammlungen regelmäßig wiederholen und auch schon zu polizeilicher Auflösung geführt haben, doch sagen, daß auf diesem Wege das Ziel überhaupt nicht zu erreichen sei. Allein schon die Thatsache, daß es hauptsächlich die antisemitischen Zeitungen sind» welche ihre Spalten mit Berichten über diese Versammlungen cusfüllen, müßte den Führern und Leitern bedenklich erscheinen, noch mehr aber die Betrachtungen, die jene Blätter daran knüpfen. Gesteht doch selbst die „Kreuz-Zeitung" ein, daß die Bestrebungen dieses Jung-Jsrael Beachtung verdienen, und sie fügt hinzu: „In dem Maße, wie es ihnen beschicken sein sollte, Fortschritte zu machen, würde daraus die Richtigkeit der von conservativer Seite stets vertretenen Auffassung stärker hervortreten, daß die Juden ein fremdes Element in unserem Volkskörper darstellen, das weder in diesem aufgehen will noch dies seiner innersten Natur nach vermag." Man sieht also, welche Schlüsse unsere Gegner aus diesen Verhandlungen ziehen, und man begreift es, welche Erregung dadurch in weiten Kreisen hervorgerufen wird." Von der Wahrheitsliebe antisemitischer Organe wird man wohl nicht erwarten dürfen, daß sie von der reinlichen Scheidung^ die zwischen dem deutschen Judenthum und den Zionistenbewegungen besteht, für die Zukunft Notiz nehmen. Um so nothwendiger ist es, die Thatsache dieser Scheidung hier öffentlich hervorzuheben. So weit das „Berliner Tageblatt". Odessa. (Die Jewish Colonisation Association in Palästina.) Am 26. Februar findet in Odessa die ordentliche Jahresversammlung der russischen Chowaweh-Zion statt, welche angesichts der bekannten durch die Jewish Colonisation Association in Palästina herbeigeführten Zustände diesmal von ganz besonderer Bedeutung sein wird. Angesichts der großen Nothlage, in welche die jüdischen Taglöhner in Palästina urplötzlich gerathen sind, gedenkt das Odefsaer Comitö der Chowaweh-Zion seine angesammelten Reservefonds aufzulösen um diese, zusammen mit den jetzt in ganz Rußland für diese Tagelöhner fortwährend gesammelten Beträgen, welche schon die Summe von 30.000 Rubel erreicht haben dürfen, zur Erleichterung der Noth der Taglöhner zu verwenden. Entsprechend der Bedeutung, welche dieser Versammlung beigelegt wird, weilen schon seit 3 Wochen 6 Delegirte aus den jüdischen Colonie r Palästinas in Odessa, die aus Palästina herbeigeeilt sind, um ihre Beschwerden gegen die Jewish Colonisation Association der Versammlung vorzutragen. Nach Mittheilung dieser Delegirten, welche allerdings nicht ganz unparteiisch sein werden, benimmt sich der neue Generalbevollmächtigte der Jewish Colonisation Association, Herr Schuldirektor Parienta, allerdings sehr eigenthümlich. 135 Taglöhnerfamilien haben bereits Palästina verlaffen, wobei es herzzerreißende Abschiedsscenen gab. Die Auswanderer erhielten von der Jewish Colonisation Association Beträge bis zu 1000 und 1500 Francs u. m. Die üblich gewesenen kleinen Vorschüsse bis zur nächsten Ernte werden den Colonisten nicht mehr gewährt und den Colonisten von Gadrah wurde erklärt, daß man ihnen im nächsten Jahre ihre Traubenernte nicht mehr abkaufen werde, wodurch diese schon langselbstständige Colonie von Neuem in Noth gerathen muß. Eine große Reihe von andern Mittheilungen, welche die Delegirten in Odessa verbreiten, bezieht sich auf die Colonisten von Sichron Jacob, welche Herr Schuldirector Parienta zu „deeimiren" gedenke, sobald er erst mit den 500 Arbeiterfamilien in Palästina fertig geworden sein wird. Alle diese von den Colonisten in Odessa verbreiteten Nachrichten werden von ihnen selbst geglaubt. Die Colonisten in Palästina sind mit dem im Jahre 1898 vor sich gegangenen Besitzwechsel, durch welchen sie aus der väterlichen Vormundschaft des Baron Rothschild in die strenge Schule der Jewish Colonisation Association übergeführt wurden, sehr unzufrieden. Sie trauen der Jewish Colonisation Association das Schlimmste zu. Es wäre Zeit, daß die Jewish Colonisation Association eine autoritative Erklärung über ihre Absichten und Pläne in Palästina abgibt, damit in erster Reihe die Colonisten selbst über ihr zukünftiges Schicksal sich beruhigen und endlich aushören, durch in die jüdischen Blättern verbreiteten alarmirenden Nachrichten und durch Entsendung von Delegattonen das gesummte russische Judenthum in Athem zu halten.