Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 134 Vr. Bloch's WochenschrrfL» «r. 8 so ist man im Stande, durch das System der Externistinnen das wohlthätige Wirken des Vereines zu erweitern und seine Begünstigungen auf eine» größeren Kreis auszudehnen. So find also jetzt schon siebzig Mädchen aus der Lehre und aus dem Hort entlassen, siebzig dem Leben wiedergegebene, der Noth entriffene, zu ehrlicher Arbeit herangebildete, für ihren Beruf erzogene Existenzen. Die Zahl ist eine relativ nicht große. Allein es ist ja eben auch erst der Anfang gemacht. Es ist ein Versuch unternommen worden und dieser hat sich im vollen Maße bewährt. Er hat den Beweis geliefert, daß die Mädchen bildungsfähig, bildungsbedürftig, bildungswerth sind, daß in ihnen trotz aller Noth ein starker, sittlicher Kern vorhanden ist, und daß es nur guter Hände und genügender Mittel bedarf, um aus diesen Kindern, die sich bls dahin im größten Elend befanden, nach jeder Richtung hin taugliche Glieder der Gesellschaft zu formen. Heute unterscheiden sich diese Mädchen in nichts von den aus wohlhabenderen Häusern stammenden Altersgenossinnen. Sie sind gut genährt, haben ein gesundes, frohes Aussehen, eine zuversichtliche, hoffnungsfreudige Stimmung, eine Summe von Fähigkeiten, die ihnen ehrlichen Erwerb sichert, sie haben den Werth der Pflege des Körpers und der Seele an sich erfahren und die besten Grundsätze in sich ausgenommen. Wer sie zwei Jahre vorher gesehen, erkennt sie kaum wieder, so groß sind die Veränderungen, die an ihrem Aeußeren wahrznnehmen, in ihrem Inneren vor sich gegangen sind. Etliche von ihnen sind Modistinnen, andere Schneiderinnen, Näherinnen, Stickerinnen, Schirmmacherinnen, Polirerinnen rc. geworden — jede hat nach Befähigung oder Gunst des Zufalls ihren Beruf erwählt, jede ist aber auch für ihren Beruf voll Hingebung und von dem Gedanken durchdrungen, die Arbeit hochzuhalten und in ihr die Stütze des Lebens zu finden. Aus den kleinen Einkünften, die sie während der Lehrzeit erhalten, hat jede einen Sparpfennig zurückgelegt, und auch dieses Moment trägt dazu bei, sie mit Vertrauen zu erfüllen und den wahren Werth des Erwerbens schätzen zu lernen. Aber nur siebzig in zwei Jahren? Allerdings ist die Zahl keine große. Allein wer daran Anstoß nimmt und doch die Ueberzeugung in sich trägt, daß ein solcher Verein unentbehrlich rst. daß er außerordentlich viel des Guten thut und noch mehr rhun kann, der hat es ja in seiner Macht, dafür Sorge zu tragen, daß nicht 70 sondern siebenhundert Mädchen diese Wohlthat zu theil werde. Es braucht nur Jeder, dem das menschliche Elend nahe geht, der es durch eigenen Anblick kennen gelernt hat, oder dem es durch Schilderungen bekannt wird, Jeder der aus den Erfahrungen des täglichen Lebens und vielleicht zumeist auch durch die empörenden Angriffe der Gegner die Wahrnehmung geschöpft hat, in welches Elend die armen Judenfamilien hinabgestoßen werden und wie bitter die Noth namentlich die jüdischen Mädchen trifft, es braucht nur Jeder sein Scherflein beizutragen und sich für den Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchenhort zu intereffiren, indem er ihn durch Wort und That fördert, so wird bald aus den bescheidenen Anfängen eine Institution sich entwickeln, nicht minder groß, nicht minder segensreich wirkend, nicht minder bedeutungsvoll wie das Knabenheim des jüdischen Handwerkervereines. Die großen praktischen und moralischen Erfolge, welcye bis jetzt erzielt wurden, sind der beste Beweis dafür, daß, dieser Hort auf richtiger Grundlage beruht, in richtiger Weise geleitet ist, einer Ausbildung bedarf und eine solche verdient. Die beste Anerkennung, die man dem bisherigen Wirken zollen kann, bestünde darin, dem Verein die umfassendsten Mittel zur Ausgestaltung zu geben. Johann Lichtenstadt Oesterreichisch-Jsraelitische Union. Samstag den 16. d. M. fand im Restaurant Khuner eine Versammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" statt, welche von einem sehr zahlreichen, distinguirten Publicum besucht war. Unter den anwesenden befanden sich u. A.: der Vicepräsident der Wiener Cultusgemeinde, Landesschulrath Dr. Gustav K o h n, die Cultusvorsteher, Bezirksschulrath Dr. Marcus Spitzer, Director D. Simon, Architekt Max Fleischer, Oberingenieur Arthur von Mises, H. Eltbogen, ferner Director Heller, kaiserl. Rath S ch e f f t e l, Cnstos Dr. Münz rc. Auch viele Damen bekundeten ihr reges Interesse für die eifrige Thätigkeit, welche die „Union* entfaltet. Präsident kaiserl. Rath R u z i c f o eröffnete die Versammlung mit einigen allgemeinen Mittheilungen. Mit lebhaftem Beifalle wurde die Bekanntgabe begrüßt, daß die Zahl der Vereinsmitglieder innerhalb einer Woche um 140 gestiegen sei und bereits 2800 betrage, und daß die Werbearbeit unausgesetzt fortdauere. Hierauf hielt, sympathisch begrüßt, Herr Rabbiner Dr. T a g l i ch t den angekündigten Vortrag über „Die ältesten jüdischen Volksschulen". Auf Grund talmudischrr Quellen entwarf der Vortragende ein Bild von der Gründung und Fortentwicklung der jüdischen Volksschule. Ohne Deuteleien wurden die pädagogischen Einsichten der Rabbiner vorgesührt, die spärlichen Notizen über Entstehung, Einrichtung der Schulen, über die Methode des Unterrichtes zu einem abgerundeten Ganzen verarbeitet. Ueberraschend ist die Wahrnehmung, daß die moderne Ecziehungslehre über die im Talmud niedergelegten pädagogischen Grundprincipien nicht gar weit hinausgekommen ist. So lautet die Verordnung des Schuloberhauptes Abba Areka, daß Kinder vor dem sechsten Lebensjahr zum Unterrichte nicht zuzulassen seien. Gründlichkeit, knappe klare Vortragsweise ist die erste Anforderung, die an den Lehrer gestellt wird. Das Kind solle wo möglich die ganze Schulzeit hindurch bei einem Lehrer bleiben, damit Verschiedenheit der Sprache und Methode das Kind nicht verwirre u. A. m. Den ersten Anfängen zur Gründung der Volksschule begegnen wir 200 Jahre v. Ch. Hundert Jahre später gibt es in Palästina kaum eine Gemeinde ohne Schule. Das jüdische Volk hatte die diesbezügliche erste Anregung mit größer Begeisterung ausgenommen und alle Bestrebungen nach dieser Richtung hin kräftigst gefördert. Besonders hervorzuheben ist die hohe Stellung, die der Talmud dem Lehrer anweist. Die Lehrer sind die Säulen der menschlichen Gesellschaft, der sittlichen Weltordnung, denn sie erziehen die Generationen zur Sittlichkeit, zu einem gottgefälligen und menschenwürdigen Leben. Es wird varauf hingewiesen, daß, während bei den höchstentwickelten Völkern des Alterthums nur einige Auserwählte in . das Wissen ihrer Zeit eingeführt wurden, im Judenthum die Pflicht des Lernens auf alle Kinder ohne Unterschied ausgedehnt war. Ausgangspunkt und Endziel alles Studiums ist für den Talmud — die Gottesfurcht. Und die Juden wußten, daß die Religion der einzige Boden sei, in dem ihre Kraft wurzelt. Wir begnügen uns mit diesem kurzen Auszuge, da der Vortrag in Druck erscheinen wird. Er schließt mit den Worten des Talmud: „So lange die jüdischen Kinder in ihren Schulen mit derThora sich beschäftigen, bleibt I s c a e l u n ü b e r w i nd l i ch." — (Anhaltender, stürmischer Beifall folgte den in hohem Maße fesselnden Ausführungen des Vortragenden.) Bei gemeinsamem Mahle entwickelte sich sodann über das Vortragsthema und über verwandte Gebiete eine sehr anregende Discuffion, an welcher sich die Herren Professor Dr. Ehrmann, Director Simon, kaiserl. Rath R u z i c l &, Doctor Bloch, Dr. Münz, Dr. Jacob K o h n und Rabbiner Doctor T a g l i ch t betheiligten. E i n g e s e n d e t. Im Elend der Großstadt. An einem Abend der verflossenen Woche machte der Hausicer A. H o i t a s ch in einem Gasthause der Inneren Stadt einen Selbstmordversuch, der aber keinen tödtlichen Ausgang hatte und den Wunsch des armen Mannes, aus dem von traurigsten Aspecten begleiteten Leben zu scheiden, nicht erfüllte. Eine stadtbekannte Persönlichkeit ist jetzt auf längere Dauer im Allgemeinen Krankenhause untergebracht, denn überall kennt man den beinahe gänzlich erblindeten Hausirer, der mit dem Verkauf von Bleistiften und Knöpfen nicht nur sein Dasein fristen mußte, sondern dessen Vaterherz auch für zehn Kinder zu sorgen hatte, die ihn in mehrstimmigem Chore bei seinem Eintritte in das bescheidene Heim mit dem ihm fürchterlich entgegentönenden Rufe begrüßten: „Wir haben Hunger, gib uns Brot, wir frieren, gibt uns Holz und Kohle." Jeder nur halbwegs mit fühlendem Gemüthe begabter Mensch muß diese Stimmen in sich ausnehmen und des Vaters gedenken, der nicht im Stande ist, seinen Kleinen auch nur das Geringste zu bieten; wie oft und oft trat H o i t a s ch den Heimweg an, ohne auch nur Einen Heller in der Tasche zu haben und dann mit Worten empfangen zu werden, die ihm das Baterherz zusammenschnüren mußten! Zehn lebende Wesen und nicht das Nöthigste im Hause! Das personificirteste Elend in fürchter- ' lichster Gestalt tritt hier vor uns, und da soll und darf das bekannt goldene jüdische Herz nicht unthätig bleiben! Jedermann soll sein Scherflein zur Linderung der Noth beitragen, und wer schnell gibt, gibt doppelt! Möge dem armen unglücklichen Manne schnellstens ausgiebige Hilfe werden, mögen den armen unglücklichen Kindern Retter erstehen, um diese nicht verderben zu