Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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»JIi. 8 Dr. Vloch's Wochrnfchrjfl. Seile 133 Kreise uud Jünglinge, Frauen und Kinder ohne Unterschied, ohne Zaudern, ohne Erbarmen. Wenige retteten sich durch die Flucht, noch wenigere ließen sich. Rettung hoffend, taufen, die wenigsten aber beharrten, als später der Friede wieder kam, beim Glauben. Auch geschahen, wie man behauptete, bei der Bestattung des oben erwähnten Leibes Wunderzeichen, Stumme sollten gesprochen haben, Blinde gesehen, Lahme gelaufen und andere Zeichen dieser Art. Deshalb verehrten die Fremden jenen Menschen, als ob er ein Märtyrer wäre, trugen Reliquien des Körpers einher, nannten ihn Theodrich und verlangten, daß man ihn heilig spreche. Und da Siegfried, der fromme Bischof der Stadt, mit der Geistlichkeit ihrem Toben und ihrem Jrrthum widerstand, so erregten sie gegen den Bischof und die Geistlichkeit eine solche Verfolgung, daß sie den Bischof steinigen wollten und in die schützende Mauer der Thürme drängten, die Canoniker aber wagten in der allerheiligsten Nacht des Abendmahles aus Furcht vor den Verfolgern weder zum Chor hinaufzugehen noch die Mette zu singen." (Aus den Annales Herbipolenses in der Uebersetzung von Gustav Freytag.) * * * Im preußischen Abgeordnetenhause wurde mit Bezug auf den „Blutmord" in Könitz erwähnt, daß andere Völker, zum Beispiel die Chinesen, den Christen den Borwurf gemacht haben, daß sie das Blut der Kinder für ihre Zwecke brauchten. Weniger bekannt dürfte es sein, daß auch die japanische Landbevölkerung noch in allerneuester Zeit die Ausländer dieses Vergehens beschuldigt hat. So heißt es in einer neueren Geschichte von Japan, deren Uebersetzung sich im 1. Jahrgang der „Mittheilungen des Orientalischen Seminars" findet, Seite 171: Seitdem man den Telegraphen von Nagasaki nach Tokio (1871 und 1872) gelegt hatte, waren die Bewohner der entfernteren Gegenden des Landes, welche einen engen Gesichtskreis hatten, sehr entsetzt darüber. Sie stellten die unvernünftigsten Behauptungen auf; zum Beispiel man brauche das warme Blut der Mädchen, das man ihnen durch die bösen Künste des Christenthums abnehme, und in ihrer heimlichen Abneigung gegen alles Europäische beschädigten sie die Apparate, so daß der Telegraph unterbrochenwurde. * * * Ueber die Entstehung von Ritualmordlegenden schreibt man aus Straßburg i. E.: »Im Frühjahr 1885 wurde im Geschäfte meiner Verwandten in Trier, wo ich mich vorübergehend aufhielt, eine Fensterscheibe von spielenden Jungen eingeworfen; ein Angestellter setzte deni Thäter nach und führte ihn in das Geschäft, während von einem anderen jungen Mann ein Schutzmann behufs Feststellung gesucht wurde. Unterdessen sammelte sich vor dem Gebäude eine mehrhundertköpfige Menge an, und als ich mich unerkannt unter dieselbe begab, erfolgte von allen Seiten auf Befragen die Antwort: „Die Inden haben einen Jungen hineingeschleppt und wollen ihn nicht mehr herausgeben!" Gleichzeitig flogen Steine gegen das Haus, bis der eintreffende Schutzmann der Sache ein Ende machte. Am anderen Tage brachte die in Trier unter der Leitung des Abgeordneten Dasbach erscheinende „Landeszeitung" eine Nachricht über den Vorfall, die vollkommen im gleichen Sinne gehalten war und wörtlich schloß: „Der von der aufgeregten Menge herbeigeholten Polizei gelang es schließlich, den Knaben zu befreien." In diesem Falle lag die Sache glücklicherweise klar genug, um eine weitere Ausbeutung unmöglich zu machen." Auch dieser Vorgang zeigt wiederum, von welcher Seite die Rirualmordgeschichten den wenig gebildeten Schichten der Bevölkerung eingeredet werden., Correspondenzen. Der Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchenhort. Zwei Jahre sind vergangen, seit auf Anregung der Präsidentin des Leopoldstädter israelitischen Frauenvereines, Frau Bertha K o h n, Gemalin des kais. Rathes und Bezirksarztes Dr. S. Kohn, in Wien ein Lehrmädchen Hort geschaffen wurde, der in seiner Art in Wien seines Gleichen nickt hat. Der Zweck desselben ist, Mädchen aus den allerarmsten Familien aufzunehlneu, ihnen Obdach, Kleidung. Nahrung, Erziehung, gewerbliche Ausbildung, Ueberwachung und Förderung im Berufe angedeihen zu lasten und hiedurch eine möglichst große Zahl von Mädchen nicht nur dem physischen und moralischen Elend zu entreißen, in das sie verfallen müßten, weil die äußerste Armuth ihrer Angehörigen diese außer Stand setzt, sich der Kinder erfolgreich anzunehmen, sondern ihnen zugleich mit der eigenen ehrenhaften Existenz die Mittel zu bieten, noch ihre armen Familien zu unterstützen, auf ihre Geschwister erziehlich zu wirken und als wahrhafte Apostel der Nächstenliebe aufzutreten, um in den Kreisen der jüdischen Mädchen das Vertrauen zu befestigen, daß sie nicht schutzlos bleiben, daß sie den Gefahren eutriffen werden, von welchen sie bedroht werden, daß ihnen ein, wenngleich bescheidener, doch jedenfalls ehrlicher Beruf winkt, in dem sie ihre Kräfte bethäligen können. Der Zweck dieses Lehrmädchenhortes, das den Ehrennamen „Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchenhort" sich beilegen durfte, ist, wie man sieht, ein ungemein edler, und wer die Verhältniffe der jüdischen armen Familien kennt, wird zugeben, daß es hoch an der Zeit war. ihnen durch eine derartige Einrichtung eine Stütze zu bieten. Nickt nur in vielen Theilen des Reiches werden die Lebensverhältnisse der armen Juden immer schlechter, wir haben leider in der Residenz selbst der traurigen Vorkommnisse genug erlebt, wie große Dimensionen, extensiv und intensiv, die Noth annimmt, und es gehört wahrlich sehr wenig Phantasie, sondern blos ein offenes Auge und ein ehrliches Urtheil dazu, uni zu erkennen, daß die Folgen dieser Nothlage das weibliche Geschleckt am meisten treffen, am tiefsten niederzudrücken vermögen. Die armen Mädchen diesen schrecklichen Folgen zu entreißen, ist eine der edelsten Menschenpflichten, ist eine der dankbarsten socialen Thaten, und es ist nur mit Freude zu begrüßen, daß sich der Leopoldstädter Frauen-Wohlthätigkeitsverein dieses Gedankens seiner Präsidentin so warm angenommen hat, daß der Lehrmädchenhort rasch gegründet und sofort in das rechte Fahrwasser gebracht wurde. Es ist keine elegante Pension, in welche die aus den traurigsten Verhältnissen befreiten Mädchen gebracht werden. Vielmehr ist man daraus bedacht gewesen, die Bescheidenheit immer in den Vordergrund treten zu lassen. Aber diese Bescheidenheit, die sich dadurch manifestirt, daß alle Einrichtungen nur auf das Nothwendigste beschränkt sind, ist gepaart mit strengster Reinlichkeit und Ordnung, mit sorgfältigster Körperpflege, mit aufmerksamster Beobachtung der sittlichen, geistigen und gewerblichen Ausbildung, mit einer peinlichen Fürsorge für die Erziehung der Mädchen zu tüchtigen, braven Gliedern der Gesellschaft. Sie finden in dem Hort nicht blos eine zweite Heimat, sondern in der Hausverwalterin eine ebenso strenge als zärtliche Mutter, in ihren Genossinnen liebevolle Geschwister. Sie lernen für sich zu sorgen und zugleich für Andere thätig zu sein, sie dürfen über dem Zwecke der beruflichen Ausbildung die Pflichten häuslicher Ordnung nicht vernachlässigen, müssen sonach sämmtliche Hausarbeiten verrichten lernen und erhalten hiedurch zugleich die Anleitung, bei Erreichung eines selbstständigen Berufes die Pflichten der erwerbenden mit den Pflichten der hausverwaltenden Frau zu vereinigen. Die Vorsteherinnen des Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchenhortes lassen es sich angelegen sein, die in ihre Obhut genommenen Mädchen zu vertrauenswürdigen Lehrmeistern zu bringen, damit sie die Lehrzeit thatsächlich zum Lernen benützen, und sie überwachen in gewissenhaftester Weise Lehrgang und Verhalten der Mädchen, denen gegenüber sie eine so große moralische und materielle Verpflichtung aus sich genommen haben und die sie nicht nur während der Periode der Ausbildung, die auf zwei Jahre berechnet ist, sondern auch noch fernerhin im Auge behalten. um ihnen mütterlich beizustehen. Dieses segensreiche Wirken blüht wie ein Veilchen, fast im Verborgenen, und wie viel des Guten ist doch im kurzen Zeiträume von zwei Jahren geschehen. Da in den Räumen des Hortes, den bescheidenen Mitteln des Vereines entsprechend, nicht mehr als zwanzig Mädchen — und diese nur recht knapp — beherbergt werden können, so mußten, um den dringenden zahlreichen Bitten, die an den Verein gerichtet werden, zu genügen, fünfzig Mädchen in Faniilien, wo sie ebenso gut versorgt sind, untergebracht werden, so daß die Fürsorge des Vereines sich bereits auf 70 Mädchen erstreckte. Es entspricht allerdings nicht dem Vereinsprmcipe. Pflege-Mädchen außer deni Hort wohnen zu lassen, allein einerseits sind die eigenen Räume zu beschränkt und die bisherig-n Mittel nicht ausreichend, um Vergrößerungen vorzunehmen, anderseits erfordert es die Menschlichkeit, sich jener Mädchen anzunehmen, die ohne diese Hilfe unsagbarem Elend preisgegeben w.ären, und da ihnen doch fei* gleiche Ueberwachung zutheil wird, wie öeu Mädchen im Hort>