Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 8 Vr. Vkntz's WochrnschrM Sette 131 Unser felsenfestes Vertrauen in die unparteiische Verwaltung des Curatoriums und seine Zusammensetzung läßt uns.das Beste hoffen; keinesfalls aber wollen wir etwa drohende Gefahren todtgeschwiegen und lieber rechtzeitig unser caveant consules gerufen haben. _ Ein Lehrer. Vom Jahrmarkt des Lebens. Aus dem österreichischen Parlament. Ob das Abgeordnetenhaus zu einem Leben sich Hindurchringen wird, ist heute mehr denn je noch ungewiß und selbst der Ministerpräsident scheint an das Gelingen des Unternehmens nicht zu glauben; er wünscht vor Allem das Recrutengesetz und die Delegationswahlen in Sicherheit zu bringen. .Fraglich bleibt, ob auch nur das erreicht wird. Jndeß hat die kurze Zeit der Tagung auch uns Juden Anlaß zu mancherlei Reflexion geboten. Die Trümmer der alten, stolzen VerfassungsMrtei boten der Welt ein klägliches Schauspiel. Der Fortschrittsclub wurde von einer Heftigen Krise geschüttelt; erbitterte Kämpfe wurden darüber geführt, ob in jene Partei, die dem Grundsätze der Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetze Eingang in die Verfassung verschafft hatte, Juden ausgenommen werden dürfen oder nicht. Wie schwaches Rohr vom Winde, so hatten sich schon während der Wahlbewegung mehrere deutsch-böhmische Abgeordnete von ihren Wählern biegen lassen und die Judenreinheit des Fortschrittsclubs gefordert. Der Riß ist überkleistert worden, aber die Gegensätze wurden nicht ausgetragen. Man stand vor der Alternative, drei Deutschböhmen oder drei Juden zu verlieren; mit den Letzteren aber wären auch vier Wiener Abgeordnete dem Club ferngeblieben. Nicht die Ueberzeugungstreue, sondern die höhere Ziffer entschied. Und so ist zu den vielen Specialitäten unseres Vaterlandes die neue Specialität der fortschrittlichen Antisemiten hinzugekommen. Die gefährdete Einigkeit ist wiederhergestellt und die . verzückten Parteiofficiösen schlagen förmliche Purzelbäume über dieses unerwartete Resultat. Wer aber die wahre Stimmung kennen lernen will, der lese die wortführenden Organe der deutsch-böhmischen Fortschrittspartei, dieWarnsdorfer „Abwehr" und die „Teschen-Bodenbacher Zeitung", die mit der erzielten Einigung höchst unzufrieden sind und.offen erklären, daß der Fortschrittsclub einen Selbstmord begehe, wenn er noch fernerhin der antisemitischen Hochfluth Widerstand leisten wolle. Wir sind der unmaßgeblichen Meinung, daß auch die Juden besser daran gethan hätten, eine reinliche Scheidung zu fordern, statt in eine schiefe Situation einzutreten. Es erscheint uns durchaus als keine Ehre, daß die Juden und Liberalen neben den Herren Pergelt und Glöckner sitzen dürfen, und ein kleiner Club mit wirklich liberalen Mitgliedern wäre besser wirksamer, weil actiousfreier, gewesen als ein großer Club, in dessen Mitte reactionäre Elemente fitzen, die man mit Sammthandschuhen anfassen muß. * * Einen erfreulichen Gegensatz zu den Vorgängen in der deutschen Fortschrittspartei bieten jene im Polenclub. Dort hat der Obmann Ritter von Jaworski die Mitglieder mit folgenden Worten begrüßt: „Wir sind treue Söhne unseres angestammten Glaubens, wir lieben unsere Kirche mit treuem Herzen, aber begrüßt seien in unserer Mitte unsere Parteigenossen fremden Glaubens. Dieser darf kein Hinderniß für die staatsbürgerlichen Rechte bilden." Es wäre freilich zu wünschen, daß auch innerhalb der galizischen Landesgrenzen die Thaten der herrschenden Partei und der von ihnen abhängigen bureaukratischen Organe dm erleuchteten Worten des Polenführers entsprechen. Man weiß ja, wie vielfach die staatsbürgerlichen Rechte der galizischen Juden mißachtet werden. Die gleichwertige Stellung, welche nach der Begrüßungsrede Jaworski's den jüdischen Abgeordneten aus Galizien im Polenclub eingeräumt ist, würde diesen Herren die schwere Pflicht, unausgesetzt für chre hart bedrängten Glaubensgenossen zu kämpfen, erleichtern. Aber dieser Kampf wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie selbst auf der Höhe der Situation stehen. Wir betonen dies nicht ohne gewichtigen Grund. In deutschen und ungarischen Blättern war dieser Tage die Nachricht zu lesen, daß der Lemberger „Ruch katolicky“, eines der schandbarsten antisemitischen Hetzblättern, in Zahlungsstockung gerathen sei. Aus der Aufzählung der Passiven erfuhr man die höchst befremdliche Thccksache, daß der bisherige Bestand des Blattes nur dadurch möglich war, weil der jüdische Papierfabrikant und Reichsrathsabgeordnete Dr. K o l i s ch e r dem „Ruch katolicky“ jahrelang das Papier auf Borg — d. h. umsonst — geliefert hatte. Man erfährt aus Galizien oft so seltsame Thatsacheu, daß die große Oeffentlichkeit nur zu leicht gmeigt ist, auch das Unglaublichste für wahr zu halten. Ein Dementi jener, die politische Ehre des Abgeordneten Dr. Kolischer so nahe berührenden Mittheilung ist bisher nicht erfolgt. Aber er ist es dieser Ehre schuldig, ungesäumt ein solches Dementi zu veröffentlichen und die Beschuldigung, daß er den schlimmstm Feinden des Judenthums die Waffen geliefert habe, von sich abzuwehren. * * * Ernst Schneider hat seinm Antrag auf Uebersetzung des Talmud von staatswegen im neuen Hause wieder eingebracht. Das Schicksal dieses Antrages gemahnt bereits an jenes des „ewigen Juden" — er wandert von Session zu Session. Das „Deutsche Volksblatt" hat ihn in einer versteckten Beilage mit absichtlich ausgestemmten Datum reproducirt. Aus anderm antisemitischen Blättern erfuhr man, daß Herr Schneider innerhalb seines eigenen Clubs nicht die genügende Anzahl von Unterschriften fand und daß deshalb die Einbringung des Antrages verzögert wurde. Den Christlich-Socialen ist es also selber schon zu dumm geworden, die alten, abgegriffenen, tausendfach widerlegten Lügen von Neuem aufzuwärmen. Von dem Kaliber dieser Lügen gibt die nachfolgende Probe einen Begriff: Herr Schneider erzählt, „daß bei den Juden die Knaben insolange zu den amme haarez gezählt werden, als sie noch keinen geschlechtlichen Umgang „gepflegt" haben und somit zu den „Unwissenden" (!) gezählt werden. Und solange ein Judenknabe noch nicht zu den Kakham gehört, insolange kann er in Ermanglung eines christlichen amme haarez als Opferlamm geschlachtet werden." O über die dummen Juden! Der Talmud räumt ihnen das Reckt ein, in Ermanglung christlicher Kinder jüdische Knaben rituell abzuschlachten. Statt nun von diesem Rechte Gebrauch zu machen, was doch bei dem Kinderreichthum der Juden nicht schwer fallen und viel leichter verborgen gehalten werden kann, capriciren sie sich just auf die Abschlachtung christlicher Knaben und Jungfrauen und verüben diese Mordthaten unter so auffälligen Umständen daß dem Verbrechen die Entdeckung auf dem Fuße folgen muß! Der Blödsinn war den eigenen Parteigenossen des Herrn Schneider zu arg und sie lehnten die Mitfertigung ab, obgleich der Stampiglienritter u. A. den Rabbi Bloch und Prof. Dr. Strack als unzweifelhafte Autoritäten für die Richtigkeit seiner kostbaren Entdeckung citirt hat. Wir werden nicht in die Geschmacklosigkeit verfallen, Herrn Schneider ernster zu nehmen, als er von Dr. Lueger genommen wird, der bekanntlich in einem Interview erklärt hat, daß er an den Ritualmold nicht glaube. Mechanikus Schneider hat keine Ahnung davon, daß der Talmud von Juden größtenteils schon wiederholt übersetzt wurde. Will er, daß nun der Staat — der ja bekanntlich nichts Dringenderes zu thun hat — einige Tausende von Gulden für eine neue Talmud-Uebersetzung ausgebe, so haben wir gar nichts dagegen. Nur darf dieselbe selbstverständlich nicht den Rohlings übertragen, sondern sie muß Männern anvertraut werden, die hiezu von der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft empfohlen werden. * * * Dagegen ist es 'dem Meister Stampiglius gelungen, für eine andere Aetion seine Parteigenossen zu gewinnen.