Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 8 Vr. Bloch's Wochenschrift« Seite 1« Seiner Weisheit Anfang war die Gottesfurcht und feines Lebens Ziel die Gottgefälligkeit. Sein Leben war Religion und seine Religion jüdisches Leben. Religiosität ist in Israel häufig zu finden, aber praktische und ceremonielle Frömmigkeit auf den höchsten Höhen der Gesellschaft, auf dem Gipfel des Rothschildfchen Reichthums ist selten. Der kürzlich entschlafene Baron war der Repräsentant solcher Religiosität. Das Judenthum legt wenig Gewicht auf Dogmengläubigkeit und verlangt das Studium der Religion und Wissenschaft. Auch unser „Talmudbaron" vertiefte sich täglich im Studium der Thora. Wie Rabbi Meyer beim abtrünnigen Acher gelernt, so hatte der Baron v. Rothschild in seiner Kindheit einen getauften Juden zum Lehrer, der jedoch seinen Fehltritt im Stillen bereute. Als Jüngling wie als Greis hatte er einen Talmudlehrer. Sein Beth hamidrasch war feine geistige Schatzkammer. Unsere Religion beschränkt sich nicht auf individuelle Frömmigkeit, sondern fordert sociale Andacht. Gebet mit Andern, durch und für Andere; auch der Baron v. Rothschild hatte seine eigene Andachtsgemeinde, fein Minjan. Während es leider Juden gibt, die in den Curorten und Sommerfrischen ihre Religion und Abstammung verheimlichen, verleugnen möchten, wurde der selige Baron oft auf Reisen von seinen zehn Betjuden begleitet, weil er in seiner Bescheidenheit fein Ich nicht höher schätzte als das jüdische Ich eines Andern, möchte er noch so arm gewesen fein. Das Judenthum ist eine Religion edler Philanthropie und der Held dieser Skizze übte Wohlthätigkeit ohne Sturmglocke der Reclame, ohne Zeitungslärm, ohne Weltposaunen. Bescheiden und still, geheimnißvoll und herzvoll spendete er Juden und Christen, Institutionen und Einzelnen, in Frankfurt und Deutschland, in Palästina und der ganzen Welt. Israel ist treu dem Vaterlande, in dem es weilt und schafft, und liebt zugleich auch das Mutterland seines Stammes, Palästina; auch Baron v. Rothschild wirkte in Deutschland für Europa und bängte doch, ohne ein Zionist zu sein, mit allen Fasern seines Herzens am heiligen Lande, an der Heimat der Propheten und Vsalmisten, der Religion und Moral, der Bibel und Mischnah. Viele Gelehrte und Lehrhäuser im heiligen Lande unterstützte er oft anonym in fürstlicher Weise. Unser Stamm zeichnet sich durch Ehrfurcht vor der Tradition, durch Werthschätzung alter Bräuche aus. Auch der verewigte Baron Rothschild beobachtete die kleinste Satzung, geringste Vorschrift und den unscheinbarsten Brauch mit der größten Pietät. Er hat so nicht nur die großen Schätze der Väter des Hauses Rothschild verwaltet, sondern auch die kleinsten Ceremonie-Erbthümer der Ahnen des Hauses Israel gewürdigt. Die Orthodoxie, die für das von der Vergangenheit Ererbte kämpft, um es auch fürderhin zu besitzen, hat in den aristokratischen Juden Frankfurts durch Rabhiner Samson Raphael Hirsch die Poesie erhebender Romantik und durch den Baron Wilhelm Karl v. Rothschild den Glanz erhabenen Reichthums erhalten. In Israel ehrt man jedoch noch mehr als fro "ine Juden — fromme Häuser und das Haus gipfelt nach dem Talmud in seiner Königin, in der Frau. Die edle Gattin unseres Geisteshelden hat als feinsinnige Förderin der Kunst au dem lebendigen Kunstwerk unsterblichen Judenthums, das sich in ihrem Gemal abspiegelte, einen wesentlichen Antheil. Sie hat als berühmte Meisterin der Töne für die Charakterharmonie wie für die Herzensklänge ihres Gatten großes Verständniß offenbart. Im Judenthume wird besonders Derjenige gefeiert, der als Meister wirkt und Schule macht. Daß unser theuerer Todte als Lehrer wahren Judenthums und echter Menschlichkeit gewirkt, beweisen seine Töchter und Schwiegersöhne, Rothschild zu Paris und Goldschmid zu Frankfurt a. M. Seine glühende Liebe zu Palästina übertrug er auf seine Tochter und auf seinen Schwiegersohn Edmond v. Rothschild, den gefeierten Protector der jüdischen Colonien im heiligen Lande. Baron Edmond hat. für seinen Schwiegervater Kadis 6h gesagt. Im Kadisch ist nichts enthalten, was auf die Verstorbenen Bezug hätte; im Kadiseh gelangt jedoch der Wille zum Ausdrucke, im Geiste der Eltern den Namen Gottes und Israels zu Heiligen. Ein den Baron Wilhelm ehrender Kadisch ist die kolonisatorische Wirksamkeit seines Schwiegersohnes Baron Edmond, der gleichsam dreimal „heilig" spricht: Heilig ist den Juden die Landarbeit, heilig das Land der Väter und heilig die Fürsorge für ein „Kinderland". Heiligung des göttlichen Namens ist der LebenSerfolg des Baron v. Rothschild, Wilhelm Karl der Fromme. Die Varon Hir sch'sche Schul-Stiftung. Stanislaus, den 14. Februar. Das heilige Bermächtniß, das wir Lehrer der Baron Hirsch- Stiftung vom seel. Stifter und seiner unvergeßlichen Gemalin der Frau Baronin Clara von Hirsch übernommen haben und das bis zum letzten Athemzuge zu hegen und zu pflegen ein jeder von uns sich gelobt hat, die Stiftungsschulen, die für die allerärmste jüdische Bevölkerung die Verheißung einer befferen Zukunft bedeuten, weil sie ihren Kindern die Möglichkeit einer menschenwürdigen Existenz bieten und sie aus dem Schlamme der Verwahrlosung retten, können nur blühen und gedeihen, wenn an ihren Pforten jeder Parteigeist Halt macht und das äußere politische Getriebe, sei es noch so heftig, von dieser heiligen Stätte scheu zurückweicht. Dieses ängstliche Eindämmen aller störenden und die Entwicklung hemmenden politischen Umtriebe war es, was der Stiftung in verhältnißmäßig kurzer Zeit das Vertrauen aller Kreise gewinnen und die Stiftungsschulen sich mächtig entfalten ließ. Die fanatischesten Orthodoxen, die ursprünglich den Schulen scheu auswichen, sandten nach und nach ihre Kinder vertrauensvoll in dieselben, die Lehrer gewannen die Achtung aller Kreise und die Stiftung ging einer Periode des Gedeihens und der Blüthe entgegen. Es ist daher die Pflicht eines jeden Lehrers, seine Stimme warnend zu erheben, wenn auch nur die geringsten Anzeichen vorhanden, daß es in den Stiftungsschulen je anders werden könnte. Mit Schrecken müssen wir der ersten Periode gedenken, wo die politische Thätigkeit der verfloffenen ExecutivcomitSs die Stiftung im Keime zu ersticken drohte und es nicht viel gefehlt hätte, daß ihr ganzer Lebensnerv abgeschnitten worden wäre. Ein Ereigniß der jüngsten Zeit veranlaßt uns. unsere Neue tekel zu rufen, obgleich wir hinzusügen müssen, daß dieses Ereigniß gottlob vereinzelt dasteht und hoffentlich keine Nachahmung finden wird, ja noch mehr, wir sind überzeugt, daß das Curatorium der Stiftung, welches auf das Eifrigste bestrebt ist, getreu dem wiederholt kundgegebenen Willen des Stifters jede Politik und jede politische Bewegung von den Schulen fernzuhalten, auch diesen Vorfall entschieden mißbilligt hätte, wenn er zu seiner Kenntniß gelangt wäre. In Zloczow wurde bei den jüngsten Reichsrathswahlen das Schulhaus zur Abhaltung einer Wählerversammlung für einen Candidaten hergegeben. Allerdings muß gleich betont werden, daß dies — zur Entschuldigung des Schulleiters, sei es gesagt — ohne Einwilligung desselben geschehen ist. Es geschah dies vielmehr auf Veranlassung und im Aufträge des Bürgermeisters, der zugleich Obmann des Localcomitös der Baron Hirsch-Stiftung ist. Allein das Beispiel könnte Nachahmung finden, und so müffen wir alle Collegen und Freunde der Schule davor warnen, daß die Stiftungsschulen, die wie ein leuchtender Stern die tiefe Finsterniß unseres verelendigten und geknechteten Volksstammes erhellen, zu politischen Zwecken mißbraucht werden und irgend welche politische Strömungen in dieselben eindringen. Draußen möge es branden und wogen, aber in deinen Hallen wohne Friede und heilige Ruhe. Wer die geheiligte Stätte der Baron Hirsch'schen Schulen betritt, der werfe die unreinen Schuhe politischen Getriebes oder selbst im Mantel der „Religion" auftretender politischer Parteiung ab, denn der Boden der Stiftungsschulen ist heilig. Wir wagen es kaum zu denken, daß eine der jungen, aufstrebenden, mächtig gährenden, politischen Parteien — und von wie vielen politischen, socialen und religiösen Strömungen ist nicht unser armes Land zerklüftet und durchwühlt — sich dieser heiligen Stätten bemächtigen und sie in ihr Parteigetriebe hineinzerren könnte. Wir wagen es kaum zu denken, daß beispielsweise der Socialismus oder der die Gemüther aufwühlende Zionismus, der. wie jede junge, aufstürmende Partei, eine weitgehende agitatorische Thätigkeit entfaltet, sich der Stiftungsschulen bemächtigen würde. Es wäre dann um denBestandundumdas Vertrauen der Stiftungsschulen, das sie sich nach hartem Kampfe durch ihre Objektivität errungen, geschehen. Ein Schaden, der für unser armes Volk viel zu empfindlich wäre, als daß ihn nicht jeder für sein