Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 1» Vr. Bloch's WochrttschrM, Nr. 8 ES muß demnach als ebenso kindisch wie lächerlich erscheinen und „lsriäleut tue" wenn Einzelne unserer Glaubensgenossen und ganz besonders Genossinnen angesichts solch' offener Feindseligkeit gegen unsere Conscssion derselben ganz einfach zu entgehen meinen, wenn sie unter den Andersgläubigen nicht als Jude oder Jüdin sich geben wollen und durch ein völliges Abstreifen jedweder Zusammengehörigkeit mit den Uebrigen förmlich um eine Gunst buhlen, die sie ja doch nie und nimmer besitzen können. Ober wenn Andere ihr gesellschaftliches Streberthum dahin führt, die Fahnenflucht zu ergreifen, um durch die Taufe jene sociale Gleichberechtigung zu erlangen, die ihnen früher versagt geblieben. Wie sehr sind jedoch auch diese im Jrrthume, und wie bald müssen sie zur traurigen Ueberzeugung kommen, daß nächst dem Juden der — Renegat noch verhaßter ist, und daß sie nicht nur keine neuen Freunde sich erworben, sondern zumeist die alten verloren haben. Um Vieles richtiger muß es sich demnach erweisen, muthig außzuharren und den eventuellen Angriffen mit dem blanken Schilde gehobenen Bewußtseins zu begegnen, das wir in der treu erfüllten Pflicht gegen unsere Familie, unsere Nebenmenschen und unser geliebtes Vaterland zu staden berechtigt sind. Und da ist ewieder die Frau, der die große Rolle zufällt, in ihrer Familie dahin zu wirken, daß der echt jüdische Sinn und die Liebe zu unserer auf den höchsten Idealen der Menschenliebe und Moral fußenden Religion in den Herzen der Kinder Wurzel fasse, damit sie in derselben jenes Rückgrat und jene kräftige Stütze finden mögen, deren sie im Leven bedürfen, um all den Verlockungen falscher Schlagworte und heuchlerischer Einflüsse Stand zu halten. Der von Urzeiten her der jüdischen Frau und Mütter eingeräumte Einfluß in der Familie, ihre patriarchalische Stellung, die sie mit einer Art Heiligenschein umgab, hat wohl viel von seinem Nimbus eingebüßt, weil ja auch der tiefreligiöse Zug sich abgestreist hat, der sonst das jüdische Familienleben gekennzeichnet; doch blieb noch immer so viel von weiblicher Autorität übrig, daß sie damit viel deS Guten auf Mann und Kinver zu üben vermochte, zumal der jüdische Ehemann auch heute noch seine Frau auf eine Art Piedestal stellt und sie wie ein höheres Wesen behandelt. Dieser auffallende Eyaraklerzug des jüdischen ManneS kommt im Formular des jüdischen Ehecontractes schon zur Geltung, wo der Mann der Frau verspricht, sie zu achten, zu lieben, zu ernähren und zu versorgen^ selbst wenn er den R ock vom Leibe verkaufen müßte, und in der Thal finden wir nur zu oft Beispiele, daß der Mann im Schweiße seines Angesichtes, unter schweren Mühen und Kämpfen seine Existenz fristet, daß er selbst eum den Preis größter Entbehrungen und Opfer seinerseits Frau und Kindern das Möglichste bietet, um Erstere ein Wohlleben führen und Letztere mit dem Aufwande äußerster Anstrengung — lernen und bilden zu lassen. Diese unleugbare Thatsache ist wohl mit Schuld daran, daß die jüdische Frau genußsüchtiger, anspruch-voller und weniger entsagungsfähig als die Frau anderer Loufefsionen ist, was auch nicht wenig dazu beiträgt, deren Antipathien speciell gegen unsere Frauen zu erhöhen. Leider vermögen wir von einem großen Theile jüdischer Frauen nicht zu leugnen, daß sie im Gegensätze zu den Traoitionen unserer Religion, welche die Frau zumeist auf das Haus und den SamilienkreiS verweisen, dennoch einen großen Theil dcS Tagein den Gassen und Kaffeehäusern verbringen, wodurch der gute Ruf der jüdischen Frau überhaupt gefährdet wird. - Was sollen unsere Feinde denken, wenn sie die jüdischen Frauen überall, nur nicht in ihrem Hause, bei ihren Kindern finde»? Muß der ihnen gemachte Borwurf der Leichtfertigkeit und Genußsucht nicht plausibel erscheinen, wenn eS die Frauen der mittleren und ärmeren Classen sind, für die jeder Tag ein Feiertag ist? Die Mittelclaffe, die in der That berufen wäre, die heutige Gesellschaft zu retten, könnte dieser Mission nur dann gerecht werden, wenn sie ernste, arbeitssame, sachgebildete Frauen in ihrer Mitte hätte, die fähig wären, ihrem Manne im Erwerbe beizustehen, über auch ihre Kinder, den Anforderungen der Jetztzeit gemäß, mit jener Bildung zu versehen, die sie befähigt, sich auS eigener Kraft eine Existenz zu gründen. Die Frau deS Mittelstandes soll daher nicht den Frauen der oberen Zehntausend nachstreben, nicht wie diese zu leben und zu genießen trachten, sondern darauf bedacht sein, ihre Kinder selbst zu pflegen und zu erziehen, anstatt sie leichtfertigen und ungeschulten Dienstboten anzuvertrauen; sie soll es nicht unterlassen, sich in chren freien Augenblicken auch an Werken der Menschenliebe zu betheiligen. Es ist ein Jrrthum, zu glauben, daß nur die Reichen dazu berufen sind, in der Werkställe der Wohlthcttigkr.it zu arbeilen, sondern es muß jeder Einzelne nach Kräften fern Scher flein zur Milderung des allgemeinen Elends beitragen. Der Reiche i h e i l e mit dem Armen fein Geld, doch der Arme helfe seinem Bruder, stütze ihn, damit auch ihm geholfen und auch er gestützt werde. Die Nachbarschastsgilden, die sich in England so glänzend bewähren und zum Zwecke haben, daß die in einem bestimmten Orte Lebenden sich gegenseitig in allem Möglichen beisteyen und unterstützen, liefern uns einen Beweis dafür, baß ecn Z usammenhalten überall von wohllhätigen Folgen begleitet ist. Ganz besonders wichtig und nützlich wäre es daher, angesichts unserer complicirren trostlosen Verhältnisse der immer mehr um sich greifenden Verarmung und Hilflosigkeit, wenn den Legionen Hilfesuchenden ebenso viele Legionen Helfender erstünoen, ut»d vermag unS daher der Aufruf einer deutschen Schrlflstellerln nur mit Bewunderung zu erfüllen, der Demschlands Mädchen dazu ausfordert, ein Freiwilltgenjahr im Dienste der Menschheit zu absolviren, das heißr im Alter von 18 bis 22 Jahren ein Jahr lang, je nach Neigung und Keuiitniffen, in den verschiedenen Humanitären Instituten, wie: Kindergärten, Kinderhorten, m Walsetthänsern, thätig zu sein, aber auch m den armseligen Wirchschaften des Proletariats ihren verlassenen und verkommenen Kindern Aufmerksamkeit und Theilnahme zu widmen. Dieses der Armuth Nahetreren erzeugt naturgemäß auch das Bedürfliiß, ihr zu steuern, die Wunden, die man mit Entsetzen geschaut, zu heilen und verbinden — und das würde in bisher so vielen, starren, theilmahmslvsen Herzen jenen Funken erwecken, der die Flamme der Barmherzigkeit anfacht, die Menschenliebe zu ihrer höchsten Blüihe entwickelt. Die sittliche Wirkung solch eines Freiwilllgenjahres, das im Gegensätze zu demjenigen des Mannes der Erhaltung und Verlängerung der Leben gilt, müßce nur von wohlthätigstem, bildendem und veredelndem Einflüsse auf die Mädchen selbst sein, die hiedurch geistig und moralisch gehoben würden. Außerdem vermöchte die Berührung mit Armuth und Elend diejenigen, die bisher in einem förmlichen Pyanlasierelch gelebt, die eine Traumexlstenz geführt, mit den Schattenseiten und den Ernst des Lebens bekannt zu machen, was für ihr eigenes Glück von unsagbarem Werthe wäre. Wie herrlich und erhaben wäre es von Israels Mädchen, wenn sie, diese so glücklichen, so verhätschelten Wesen, auch i h r Herz einmal entdecken und sich an der allgemeinen socialen Hilssarbert je zahlreicher betheiligen wollten! Aus solchen Manchen könnten dann nur ebenso tüchtige, edeldenkenoe Frauen werden, die sowohl unserer Confession, wie auch dem Lande zum Stolz und Glücke gereichen würden! Und wenn wir einmal dahin gelangt sind, die Hauptaufgabe der Frau nicht darin allem zu erblicken, daß sie die Welt durch den Zauber ihrer äußeren Erscheinung beglücke, sondern vielmehr ihr inneres Wesen, ihre Seele schön und edel gestalte, daß sie das Bestreben habe, in ihrem Hause und in der Gesellschaft zur Anregerm guter Tyaten, zum Apostel der Lehren erhabenster Humanität und Menschenliebe zu werden, so dürste dann endlich einmal das im schlimmen Sinne eingebürgerte, bei allem Bösen unb Unheilvollen, das sich in der Welt ereignet, m Anwendung gewesene: Cherchez la femme zu Schanden und im Gegentheile bei jedem gedeihlichen Fortschritte, bei jeder, die Menschen veredelnden oder beglückenden That, bei jeder Emanation des echten Altruismus von nun an die Frau im Hintergründe gesucht — und hoffentlich auch gefunden werden! Baron v. Rothschild „Wilhelm der Fromme". Von Rabbiner Dr. I. Niemirower-Jassy. Die Familie Rothschild hat nicht nur Finanzgenies sondern auch Tugendmillwnäre hervorgebracht, die Interesse für die Wissenschaft, Sinn für die Kunst, Anhänglichkeit für die Religion, Liebe zu ihrem Vaterlande und große und tiefe Menschenliebe gezeigt. Jeder dieser Edlen wird in der Stammesgeschichte in Ehren verzeichnet sein. Der unlängst Heimgegangene Baron, das Haupt des Frankfurter Hauses, dürfte in unserer Geschichte als „Wilhelm der Fromme" gerühmt werden, weil seiner Größe Quell in seiner Frömmigkeit zu suchen war.