Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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USette 126 VL° Vlortz^s Wochrnsttzrift. Kr. 8 Geistes selbstständig aufzutreten und auf da- Schicksal ihrer Männer und Familien Einfluß zu üben. Das Bestreben der Frau nach Bethätigung ist auch nicht einmal neu zu nennen, da schon zu Zeiten der Renaissance, und zwar zuerst in Italien, diese Bewegung ihren Anfang nahm, um dann auch in Deutschland eine Fortsetzung zu finden. Im vierzehnten Jichrhundert war die Bildung der Frau dieselbe, wie die der Mannes. Die Frauen dichteten und nahmen an der Entwicklung der Kunst und Wissenschaft lebhaften Antheil. Schon damals wurden Frauenversammlungen abgehalten, in welchen die Rangordnung der Versammelten nach de? Kinderzahl bestimmt und der Beschluß gefaßt wurde, für die Frau das Recht der Kiudererziehung. und wenn möglich abwechselnd, mit dem Manne, die Bekleidung öffentlicher Aemter zu erwirken. So die Frauen vor 600 Jahren, unter denen er schon bamals solche gab, die ganz besondere Kenntniß und Uebung in der Heilkunde erlangten, womit sie in einer Zeit, die arm an Aerzten war, den Kranken die wichtigsten Dienste zu leisten vermochten. Bologna hatte schon im dreizehnten Jahrhundert berühmte Frauen als Lehrer an den Universitäten, wo sie Vorlesungen über Ethik und praktische Medicin hielten. Im vierzehnten Jahrhundert waren sie durch ihre ganz besonderen Sprachkenntniffe hervorragend. Und da sollte uns der Ausspruch eines modernen Gelehrten wankend zu machen vermögen, der behauptet, daß die Frau sich im Allgemeinen nicht zu ernstem, systematischem Studium eigne, sondern bloS dazu in erster Reihe berufen wäre, von den Männern vergöttert und auf Händen gettagen zu werden. Würde unS der sehr geehrte Herr Professor nicht Aufschluß darüber geben wollen, welche Frauen es denn eigentlich sind, die durch'- Leben gettagen werden? Die eigenen doch gewiß nicht, also die Frauen — der Anderen, und immer von — Anderen — ganz wie in den Zeilen der süßen Minne, wo die Leidenschaft der Liebe, nie dem Mädchen, der Braut, noch auch der eigenen Gattin, sondern immer nur den verheirateten Frauen galt, also denjenigen, — die Anderen angehörten. Durch diese auf falsche Fährte gerathene Liebesduselei, die übrigens einen zumeist Plattnischen Charakter getragen, hatte die Liebe mit der Ehe nur sehr wenig zu schaffen, welch' letztere, schon int Heroenzettalter, in Hella-, im alten Rom und bei den Germanen, sich zumeist nur dort zum Worte meldete, wo Stand und Vermögen ziemlich gleich waren. Da diese Gepflogenheit sich bis auf unsere Jetztzeit erhielt, bei der Begründung der Ehe in erster Reihe die materielle Sicherstellung im Auge zu behalten, so ist es natürlich, daß Tausende armer Mädchen, der so sehr nothwendigen Vorbedingung einer Mitgift entbehrend, nicht geheiratet werden. Und da erweist sich die Theorie des sehr gelehrten Professors alhöchst hinfällig, indem es durchaus unerfindlich ist, wo und wann denn all die Tausende Sitzengebliebener die Poesie des häuslichen Herdes oder gar der auf Händen Getragenwerdens kennen zu lernen vermöchten. Leider kann unser moderner Staat weder das^Beispiel des alten Rom befolgen, jeden Jüngling mit 24 und jedes Mädchen mtt 18—20 Jahren von staats wegen zu verheiraten, jedem solcher Art vermähllen Ehepaar überdies ein Stück Feldes zu grideu, noch auch die Gesetze der alten Spartaner einführen, nach welchen jeder Mann verpflichtet war. bis zu seinem 30. Lebensjahre zu heiraten, da er sonst aller bürgerlichen Ehren und Rechte beraubt ward. WaD kann demnach natürlicher erscheinen, als für den nur zu häufig entfallenden Gatten, sagen wir das harte Wort: den Ernährer — ein Surrogat in der systematischen Fachbildung der Frau zu schaffen, womit ich meinerseits durchaus nicht behaupten will, daß sich dieselbe nur immer in den Regionen de- DoetorhuteS oder exotischer Berufe bewegen müsse. Eine erhöhte, systematische Ausbildung der Frau würde zugleich eine Bemesserung deS ethischen Capitols involviren, das bisher in den Frauen brachgelegen. Wenn auch eine fortschreitende Civilisation die Lebensansprüche der Menschen steigert und sie genußsüchttger macht, so verfügt sie doch andererseits über weit zahlreichere Befriedigungsmittel, und vermöchte daher ein Zuwachs an geschulten Arbeitskräften dieMimensionen des Daseinskampfes nur zu verringern. Doch erweist es sich auch aus ethischen Gründen als wünschenswerth, daß die Frauen, denen eine überragende Feinfühligkett der seelischen Elemente eigen ist, sich auch jene Bildung aueignen, die sie befähigen, verbessernd und veredelnd auf Handel und Wandel einzuwirken. Da die Statistik überdies die Thatsache ergibt, daß das weibliche Geschlecht moralisch besser veranlagt ist, als das männliche und weit schwerer als dieses zu Abweichungen vom Wege zu sittlicher Vollkommenheit zu bringen ist, so könnte ein Präponderiren weiblichen Einflusses in der Familie und Gesellschaft nur von heilsamster Wirkung auf die Entwicklung einer idealeren und edleren Lebensauffassung sein. Wenn wir um uns eine Decadence platzgreifen sehen, welche alle Errungenschaften unserer Civilisation bedrohen, wenn wir beobachten, wie willkürlich die Grundsätze von Recht und öffentlicher Moral gehandhabt werden, wenn wir uns die unheilvollen Schwankungen des Volksgeistes vor Augen halten, die sich zwischen steten Extremen bewegen, wenn wir jenen scheinbar religiösen Zug wahrnehmen, der, weit entfernt davon, die Sitten etwa zu verbessern, nicht edler, nicht humaner macht, sondern entgegen den Grundsätzen wahrer Religiosität — blos confessionellen Zwiespalt säet, Classen- und Parteigegensätze heraufbeschwört und die Menschen zu gegenseitigem Haffe geradezu dresfirt, wenn sogar die Jugend soweit gesunken ist, sich zu Aposteln mittelalterlicher Unduldsamkeit und Racenhaß zu qualificiren, so muß sich angesichts solch trostloser Zustände unser Herz schmerzhaft zusammenkrampfen, und vermag uns nichts Anderes aufrecht zu halten, als die Hoffnung, daß vielleicht die Zukunft eine schönere werden dürfte. Und da steigt vor unserem geistigen Auge das Bild der Mutter empor, die vielleicht jener rettende Engel zu sein vermöchte, der die kommende Generation vor einem ähnlichen Schicksale bewahrt. Die Mutter, die in dem Kinde die ersten Keime der Liebe entwickelt, der Liebe zu ihr selbst und zur Menschheit, die den ersten Begriff von Mitleid und Edelmuth in der jungen Seele erweckt, wodurch das Kind das Product ihrer Empfindungen und Gefühle, aber auch ihrer Denkungsart wird, die das Kind an ihrer sicheren Hand leitet und es ihrem Willen unterordnet, indem sie ihm ihr ureigenstes Wesen geradezu einimpft, sie vermag durch all das Gute oder Böse, das sie in ihre Kinder pflanzt, dem Staate, der Gesellschaft gegenüber zur wahren Verbreiterin der Volkswohlfahrt oder auch zur Ursache des Unterganges zu werden. - Es muß uns daher nichts dringendem erscheinen",- als - diesen für unsere sociale Entwicklung so wichtigen Factor mit jenen Qualitäten auszustatten, deren er bedarf, um der wichtigen Mission gerecht werden zu können. Die Frau muß daher in ihrer Eigenschaft als Mutter jene Ausrüstung erhalten, die sie befähigt, ihren Kindern edle Impulse einzuflößen und mit starker Hand einzugreisen, wenn Vorurtheile oder böse Triebe Macht über jene Wesen gewinnen. Solch eine systematisch geschulte Mutter vermöchte ihre Söhne vor trügerischen Schlagworten zu warnen und es ihnen begreiflich zu machen, daß es nichts Gefährlicheres gibt, als wenn an Stelle echter und rechter Begeisterung für die Ideale der Jugend ein künstlich angefachter Glaübensfanatismus tritt, der wohl zu zerstören, zu zersetzen, doch nichts zu schaffen und Niemand zu beglücken vermag. — Dabei müßte auch die Bildung der Töchter einen realistischen Einschlag erhalten. Es geht nicht an, nur mit idealem Sinne in einer absolut realistischen oder gar decadenten Zeit gedeihliche Resultate zu erzielen. Wozu auch die Seelen der Mädchen mit den reinsten Harmonien nähren, währenddem ihnen das Leben nur zu oft nichts als Disharmonien bringt? Wenn ich auch weit entfernt davon bin, d'Annuncio Recht zu geben, der es für das Rathsamste hält, die Mädchen in alle Mysterien des Lebens einzuweihen und sie mtt für Alles offenen Augen zu erziehen, so vermag ich dafür mit Dumas übereinzustimmen, der die zahlreichen, unverstandenen, mit ihrem Schicksale unzufriedenen Frauen daher ableitet, daß sie in falschen Ideen über die Ehe erzogen wurden, und die Enttäuschung. die sie naturgemäß erfahren mußten, sie entweder zu stillen Dulderinnen machen oder auf Abwege führen müsse. Heiraten, bei denen wie heutzutage zumeist die ökonomischen Motive den Ausschlag geben, müßten a priori jenes überflüssigen Glorienscheines entkleidet werden, der ohnehin nur eine kurze Zeit vorhält und die arme junge Frau, wenn er entschwunden, mit Schmerz und Bangen erfüllen muß. Um wievieles vernünftiger wäre es demnach, es dem Mädchen, das sein ganzes Sein in die Ehe gibt, die all ihr Denken und Fühlen, mit einem Worte: ihre ganze Persönlichkeit, einzusetzen verpflichtet ist, bei Zeiten klarzumachen, daß sie nicht ebensoviel vom Manne zu fordern das Recht habe, da nun einmal Gebrauch und Sitte es mit sich bringen, daß die Frau dem Manne wohl ganz anzu-