Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 7 (15.2.1901)
- Date
- 1901-02-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 122 Vr° Vlortz s Wochenschrift- Nr. 7 Resel starrte ganz betroffen, bis das Schmollen um ihre Lippen zu schmelzen begann und als Thronen auf die im Schoß ruhenden Hände fiel. Dovid sah sie fallen und das Herz that ihm weh. „Armes Täubchen!" dachte er, „sie ist wegen der Suppe bekümmert", und würgte an seinem Essen. „Bist Du leidend, Resel? fragte er, als er fertig war und Resel noch bewegungslos in Thränen saß. „Ich bin ganz wohl!"' stammelte Resel. „Soll ich die Mutter oder eines der Kinder zu Dir schicken?" fragte er an der Thür. Resel schüttelte stumm den Kopf, aber als die Thür sich hinter ihm schloß, ließ sie den Kopf auf den Tisch sinken und schluchzte: „Er aß es — das klebrige, abscheuliche, übelriechende Zeug! Um mich nicht zu kränken, aß er es. Armer, armer Kerl — den ganzen Tag arbeitet er im.Sonnenbrand für mich, und ich setze ihm verbrannte Suppe vor. Ich bin nicht wertb sein Weid zu sein — er sollte mich fortschicken, das sollte er! Nicht eine Klage, nicht ein Wort! Pfui über Dich, Du faules Ding! Wenn meine Mutter hier wäre, die möchte mich, bei den Ohren nehmen, — und recht geschähe mir. So war sie voll selbst Selbstvorwurf und Reue, bis der Winter in ihrem Herzen weggeschmolzen war und an seiner Stelle ein neuer fröhlicher Frühling erblühte. „Aber er soll ein Abendbrot haben, wie selbst seine Mutter es nicht bester bereiten kann", beschloß sie, ihre Augen trocknend. Wenn er mir nur diese Suppe verzeihen wollte. Er hat ein gutes Herz, mein Gatte. Ein anderer hätte gescholten und gestürmt. Wie sanft er fragte: „Bist Du nicht wohl, Resel? ' Resel lächelte und sah sich um. Es war, als ob die Thränen einen trüben Nebel von ihren Augen weggewaschen hätten und sie sähe ihr neues Heim jetzt zum erstenmal. „Es ist ein hübscher Ort" dachte sie, wenn man ihn nur recht ansieht. Es war süßer als Gesang, als er sagte: „Bist Du nicht wohl, Resel?" Ich glaube, er sagte „meine Liebe!" Hat die Goß dergleichen", rühmte sie, während sie ihr Abwuschwasser holte. Da muß man um einen Tropfen Master eine halbe Meile weit zum Schöpfbrunnen laufen und hier haben wir eine Quelle vor der Thür! Bah, was sind Reb Noah's Stoffe dagegen? Wir haben Felder und Hühner, einen so lieben Kartoffelacker, eine reizende Scheune und so herzige Kühe. Ja ich bin sicher, er sagte „meine Liebe!" Eine Ackerlerche auf einem Zaunpiahl zwitscherte eine fröhliche Trillerkette. Resel horchte und lachte, sie wußte nicht warum, und als ob sie sich nicht übertreffen lassen wollte, hob sie ihr rundes Kinn und trällerte eine lebhafte Synagogen- Melodie. Sie trat mit ihrem randvollen Schaff ins Haus. Dorr in der Ecke hing sein Hausrock grau und schäbig und fadenscheinig an den Taschen, wo sein Tabaksbeutel eine Ausbuchtung bildete. Resel begann bei seinem Anblick köstlich zu erbeben und das heiße Blut übergoß ihr Gesicht und Nacken mit glühendem Roth, und mit einem leisen Aufschrei lief sie hinzu und drückte ihr brennendes Gesicht in die rauhen Falten. „O mein lieber, geliebter Dovidl!" rief sie — „es war kein Jrrthum, er ist's — es ist er. Dovid hatte das Haus mtt der Absicht verlassen, auf den Kartoffelacker zu gehen, setzte sich aber statt dessen auf einen Strohyaufen. „Wie sie weinte, dre arme Kleine!" dachte er, „bin ich ein so brutaler Kerl, daß sie aus Angst vor mir weint?" — Kein Wunder, ich gehe wie ein Brummbär im Hause umher und spreche nichts. Sie verbrannte die Suppe, was liegt da weiter daran? Das kann jedem geschehen, so ein armes, kleines Ding! Ich erinnere mich, daß die Mutter die Kartoffeln salzte, daß sie wie pures Salz schmeckten und die Buttermilch verschüttete — und wir gar kein Abendbrot hatten. Vielleicht — ich kann aber gar nicht glauben, daß es ihr leid war — und Dovid's Augen feuchteten sich, als er nach dem kleinen braunen Hause sah, das sein Heim war. Vielleicht hat sie Heimweh; vielleicht mein Gott, ist sie nicht wohl," und mit neuer Sorge und wildem Herzweh sprang er auf die Füße und lief quer über das Feld nach Hause. Eben erschien Resel am Fenster und schüttelte ein Tischtuch ab, und Dovid mußte sich in einer Anwandlung von Schwäche an einen Baum lehnen. Lange vor der Abendbrotzeit eilte er heimwärts, während Resel rosig, zierlich gekleidet und zitternd am Fenster saß, und zwar in echt weiblicher Consequenz, mit dem Rücken gegen Maritz, die Gaff', den Stadtbrunnen und Reb Noah's Kleiderstoffe. Sie sah ihn kommen und eilte in die Küche, wo sich die Klöße hübsch bräunten. Sein Schritt erscholl im Hauseingang. Als sie sich wandte, sah sie ihn in der Thüre stehen, schuldbewußt, verlegen wie ein Schuljunge am Prüfungstage. In der Hand hielt er einen großen Strauß dunkelrother Blumen, und sein Gesicht war ebenso roth. „Astern!" sagte er plump. Resel nahm die Blumen und wurde ganz blaß, bei dem Entschlüsse, die Suppe zu ihrer Gewissens-Erleichterung sofort zur Sprache zu bringen. Dovid wusch Gesicht und Hände und nahm seinen Hausrock — o, dieser Rock — und Resel's Muth stieg. „Die Snppe!" stieß sie schluchzend hervor und Thränen klangen in ihrer Stimme. Dovid wandte sich beunruhigt üm. „Sie war gut!" rief er. — „Sie war verbrannt!" sagte Resel. — „Ein klein wenig angebrannt!" „Angebrannt? sie war zu Asche verbrannt!" — „Ich — ich habe die Suppe gern, wenn sie verbrannt ist", sagte Dovid. ,.O, Du lieber, geliebter Lügner Du!" sagte Resel und warf sich lachend und schluchzend an den Hals ihres Mannes. Dovid preßte sie fest an seine Brust, dann hob er ihr erglühendes, thränenüberstiömtes G sicht in die Höhe und küßte zum erstenmale die Lippen seines Weibes. Nach dem Englischen von M. L o e w. Literatur. Juda, Gesänge von Börries, Freiherrn von Münchhausen mit Buchschmuck von E. M. Lilien, F. A. Lattmanu Verlag, Goslar. Die letzte Seite dieses Buches trägt den Namen des Verfassers in hebräischen Buchstaben: „Börries aus dem Hause Münchhausen" und darüber steht: „Der Fremdling, der in Deinen Thoren weilte." Dieser Satz ist das richtigste Schlußwort für das Buch des Herrn v. Münchhausen und die beste Kritik über dasselbe. Ein Fremdling hat es geschrieben, ein Fremdling, der in unseren Thoren weilte und der trotz des redlichsten Wollens, der aufrichtigsten Bemühungen ein Fremdling gevlieben ist und sich vergebens bemühtftdle Sprache unserer Vater mit uns zu sprechen. Börries aus dem Hause Münchhausen, ein Deutscher, ein sächsischer Freiherr schreibt ein Buch über Juda und widmet es den Juden. Vielleicht ist es wichtiger zu fragen, wie entstanden diese Gesänge, als wie, sind sie gelungen, vielleicht ist die bloße Thalsache dieses Buches weit bedeutungsvoller als sein Inhalt, vielleicht redet das Werk an sich, wo die Verse nur zu stammeln vermögen. Das Buch ist nicht die Gabe eines reifen Künstlers, der die Summen seiner Erfahrungen, die Wahrheiten, die ihn vor Allem als nützlich und nothwendig erscheinen, in der vollendeten Form vortcägl, die der Würde seines Gegenstandes angemessen ist, das Buch ist vielmehr das Product eines impulsiven Dltettanlen, bei dem die Begabung mit dem Wollen nicht immer Hand in Hand geht. Aber abgesehen von dem künstlerischen Werthe dieser Balladen, enthalten sie auch nicht jene hohen Wahrheiten, die sie uns trotz der mangelhaften Darstellungen theuer machen würden. Herr v. Münchhausen trägt Falsches vor, und trägt es falsch vor, trotzdem intereffirt das Buch als ein bedeutsames Zeichen der Zeit, die solche und ähnliche Werke hervorbringt, Sehnsuchtsrufe emer kranken Seele nach Hufe und Heil. Herr v. Münchhausen hat die ganze hoffnungslose Traurigkeit des Lebens erstaunt erkannt und empört sich gegen den räthselhaflen Leichtsinn der Menschen, die zu lächeln vermögen und sich irdischen Dingen zuwenden, während ein ewiges Schicksal unerklärlich und geheimnißvoll sie bedroht. „Weh' Dir, Du Stadt Jerusalem, Dein Haupt ist krank, Dein Herz ist matt, Und dabei singt die obere Stadt, Und singt und harft die unt're Stadt! Weh' Dir Du Stadt Jerusalem, Du Stadt voll Volks, wie machst Du lachen Da Tag und Nacht, Straß' auf, Straß ab, Die Sünden wie die Geier wachen?!" Diese grenzenlose, sündige Sorglosigkeit, die ihn mit Schrecken und Verwirrung erfüllt, das unerklärliche Mißverhältniß zwischen der Gefahr, die uns umgibt, und die Mittel, die wir zur Vcntheidigung sammeln, alle diese unbegreiflichen Dinge zwingen ihn zur Flucht, zur Flucht vor sich selbst, vor seiner Umgebung, zur Flucht vor einer Cultur, die an Aeußerlichkeiten eitles Gefallen findet und der wichtigen und feierlichen Gesetze des Lebens nicht achtet. Und er flüchtet in das Land, das ihm am entlegensten ist, bei den Gedemüthigten, bei den Perfolgten, den Gequälten