Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 7 (15.2.1901)
- Date
- 1901-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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'irr. 7 Seite 111 Dr. Bloch's Wochenschrift. durch Ministerialerlasse oder auf Vorstellungen der Polizei, daß seine Anwesenheit nicht wünschenswerth ist. Er darf nicht Apotheker, Advocat, Börsenagent, Mitglied der Börse oder Effectenbörse, Hausirer oder Getränkverkäufer sein. Das sind nur einige von den Berufen, die ihm versagt sind. Einen Menschen des Rechtes zu berauben, ein Landgut oder einen Garten zu besitzen, zu pachten oder zu bearbeiten, muß. in einem hauptsächlich ackerbautreibendeu Lande als ein fürchterliches Hinderniß im Kampfe ums Dasein anerkannt werden, und daran noch die Absperrung der meisten Wege zu Bestrebungen in städtische Centren hinzuzufügen, verschärft ungemein die Strenge des Unrechtes, dem er unterworfen ist. Und als ob das Voranstehende noch als ungenügend betrachtet würde, wird noch ein weiteres Hinderniß in dem Regulativ festgesetzt, das dem Arbeitgeber verbietet, einen Juden zu beschäftigen, bis er vorher 2 Christen Arbeit gegeben hat, gleichgiltig, wieviele er überhaupt beschäftigt, eine Verordnung, die strenge beobachtet werden muß. Natürlich wird den Juden von der Regierung jedes bürgerliche Amt versagt, jedoch müssen sie kraft des Recrutirungsgesetzes die MlUtäi Pflicht leisten, dabei sind sie auch hier vom Avancement ausgeschlossen, weil sie „Fremde" sind. Nach Erfüllung der Militärpflicht kehrt der rumänische Jude ins bürgerliche Leben zurück, aber nicht unbelästigt, denn er findet, daß es ihm obliegt, die Pflichten des bürgerlichen Lebens innerhalb derselben engen Grenzen aufzunehmen, wie jenem, der nie „des Königs Rock" getragen hat. Es ist wiederholt festgestellt worden, wieviele naturalisirte Juden es in Rumänien gibt, da aber die Angaben so sehr schwanken, ersuchte ich, um über diesen Punkt Gewißheit zu erlangen, die höchsten Behörden um die betreffenden Daten, und erfuhr, daß unter der verbesserten Verfassung 800 rumänische Juden „Helden von Plevna" oder Soldaten aus dem Kriege im Jahre 1877 auf collectrvem Wege naturalisirt wurden, und von dieser Zahl rumänischer Juden erklärten mehr als hundert, die noch leben, daß sie heute noch nicht im Besitz der Naturalisations-Documente sind, ohne welche der erwähnte Act das Staatsbürgerrecht nicht verleiht. Die Zahl der durch individuellen Parlamentsact naturaüsirten beträgt 72. Es ist nicht anzunehmen, daß diese Zahl (72 in 20 Jahren) je überschritten werden wird, mit Rücklicht auf das Bestreben, verfassungsmäßige Vorkehrungen gegen Erleichterung der Naturalisation zu treffen. Seit der Annahme der Verfassung ist sie in diesem Punkte vahin „verbessert" worden, daß bte Annahme eines Naturalisations-Vorschlages mit Zweidrittel-Majorität der gesetzgebenden Kammern zu erfolgen hat. Die Naturalisation eines Fremden erstreckt die Staatsbürgerschaft nur auf die noch ungeborenen Glieder seiner Familie, die schon lebenden hingegen müssen zu deren Erlangung den Naturalisations-Proceß abwarten. Der Bericht bespricht die Wohnungsverhältnisse der armen Juden und fährt fort: Was die unmittelbaren Ursachen der Emigration aus Rumänien betrifft, ließe sich viel darüber sagen, aber für den Zweck, den wir im Auge haben, dürfte es nicht nöthig sein, mehr zu sagen, als daß die Juden, die sich mit der zionistischen Bewegung identificirt haben, im Rufe stehen, die Emigration nicht nur angeregt, sondern vom Anfang bis zum Ende geleitet zu haben. Ob das so ist oder nicht, bin ich natürlich nicht im Stande, endgiltig darzulegen, aber es ist jedenfalls bezeichnend, daß der Wunsch, 6Q gros auszuwandern, gleichzeitig allenthalben in der rumänischen Judenschaft aufloderte und gerade zur Zeit, als sich der Zivnisten-Congreß zu seiner jährlichen Session rüstete. Der Cougreß fand sich bewogen, Rumänien zu verurtheilen und auf dieses unglückliche Land als auf eines hinzuweisen, das der Fortdauer der zionistischen Bewegung den reichlichsten Anlaß bietet. Ich habe es sorgfältig vermieden, Jemand zu nennen, von deni ich Informationen erhalten hatte, in einigen Fällen haben meine Gewährsmänner selbst verlangt, in einem officiellen Dokumente nicht genannt zu werden, aber in allen Einzelheiten habe ich die unanfechtbarsten Autoritäten für die vorgelegten Thatsachen; auch die Anklage gegen die Zionisten entbehrt nicht einer starken Autorität. Die rumänischen Juden können nicht nach ihrem eigenen Ermessen auswandern, da muß ihnen denn von Außen Hilfe geboten werden, wenn sie auswandern sollen. Im April und Mai des verflossenen Jahres wurden Gesellschaften von Personen zusammengestellt, die auszuwandern beabsichtigten, und sie wurden auffällig durch jüdische Niederlassungen zur Schau geführt auf den größten Umwegen mit der Absicht, ein allgemeines Gefühl der Beunruhigung wachzurufen. Welchen armen Juden könnte man dafür tadeln, wenn er ungeduldig in einem Lande wurde, wo er immer ein Fremder bleiben und von der Gnade seiner Nachbarn abhängen mußte — wenn er die begeisternden Klänge des „Auf nach Zion!" hörte, das von einem wandernden Zuge seiner Glaubensgenossen gesungen wurde, die auf dem Wege nach dem gelobten Lande waren. Ein übergroßer Andrang an der ersten Grenze war nicht unmöglich, an der zweiten nicht unwahrscheinlich, an der dritten unvermeidlich. Was konnte mehr nach dem Geschmack und zweckdienlicher für einen tagenden Congreß sein, der all seine Kräfte der Emancipation des verfolgten Israels widmet, als ein Andrang jüdischer Schutzsuchender auf manchen Punkten auf dem Wege zum ersehnten Hafen, der in diesem Falle die Bereinigten Staaten waren; solche Ueberfüllungen ereigneten sich an einigen Punkten an der Donau und in Holland. In jedem Falle schloß die gänzliche Mittellosigkeit der Auswanderer die Möglichkeit aus, sich aus Rumänien ohne Hilfe zu entfernen. Sie empfingen die größte Nachhilfe von der rumänischen Regierung, die, als sie sah, daß das Beharrungsvermögen überwunden war, ihnen hilfreiche Hand lieh, rndem sie armen Juden freie Eisenbahnbeförderung bis zur Grenze und freie Beförderung zu Schiff (für jene, welche es vorzogen, nach Holland zu gehen) auf allen von Galatz ausgehenden Dampferlinien zur Verfügung stellte. Ein sehr hervorragender Minister behauptete kühn, daß der Auszug der armer Juden, durch eine von der zionistischen Propaganda eingeschleppten Epidemie verschuldetworven sei, und ich zweifle nicht, daß er treffliche Gründe für diese Behauptung hatte. Als diese Leute die Reise antraten, waren sie schon damals so vom Noihwendigsten entblößt, daß sieunterwegs in Dörfern und Städten improvisirte Concerte abhielten und kleine Gaben von der angesammelten Menge absammelten, die der ungewöhnliche Vorgang angezogen hatte. Der mit der Bertheilung des „Baron Hirsch- Fonds" in den Balkanländern betraute Agent sagte mir. daß er nicht gestattet habe, daß die in seiner Verwahrung efindlichen Fonds zu Auswanderungszwecken benützt werden und natürlich durfte ich sein Wort nicht bezweifeln und doch scheint es nach seiner eigenen Angabe wahrscheinlich, daß der Fond vermuthlich ohne fein Borwiffen — angegriffen ward. Während der drei Monate, die am 1. August abliefen, hatte er 120.000 Francs an rumänische Juden vertheilt, 7000 hatte er an eine Gruppe ausgetheilt, die ganz mittellos aus Oesterreich zurückkehrte und so sieht man, daß 113.000 Francs in dem Zeiträume ausgegeben wurden, der diesen unseligen Auszug umfaßt. Und das war nicht Alles, ähnliche Agenten waren anderswo ebenso freigebig gegen sie. Ein solcher in Budapest theilte mir mit, daß er den armen Juden, die dort gestrandet waren, 25.000 Kronen für Ueberfahrtskarten von einem deutschen Hafen nach New-Aork gegeben habe. Ein anderer sagte mir, daß Baron Rothschild 120.000 fl. beigetragen habe, um einen ähnlichen Kostenpunkt zu bestreiten. Und da die Pariser und Frankfurter Juden gleichfalls sehr freigebig in der Unterstützung der Auswanderer waren, liegt nicht der entfernteste Grund vor, die wiederholt öffentlich in allen europäischen Städten aufgestellte Behauptung anzuzweifeln, daß das, was gewöhnlich die rumänische Emigration genannt wixd, eine orgamsirte Bewegung war, um eine große Menge der allerärmsten Classe rumänischer Juden von Rumänien nach den Bereinigten Staaten zu versetzen. Nach einigen Bemerkungen über die traurige Lage jüdischer Handwerker fährt der Bericht fort: Die politische Ungleichheit ist etwas, was in unseren Augen gewiß nicht zu entschuldigen, womit wir aber nichts zu thun haben, außer mit dem, daß sie nämlich die erste und eigentliche Ursache der fraglichen Emigration bildet. Aber um endgiltig Ihre Frage nach der Ursache, der unmittelbaren Ursache der Emigration zu beantworten, bin ich verpflichtet, zu sagen, daß die Schuld einzig an der Agitation liegt, die ihren Ursprung außerhalb Rumäniens hat und in die rumänischen Städte getragen wurde, woraus sich unzählige Drangsale für die irregeleiteten Opfer dieses eifervollen Kreuzzuges ergaben, und wobei sie den Steuerzahlern der Gemeinden, in welchen sie geneigt sind, sich niederzulaffen, neue vermehrte Lasten auferlegen. Geschäftliche Eifersucht ist die wirkliche Ursache von Rumäniens Mißtrauen gegen die Juden. Die rumänische Bauernschaft ist noch nicht sehr weit jenseits der Schwelle der Freiheit, da sie nach Jahrhunderten der Leibeigenschaft dieselbe erst vor