Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-08 · 6 (8.2.1901) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021392--10607-3035097
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6 Dr. Vloch's Wochenschrift- Seite 108 lange betriebene Hetze gründlich vorbereitet worden sei. Stadtverordneter Dr. Nathan widerlegt detaillirt die Auffassung, als hätten sich die Behörden in Könitz durch die Idee des Ritualmordes bei der Untersuchung leiten lassen. Einzelne Mißgriffe werden-gewiß vorgekommen sein, aber im Allgemeinen war doch der Standpunkt der Polizei- und richterlichen Behörden, daß man jeder Spur nachzugehen habe, daß aber Ritualmord auszuscheiden sei. Redner citirt die Erklärung des Criminalcommiffars Braun in seinem Bericht, die im Maßloffproceß vorgelesen wurde. Damals hat Braun ausgeführt, daß ein Aberglaube, der für die ganze Christenheit beschämend sei, der Aberglaube vom Ritualmord der Juden für ihn, der die Juden überall, auch im Orient kenne, nicht in Frage kommen könne. Auch die anderen Commiffare haben sich dieser Auffassung angeschlossen. Das Gerede von der Blutleere sei so wenig begründet, daß gerade die medicinischen Gutachter jeder einzeln nach Erklärung suchen, warum die Lungen und andere Körperiheile trotz der Auslaugung durch Wasser und Spiritus noch blutüberfüllt waren. Dr. Heinrich Meyer Cohn verglich die antisemitischen Hetzereien mit den Boxern in China, constatirte die Analogien und als einzige Verschiedenheit, daß die deutsche Regierung in China gegen die Lügen der Boxer auftrete, in Deutschland aber nicht. Die weitere Discussion drehte sich um Organisationsfragen. Die Versammlung schloß mit einer wohlverdienten Ovation für den Vorstand und besonders den Abgeordneten Rickert. Berlin. Eine wiffenschaftlich wie künstlerisch besonders interessante Musikaufführung verheißt der 26. Februar, nämlich eine Vorführung der Reste der altgriechischen und althebräischen Musik. Ganze Bibliotheken sind über die Musik der alten Griechen und Juden geschrieben, aber Klarheit schafften sie nicht, es fehlte am besten, an der Musik selber. Einige wenige Tonstücke waren zwar vorhanden, aber man traute ihnen nicht recht, weil sie erst durch die Tradition des Mittelalters hindurch auf uns gekommen waren. Erst die Ausgrabungen in Delphi 1893, bei denen mau mehrere Marmorblocke mit Musikstücken zu Tage förderte, brachten mehr Licht. Eine tiefe Bewegung ging damals durch die ganze gebildete Welt, die noch lange nicht zum Stillstand gekommen ist. Um den gelehrten Kreisen Berlins eine lebendige Anschauung dieser.eigenartigen. Tonwelt zu verschaffen, wurde 1866 der Professor der Musikwissenschaft an hiesiger Universität, Dr. Oskar Fleischer, aufgefordert, in der Universitätsaula eine griechische Musikausführung zu veranstalten, und wer damals den Vorzug hatte, eine Einladung zu erhalten, dem werden die dort gewonnenen tiefen Eindrücke unvergessen geblieben sein. Seitdem kamen in Berlin diese Reste der altgriechischen Tonkunst 1868 wieder bei einem Feste des Allgemeinen Deutschen Schulvereins in« neuen königlichen Operutheater vor einem mehrtausendköpfigen, begeisterten Publicum zur Aufführung. Erst jetzt wieder ist eine Aufführung geplant, die außer der griechischen auch noch altüberlieferte hebräische Gesänge umfaßt. Letztere sind von nicht minder hoher, wenn auch ganz und gar anders gearteter Schönheit, und man darf wohl hoffen, daß die musikalischen Kreise Berlins sich eine so seltene Gelegenheit nicht entgehen laffen Werdens um eine lebendige Anschauung der Grundlagen zu gewinnen, aus denen sich die christliche und moderne Musik allmälig aufgebaut Hai Der Ertrag des Concertes ist zu Humanitären Zwecken, zur Hälfte für die Verwundeten in China, zur anderen Hälfte für die rumänischen Juden, bestimmt. Paris. In der französischen Kammer gab es dieser Tage eine kleine Scene, die so charakteristisch ist für die Feigheit der Antisemiten, daß sie nicht übergangen werden darf. In einer Rede über das Ordensgesktz rief der Antisemit Lafies: „Sie sprechen immer von der Milliarde der geistlichen Orden, diese Milliarde wurde von frommen Personen gestiftet, warum sprechen Sie niemals von den achtzig Milliarden, die die Juden und Protestanten den Franzosen gestohlen haben?" Darauf unterbrach der Abgeordnete Bischoffsheim den Redner mit dem Zwischenrufe: „Ich bin Jude! Wann habe ich jemals etwas gestohlen?" Lasies erwiderte feig: „Sie greifen die Katholiken im Allgemeinen an, da darf ich wohl auch verallgemeinern!" Wenn sich nur überall Männer fänden, die den antisemitischen ^ramarbaffen immer so entschieden entgegentreten würden! Bestochene Antisemiten. Eine recht erbauliche Geschichte macht jetzt in Poris Runde; Ganz offen wird erzählt, die Pariser Gasgesellfchast habe die Nationalisten, die Beherrscher des Pariser Gemeinderathes, bestochen, um eine fünfzigjährige Verlängerung ihres Monopols zu erhalten. Das Monopol der Pariser Gasgesellschaft läuft nämlich 1906 ab und muß dem Vertrage gemäß fünf Jahre vorher, also in diesem Jahre, gekündigt und erneuert werden. Schon in der Gemeindewahlcampagne hat die Gasfrage eine große Rolle gespielt. Bei dem allgemeinen Unmuth der Gasconsumenten über die hohen Gaspreise mußten die nationalistischen Candidaten der Wählermaffe eine Verbilligung des Gases versprechen. Andererseits aber waren sie fest entschlossen, das Gasmonopol zu erneuern. Dazu trieben sie theils ihre capitalistischen Jnstincte, theils die klingende Hilfe der Gasgesellschast in der Wahlagitation. Um dieser tviderspruchsvollen Aufgabe gerecht zu werden, haben die Demagogen monatelang mit der Gasgesellschaft Unterhandlungen geführt in der Absicht, die Gasverbilligung für die Gesellschaft durch die Erneuerung des Monopols unter Vernachlässigung der Interessen der Stadt annehmbar zu machen. Die Gesellschaft beantragte die Herabsetzung des Gaspreises auf 20 Centimes zu Anfang 1902 unter der Bedingung der Uebergabe des Gasbetriebes an eine „neue" Pachtgesellschaft, die nichts anderes war als eine Fortsetzung der alten Gesellschaft, wobei der neue Pachtvertrag die Stadt für die fünfzig-, jährige Dauer des Pachtes um Hunderte von Millionen schröpfte. Zahllos sind die cynischen Manöver, die von der antisemitischen Gemeinderathsmehrheit Hand in Hand milder Monopolgesellschast in Scene gesetzt wurden, um die Stadt für weitere fünfzig Jahre zu binden. Aber alles half schließlich nichts. Die unablässige und sachkundige Opposition insbesondere der socialistischen Minderheit hat die sauberen Pläne vereitelt. Als es zur Entscheidung kam, mußten einige Nationalisten, die aus die Dummheit ihrer Wähler nicht sonderlich vertrauen, von der Mehrheit abbröckeln (darunter der Präsident Grebauval). und die Vorschläge der betreffenden Commiffion, das heißt der Monopolgesellschaft wurden mit Stimmengleichheit (38 gegen 38 Stimmer) abgelehnt. Mit derselben Stimmengleichheit fiel freilich der socialistische Vorschlag auf Uebernahme des Gasbetriebes durch die Stadt. Da die Abstimmung völlig ergebnißlos blieb, tauchte der Vorschlag auf, eine Volksabstimmung in der Gasfrage durchzuführen. — Die Nationalisten betrieben ihre Machenschaften so frech, daß sie sogar im G'meinderath in der entscheidenden Sitzung mit dem auf der Galerie anwesenden Leiter der neuen Gesellschaft ein gemeinsames Manöver aufsührten. Diese Umstände haben nicht nur die Aussichten der Cvmmunalisiru ig des Gasbetriebes erhöht, sondern auch den Nationalismus im Allglmeinen schwer discreditirt. In der republikanischen Preffe aller Schattirungen verlangt man jetzt eine strenge Untersuchung der Geschäftsbücher der Gesellschaft, um namentlich den von ihr dem Gemeindewahlfonds der „Liga des französischen Vaterlandes" zugewendeten Geldern auf die Spur zu kommen. Außerdem spricht der zuverläffige „Matin" von sehr vortheilhasteu „Publicitätsverträgen", die die Gasgesellschaft mit mehreren Zeitungen abgeschlossen hat, Verträgen, die von der Panama- Affaire her berüchtigt sind als ein Deckmantel der Preßcorruption London. (Die Juden von East-London und die Kölligin Victoria.) Wenn irgendwo die Trauer um die Hingeschiedene Queen in England nicht nur officiell, sondern tief aus den Herzen kommend war, so war dieses in Whitechapel, Spitalfield und anderen Theilen des Ghetto von London der Fall. Die Bevölkerung dieser Gegend, welche die Idee von der Allmacht des Herrschers aus ihrer ruffischen Heimat über's Meer mit hinübergenommen hat, war stets fest davon überzeugt, daß sie die in England genoffene goldene Freiheit ausschließlich dem guten Willen der Königin Victoria verdankt; daher waren die ruffischen Juden Londons über den Tod der „guten Malke" aufrichtig betrübt. Gegen Abend, nach Schluß der Geschäfte und Fabriken, bildeten sich an allen Straßenecken des Londoner Ghetto zahlreiche Gruppen, welche eifrig discutirend unter lebhaften Gesticulationen das große Ereigniß besprachen. Wer im Besitze einer Jargonzeitung war, holte diese hervor und verzapfte aus derselben seinen aufhorchenden Hörern das Allerneueste. Die Unterhaltung wurde einige Stunden darauf in den Cafös und den jüdischen Restaurants von Whitechapel lebhaft fortgesetzt. Reminiscenzen aus dem Tode der Czaren Alexander ll und UI. wurden ausgekramt und die übereinstimmende Meinung war, daß Königin Victoria eine gute Malke war, die, obwohl Richljüdin, nach dem Ausspruch des Talmud dennoch im Paradies thronen werde. Heißt es doch in einem in Whitechapel vielfach gesungenem Liede: England reichte mir die rettende Hand Da ich trostlos verließ das Tyranneuland.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.