Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021392--10606-3035096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 102 Vr. Rwch's Wochenschrift» Nr. 6 k. k. Bezirksschulrathes der Stadt Friedek und in Folge seiner vielfachen Verdienste ihr Ehrenbürger und lange Jahre hindurch Mitglied des Ausschusses des ehemaligen Cultusvereines Friedek- M'stek-Colloredow. Es waren aber nicht die Aemter und Würden, die den Verblichenen zu einem der populärsten Männer machten es war vielmehr sein umfassendes Wissen, sein humanes Wirken, sein bescheidenes Wesen und die Uebung aller jener Tugenden, die den Menschen zieren; mit Recht kann man sagen: Dr. Spitzer war die Zierde seines Standes und Stammes. Daher ist die Trauer eine allgemeine; her herbe Verlust, der die Hinterbliebenen mit aller Wucht traf, wird von jedem Einzelnen als persönliche Einbuße gehalten. Wiewohl der Verblichene, seiner Schlichtheit eutsprechend, sich jedes prunkvolle Leichenbegängniß, jeden Blumenschmuck und jede Grabrede verbeten hatte, gestaltete sich der Leichenzug durch die ungeheure Menschenmenge und die auf jedem Gesichte wahrnehmbare Ergriffenheit zu einer imposanten Kundgebung, wie sie hier überhaupt noch nicht vorkam. Von dem Gemeindehause, dem Stationsgebäude und den Fabriken wehten schwarze Fahnen, der Gemeinderath war zu einer Trauerkundgebung einberpsen und beschloß, zum dauernden Andenken an dasverdien st volle, s e g e n sr e ich e Wirken des Todten auf dessen Grab ein Denkmal zu errichten, in der Odewra-Lackiseda hielt Vorstand-Stellvertreter Herr Adolf Reik einen tiefempfundenen Nachruf, viele Mitglieder der Cultusgemeinde hinterlegten statt der ab gelehnten Kränze zu Händen des Cultus-Vorstehers Herrn Hermann Löw größere Beträge zur Errichtung eines Fonds für arme israelitische Studenten und auch die Idee einer Dr. M. Spitzer'schen Stiftung bricht sich Bahn. Während des Leichenbegängnisses waren sämmtliche Geschäfte geschloffen, Böllerschüsse durchzitterten die Lust und in der ganzen Stadt brannte das elektrische Licht. Während des Conductes bildeten die Volks¬ und Bürgerschüler Spalier. An dem Leichenzuge nahm das Waisenhaus, die Feuerwehr, der Veteranenverein, Bahnbedienstete und Karlshütter Arbeiter theil. Hinter den Trauernden schritten der Magistrat und Gemeinderath der Stadt Friedek mit dem Bü'germeister Herrn Eduard Koltscharsch, ferner Karlshütter und Baschkäer Hüttenbeamte, die erzherzogliche Schloß- Oeconomie- und Dompfsäge Berwalmng unter Führung des erzherzoglich Friedrich'schen Eameral-Direcrors Herr Walcher Ritter von Uysdal, des Gewerksinspectors Herrn Hohenegger und des Landtags-Abgeordneten Dr. Bukowski, der Eczpriester von Friedek?. Andreas Kuczera, die k. k. Beamten der Schwesterstädte, der k. k. Bezirksschulrath, die Bahnbeamten, Abordnungen der Gemeinde-Vertretuugen von Mistek und Colloredow, der Präses der Cultusgemeinde Tesche» Herr I. Ph. Glesinger. der Gesammtvorstand der israelitischen Cultusgemeinde Friedek-Mistek, zahlreiche Aerzte, der Männergesangsverein deputativ, die Krankencassen, die Großindustriellen, die 6b6wrL-L3.äiseIiL u. s. w. nebst einem unübersehbaren zahlreichen Publicum aus Stadt und Land. Nach einem ergreifenden Gebete des Herrn Rabbiner Dr. I. Bergmann wurde der Sarg dem Schoße der Erde übergeben. Berlin. Am 27. Jänner fand im Saale des Architektenhauses die diesjährige Versammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt, die diesmal sehr zahlreich besucht war. Unter den Anwesenden bemerkten wir die Abgeordneten Rickert, Barth, Schräder, Endemann. Pellasohn, ferner viele Stadtverordnete und andere angesehene Männer aus Berlin, aus Sttttin Archivar Dr. Winter, aus Frankfurt Charles I. Hallgarten, aus Hannover Senator Fischer, sowie noch eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten aus anderen Provinzstädten. Herr Rickert, der derzeitige Vorsitzende des Vereines, eröffnete die Versammlung und gab einen Bericht über die Leistungen des Vereines und über den gegenwärtigen Stand der antisemitischen Bewegung. Unzweifelhaft ist Wesentliches erreicht worden, aber die antisemitische Bewegung dauert fort und wird noch auf lange hinaus eine ernste Gefahr bilden, der gegenüber die Kräfte des Vereins viel zu schwach erscheinen. Der Vorstand des Vereines kann eben nur so viel leisten, als die Mitglieder ihm durch finanzielle und persönliche Hilfe ermöglichen. Herr Rickert besprach dann die Vorgänge in Könitz und erwähnte auch die Thätigkeit des Pastors Krösell aus Kloxin. der in der Pyritzer Gegend herumreist und unter der Maske von wissenschaftlichen Vorträgen die Bevölkerung durch Propagirung des Märchens vom Blutmord aufhetzt. Bei dieser Gelegenheit erfuhren die Anwesenden zu ihrem großen Erstaunen, daß dieser Hetzpastor für seine Borttäge nicht allein die Schulräumc eingeräumt erhält, daß sogar in einem Falle für ihn die Wände der Classenzimmer entfernt wurden, um ihm den Raum für ein großes Auditorium zu schaffen. Eine Beschwerde der jüdischen.Gemeinde in Pyritz hat das pommersche Consistorium zurückgewiesen, weil der Pastor nachträglich bestreitet, aufreizende Reden gehalten zu haben. Herr Rickert stellte weitere Schritte in dieser Angelegenheit in Aussicht sowie eine Besprechung dieser Vorgänge beim Cultusetat im Abgeordnetenhause. Nach Herrn Rickert ergriff Herr Professor Strack das Wort zu einem Vortrage über den- Ritualmord. Derselbe führte aus, daß er kein Mitglied dieses Vereines sei, auch den religiösen und politischen Standpunkt des Vorstandes nicht theile, aber er fühle sich gedrungen, in dieser Frage das Wort zu nehmen, weil gerade der wahre Christ die Pflicht habe, in dieser Sache zu bezeugen, daß die Angriffe gegen das Judenthum, die dasselbe beschuldigten, daß seine Religion oder die einer seiner Secten den Blutmord verlange, auf Lügen beruhen. Gerade er, führte Strack aus, müsse sich dieser Pflicht unterziehen, denn er sei gegenwärtig jedenfalls derjenige Professor an den preußischen Universitäten, der sich am meisten mit dem hebräischen Schriftthum und der Blntmordfrage beschäftigt habe. Der Gegensatz zwischen Juden und Christen müsse durch diese Angriffe auf die jüdische Religion um so mehr verschärft werden, als diese doch das einzige sei, was alle Juden verbindet. Bei Angriffen, die sich gegen die Juden als Betrüger richteten, könnten die ehrlichen Juden noch sagen, daß diese sie nicht angingen, ebenso bei ähnlichen Beschuldigungen, aber bei Angriffen gegen ihre Religion sei es nur zu natürlich, daß die Juden verbittert würden, und auf das Christenthum übertrügen, was schlechte Menschen, die sich Christen nennten, verschuldet hätten. Um so größer sei die Pflicht der wenigen Christen, die' auf diesem Gebiet überhaupt mitsprechen könnten, ihr Zeugniß für die jüdische Religion abzulegen. Die Antisemiten seien die schlimmsten Feinde des Christenthums, die dasselbe in den Augen der Welt erniedrigten. Darum spreche er wie vor ihm Wagenseil und Delitzsch im Geiste des Christenthums, wenn er die Antisemiten bekämpfe. Diese seine Thätigkeit habe ihm schon viele Angriffe und Beschimpfungen eingetragen, aber auch manche begeisterte Zustimmung von christlicher Seite. So habe er vor Kurzem von der allgemeinen Missionsconferenz, die in Köln getagt habe, eine Zuschriftmit begeisterter - Zustimmungerhalten, - und gerade diese Mission, die zugleich das orthodoxe Christenthum vertrete und vor anderen den Vorzug habe, daß ihre Mitglieder am besten über die einschlägigen Schriften und Verhältnisse unterrichtet seien, sei berufen, ihr Urtheil abzugeben. Redner geht dann noch auf Einzelheiten der Konitze: Vorgänge ein und betont, daß die Fälle von Blutaberglauben gerade bei den Juden äußerst selten und viel seltener als bei anderen Konfessionen Vorkommen. In der Discussion ergreift zunächst 'Pastor Schmeidler das Wort, um von seinem speciellen Standpunkt aus als Christ gegen den Antisemitismus zu protestiren. Er habe die Beobachtung gemacht, daß, wenn die Wogen des Antisemitismus besonders hoch gehen, die Zahl der Juoen, die sich taufen lassen, immer abnehme!!! Sanitätsrath Neumann spricht seine Freude aus, daß Christen vom christlichen Standpunkt aus den Kampf gegen den Antisemitismus aufnehmen wollen. Eingehend auf Einzelheiten bei der Untersuchung, die in Könitz wegen des Mordes an Winter geführt wird, sucht Redner nachzuwcisen, daß die Behörden die Untersuchung von Anfang an unter dem Gesichtspunkt des Ritualmordes geführt hätten. Dr. Endemann-Kassel gibt einen Bericht aus Kurhessen, der einen erfreulichen Rückgang des dortigen Antisemitismus constatiren kann. Bemerkensw rth sei indessen, daß gerade die Lehrer der höheren Lehranstalten die Träger dieser Bewegung seien. Abgeordneter Dr. Barth wendet sich gegen die allzu zarte Behandlung der Regierung. Solange die Regierung das Grundgesetz der Verfassung, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, verletze, solange werde der Antisemitismus nicht aufhören. Nicht nur bei dem Militär, auch in allen anderen Refforts werden die Juden zurückgesetzt nur ihrer Religion wegen, und dieser Zustand sei natürlich ein steter Ansporn für die Hetzer. Alle Staatsbürger sind gleich, und bei der Besetzung einer Stelle darf nicht nach der Confessio» gefragt werden. Darum muß sich der eigentliche Kampf gegen die Behörden richten, er muß im Reichstag und Landtag geführt werden, und Redner findet, daß es bei dieser Sache sich gar nicht um christlichen oder jüdischen Standpunkt handeln dürfe, sondern nur um den Standpunkt der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Baurath Benoit verweist darauf, daß der Boden in Könitz für die Judenhetze durch die Nähe von Neustettin und die dort schon so