Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr Vloch's Wochenschrift. Seite 97 das Wort, daß in der Race die „Schweinerei" liege, man bezeichnete es als gleichgiltig, ob die Juden gehenkt oder geköpft werden, man forderte, daß sie in der Donau ertränkt werden. Man unterschied zwischen Menschen und Juden und durfte ungestraft verlangen, daß ein Schußgeld auf sie ausgesetzt werde. Die Generation wurde dazu erzogen, daß Einer an den Qualen des Anderen sich weide. Tief hinein in die Seele des Volkes fraß sich die Rohheit, die Entmenschung, die Verthierung. Wenn es als socialpolitischer Grundsatz gepriesen wurde, daß des Einen Tod des Andern Brot sei, warum sollte dieser Grundsatz zuletzt nicht auch in die Familien Eingang finden? Wenn es gestattet war, unschuldige Kinder mit blutigem Hasse zu verfolgen, weil sie einer „Race" angehörien, die angeblich den Ariern im Wege stand, warum sollte sich dieser Haß zuletzt nicht auf. die eigenen Kinder übertragen, die den Ellern zur Erlangung behaglichen Lebensgenusses im Wege standen? Wenn man einmal den Anfang gemacht hat, Gottes Ebenbild, den Menschen, geringer zu achten als das Vieh, wie sollte da das menschliche Empfinden nicht Schaden leiden und die Bestie im Menschen nicht ihre Zähne fletschen, wo es sich um den Vortheil gegenüber dem eigenen Nachwuchs handelte? Kinder der Liebe — find sie mehr werth, als die Kinder der verhaßten „Race"? Sie sind ja lebendige Zeugen der Schande, die erst nachträglich getilgt wurde. Wer erforscht die Seelenregungen eines Weibes, das zu früh gefallen und zu spät die Ehrbarkeit erlangt hat? Und wenn nun öffentlich gepredigt werden durfte, daß es keine Sünde wäre, ein ganzes Volk ob seiner Herkunft zu morden, wie sollten es diese verrohten Gemüther als Sünde betrachten, ein einziges kleines Kind ebenfalls nur um seiner Herkunft zu morden? Man mußte es freilich so einrichten, daß dem Morde nicht die gefürchtete Strafe folge Und wenn es möglich ist, ein ganzes Volk dem langsamen Verhungern auszusetzen, wie dies in Galizien mit den Juden geschieht, warum sollte es nicht möglich sein, auch ein kleines, schwaches Kind langsam verhungern zu lassen? Da haben Sie. Herr Staatsanwalt, die Psychologie der modernen Kindermißhandlungen und Kindermorde. Sie werden dieselbe hoffentlich als eine werthvolle Ergänzung Ihrer Studien entgegennehmen und daraus die entsprechenden Consequenzen ziehen. Sehen Sie doch, mit welcher Bosheit sich unsere christlich-socialen Volkserzieher über den Schmerz jener bejammernswerthen Eltern lustig machen, deren Kinder man geraubt und hinter Klostermauern lebendig begraben hat! Vom straflos gebliebenen Kinderraub zum scheußlichen Kindermord — ist der Svrung so weit? Von all' der blutigen Menschenhatz, die seit Jahrzehnten in Oesterreich geduldet wird, bis zu jener Verthierung, die das eigene Fleisch und Blut zu Tode martert — gibt es nicht Zull mmenhänge, die auch eine öffentliche Anklage erheben? Ihr Studium, Herr Staatsanwalt, hat uns mit aufrichtiger Freude erfüllt, denn wir ersehen daraus, daß an jener verantwortungsvollen Stelle, die zur Wahrung des Gesetzes berufen ist, neben dem strengen Rechte auch - die milde Menschlichkeit thront, die Mitleid empfindet mit der armen Creatur und die aus diesem Mitleide heraus die Kraft schöpft, die Uebelthäter mit der vollen Wucht des Gesetzes zu treffen. Aber, Herr Staatsanwalt, bleiben Sie nicht auf halbem Wege stehen, ziehen Sie den Kreis Ihrer sociologischen Forschungen weiter. Gehen Sie den Urquellen der Verwilderung und Gemüthsverrohung nach und fragen Sie sich, warum die Kindermißhandlung und der Kindermord specifisch arische Verbrechen sind! Und die Antwort auf diese Frage werden Ihnen die antisemitischen Menschenjagden geben! Aus dem Tande der Junker. Die Verhandlungen des preußischen Landtages haben diesmal ein Jntereffe geweckt, weit über die Grenzen des Staates. Bei einer Discussion über die Kohlentheuerung erklärte der Handelsminister, der zugleich der Chef der Bergwerksverwaltung ist, Herr Brefeld, der Handel sei ein nothwendiges Uebel. Er hat bald darauf diesen Satz erläutert; er habe nicht den ganzen Handel gemeint. Wie könne man annehmen, daß er als Handelsminister den Handel so beurtheilen werde. Er habe nur den Kohlenhandel gemeint, und streng genommen, nur den Handel mit Kohlen aus den fiskalischen Gruben. Es ist freilich anzunehmen, daß das Urtheil des Herrn Brefeld über den Handel minder ungünstig ausgefallen wäre, wenn er zufällig über den Kuhhandel oder den Pferdehandel zu sprechen gehabt hätte. Aber wenn wir auch den Inhalt seiner Worte auf das engste Maß einschränken, wenn wir annehmen, er habe nur gesagt, der Kohlenhandel sei ein nothwendiges Uebel, so bleibt es doch eine geradezu erstaunliche Thatsache, daß eine solche Aeußerung im Landtage fallen konnte und seitens des Mannes fallen konnte, der das Amt eines Handelsministers bekleidet. Ein Blatt, das den Tendenzen der Adelsgenoffenschaft dient, hat vor einigen Monaten ausgeführt, jeder Handel sei ein unwürdiger Schacher und ein echter Edelmann werde nie ein Kaufmann werden. Solche Aufsätze sind ja werthvoll, weil fie geeignet sind, die Gesinnungen unseres ostelbischen Junkerthums an das Licht zu ziehen. Herr Brefeld ist aber nicht Redacteur eines Adelsblatts, sondern Handelsminister. Der Landwirthschaftsminister tritt jederzeit für die Interessen der Landwirthschast, der Kriegsminister für die Jntereffen der Armee, der Unterrichtsminister für die Jntereffen der Schule ein. Vor allen Dingen weisen sie jeden Angriff auf die Ehre der ihnen anvertrauten Institute zurück. Es wäre wohl keine unbescheidene Forderung, daß der Handelsminister für die Jntereffen des Handels ein warmes Herz hat. Man sollte glauben, daß es einem Manne peinlich sein müsse, sich selbst als den Pfleger eines nothwendigen Uebels zu betrachten. „Euch, Ihr Götter, gehört der Kaufmann!" Dieses Wort Schiller's sollte jedem Handelsminister geläufig sein. Wer die Bedeutung des Handels überhaupt zu erläutern weiß, wird nicht in die Lage kommen, gerade den Kohlenhandel als ein Uebel zu betrachten. Im preußischen Abgeordnetenhause scheinen die Minister eine Art Wettrennen anzustellen, wer den anderen an Ungeschick übertreffen kann. Auch Herr Schönstedt, der Justizminister, hat sich an diesem Wettrennen betheiligt. Er hat auf eine Anfrage betreffs der ungleichartigen Behandlung von Christen und Juden in der Justizverwaltung mit einer verblüffenden Naivetät erklärt, daß das „Jntereffe der Bevölkerung" darüber entscheide, wie weit die Berfassungsbestimmung von der Gleichberechtigung der Confessionen Wahrheit werde oder auf dem Papier bleibe. Und als mildernden Umstand hat er für s in Reffort geltend gemacht, daß in anderen Ressorts die Juden noch viel schlechter daran wären. Als er freisinnigerseits daran erinnert wurde, daß Preußen ein sogenannter Rechtsstaat sei, blieb der Justizminister einstweilen die Antwort schuldig. Eigentlich müßten die übrigen Minister sammt und sonders gegen den Justizminister vereint Front machen und Verwahrung dagegen einlegen, daß sie ihre Berwaltungsgrundsätze ohne Rücksicht auf preußisches Verfassungsrecht und auf Reichsrecht einrichteten. Durch ein derartiges Anerkenntnis einer bestehenden Thatsache hat unseres Dafürhaltens der Herr Justizminister, freilich unbeabsichtigt allen seinen Collegen im Ministerium eine kränkende Beleidigung zugefügt. Werden die Herren das ruhig hinnehmen? Werden fie schweigend darüber vor der Oeffentlichkeit quittiren? Herr Schönstedt hat ein gefährlich Spiel begonnen; er hat, wie der Dr. Martinus Luther zu sagen pflegte, „der Katze die Schelle angehängt". Und diese Schelle wird noch lange, lange klingen — darauf kann sich Herr Schönstedt verlassen. Man hat zur Zeit, als er die Verwaltung der Justiz übernommen, in der Oeffentlichkeit viel von einem sogenannten Schönstedt'schen Programm nach einer gewissen Richtung hin gesprochen. Wir wollen daran nicht glauben. Aber" manche öffentlichen Vorkommnisse laffen sich nun einmal nicht aus der Welt schaffen; sie geben vielmehr allerhand zu denken. So oft nämlich irgend wer Gelegenheit gehabt hat, mit irgend einem Ministerialdirektor in gewissen Anstellungsfcagen