Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 96 Vr. Bloch's Wochenschrift. Ar. 6 Die beiden großen Apostel des Judenstaates verfügen nicht minder über eine mächtige öffentliche Tribüne — in eurem hoch angesehenen, weit verbreiteten und einflußreichen Journal. Von dieser Tribüne aus hätten sie die zionistische Heils lehre der Welt predigen sollen und müssen. Welch' ein Triumph wäre das für die zionistische Partei und welch' große mächtige Impulse wären solcherart der Zionisten-- bewegung zugeführt werden! Allein das wurde ihnen verboten, haben sie sich verbieten laffen! In der »Neuen Freien Presse" schreiben sie über Theater und Novellen, reden über Bücher und Bilder, erzählen von italienischen und Schweizer Reisen oder einen Pariser Klatsch — dort wird der Welt berichtet von der Literatur und der Politik aller Länder und Staaten, von den nationalen Regungen und Bewegungen innerhalb der winzigsten Bolksstämme, man liest die genauesten Urtheile und Perspectiven über alle Parteien und Fractionen, die Liberalen und die Demokraten, die Conservativen und die Nationalen, über den Socialismus, Antisemitismus u. s. w. Nur das Wort »Zionismus" bleibt verpönt und sein den Redacteuren so geläufiger Klang darf von dieser Tribüne nicht vernommen werden; nur über die Errichtung des jüdischen Zukunftsstaates in Palästina, was doch das Heiligste ihres Herzens ausmacht, schweigen sie. Darüber zu reden auf ihrer Kanzel ist ihnen nicht gestattet, bleibt ihnen verboten! Wer also sind die »Lohnschreiber"? Vergebens wird man in der gesammten politischen Geschichte Europas nach einem zweiten Beispiele suchen, daß hervorragende, begabte, öffentlich anerkannte Parteiführer, welche gleichzeitig wichtige publicistrsche Stellungen berufsmäßig bekleiden, einen solchen unwürdigen und beschämenden Zwang sich gefallen ließen, daß sie über alle wichtigen Angelegenheiten das öffentliche Wort reden, aber unbedingt schweigen müssen von all jenen politischen und nationalen Idealen, welche chnen, wie sie behaupten, die heiligsten sind. Wo sind die »Lohnschreiber"? Wo nur irgend ein Jude in angesehener Position, sei es vermöge seiner Vertrauensstellung, sei es vermöge fernes Berufes, auf ferne Glaubensgenoffen ernen moralischen Ernfluß auszuüben in der Lage ist und ihn nicht ausübt rm Sinne und sür die Zwecke der neu-zionistischen Secte, gegen den wird von Zeit zu Zeit ein Haberfeldtreiden veranstaltet, der wird verlästert, verleumdet, in seiner Ehre geschädigt, er ist vogelfrei. Das geschieht im Dienste der Propaganda für dre große judenstaatlrche HeÜslehre. Nur zwei Männer in Oesterrerch blerben bewahrt vor derartiger Hermsuchung und Anfechtung, gerade die einflußreichsten und genialsten, die Hauptrepräsentanten der A s s r m ilationspolitik: die Herren Doctor Eduard Bacher und Woriz Benedikt, Herausgeber der „Neuen Freien Presse". Wer sind also die „Lohnschreiber"? »Assimilation", einst eine vrelgefeierte Schöne, nunmehr bereits stark abstrapazirt, hat ihr eigentliches Heim in der Flchtegaffe Nr. 11. Dort hält sie ihren Salon und führt das Scepter. Trotz respectabeln Alters und herber Erfahrungen hat sie das Gefallen an Abenteuern nicht eingebüßt und geht täglich auf Eroberungen aus. Als Kammerjungfern, welche ihr die Unterröcke schnüren, den dürftigen Leib mit nöthiger Füllung versehen, sie putzen und schminken, um ihre Reize zu erhöhen, üben das Amt mtt Chic und voller Grazie die beiden allzeit gesinnungstüchtigen Zionistenführer Jsraet's. Bei diesem Berufe tyäle es gut, sich häufiger eines Spiegels zu bedienen. Wo sind die „Lohnschreiber"? Mag Herr Nordau uns beschimpfen, mag er uns ^lieb haben, das Eine ist keine Ehrenkcänkung und das Andere ist keine Schmeichelei. Nur unreifen Buben jeglichen Alters vermag er zu imponiren. Die geistig Gereiften und Unabhängigen haben sich das Urtheil über ihn bereits endgiltig gebildet. Lindermorde in der Epoche des antisemitischen Regimes in Wien. Eine Sage aus vorgeschichtlicher Zeit, das schaurige Gastmahl Thyestes, wird in unserem, auf seine Humanität und Cultur so stolzen zwanzigsten Jahrhundert zur Wirklichkeit. Auf dem Gerichtstische ein Haufen Asche uub halbverkohlter Knochen — die Reste eines Kindes, dessen Körper der eigene Vater zerstückelt hat, während die Mutter an den brennenden Gliedmaßen die Mittagsmahlzeit kochte. Die Unmenschlichkeit ist nicht auszudenken und doch ist sie so entsetzlich wahr, wie das Martyrium, das dieses Kind bei Lebzeiten erlitten, wie die grauenhaften Qualen, mit denen andere Kinder von den eigenen Eltern langsam zu Tode gemartert werden. Ist es Zufall, daß diese Fälle sich häufen, daß dem Ehepaare Hummel das Ehepaar Kutschera und diesem das Ehepaar Ott folgte? Der Staatsanwalt konnte auf eine förmliche Casuistik solcher Kinderfolterungen Hinweisen, die alle darauf abzielen, das beklagenswerthe Opfer aus der Welt zu schaffen, ohne daß der Arm des Gesetzes die teuflischen Mörder zu packen vermöchte — eine entsetzliche Steigerung jener „Engelmacherei", die unter der bäuerlichen Bevölkerung betrieben wird. Der Vertreter der Staatsbehörde hat von einem ganzen Studium gesprochen, das er diesem Gegenstände widmete und er hat auf Grund seines Studiums einen vollständigen Leitfaden dafür, „wie mau Kinder mordet", vor den Geschworenen entwickelt. Aber die Darlegungen des Staatsanwaltes waren einseitig. Er hat uns nur die Physiologie des Kindesmordes" vorgeführt, ist uns jedoch die Psychologie dieser entsetzlichen socialen Erscheinung schuldig geblieben. Der Vertheidiger hat sie oberflächlich gestreift, als er von den hungernden und frierenden Schulkindern sprach. Das Elend der Großstadt spielt dabei eine Rolle, aber es könnte nur jene Fälle erklären, in denen Eltern m i t ihren Kindern dem Jammer dieses Daseins durch einen plötzlichen Entschluß oder eine plötzliche Verwirrung des Geistes entfliehen. Hier besiegt die Liebe der Eltern zu den Kindern die Schrecken des Todes, hier ist es das Mitleid mit den hilflosen Kleinen, das zum Verbrechen führt. Die Entmenschung aber, die mit kalter Grausamkeit sich des eigenen Fleisches und Blutes zu entledigen trachtet, die selbstsüchtig das eigene Leben durch die Hinmordung der Kinder behaglicher gestalten will, ist mit dem socialen Elend allein nicht zu erklären. Hier wirken tiefere Ursachen, hier bekundet sich eine Abstumpfung und Verhärtung gegen jedes menschliche Empfinden, die das Ergebniß einer seit Jahrzehnten systematisch betriebenen Verrohung der Volksseele ist. Turgenjew schildert irgendwo eine schauerliche Menscheujagd. Ein kleiner zehnjähriger Bauernjunge wird mitten in eine Wiese gestellt, und nun hetzt der übermüthige Schloßherr seine Bluthunde auf das Kind, bis es Mit keuchender Brust zusammenbricht und von den Bestien zerfleischt wird. Und hinter der Meute her jagt mit Hussa! und Hallo! der edle Junker und weidet sich an der wahnsinnigen Todesangst des Opfers und zuletzt an den Zuckungen des zerfetzten Fleisches. Haben wir solche Menschenjagden nicht auch in Wien erlebt? Mit den armenjüdischeu Hausirern, die in den Gasthäusern ihren armseligen Kram fellbieten, um ein paar Kreuzer für die darbende Familie zu verdienen, hat es begonnen. Damals zuerst ist die Achtung vor dem Ebenbilde Gottes mit Füßen getreten, ist der Name „Mensch" entweiht worden. Man hat ihnen ins Gesicht gespieen, sie beim Barte gerauft, ihren dürftigen Kram mit Hoyngelächter zertrümmert und sich geweidet an dem Jammer dieser armen Menschen. Unter dem trunkenen Johlen der Menge zeigte einer der Führer die Strohpuppe eines Polnischen Juden die am Galgen auf- und abgezogen wurde. In die empfänglichen Kinderseelen wurde die Saat des Hasses gestreut. Bald waren die Judenkinder der Gegenstand des Hohnes - und Spottes ihrer Schulkameraden. Wer erinnert sich nicht des gräßlichen Vorfalles, der sich vor einigen Jahren in Hernals ereignete. Ein christlicher Schulknabe stach einem Judenkinde das Auge aus, ans keinem anderen Grunde, als weil es Jude war. In der Rothenthurmstraße schlug ein Feldwebel einen jüdischen Greis zu Boden, der ihm nicht rasch genug ausgewichen war. Die Menschenjagden kamen in Schwung! Man erfand