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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-08 · 6 (8.2.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 95 das öffentliche Gewissen muß aber zur Empörung auflodern, wenn dieser selbe Herr, welcher den kostbarsten Nationalschatz des jüdischen Volkes öffentlich angespuckt hat, die politische Führung des JUdenthums an sich zu reißen unternimmt. Eine herbere moralische Erniedrigung konnten uns selbst die Feinde nicht zufügen. Als Herr Vorbau über das Werk eines bedeutenden Künstlers, welcher das nicht seltene Mißgeschick hatte, ihm zu mißfallen, vor der Oeffentlichkeit referirte, führte er einen kritischen Seitenhieb auf das Intimste der Persönlichkeit des Künstlers. Wir baben Hindeutungen auf N o r d a u'sche Intimitäten vermieden. Es bedeutet aber eine Verspottung und Verhöhnung des Judenthums wenn ein Mann, der in einer Mischehe lebt, die Mitglieder des französischen Synhedrions unter Napoleon I. vor seinen Richterstuhl citirt, weil sie nicht scharf genug die Mischehen verurteilt haben; oder wenn er, der, um unkenntlich zu sein, den Familiennamen S ü d f e l d mit dem mehr germanisch anklingenden Nordau vertauscht hat — über die Assimilation und Assimilanten öffentlich den Stab bricht — das ist nicht eine Selbstprostitution allein — das ist eine Prostituirung des Judenthums, ein Faustschlag gegen das öffentliche Gewissen. Daß der Neu-Zionismus solche. Führer geduldig erträgt, wird er wohl am schwersten vor dir Geschichte verantworten können. Seine Lieblingstheorie, daß die Juden die Emancipation erschlichen und erkrochen hätten — durch unzweifelhafte historische Documente und Thatsachen zu erhärten, erachtet Herr Nordau für entbehrlich; es genügt für ihn, daß er im officicllen Parteiorgan Nr. 5 vom 1. Februar 1901 die Behauptung nochmals mit cäsaristischem Unfehlbarkeitsdünkel niederschreibt: „Die Emancipation in den westlichen Ländern wurde mit der ausdrücklichen oder stillschweigenden Absicht erstrebt und bewilligt", „das Aufgehen der Juden in die christliche Mehrheit vorzubereiten". Der ist der nackte Versuch, das öffentliche Urtheil zu vergewaltigen. Ein Wort unserer Alten lautet: So oft die Lüge Dir begegnet, werde nicht müde, ihr zu sagen, wer sie ist. In Nummer 59 der „Oesterreichischen Wochenschrift" v. I. hat Dr. Bloch aus der Emancipations-Geschichte aller Länder eine Fülle von Acten vorgelegt, welche durchweg gegen die Nordau'sche Anschuldigung Zeugniß ablegen. Während der Tagung des Kremfierer Reichsrathes haben der Oberlandes rabbiner Rafael Samson Hirsch, der Rabbiner Josef Weisse im Vereine mit Josef Wertheimer und zahlreichen jüdischen Nvtabelu sämmtlichen Abgeordneten eine Denkschrift zugesendet, in welcher es hieß: „Das Volk, das die Juden noch knechten wolle, sei selbst noch nicht reif zur Freiheit. Deshalb würden Abgeordnete zum constituirenden Reichstage die Aufgabe ihrer Sendung ganz verkennen, wenn sie nicht überall entschieden an dem Grundprincipe der allgemeinen Gleichheit festhielten." Die Juden dürften sich nicht zum zweitenmale brandmarken lassen. Aber nicht von der Gnade der Menschen erwarten sie die Verleihung ihres Rechtes, sondern von der Gerechtigkeit des Volkes und seiner Führer fordern sie die Anerkennung ihres Rechtes. Der constitutionelle Boden trage keine Sclaven und keine Parias. Man jage die Juden fort oder mache sie frei." (Vergleiche Dr. Frankl, Geschichte der Juden in Kremsier, Band I, 174-192, Band II 1-32.) Am 20. März 1884 publicirte der Oberlandesrabbiner Samson. Rafael Hirsch: „Ein Wort zur Zeit an unsere christlichen Brüder". In diesem Aufruf heißt es wörtlich: „Und wiederum, so ein Volk nur dessen Ansprüche achten wollte, der sich, auch rüsten könnte mit der Gewalt des Schwertes und der Macht, dessen Arm es fürchten müßte, so es sein Recht ihm versagte, so lange wären selbst seine Opfer für Wahrheit, Recht und Liebe nur Opfer der Furcht, der Sieg des Göttlichen hätte sie nicht erzeugte Erst wenn der Freie auch in den Zwinger seiner Sclaven geht, um auch ihnen die Fesseln zu zerbrechen, erst wenn der Starke sich auch zu dem von ihm Gedrückten niederbeugt, um auch ihn vom Staube zu erheben, erst wenn der für das eigene Recht erhobene Arm nicht für das eigene Recht, weil es das eigene ist, sondern für das Recht an sich und darum für das Recht Aller ficht, erst wenn die Völker auch dem Wehrlosesten, Ohnmächtigsten, der ihnen nur seine gleiche Berechtigung in Gott entgegen zu tragen vermag, und nur auf Gott, den ewigen Vater und Richter der Menschen, hinzuweisen weiß, erst wenn sie auch dem ihre Reihen öffnen, auch dessen gleiches R.e ch t u n v e r k ü m m e r t, unverklauselt anerkennen, erst dann hat das Göttliche einen Sieg auf Erden gefeiert, erst dann jauchzen Wahrheit, Recht und Liebe freudig um Gottes Thron. Darum an Euch, Ihr christlichen Brüder im gemeinsamen Vaterlande, an Euch richten Eure jüdischen Brüder das Wort! Lasset uns nicht allein hintreten zum Throne des gemeinsamen Vaters! Mit uns, vor uns, für uns sprechet das Wort! Zeiget, daß das Recht in Eurer Brust eine Wahrheit geworden, zeiget, daß Ihr die Schmach der Jahrhunderte tilgen wollet, nicht nur die Swmach, die Ihr gelitten, nein, auch die Schmach — verzeihet — die Ihr geübt! Zeiget, daß Ihr in uns die Brüder wieder erkennet, wie wir Euch als Brüder erkennen, und daß Ihr Euch des eigenen Rechtes nicht zu freuen vermöget, so auch nur ein Brudermensch neben Euch noch vor Gottes Thron zu klagen hätte, daß ihm auf Gottes Erde das Recht versagt, das Recht verkümmert sei, Mensch unter Menschen, Bürger unter Bürgern zu sein." Kann und darf man Männern, die unter solcher Fahne kämpfen, den Wortführern der Emancipation: Samson Rafael Hirsch, Josef Weiffe, Josef Wertheimer, die Anklage ins Grab nachschleudern, sie haben die Emancipation mit der Absicht erstrebt „das jüdische Volksbewußtsein zu tödten und das Aufgehen der Juden in die christliche Mehrheit vorzubereiten?" Ist-das etwas Anderes als eine Leichenschändung? Herr Nordau hat behauptet: „Keines dieser Emancipationsgesuche, soweit sie mir zugänglich waren, enthält auch nur den leisesten Hinweis auf unsere tausendjährige Leidensgeschichte; aus keinem tönt der schwächste Widerhall der Sterbegebete unserer Blutzeugen Die Juden verlangten nicht mannhaft, daß man altes furchtbares Unrecht an ihnen einigermaßen gutmache; sie gaben durch ihr vorsichtiges L tillschweigen über diesen Punkt, durch ihr unterwürfiges .Hervorheben ihrer „ehrlichen Bildungsbestrebungen"» ihrer „Fortschritte", ihres Entschlusses, die „betretene Bahn eifrig zu verfolgen", implicite zu, daß die Anklagen der Judenfeinde eine gewisse Begründung hatten, und das deutliche Versprechen, sich zu bessern, schloß das Zugeständniß in sich, daß sie die Mißhandlungen in der Vergangenheit verdient hatten." Wir haben ihm die völlige Unwahrheit dieser Anklage doeumentarisch nachgewiesen und er beharrt bei seiner Anschuldigung und erneuert seine Anklagen! Er läßt nicht ab davon, das Werk der Brunnenvergiftung weiter zu betreiben. Weit und breit ist kein Mann zu sehen, selbstlos und stark genug, die Lästerung gebührend zu züchtigen. Alle, auch die Berufenen und Erwählten, weichen scheu zurück, flüchten sich in das Dunkel und thuen, als ob sie nicht sehen und hören, aus Angst vor öffentlicher Beschimpfung und Herabwürdigung. „Die menschliche Bosheit und Niedertracht ist nun einmal eine Thatsache, mit der man rechnen muß. Sie sichert Jedem, der in die Oeffentlichkeit hinaustritt, ein reichliches Maß von gemeiner Verleumdung und ehrlosen Angriffen. Wer sich über die namenlose Menge erheben will, wer für sich und sein Wirken auf irgend einem Gebiete die Beachtung weiterer Kreise auffordert, der soll wissen, daß er durch den bloßen Willen zu reicherer Bethätigung seiner Persönlichkeit vogelfrei wird und daß jeder Strolch das Recht erlangt, aus allen möglichen Hinterbalten ungestraft nach ihm zu schießen, p stechen oder mindestens zu spucken." Umsomehr war es eine sittliche Pflicht, Herrn Nordau nochmals heimzuleuchten, das öffentliche Urtheil über diesen sonderbaren Apostel des Neu-Zionismus aufzuklären. Zum Schluffe noch Eins: Für eine ehrenrührige Insinuation war Herrn Nordau das richtige Wort jederzeit zur Verfügung; diesmal nur hat er sich in der Wahl des Ausdruckes ein wenig vergriffen: „Das Gesudel von Lohnschreibern." Dieses Capitel wird noch besonders und eingehend und recht deutlich bei Gelegenheit behandelt werden. Für heute genügt eine kurze Anfrage nicht an Herrn Nordau, aber an die Oeffentlichkeit. Was sind eigentlich „Lohnschreiber?" Welche Gattung schriftstellerischer Bethätigung verdient diese diffamirende Charakteristik? Offenbar Schriftsteller, welche nicht lediglich dem inneren Drange nach Offenbarung folgen und zur Feder greifen, nicht weil eine starke Ueberzeugung sie anspornt und treibt — Männer, die nur das schreiben, was ein reicher Brotgeber für seine Geschäftszwecke verlangt; die sich dazu verstehen müssen, von dem Heiligsten ihres Herzens nichts zu verlautbaren, sondern alle mögliche schriftstellerische Waare zu produeiren, welche die Tagesmode braucht und verbraucht: das find Lohnschreiber. Herr Nordau wird nicht müde, die „Protest-Rabbiner" zu schmähen! Unter ihnen gibt es keinen Einzigen, so niedrig, von dem Vorsteher, der ihn bezahlt, Aufträge darüber entgegen zu nehmen, was er auf seiner Kanzel predigen darf und wasnicht, der sich verbieten ließe, von dem, was sein Inneres erMt, seiner heiligsten Ueberzeugung, zu reden. Einen solchen „Protest-Rabbiner" wird man vergebens suchen.

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