Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sil. 6 «eite »4 Dx. WmtzLNfchrlfl- „T^e Ergebnisse, zu denen Zola bei seinen angeblichen „Experimenten" gelangt, sind objectiv nicht vorhanden, sie bestehen nur in seiner Einpildung.' Der Unterschied zwischen Versuchen und dem, was Zola mit /diesem Wort bezeichnet, ist so groß, daß es mir schwer wird, die nHlnÄuHliche Verwendung des Ausdruckes auf bloße Unwissenheit oder DKNümfahigkest znruckzuführen. Ich glaube vielmehr, daß es sich um bewußte, planmäßige Bauernfängerei handelt. . . Die Verworren - heit seines Denkens, seine triebhafte Hinneigung zur Darstellung von Wahnsinnigen, Verbrechern, Prostituirten und Halbn.arren, seine Koprolalie und ' seine Vorliebe für Rothwälsch kennzeichnen Zola hin- » reichend als höheren Entarteten .... Wenn Zola weit begabter ist als die Verfasser der „Rinaldo Rinaldini's" u. s. w., so ist er weit unehrlicher als sie.. .. . . Der außerordentliche Erfolg, den Zpla bei seinen Zeitgenossen, gehabt, erklärt sich aus seiner Gemeinheit und Schlüpfrigkeit Er kann auf die Kundschaft der zahllosen Liebhaber von Zoten und Unfläthercien rechnen, dieses Publicum bleibt ihm treu und findet bei ihm, was es sucht." So ist Zola der Entartete, der gemeine, unehrliche Zotenhändler. und Bauernfänger, aber Sie, Herr Nordau, sind ein Ehrenmann. ~ Es braucht aber dazu gar nicht, daß - sich Einer um die Ehre-des jüdischen Volkes, es genügt, daß er sich um die Förderung allgemeiner menschlicher Culturinteressen Verdienste erwerbe, um Herrn Nordau einen instinctiven Haß einzuflößen. Gegen Fritjof Nansen sagte seinerzeit Herr Nordau ungefähr: „Was hat denn dieser Mann'im Grunde geleistet? Er hat sich drei Jahre lang nicht gewaschen!" Herr Nordau fand, daß die öffentliche Thätigkeit jüdischer Politiker, Parlamentarier, denen er Racentemperament und bedenkensreie Geschicklichkeit im Ränkespiele vorwirft, dem jüdischen Volke viel Haß und häufig keinen ungerechten zugezogen hat. Die Art oder die Unart seiner Schriftstellerei hat aber hierin nicht . weniger gesündigt, und es geht nicht an, immer blos die Sünde» Anderer öffentlich zu' beichten. Seine Manier, mit der er Guy de Maupaffant, unstreitig einer der feinsten und reifsten Geister, einer der glänzendste,i ‘ Künstler, die Frankreich im vergangenen Jahrhundert hervorgebracht, „vernichtet"; seine Kritiken der Dichter Verlaine und Baudelaire (Schlagwort: Leichenlieder.), der ausgezeichneten französischen Maler Henri Martin - und Alexander (den ersten nannte er einen „Masochisten", den zweiten stempelte er zum „Fetischisten"); seine berüchtigte Hinrichtung des Bildhauers Rodin, („allen lüsternen Gymnasiasten, unfähigen Wüstlingen und beginnenden Rückenmärkern theuer") offenbarten Herrn Nordau als dik verkörperte Bereinigung jener unangenehmen Schriftstellerqualitäten. welche überall, wo sie vordringlich in Erscheinung treten, die antisemitischen Jnstincte gegen das Judenthum aufreizen. Die Wahrheitsverachtung hat Herr Nordau in sich systematisch ausgebildet und in ihr erblickt er gerade die.vornehmste Bürgschaft schriftstellerischer Triumphe. In einem Feuilleton der „Neuen Freien Presse", Nummer 12029, hat er seine schriftstellerischen Grundsätze folgenderweisr erläutert: „Die Menge ist gänzlich unfähig, ein Kunstwerk zu beurtheilen. Sie kann also auch nicht unterscheiden, ob ein Urtheil darüber richtig oder falsch ist.. Auf sie macht einzig die Dreistigkeit und Forschheit Eindruck, mit der ein Urtheil vorgetragen wird. Die Wahrheit maßvoll, vorsichtig, ohne'Erhebung der Stimme, ohne rednerische Floskeu, ausgedrückt, gleitet an der Seele der Menge ab wie Wassertropfen an Wachsleinwand. Ein noch so ungeheuerlicher . Widersinn, eine noch so "schamlose Verhöhnung der Vernunft und des Geschmackes, mit BWetschwulst und mundschäumender Pythia-Verzückung oder mit witzelnder, kalauernder Geistreichelei, namentlich aber in cäsarischem llnfehlbarkeststone verkündet, übt immer eine unwiderstehliche Sugge- . stion auf die Menge und wird von ihr wie eine Offenbarung geglaubt. Was sie verlangt, ist nicht Beweis, sondern Behauptung; sie will nicht belehrt, sondern vergewaltigt sein. Inder K'ritrk triump hirt nicht die Rechtschaffenheit, nicht die Wissenschaf't, nicht das Verständniß, einzig das Temperament." Er'fügt hinzu, daß die Wissenden und Verständigen so selten sind, daß man sie vernachlässigen kann. Ausgerüstet mit solch siegreichen Waffen, trat Herr Nordau auch als Kritiker unserer alten Bibel auf und. machte sich zum Organ jener Anklagen gegen den jüdischen Nationalschatz, welche der moderne Antisemitismus landläufig gemacht hat. „Die Bibel", schreibt Hein e, „welch ein Buch, groß und weit wie die Welt, wurzelnd in den Abgründen der Schöpfung und hinaufragend in die blauen Geheimnisse des Himmels, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Verheißung und Erfüllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit, Alles ist in diesem Bucke. Es ist das Buch Gottes. Die Juden sollten sich leicht trösten, daß Jerusalem sie und den Tempel und die Bundeslade und die Kleinodien Salomo's eingebüßt Haben — solcher Verlust ist doch nur geringfügige im Vergleiche mit der Bibel, dem unzerstörbaren Schatze, den sie gerettet." y Herr Nordau dagegen gefällt sich darin, die Bibel zu schmähen und sagt von ihr, daß sie an poetischem Werth hinter Allem zurücksieht, was.'selbst Dichter zweiten Ranges in den letzten zwei Jahrtausenden geschaffen haben. Die Bibel, und sie allein war es, welche das jüdische Volk durch die namenlosen Leiden und Drangsale zweier Jahrtausende unversehrt durchg.'- führt hat, die Zerstörung derMbel ist der Untergang des Judenthums, und Nordau, welcher die Pfeile seines Hasses gegen die .Bibel, losgedrückt hat, will zugleich ein Führer Israels sein. Unter denen, welche den Werth und die Bedeutung der Bibel verherrlicht haben, war kein Geringerer als Immanuel Kant! Was bedeutet aber der gegen einen Max Nordau. Friedrich Nietzsche bemerkt im „Jenseits von Gut und Böse" (2. Auflage, Seite 68. Leipzig, Neumann. 1891): „Im jüdischen „alten Testament", dem Buche von der göttlichen Gerech.igkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, daß das griechische und indische Schriftthum ihm .nichts zur Seite zu stellen hat.- Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Ueberbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa, das durch us gegen Asien den „Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben." B l u n t s ch l i schreibt au einer Stell-: „Unzählige Menschen, haben in den Schriften Jsrael's Ermuthigung in der Roth, Stärkung im Unglück, Trost im Leiden, Hoffnung in der Gefahr, Erhebung der Seele gefunden, und Unzählige werden auch in Zukunft noch aus dieser Quelle den Durst nach Gerechtigkeit löschen, ihren Glauben an die göttliche Weltregiernng erneuern. Diese Schriften sind nicht das Werk wissenschaftlichen Denkens noch einer künstlerischen Einbildungskraft. Sie sind durchweg 'der Ausdrück eines leidenschaftlich bewegten Gefühls, der Ruf einer nach Gott lechzenden Seele, sie sind getragen und gehoben von dem Strom religiöser Begeisterung." . In einer gelehrten Gesellschaft von Juden sagte einmal Ernest Renan: „Sie haben l also das unvergleichliche Privilegium, daß Ihr Buch öäs Buch der ganzen Welt geworden ist. So haben Sie es sich selber zuzuschrciben, wenn alle Welt - sich in Ihre Studien mischen will " ... „So gehört auch die Bibel als ein gemeinsames Gut der Menschheit der.gesammten menschlichen Familie an; Alle dürfen an Ihren Arbeiten sich betheiligen." . „Ihre Bibel ist etwas so Einziges in der Welt, daß jede Silbe, die darin geschrieben steht, ein Gegenstand endlosen Kampfes geworden ist." „Das hebräische Wörterbuch entscheidet über das Schicksal der Menschheit. Es gibt manches Dogma, das. auf einem Jrrthum in der Auslegung einer gewissen Stelle in Ihrer Bibel, auf einem Fehler jüdischer Abschreiber beruht. Mancher Ihrer alten Kopisten hat durch eine Zerstreutheit, über die Theologie der Zukunft entschieden." Professor Carl Heinrich Cornill sagt über den israelitischen Prophetismüs: „Die-Geschichte der gesammten Mtnschheit hat nichts hervorgebracht, was sich auch nur entfernt mit dem israelitischen Prophetismus vergleichen ließe: durch seinen Prophetismus ist Israel der Prophet der Menschheit geworden. Möchte das doch niemals übersehen und vergessen werden': das Köstlichste und Edelste, was die Menschheit besitzt, sie verdankt es Israel." Was will Pindar gegen die Psalmen bedeuten! Seine Hymnen bewegen heute kein Herz, aber aus den Psalmen des jüdischen uralten Königs quillt noch heute Duft und Trost für das L-ben. Sie sind der Quell einer unerschöpflichen Poesie geworden. . . Herr Nordau dagegen erklärt: „Die Bibel mit H o m e r, Da nie oder Goethe vergleichen zu wollen, könnte nur einem fanatisirten Geiste einfallen, heranf den Gebrauch seiner UrtHeilskräfte verzichtet hat." Herr Nordau nennt die Weltanschauung der Bibel „kindisch". Die Moral der Bibel findet er „empörend", denn er will im Alten Testament,'„die Idee der nachtragenden Rachsucht Gottes" gefunden haben. Wie oft wird bereits diese antisemitische Anklage wiederlegt? Die gründlichen Arbeiten jüdischer und christlicher Bibelforscher existipen für. Herrn Nordau nicht. 'Solche.Impertinenzen hatten die Aufgabe, seine Bücher sensationeller und ertragreicher zu gestalten; die Oeffentlichkeit ließ es geduldig über sich ergehen, insölange der Autor ein Privatmann war, ein Feuilletonist von dekadenten Manieren;