Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Hi. 5 Dr. Blocht worixenschrirL Seite 91 uilgeheueren Respekt ein. Ihre Aussagen lauteten jetzt wesentlich anders, um so mehr, als Dr. Bäthory, der von ihnen Gefürchtete, plötzlich verschwunden war; es hieß, er habe einen längeren Urlaub genommen. Wenige Tage schon nach Ankunft des Signore Spalato war Dr. Eli Lazzlo in Freiheit gesetzt. Welch' ein Wiedersehen! Frau Aranka schluchzte und weinte wie ein Kind. Dr. Eli schien um Jahre gealtert. „Lass' uns zunächst Gott danken", sagte er, „daß er unsere Richter erleuchtet hat!" „Gott und diesem braven Mann", sagte Frau Aranka den Zigeuner vorführend, „der mit seltenem Scharfblick erkannt hat, von wo die Hilfe kommen muß und nicht Müh' und Entbehrungen gescheut hat, um diese Hilfe zu bringen". Dr. Eli horchte gespannt, als Aranka jetzt erzählte, wodurch die Wandlung bewirkt worden. Gerührt schloß der Arzt den Zigeuner in seine Arme, küßte ihm Mund und Wangen und sagte: „Das lohn' Euch Gott, Nico! Ihr seid so brav, wie Ihr klug seid! Fortan ist mein Haus das Euere! Ihr sollt uns Freund und Bruder sein!" Und nun mußte Nico von Aladär erzählen, der so hoch in Ehren beim Papst stünde und, obgleich Christ, ein so guter Jude geblieben sei. Da der zeither als Richter in Dr. Lazzlo's Proceß fungirende Dr. Bäthory spurlos verschwunden war, wünschte Signore Spalato, der als Gesandter des Papstes hohes Ansehen genoß, daß in Bäthory's Bureau sämmtliche Papiere einer genauen Durchsicht unterzogen würden. Diese ergab das überraschende Resultat, daß die vermißte Ilona Kusmik noch lebe. Das arme Mädchen, das Bäthory an einen Mädchenhändler verkaufte, hatte ihn mit Briefen bestürmt, er wöge Etwas für ihre Befreiung thun, sie könne das Schicksal, zu dem er sie verurtheilt, nicht ertragen. Selbstverständlich wurde sofort das Geeignete veranlaßt, um Ilona aus den Händen jener Elenden zu befreien, die im Complott mit Dr. Bäthory waren. Bei Durchsicht der im Bureau des Unmenschen angehäusten Papiere kam man auch auf die Spur von Jlona's Mutter, die auf Bäthory's Befehl iu einem ungarischen Dorfe unweit der türkischen Grenze festgehalten wurde. Das Geld, das ihr der Fremde zur Befreiung ihrer Tochter gsgeben, hatte man ihr abgenommen, sie hungern und darben lasst». Der alten Frau war schon jede Hoffnung geschwunden, daß sie ihre Tochter je wieder sehen werde. Welch' eine Freude, als sie ihr, ohne daß sie eine Ahnung hatte, daß gute Menschen für ihre Befreiung thätig, zugeführt wurde. Als Mutter und Tochter nach Nagy-Marchegg zurückkehrten, war Alles auf den Beinen. Jeder wollte sich überzeugen, ob es wirklich Ilona sei; ja, nun sah man, daß sie nicht gemordet worden; sie lebte und erzählte all Denen, die es hören wollten, wie schändlich Dr. Bäthory an ihr gehandelt, weil sie ihm nicht zu Willen sein mochte. Wahrhaft sensationell aber wirkte die Verlesung der päpstlichen Urkunde, die am nächsten Sonntag in allen Kirchen der Diöcese stattfand. Mit hocherhobener Stimme las der Geistliche Folgendes: „Se. Heiligkeit Papst Gregorius ist tief bekümmert, daß seine Getreuen, alle Gebote christlicher Nächstenliebe vergessend, Judenverfolgungen anstellen, die alte Mähr vom rituellen Mord wieder aufleben lassen! Hochangesehene Kirchenväter, die den Talmud gründlich studirt, haben längst bewiesen, daß auch nicht eine Stelle im Talmud darauf hindeutet, daß die Juden am Passahfeste Christenblut brauchen! Se. Heiligkeit pflichte dieser Ansicht vollkommen bei und ermahnt kraft des ihm von Gott gewordenen hohen Amtes die ganze Christenheit, einmüthig der Wahrheit die Ehre zu geben und von den Verfolgungen unschuldiger Juden abzulassen! Die christliche Religion gebietet: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! Diesen Spruch beherziget, lasset ab von Haß und Verunglimpfung Eures Nächsten, auf daß Euch das Himmelreich werde! Wer aber seinen Nächsten verfolgt, verleumdet, der ist des Namens Christ unwürdig und hat alle Höllenstrafen zu erwarten, die den Sündigen treffen!" Kleinlaut und zerknirscht hörten Diejenigen, die noch kurz zuvor laut in die Posaune gestoßen, man müsse die Juden vernichten, diese Worte des Heiligen Vaters, Worte die einen Wiederhall selbst in den Herzen der Fanatiker fanden. Die durch Racenhaß geschürte Bewegung schien im Keim? erstickt. Dr. Eli Lazzlo war wieder in Ehren aufgenommn. Jeder betheuerte, daß er ja nie ernstlich geglaubt, er hätte sich eines Vergehens schuldig gemacht, aber in Dr. Lazzlo's Herzen nagte der Wurm. Es war ihm, als könne er nie wieder ftöhlich werden. In den langen, langen Monaten der Kerkerhaft hatte er Zeit gehabt, über Welt und Menschen nachzudenken, die Triebfeder ihrer Handlungen zu studiren! Ihm graute vor ihren Leidenschaften, ihrer Mißgunst, ihrer Falschheit. Am liebste hätte er sich mit Weib und Kindern in ein weltenfernes Dorf zurückgezogen und da als Einsiedler gelebt. Die, die sich seine Freunde nannten, denen er viel Gutes gethan, hatten sich, als er in Noth und Bedrängniß war, nicht um ihn gekümmert; er mochte auch jetzt nichts von ihnen wissen, war auf dem besten Wege, ein Hypochonder zu werden. Anders Frau Aranka; sie war des Glückes voll» den geliebten Mann wieder zu haben. „Lass' uns vergessen", mahnte sie; „es war eine Schickung des Himmels! Bor uns liegt »och ein langes Leben, das wir in Freuden genießen wollen!" „Wer kann nach solchen Erlebnissen noch an Freude denken!" sagte Dr. Eli wehmüthig. Uud doch stand ihnen eine große, eine echte Herzensfreude bevor. Der Sommer nahte seinem Ende; in wenigen Tagen feierte man das Neujahrsfest. Für Dr. Eli, dem Märtyrer seines Glaubens, waren im Tempel alle Ehren vorbereitet; er sollte seinen Plah neben dem Rabbiner haben, zur Thora gerufen werden, die heilige Lade öffnen. Dankend lehnte er ab. Er mochte überhaupt nicht am Gottesdienst theilnehmen, wollte daheim mit den Seinigen beten, jede Aufregung, die seinem kranken Herzen schaden konnte, vermeiden. Dc. Eli fühlte, daß er herzkrank war, daß ihm absolute Ruhe nöthig. Still, in sich gekehrt, saß er am ersten Feiertage in seinem Zimmer, das Gebetbuch aufgeschlagen vor sich; aber er konnte nicht beten; ein Alp bedrückte das todtmüde Herz. Da wurde die Thür geöffnet; ein Fremder trat ein. Ein Fremder? Nein! Konnte er denn seinen Augen trauen? Marder, der da vor ihm stand, nicht Aladär, sein leiblicher Bruder? Schon hatte ihn Eli an sein Herz gezogen und ihn lange mit beiden Armen umfangen haltend, sprach er unter Schluchzen: „Bruderherz! Du hast mir gefehlt! O, daß ich noch das Glück habe, Dich zu sehen! Nie kann ich Gott genug dafür danken!" Das war eine echte Weihestunde, die die beiden Brüder verlebten. Jur Tempel ertönte das Schofar, ertönte Chorgesang, lautes Beten der andächtigen Menge, in ihrem stillen Stübchen war es nicht minder feierlich; auch sie beteten und dankten Gott, daß sie sich wiedergefunden nach des Lebens Irrungen und Enttäuschungen. „Einen schöneren Neujahrstag", sagte Eli, „hätte ich mir thatsächlich nicht wünschen können! Und was nun erst Aranka sagen wird! Wie gönne ich ihr diesen Lichtstrahl nach der jammervollen Nacht unseres Kummers!" Und da war sie, strahlend wie ehedem in voller Schöne! Sie kehrte aus dem Tempel heim, hörte, daß ein Herr bei ihrem Gatten, wollte erst nicht eintreten, guckte durch die halbgeöffnete Tbür, und Aladär erkennend, eilte sie mit freudigem Aufschrei in seine Arme. Hatte Eli nie gewußt, was die Beiden einander waren, jetzt war ihm Gewißheit darüber. — So hatte er Aranka nie gesehen! Sie schien von Liebe durchgeistigt; ihm war sie das pflichttreue, brave Weib — den Bruder liebte sie. — Sie hatte sich in dieser einen Secunde verrathen. Im Ueberschwang der Gefühle, die auf sie einstürmten, vergaß sie, daß der Gatte sie beobachtete, daß er sich klar darüber war, nie in gleicher Weise von ihr geliebkost worden zu sein. Er hatte sie für eine kalte Natur gehalten und sah jetzt, daß ihre Augen Blitze schossen, daß ihr Gesicht wie mit Blut übergoffen war, daß sie an allen Fasern bebte. Doch, sich beherrschend, ließ er den Bruder nicht ahnen, was in ihm vorging. Aranka war des Glückes voll und wußte in ihrer Freude gar nicht, was zuerst beginnen. Sie wollte ein Frühstück richten, konnte sich aber von Aladär's Anblick nicht trennen und blieb im Zimmer, seinen Worten lauschend, ohne das Auge von ihm zu wenden. Und was er erzählte, war darnach angethan, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Er hatte mit der Clerisei gebrochen, seinen Abschied genommen und war willens, sich dem Judenthume wieder zuzuwenden.