Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 86 Vr» Bloch's Wochrnft^rM Nr. 5 überhaupt unter uns unduldsam über alle Maßen sind und keine Autorität mehr anerkennen. Als weitere Folge des Verkehres mit der großen Welt ist es anzusehen, daß die Liebe zu unserer Religion und ihren Einrichtungen an Wärme verloren, das Verhälturß zwischen Eltern und Kindern, das Familienleben, um das wir so sehr beneidet wurden und noch werden, an Innigkeit bedeutend abgenommen hat, und darum sind wir um unsere Zukunft besorgt. (Fortsetzung folgt.) A. R. Correspondenzen. Wien. („£) esterreichisch - Israelitische U n i o ii".) Die am 24. Jänner im Restaurant K h u n e r stattgefundene Vereiusversammlung gestaltete sich zu einer überaus gelungenen Improvisation. Wegen plötzlicher Erkrankung des Schriftstellers Herrn Heinrich Glücksmann mußte dessen Vortrag: „Ins neue Jahrhundert" abgesagt werden; das Präsidium entschädigte jedoch das zahlreich erschienene Publicum — darunter auch viele Damen — durch Eröffnung einer sehr anregenden Discuffion über eine Reihe actueller Angelegenheiten. Präsident kaiserl. Rath R u z i g! a erstattete zunächst einen Bericht über die Wirksamkeit des Vereines in der jüngsten Zeit und über das Thätigkeits-Programm der nächsten Zukunft. Die „Union", führte Redner aus, habe als solche für die Reichsrathswahlen keine Directive gegeben, weil es gerathen schien, vorerst noch die Kräfte für die Zwecke der Vertheidigung und Abwehr zu sammeln. Wir weisen entschlossen jeden Angriff auf unsere bürgerlichen Rechte zurück, zu activem Eingreifen in die politischen Parteikämpfe halten wir aber die Zeit noch nicht für gekommen. In aller Stille, aber auch mit aller Intensität, wurde die Arbeit für die Schaffung einer einheitlichen Defensiv-Organisation aller österreichischen Juden, vorerst im Wege des Anschluffes an die „Union", fortgesetzt. In 51 Cultusgemeinden Böhmens wurden Wandervorträge gehalten und von dort bisher circa 900 neue Mitglieder dem Vereine zugebracht, während 1000—1200 noch weiter in Aussicht stehen. Die Agitation hat nun auch in den Gemeinden Niederösterreichs und in Wien selbst begonnen, wo von Bezirk zu Bezirk Borträge gehalten werden, und wird sodann in Mähren, Schlesien und Galizien fortgesetzt werden. (Beifall.) Als nächste wichtigste Aufgabe des Vereines kennzeichnet der Präsident die Erwerbung des Heimatsrechtes für die hier ansäßigen, bisher nach Ungarn zuständigen Glaubensgenoffen, wodurch Tausende neue freisinnige Wähler geschaffen würden, deren Stimmen bei künftigen Wahlen entscheidend werden können. (Lebhafte Zustimmung.) Der Vorstand hat die Etablirung eines eigenen Bureaus für die Durchführung dieser Action beschlossen. Ferner wurde durch eine Eingabe von mehr als 100 Bereinsmitgliedern die Errichtung eines jüdischen Vereinshauses angeregt. Es wurden zu diesem Zwecke zwei Vertrauensmänner-Bersammlungen abgehalten, und man dürfe durch das begeisterte Zusammenwirken aller intereffirten Kreise mit der Möglichkeit rechnen, daß dieser schöne Plan in absehbarer Zeit seine Verwirklichung finden könne. Die Errichtung eines solchen gemeinsamen jüdischen Heims würde gewiß dazu beitragen, die so nothwendige Einigkeit aller Glaubensgenoffen zu fördern. (Lebhafter, allseitiger Beifall.) Nunmehr referirte Herr Bezirksrath Dr. Oscar Hein über das neue Heim atsgesetz. Obwohl Dr. Hein erst in letzter Stunde um die Uebernahme des Referates ersucht worden war, bot er dennoch einen abgerundeten und in hohem Maße instructiven Bortrag, in welchem er namentlich die politischen und wirtschaftlichen Momente, welche die Regelung des Heimatsrechtes für jeden Glaubensgenoffen zu einem Gebote der Pflicht machen, mit großer Prägnanz hervorhob. (Anhaltender Beifall folgte den Auseinandersetzungen des Redners.) Sodann berichtete der Leiter des Rechtsschutz-Bureaus Herr Siegfried Fleischer über einige wichtige Fälle, die in jüngster Zeit dieses Bureau beschäftigten. Bon hohem Interesse wa-en insbesondere die Mittheilungen des Redners über die wahren Motipe und die wirklichen Thäter des Polnaer Mordes, die in der auswärtigen Presse bereits offen besprochen werden, während wir in Oesterreich unter dem Drucke des Preßgesetzes die Wahrheit noch immer nicht sagen dürfen. Aber mit Zola dürfte man ausrufen: „La veritö est en marche!“ das Licht, das im Auslande entzündet wurde, werde früher oder später doch in die dunklen Jrrqänge dieses merkwürdigen Strafprocesses hineinleuchten. Bei Besprechung der von der „Union" veranstalteten Wandervorträge zollt Redner der Intelligenz, der Einsicht und Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen in der Provinz rückhaltlose Anerkennung und geißelt dagegen mit scharfen Worten die Indolenz der jüdischen Bevölkerung in der Reichshauptstadt. (Lebhafter Beifall.) Es entwickelt sich nun eine lebhafte Debatte über das neue Heimatsgesetz, in welcher vorerst Herr Dr. Kahn mit zündenden Worten und unter Hinweis auf die Bedeutung des Heimatsrechtes nicht blos für die politischen Wahlen, sondern auch für das Geschwornenamt die ungarischen Staatsangehörigen zur schleunigen Erwerbung der österreichischen Staatsbürgerschaft aufforderte. Herr Dr. Bloch tadelt es scharf, daß sich die Juden um die Zusammenstellung der Geschwornen-Urliste niemals bekümmerten, so daß sie zuletzt von der Ausübung dieses wichtigen Amtes fast gänzlich ausgeschlossen waren. Redner sieht voraus, daß das neue Parlament gefährliche Beschlüsse gegen die Juden fassen und namentlich versuchen werde, das neue Heimatsgesetz zu ihren Ungunsten abzuändern. Die Erwerbung des Heimaisrechtes müsse daher eiligst durchgeführt werden. Redner stellt den Antrag, daß das Rechtsschutz-Bureau durch Aussendung eines diesbezüglichen Circulars an alle jüdischen Corporationen eine intensioe Agitation zu diesem Zwecke einleite. (Lebhafter Beifall.) Herr Dr. Zins weist aus einem eben erschienenen Commentar des Magistrats-Obercommissärs Dr. M a y e r nach, daß die herrschende Partei im Rathhause schon jetzt versuche, die klaren Bestimmungen des Gesetzes zu umgehen und dessen Wohlthaten unwirksam zu machen. Der Antrag Dr. B l o ch's wurde dem Vorstande überwiesen. Zum Schluffe beantragt Präsident kaiserl. Rath R u L i 5 k a. Herrn Rabbiner Dr. Schmied! anläßlich seines 80. Geburtstages durch eine Deputation die Glückwünsche der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" darzubringen. Die Versammlung stimmt dem Anträge unter lautem Beifall durch Erheben von den Sitzen zu. Neue Bilder von David Kohn und Adolf Kaufmann. Im Gemäldesalon Hirschler wurde Sonntag eine Ausstellung eröffnet, welche von zwei Künstlern D. Kohn und A. Kaufmann bestritten wird. David Kohn ist nach einer längeren Pause auch in der Aquarellausstellung im Künstlerhause durch vier vielbemerkte Porträts und Studienköpfe vertreten, bei Hirschler hat er ähnliche Vorwürfe ausgestellt und erzielt durch seine ganz eigenartige Technik ungewöhnliche und überraschende Resultate. David Kohn hat sich in der Röthel- und Kreidezeichnung eine Specialität geschaffen, die er mit unbestrittener Meisterschaft beherrscht. Seine lebensvollen Porträts sind mit den köstlichen Details der feinen Beobachtung, der liebevollen Versenkung in die Individualität des Porträtirten ganz unübertrefflich, und Bilder, wie die des Landesschulrathes Dr. Gustav Kohn oder Dr. Breslauer's sind von einer ganz seltenen unmittelbaren und realistischen Wirkung. Fast noch fesselnder als die Porträts sind die Studienköpfe, die wie Radirungen alter Meister sich ansehen und trotz der Einfachheit der angewendeten Mittel eine nachhaltige künstlerische Wirkung erzeugen. Adolf Kaufmann hat 42 Nummern ausgestellt, Aquarelle, Oelbilder, Gouaches, Pastelle, Kohlenzeichnungen, zumeist landwirthschaftliche Motive aus aller Herren Länder. Ec ist immer interessant und virtuos und sein Können ist ganz unbegrenzt. Einige Bilder sind aber nicht nur Kunststücke, sondern auch Kunstwerke voll feiner Beobachtung und warmer Empfindung. Herbststimmungen, Studien bei Regenwetter oder in der Morgenfrühe sind ganz prachtvoll gelungen und Zierden der interessanten Ausstellung. Wien. (Akademie des Leopold st ädter Franc n-Wohlthätigkeits-Verein es.) Die Veranstaltungen dieses Vereines, welche alljährlich ein hochelegantes Publicum zu lustigem Faschingstreiben im Dienste der Humanität vereinigen, wurden durch den moralischen und materiellen Erfolg