Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021391--10588-3035077
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5 Dr. Bwch's wochrnfchrijt. Seite 88 Religionsunterricht. I. Wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Ungeahnte Fortschritte und Errungenschaften auf dem weiten Gebiete menschlichen Forschens und Könnens drängen sich uns auf Schritt und Tritt entgegen. Vom automatischen „Kohlenzuleger" bis zum verblüffenden Fernsprecher scheint alles nur Einem Ziele zuzustreben: Das Leben des Menschen zum Paradiese zu gestalten. Allein in gleichem Verhältnisse sehen wir das sociale Elend zu ungeheuren Dimensionen anwachsen und immer mehr drängt sich uns die Erkenntniß auf, daß eine Katastrophe im Nahen ist, die mit elementarer Gewalt alles Bestehende zertrümmern, vernichten wird. Und eigenthümlich! Inmitten dieser Kämpfe der Geister ist es in unseren Tagen wieder, wie so oft, der Jude, der von den treibenden Wogen bald in die Höhe geschleudert, bald in den Abgrund gestürzt wird, und in seiner Bedrängniß blickt er vergebens nach einem Halt, nach einem Rettungsanker aus. Diese Thatsache allein, daß nämlich heutzutage die ganze „gebildete" Welt in der Handvoll Juden den Prügelknaben erblickt, der die Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Sitze der Krankheit ablenken soll, gibt uns genügend Anlaß zum Nachdenken. Es kann uns nicht darum zu thun sein, hier eine Lösung eines socialen Problems anzustreben. Uns leitet einzig und allein die Absicht a) die Ursachen dieser betrübenden Erscheinung zu erforschen und - b) Mittel und Wege zu finden, damit unsere Kinder befähigt werden, diesen Angriffen erfolgreich zu begegnen und so unseren Bestand zu sichern. In unseren Kindern liegt unsere Zukunft. Und täuschen wir uns nicht, hier muß der Hebel angesetzt werden, die Jugend muß dem Judenthum wieder zügeführt und für dasselbe erwärmt und begeistert werden, sollen wir nicht gleich egyptischen Mumien in den historischen Raritätenkammern einst aufbewahrt werden. Das moderne Judenthum ist leider verweichlicht, ist nicht widerstandsfähig, beim geringsten Ansturm knickt es zusammen. Heute würden wir ein „Mittelalter" nicht mehr überleben, wie feige Soldaten würden wir die Flinte ins Korn werfen, weil Religion und Glaube nicht mehr, wie einst, mit dem Herzen verwachsen sind. Wie ganz anders war es doch früher. Gehen wir nur ein halbes Jahrhundert zurück. Welche Stellung nahm der Jude in der Gesellschaft ein? Zumeist nur unter Juden lebend, waren seine Verbindungen mit der Außenwelt nur spärliche. Nur so weit Handel und Wandel es mit sich brachten, gewann er flüchtigen Einblick in die Erscheinungen der Mitwelt und, kein Verständniß findend, zog er sich scheu und abgeschreckt von derselben wieder zurück. Fühlte er doch heraus, und man ließ es ihn auch zur Genüge fühlen, daß eine intimere Annäherung oder gar ein intimerer Anschluß nicht willkommen war, und schließlich trug er auch kein Verlangen nach einem solchen. Fand er doch nach den sechs Tagen schwerer Arbeit Erholung und Herzenslabung im Kreise der Seinen. Erinnern wir uns nur einmal an einen Freitag-Abend in» Elternhause. Schon früh Morgens herrschte Geschäftigkeit im Hause. Die Arbeit wurde vertheilt, jedes Kind mußte mit Ha>,d anlegen, gerechnet und geklagt wurde über das große Maß von Kosten, die der Sabbath verursache, und gleichsam aus Furcht, sich „zu versündigen", lächelte der Vater mit überlegener Miene, als wollte er sagen: Gott sei Dank, wir haben es ja! Und so wurde Wein, Fisch und Fleisch angeschafft. Barches und Kuchen gebacken, wobei die Mutter nicht vergaß, früher die vorgeschriebene Challoh abzunehmen, die sechszackige Messinglampe wurde gescheuert, Dochte gedreht, Alles mit einer Weche, mit einer rührenden Kindlichkeit. Und endlich, wenn die Dämmerung einbrach, der Vater das Gotteshaus aufsuchte, in der Küche ein Brodeln und Surren und der Duft der Speisen die Sinne umfing, dann schwebte, gleichsam wie eine Fee im Märchen die Mutter in die gute Stube. Schon war der Tisch, mit blendend weißem Linnen überspreitet, gedeckt und nun bewegt sie geheimnißvoll ihre Hände, ihre Lippen öffnen sich zum Gebete, sie hat „entzündet" es ist Sabbath. Noch eine Weile, und wir hören nahende Schritte. Leuchtenden Auges tritt der Vater in die Stube, seinem Weibe die Hand reichend, wünschen sie einander einen guten Sabbath und zagend aber dennoch heiter drängen sich die Kinder an ihn heran, er legt die Hände auf ihr Haupt: Der Vater segnet seine Kinder. Wie erhebend und beseligend ist dieses Bild reinsten Familienglückes! Vergessen ist alles Ungemach, all die Unbill, die das Leben in den sechs Tagen der Woche ihm zugefügt, das Herz ist des Glückes voll und in Hymnen besingt er das Biederweib, das ihm die Last des Alltagslebens tragen hilft, besingt er den Sabbath, der ihm Ruhe beut. Allein auch geistige Nahrung und Anregung bringt der Sabbath. Bor dem Morgengottesdienste bringt der Sohn dem Vater die Bibel, um demselben zu zeigen» was er von dem Wochenabschnitte weiß, und von dem Grade seines Könnens hängt die Größe des üblichen Sabbathobstes ab. Aber auch der Vater will dem Sohne zeigen, daß auch er „gelernt" hat, und erklärt demselben irgend eine dunkle Stelle aus der Sidrah oder dem Prophetenabschnitte. Im Gotteshause ist es der Vorsänger, dem die Zuhörer mit Aufmerksamkeit folgen, und sorgt hier der Vater in mehr oder minder sanfter Weise dafür, daß das Kind bei den Responsen mit einstimmt. Ist gar ein „guter" Sabbath, dann ist auch Predigt, dann find die Geister los. Ein Jeder versteht oder thut als ob er verstünde, um ja nicht als am ho’rez zu gelten, strenge Kritik wird geübt, kurz die ganze Gemeinde hat Gesprächsstoff für den ganzen Tag. Und wieder tritt Dämmerung ein und wieder ist es das symbolische Licht „Hawdalah“, das angezündet und von dem jüngsten Sohne „hoch"gehalten wird. Gewürze, in silbernem Thürmchen verwahrt, werden herum gereicht, der Gott der Väter wird besungen, und wenn das Lied verklungen, das Licht verlöscht ist. wird auch das Festkleid wieder abgelegt, und die Sorge um das tägliche Brot tritt wieder in ihr Recht. Nun frage ich, kann ein solcher Tag aus dem Gedächtniffe des Kindes schwinden? Und wie viele solcher und ähnlicher Tage haben wir im Elternhause erlebt! Wie mannigfach und wie sinnig sind diese religiösen Gebräuche und Einrichtungen! Wer kann an den Seder, an die Succoth oder an die Purim- Maskerade vergessen? Und merkwürdig! Unseren Vätern war die Pädagogik eine terra iueoguita, und dennoch verstanden sie es beffer, als wir, Kinder zu erziehen. Seien wir offen! Haben die heutigen Kinder jene Ehrfurcht vor Vater und Mutter, wie wir sie als Kinder empfanden? Und wir bringen ja für unsere Kinder Opfer, wie sie unsere Eltern nimmer gebracht. Gab es in den Schulen, die wir besucht. Religionsunterricht? Gab es überhaupt frckher Religionslehrer? Haben wir „Geschichte" gelernt? Ja, aber in geradezu meisterhafter Weise hat man uns z. B. die Geschichte des Chanukafestes beigebracht. Wir goßen „Trenderl" und diese vier Buchstaben »ruj haben uns gelehrt an Wunder glauben, an das historische Weltwunder, daß das Volk Israel immerdar bestehen wird. Oder lag nicht Pädagogik darin, wenn die Kinder, frühzeitig abgehärtet, an körperliche und geistige Arbeit gewöhnt und auf den Werth des Lernens und Könnens bei jeder Gelegenheit aufmerksam gemacht wurden? „Alles soll man können. Nichts soll man brauchen" galt als Losungswort, dessen Wahrheit wir erst im reiferen Lebensalter verstehen lernten. Unter solchen Umständen ist es nur folgerichtig, wenn mit der Zeit Uebelstände und Eigenthümlichkeiten unter den Juden entstanden, die specifisch jüdisch genannt werden müssen, aber von den Juden selbst weder erkannt, noch weniger als soche empfunden wurden. Erst als die errungene Freizügigkeit auch die Juden in ihre Kreise zog, traten diese Eigenthümlichkeiten in Sprache, Haltung, Gesticulation rc. grell in den Vordergrund und bildeten gleichsam den selbst angehefteten gelben Fleck, der den Juden auf den ersten Blick als solchen erkennen ließ und zwischen ihm und der Außenwelt eine Schranke zog. Und diese selbstgezogene Schranke ist leider GotteS auch in unseren Tagen noch nicht morsch geworden, geschweige denn gefallen. Noch immer haften uns die ererbten Eigenthümlichkeiten an, noch immer stehen wir mit den primitivsten Regeln der Grammatik auf dem Kriegsfuß». Das Deuteln, Klügeln und Spintisireu können wir auch heute noch nicht lassen, das Gesticuliren mit den Händen während des Sprechens ist uns ebenso zur zweiten Natur geworden, wie die Gewöhnung, uns die Köpfe — Anderer zu zerbrechen. Und noch mehr! Durch den Eintritt in den Verkehr mit der großen Welt.haben wir einerseits in nichtjüdischen Kreisen ein devotes, unmännliches, geradezu entwürdigendes Auftreten angenommen, während wir andererseits Alles, was jüdisch ist, bemängeln, bekritteln, in den Staub ziehen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.