Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021391--10587-3035076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«eite 81 Dr» Morris Wochenschrift' Nr. 5 Israeliten"), deren Seele und Rabbiner Ignaz Einhorn, der spätere Eduard Horn war und die nach vierjährigem nicht rühmlichem Bestände, der Noth gehorchend, sich am' 10. November 1852 auflöste. Das Ungemach, welches der Freiheitskampf und daun die Reaction über die ungarischen Juden im Allgemeinen und speciell über die Pester Judenschaft brachte, ist bekannt; Dr. Büchler schildert diese Ereignisse mit gebührender Ausführlichkeit. Interessant ist auch die Darstellung des Cultustempelbaues in der Tabakgafse — zu welchem der Grund vorerst nur gepachtet werden konnte, da die Juden damals noch keinen Grundbesitz erwerben durften —, der Wahl Meisel's und später Samuel Kohn's zu Rabbinen, der Entstehung der verschiedenen Humanitären und culturellen Institutionen der Cultusgemeinde. Die Judentaufen der Gegenwart. Berlin, 17. Jänner. Im „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach Professor Dr. Martin Philippson über das Thema: „Die Judentaufen der Gegenwart". Der Saal der „Gesellschaft der Freunde" erwies sich als viel zu klein, um die Menge der Erschienenen aufnehmen zu können. Mit gewohnter Klarheit und in beredten Worten wies der Vortragende darauf hin, daß alle Verluste, welche das jüdische Volk an Glaubensgenossen sowohl im Alterthum wie im Mittelatter erfahren hat, durch den Zwang herbeigeführt waren, während es ausschließlich in der Neuzeit vorgekommen ist, daß sich eine große Anzahl von Juden freiwillig von ihrem Glauben abwendet. Für die Uebertritte der Juden zum Christenthum am Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts hatte man wenigstens noch die Erklärung, daß die damaligen Juden von dem Lichte der sich über sie ergießenden modernen Cultur geblendet wurden und die Neuheit der einstürmenden Empfindungen in den meisten gebildeten Juden der damaligen Zeit die Ansicht auftauchen ließ, daß das Judenthum, wie sie es in der Jugend kennen gelernt hatten, mit den Anforderungen der Cultur nicht zu vereinbaren sei. Trotzdem in dem verflosienen Jahrhundert der Widerstreit zwischen der allgemeinen Cultur und dem Judenthum verschwunden ist, ttotzdem das Judenthum auf das Glänzendste seine Entwicklungsfähigkeit und sein Anpassungsvermögen dargethan hat, ficken in der Gegenwart noch zahlreiche Ueberttitte statt, welche ,eit dem letzten Decennium in erschreckendem Maße nicht nur der Zahl, sondern auch der Qualität nach zugenommen haben. Für oie Taufen wurden mehrere Gründe als maßgebend gewählt. Eine scharfe Zurückweisung muß der nationale Grund erfahren, daß man das Deutschthum und das Judenthum als unversöhndare Gegensätze bezeichnet. Die Geschichte beweist es auf jedem ihrer Blätter, daß Juden hervorragende Deutsche gewesen sind mit den besten und rühmlichsten Eigenschaften des deutschen Charakters. Die Behauptung des Gegensatzes ist ein Erzeugniß der anttsemittschen Bewegung, und diese Behauptung vertreten heißt die schmachvollen Grundsätze des Antisemittsmus anerkennen. Ebensowenig stichhälttg ist der zweite Grund, daß das Judenthum als Religion veraltet sei und der allgemeinen Culturwelt seine» Platz räumen müsse. Weder ist die jüdische Sittenlehre irgend einer anderen inferior, noch kann der Lehrinhalt der jüdischen Religion, der der denkbar einfachste und philosophischeste unter allen Religionen ist, von einer anderen übertroffen werden; uu Judenthum lagern die ältesten Wurzeln des Monotheismus, während im Christenthum, wie hervorragende christliche Gelehrte »»gegeben haben, noch zahlreiche polytheistische Elemente sich befinden. Der Hauptgrund für die Häufigkeit der Judentaufen in der Gegenwart ist der religiöse Jndifferentismus, der allerdings eine nothwendige Folge der menschlichen Entwicklung ist. Ein fernerer Grund ist der Mangel einer jeden Organisation der jüdisch« Religionsgemeinschaft, und endlich und nicht in letzter Linie führt das Motiv der Selbstsucht und der Eitelkeit zur Taufe. Eine solche Folge ist immer eine schwere sittliche Verirrung. Die Pietät gegen Ahnen und Eltern, die selbst bei den roheste« Naturvölkern den Hauptgrund alles religiösen Empfindens bicket, wird mit Füßen getreten; es ist ferner eine Feigheit s indergleichen, wenn der Kämpfer, der in der Schlacht die eigenen Rechen bedrängt sieht, die Fahne verläßt und geraden Weges zu dem Unterdrücker übergeht. Es ist ferner eine wissentliche Unwahrhett, ein Bekenntniß öffentlich avzugeben, das der eigenen Ueberzeugung durchaus widerstreitet, und endlich ist ein solcher Übertritt eine Verstärkung des Dogmatismus der Kirche, der Intoleranz, da der Austretende sich zum Genossen des Unrechts macht, das seit Jahrtausenden auf seinen Stammesgenossen lastet. Das Verfahren - der neuesten Zeit, daß die. Eltern der Taufe fern bleiben, aber ihre unmündigen Kinder taufen laffen, ist noch gewissenloser als der Uebertritt. Ist es nicht Affenliebe für die Kinder, denen man äußerlich den Weg ebnet, die man für den äußeren Erfolg erzieht und der inneren Zufriedenheit des Zusammenhangs mit den Eltern beraubt, so ist das Motiv der noch viel häufigere Wunsch, bei den christlichen Freunden sich einzuschmeicheln. Von der Taufe hat die Kirche die geringsten Vortheile, und eine Zersetzung derselben ist die unausbleibliche Folge. Jeder Taufact ist ein Tanz um das goldene Kalb, und den größten Schaden haben Diejenigen, welche ihre Wahrhaftigkeit verleugnen und, während sie mit ihrer Aufklärung prahlen, sich der Reaction und Intoleranz unterwerfen. Als Gegenmittel gegen die Taufe kommt hauptsächlich in Frage genügende Kenntniß der jüdischen Religion und Lehre, damit ein Jeder im Stande ist, die Wahrheit, die Vorzüge und die tiefe Bedeutung der väterlichen Religion zu würdigen und sich eins zu fühlen mit den zahllosen Generationen, die für ihre Religion gekämpft und gelitten haben. Ein ferneres Gegenmitttel besteht noch darin, mit der Zersplitterung im Judenthum aufzuräumen; zum Kampfe gegen den äußeren Feind und zum Kampfe gegen den Abfall im eigenen Lager muß gerüstet werden. Erst wenn wir der ganzen Welt als Juden gegenübertreten, erst dann werden die Schwachen unter uns gekräftigt und auch die Starken ermuthigt werden gegen Schwachheit und Vorurtheile, erst dann werden wir Achtung nach Außen und Anhänglichkeit nach Innen finden. (Wiederholter, lebhafter Beifall lohnte den Redner für seine trefflichen und interessanten Ausführungen.) Die Zionisten und das Einwanderungsverbot. Wie dem „Jewish Chronicle" aus Constantinopel gemeldet wird, besteht in den dorttgen gut unterrichteten Kreisen gar kein Zweifel darüber, daß die Hindernisse, welche die türkische Regierung der Einwanderung von Juden in Palästina in den Weg legt, ausschließlich dem Zionismus zugeschrieben werden müssen. Eine Unterredung, welche der Correspondent des Blattes mit einem sehr hochgestellten türkischen Würdenträger in Constantinopel unlängst gehabt hat, läßt befürchten, daß die Pforte, dank dem Zionismus, auf dem besten Wege ist, ihre gute Gesinnung gegenüber den Juden überhaupt zu ändern. Die „Leiter der zionistischen Bewegung", berichtet der Correspondent, „denen jeder Gemeinsinn abzugehen scheint, werden es durch ihr aus Eitelkeit und kleinlichen agitatorischen Motiven erhobenes Geschrei noch bewirken, daß sämmtliche Juden in der Türkei fortan wie Fremde behandelt und ihnen alle ihre Rechte, welcher sie sich bis dahin wie die Juden in keinem anderen Lande erfreut haben, entzogen werden." Der Correspondent theilt dann den Wortlaut einer neuen Verordnung mit, welche zunächst nur die nach Palästina auswandernden Juden betrifft. Danach muß jeder nach Palästina reisende Jude, selbst wenn er türkischer Unterthan ist, einen Paß und einen die Nationalität, Beschäftigung und Reisezweck bezeichnenden Erlaubnißschein ^TszkSre) besitzen. Gleich bei erfolgter Landung werden ihm Tszkörs und Paß abgenommen und dafür ein auf 3 Monate laufender Aufenthaltsschein eingehändigt, den er stets bei sich zu führen und auf Wunsch jedesmal der Polizei vorzuzeigen hat. Nach Ablauf der Frist erlischt die Erlaubnis und der Pilger hat das Land zu verlassen, widrigenfalls er vor dem Consul seines Landes, oder falls der Pilger ein türkischer Unterthan ist, vor den türkischen Behörden zur. Verantwortun gezogen wird. Allmonatlich werden die in Palästina provisorisch sich aufhaltenden Juden einer allgemeinen Revision unterzogen. Unter gewissen Umständen kann die dreimonatliche Erlaubniß prolongirt werden. Um das Maß voll zu machen, sollen zahlreiche türkische Beamte in Palästina, welche lange vorher schon einer größeren Anzahl von Juden die definitive Niederlassung in Palästina und Syrien gestattet haben, nachträglich vor Gericht gestellt werden. Bezeichnend ist übrigens die Haltung der türkischen Presse, namentlich aber der ossiciellen Blätter, die jetzt jede Gelegenheit ergreifen, um über die Juden herzufallen. Der Correspondent schließt mit dem Ausrufe: „Dank den zionistischen Schreiern, ziehen sich schwere Wolken über den Häuptern der türkischen Juden zusammen".