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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 6 Dr. Vloch's Wochrnfchrifl. Heile 83 Geschichte der Iudengemeinde in Budapest. Die Begründung der israelitischen ungarischen literarischen Gesellschaft hat den Anstoß zu einer ebenso umfassenden wie rührigen, aus sämmtliche Zweige des Cultus- und Culturlebens des Judenthums sich erstreckenden Thätigkeit gegeben. Nach wenigen Jahren erst zählt der Bestand dieser Gesellschaft und schon ist nebst einer Serie gehaltvoller Jahrbücher eine neue Übersetzung der heiligen Schrift erfolgt, die vorzügliche Geschichte der Theilnahme der Juden am Freiheitskampfe von Dr. Beta Bernstein, die Geschichte der Oedenburger Juden von Dr. Max Pollak und andere treffliche Werke herausgegeben worden. Diesmal erscheint sie mit einer besonders dankenswerthen Edition auf dem Plane: der Geschichte der Juden in Budapest von den ältesten Zeiten bis 1867.*) Paul T e n c e r, der Unermüdliche, war es, der eine Summe von 1000 fl. sammelte, damit ein Preis auf die Abfassung des erwähnten Werkes ausgeschrieben werde. Die Concurrenz war von dem erwünschten Resultate begleitet; Dr. Alexander B ü ch l e r, der Ersteher des Preises, hat eine auf eingehenden Forschungen basirende, ausgezeichnete Arbeit geliefert, die nicht nur alles Wffsenswerthe über die ziemlich complicirte Geschichte der drei israelitischen Cuttusgememden Budapests dringt, sondern auch fesselnd geschrieben ist und daher den Fachmann sowohl als den Laien im vollsten Maße befriedigt. Dr. Büchler behandelt, der chronologischen Reihenfolge entsprechend, erst die Ofner, dann die Ältofner und zuletzt die Pester israelitische Cultusgemeinde. Wir aber wollen uns vorläufig auf Grund seiner Darstellung mit der jüngsten, aber mächtigsten, der Pester, befassen. Die Pester israelitische Cultusgemeinde ist nicht nur die jüngste Budapester Gemeinde, sie ist überhaupt eine der jüngsten im Lande. Wohl mag es in älteren Zeiten in Pest vereinzelt Juden gegeben haben, aber über ihre Schicksale ist soviel wie nichts bekannt. In der Türkenzeit wohnten Juoen in Pest; gegen das Ende derselben befand sich der Judenfriedhof in der heutigen Leopoldstadt, in der Gegend des Leopoldstädter Casinos — „gerad gegen der Stadt (Ofen) über, auf der anderen Seiten des Flusses, sein der Türken und Juden Grabstätte, durch das Feld gleichsam äusgestreuet, unterschieden mit eingehauenen Tulbanten, klein und bedeckt, nach Beschaffenheit der Personen" — so berichtet Johann Benaglia in seiner 1867 zu Frankfurt erschienenen „Ausführlichen Reise-Beschreibung". Nach der Vertreibung der Türken indeß, wohnte in Pest ein Jahrhundert lang kein Jude. Kraft ihrer Privilegien („Zur Authorität des Magistrats gehören: Bürger und Einwohner aufzunehmen, das zu dulden oder abzuweisen") als königliche Freistadt verweigerte die Stadt Pest den Juden die Niederlaffung; selbst der Durchzug wurde ihnen erschwert : der durchrelsende Jude mußte dreißig Kreuzer, der übernachtende einen Thaler zahlen; später wurde der „Schlafgroschen" auf drei Kreuzer herabgesetzt. Das ganze XVI11. Jahrhundert hindurch, bis zum Erscheinen des Toleranzedicts Josefs ll. vereitelte der Pester Magistrat jeden Versuch eines Juden, sich in Pest niederzulassen, ja selbst Samuel Mendel und Löw Leitersdorfer, welche von Maria Theresia das Privilegium hatten, im Land wo immer wohnen und Handel treiben zu dürfen, wurden abgewiesen. Als Anfangs 1726 im strengsten Winter der Chef der berühmten Wiener Firma Oppenheimer mit fünf Glaubensgenossen nach Pest kam, wo sie bei der königlichen Tafel zu thun hatten, wurde ihnen zwar gestattet, sich tagsüber in Pest auszuhalten, aber die Nacht mußten sie in Ofen zubringen, wohin sie sich über die zugefrorene Donau begaben; blos für den Fall, daß das Eis unpassirbar wurde, stellte ihnen der Magistrat die Erlaubniß, gegen eine bestimmte Gebühr in Pest zu übernachten, in Aussicht. Und dabei blieb es, trotzdem die königliche Tafel und die Hofkanzlei sich auf Seite der Juden stellten. Und als die Preßburger Juden I. M. Wormser und Michael Hirsch vom Kecskemöter Jahrmärkte kamen, wurde ihnen vom Magistrat eine empfindliche Geldbuße auferlegt. Den ihm am 25. Februar 1727 zugegangenen Judenconscripttons-Bogen sendet der Magistrat der Statthalterei selbstbewußt und stolz mit dem Bemerken zurück, daß auf seinem Territorium kein Jude wohne, und als 1735 die Juden abermals conscripirt werden sollen, schickt der Magistrat die Conscriptionstabelle leer zurück, da die Stadt *) A zsidök törtöneteBudapesten a legre g i b b idöktöl 1867-ig. Irta Dr. Büchler Sändor. Budapest 1901. keine Juden habe und auch in Hinkunft keine haben werde. Noch 1766 durften die Juden die Pester Märkte nicht besuchen; später gelingt ihnen dies wohl, aber sie müssen die Erlaubniß mit beträchtlichen Abgaben erkaufen. Erst das Toleranzpatent Josef's 11. machte, wie erwähnt, im Jahre 1783 diesen Umständen ein Ende; diese Verordnung konnte „der erste Grundstein zur Bildung der Pester Israeliten dankbarst genannt werden". Während die Juden in Pest früher nur für die Dauer des Marktes (16 Tage lang) ein Gasthaus offenhalten durften, schloß der Magistrat schon am 30. Oktober des genannten Jahres mit der Altofn-r Cultusgemeinde einen dreijährigen Vertrag, wonach diese gegen einen jährlichen Pachtschilling von 550 fl. an vier Stellen der Vorstadt (das heißt Theresienstadt) ein Wirthshaus halten kann. Die ersten jüdischen Ansiedler stammten aus Altofen; die ersten Familien, die fich in Pest niederließen, waren Offenheim, Berliner, Schönstein, Boskowitz und Lertersdorfer. Daß der Pester Magistrat den Juden auch in der Folge mannigfache Schwierigkeiten in den Weg legte, läßt fich denken. Die jüdischen Bewohner zerfielen in tolerirte. welche sich ansässig machen durften, und in kommorante, die fich nur zeitweilig hier aushalten konnten. Im Jahre 1787 erschien die Berordnuifg Kaiser Joseph's, wonach die Juden deutsche Familiennamen annehmen mußten; im selben Jahre erschien. die erste amtliche Conscription der Juden, nach welcher es damals 14. tolerirte Familien und insgesammt 114 Ansässige gab, die zumeist de» dienenden Classe angehörten. Hieraus darf indeß nicht gefolgert werden, daß die Juden so reich waren, um fich große Dienerschaft halten zu können, sondern die „Diener" waren Juden, die, um ständig hier wohnen zu können, sich als „Angestellte" der Tolerirten ausgaben. Kaum war Josef 11., der am 28. Jänner 1790 seine sämmtlichen Verordnungen zurückgezogen hatte, todt, ordnete der- Magistrat an, daß sämmtliche Juden bis 1. Mai Pest zu verlassen haben und bis dahin nicht einmal mehr hausiren dürfen. Die Statthalterei mußte einschreiten, damit diese Maßnahme nicht sofort zur Ausführung gelangte. Die ungarische Judenheit, welcher in zahlreichen Orten des Landes die Ausweisung drohte, - wandte sich an den König und den Reichstag, und letzterer sprach im Gesetzartikel 38 aus, daß die Juden bis zur endgiltig«« Regelung ihrer Angelegenheiten in dem Zustande zu belassen seien, in welchem sie fich am 1. Jänner 1790 befanden. Vertrieben konnten also die Juden aus Pest nicht werden, umso mehr ließ es fich die Commune angelegen sein, sie zu vexiren. Sich an den Buchstaben des Gesetzes klammernd, duldete dev Magistrat nur jene Juden, die zu dem angegebenen Termin „tolerirt" waren; neue Niederlassungen wurden nicht bewilligt./ Als „Gemeinde" durften fich die Juden nicht constituiren, aus amtlichen Schriftstücken konnten fie fich nur „Pester Juden" . nennen; auch der Gebrauch des Siegels war ihnen verwehrte Nach 1820 wies der Magistrat eine Eingabe zurück, weil die Unterschrift „von der Pester Judengemeinde" lautete. Am? 2. December 1799 zählte man 310 tolerirte und 765 kommorante Juden in Pest. Doch genug von den schweren Kämpfen, welche die Pester^ Juden zu bestehen hatten. Wir erwähnen nur kurz, daß der erste. „Tempel" im Orczy'schen Hause am 15. April 1796 eröffnetwurde; 1799 dursten sich die Pester Juden einen Rabbiner wählen; die Wahl fiel auf Israel Wahrmann, der einer- Altofner Familie entstammte und fich um die geistige und moralisch« Entwicklung seiner Gemeinde große Verdienste erwarb. 1312 wurde die „Nationalschule" der Pester Juden eröffnet, die dank ihrer ausgezeichneten Lehrkräfte alsbald zu großer Blüthe gelangte. Am. 24. Juni 1826 starb Wahrmann, von seiner. Ge meinde tief betrauert; sein Nachfolger wurde der berühmt« Mw Schwab aus Proßnitz, der sein Amt am 28. Jänner 1836 äntrat. Die Geschichte der Pester Judengememde im XIX.- Iahe, hundert fällt mit derjenigen der gesammten ungarischen Judeichmt. / zusammen; immer stand fie an der Spitze der Bewegungen, uud - Kämpfe derselben, so, als es die Abschaffung der Toleranzsteuer galt, welche gegen eine Ablösungssumme von 1,200.000 fl. im Jahre 1846 erfolgte; hievon verständigte Graf Szäcsen di« Pester Cultusgemeinde mit dem Bemerken: „insbesondere aber dre Pester israelitische Gemeinde zu verständigen, welcher das Verdienst der glücklichen Austragung dieser für die Israeliten- . des Landes höchst wichttgen Angelegenheit zunächst gebichrt^ Einen interessanten Abschnitt des Buches bildet die Geschichte der israelitischen Resormgemeinde („Resormgesellschast der Pest«

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