Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 78 Vr. Blmtz's Wochrnfchrifi. r»tr. 5 Und wenn wir nun Solches von Moses, dem Gottesmanne, lesen, wie könnten dann ernst denkende Männer, am Abschlüsse eines großen Lebensabschnittes stehend, freudig bewegt und gehoben sich fühlen, da doch auch in ihnen die fragende Stimme sich erhebt: Ist etwa Dein Lebenswerk, an dem Deine Seele hing, gelöst und von Dir zu Ende geführt worden? Denn wahrlich, die Sendung, die dem religiösen Führer geworden, dem religiösen Volkslehrer in Israels Gemeinden, sie ist von solch' schwerwiegender Tragweite, daß in ihm drei mächtige Factoren harmonisch Zusammenwirken müßten, um seiner gewichtigen Sendung in vollendeter Weise gerecht werden zu können. Welches diese drei mächtigen Factoren sind? Eine tiefsinnige Gleichnißrede im biblischen Schriftthum (Richter cap. 9) — die älteste Parabel in der Weltliteratur — sie gibt uns hierauf Antwort. Einst hatten die Bäume mit einander berathen, Wen sie zu chrem Führer, der an ihrer Spitze stehe, erwählen sollten, und da gingen sie vor Allem zum O e t b a u m hin und sprachen: O Olivenbaum, sei du unser Führer, denn in dir erkennen wir das erfolgreichste Mmel zur Erlangung jenes ersten großen Factors, der dem Volkslehrer noth thut. Dieser erste Factor ist -die Größe der G e l e h r s a m k e i t, die Tiefe der Forschung, der Reichthum des Wissens. Doch wer zu dieser Höhe gelangen will, der muß bei dir, Olioenbaum, seine Zuflucht suchen, denn er muß mit deinem Oel seine Studierlampe füllen, um in schweigsamer Nacht, während Alles auf weichem Pfühl ausruht, in dce Tiefen der Forschung hinabzusteigen und die Schätze der Weisheit heraufzuholen. Der Tag allein reicht dazu nicht hin, er muß eben dre schweigsame Nacht zu Hilfe nehmen. „Du mußt forschen Tag und Nacht!",so lautet oas uralte heilige,Gebot. Und ein kleines inhaltsreiches Büchlein, das den poetischen Titel trägt: »Eine Auswahl, von Perlen" enthält folgenden schönen Spruch: Du fragst, was Dich zum Weisen könnt' erheben? So hör': Wenn Du für Oel mehr ausgegeben, Als Ändere für Wein — den Feuersaft der Reben." So ward es im Stamme Israel immer gehalten. Wenn man vormals in tiefer Nacht durch die Gassen oder Gäßchen des jüdischen »Ghetto" -ging, dann konnte man aus den meisten Fenstern die Studirlampen herausleuchten sehen. Und blickte man durch die kleinen Fensterscheiben, so sah man die großen Folianten aufgeschlagen, darin graubärtige Männer und kaum dem Knabenalter entwachsene Jünglinge studirten und forschten. Und wahrlich, dieses Oel ihrer Studirlampen wurde damals mcht nur die Quelle ihrer Weisheit, sondern auch der Quell ihrer aufrichtenden Tröstung mitten unter den Bedrückungen und Herabsetzungen der Jahrhunderte. Und wenn der Prophet Jesaia (10, 27) verkündete: »das Joch werde gebrochen werden durch oas Oel" — so deuteten spätere Schriftausleger dies ebenfalls auf das Oel der Studirlampe. (Talm. Sanhedr.) Da jedoch — nach der biblischen Gleichnißrede — der Olivenbaum die Wahl ablehnte, so begaben sich die Bäume nunmehr zum Feigenbäume und sprachen: So sei du unser Führer. Die Süßigkeit deiner Frucht erinnert uns an den zweiten Factor, der dem Führer und Lehrer des Volkes unentbehrlich ist, da auch von ihm gesagt werden muß: »Honig und Milch ist auf Deiner Zunge!" Schon Moses, unser großer Volksführer, hatte dce Dringlichkeit dieses zweiten Factors anerkannt, indem er sagte: Die Kraft der Rede müffe bald »dem mächtig herabstürzenden Strome des Regen s und bald den mild herabträufelnden Th aue gleichen." Vor anderthalb Jahrhunderten lebte ein großer Lehrer, der neben dem Aüeszermalmenden Scharfsinn, mit dem er das große Gebiet der Halacha souverän beherrschte, auch sehr berühmt war durch diesen zweiten Factor, so daß ein großes Predigtwerk, das er hinterlreß, mit Recht den Titel trägt: „Ein Bienenstock voll Honig." Und wie unentbehrlich ist dieser zweite Factor nun erst gar heutzutage, wo es gilt, mitten unter all den Geschossen, welche Verdächtigung und Lüge gegen den reinen Schild des Judenthums losdrücken, stark und unentwegt zu bleiben und sich zu sagen: Es sind die schlimmsten Früchte nicht, daran die Wespen nagen! Doch siehe da! Auch der Feigenbaum lehnte entschiedenst die Wahl von sich ab und da gingen die Bäume endlich hin zum Weinstock und sagten: „So sei Du unser Führer! Da von Deiner Frucht gesagt wird, daß „sie Gott und Menschen erfreue", so erscheinst Du uns als das Bild edler Schaffensfreude, die mit begeisterter Hingebung in ihrem Pflichtenkreise wirkt und der ihr obliegenden Sendung gerecht zu werden strebt. Welches die höchste und eigentlichste Sendung des Volkslehrers ist, sagt uns schon der Ehrentitel, den er trägt — der Titel Rabbiner. Etymologisch bedeutet dieses Wort — nicht wie in einer verwandten Sprache: „Der Herr", „Der Gebieter" — sondern „Der Lehrer", der mit Hingebung diesem Berufe lebt. Und wenn auch ein Wort der Weisen sagt: Nicht die Lehre ist das Wichtigste, sondern die Tha t, so ist doch für ihn, den Volkslehrer, das Lehren eben die höchste That. Allein sowie zuerst der Olivenbaum und wie sodann der Feigenbaum, so lehnte zuletzt auch der Weinstock die Wahl entschieden von sich ab. Warum — aus welchem Grunde sie ablehnten und die Kraft, die Gott jedem Einzelnen von ihnen verliehen, nicht zum Heile ihrer Genossen verwenden wollten? Weil jeder einzelne der drei Factoren in seiner Jsolirung — die große Gelehrsamkeit allein, die Macht der Beredtsamkeit allein, ebenso wie die freudige Schaffenskraft allein — keineswegs geuügen würde, den religiö)eii Lehrer und Führer des Volkes in seiner idealen Vollendung zu schaffen, was eben nur die vereinte Kraft all dieser drei großen Factoren zuwege zu bringen vermag. Doch welch' seltene Erscheinung! Darum der seine Kraft nicht überschätzende religiöse Volkslehrer, wie könnte er — bei der Erkenntniß von der Tragweite der ihm gewordenen Sendung, deren befriedigende Lösung nur durch das Zusammenwirken der drei Factoren bedingt ist — auf eine lange Strecke seiner Laufbahn zurückblicken, ohne die ängstlicke Frage im Herzen: Ist es mir, wenn auch nur theilweise gelungen, die Größe meiner Sendung zu erfüllen? Doch da blicken wir wieder zurück zu M o s e s, unserem Vorbild in allem Edlen und Großen. Als er am Schluffe seines Lebens und Wirkens sich ängstlich sagte, daß er sein Lebenswerk, daran seine Seele hing, gar nicht zu Ende geführt, denn er habe sein Volk wohl aus dem Lande der Pharaonen erlöst, jedoch nicht in das Land der Verheißung gebracht — da entgeguele ihm die Gottesstimme: »Du hast genug g e t h a n!" (5 M. 3, 26), denn Dein Wille war gut, und der gute, starke unbeugsame Wille, wenn er auch scheitert an den äußeren Verhältnissen, er wiegt auf Gottes Wagschale ebenso schwer als die vollendete That. Ja ein solcher W i l l e des Menschen, daran seine Seele hing, stehr sogar noch höher als die That selbst. So eröffnen wir täglich unsere Morgenandacht mit jenem Psalm „zur Einweihung des Tempels, von David verfaßt" (Ps. 30). Doch wie? Hat denn David den Tempel erbaut und geweiht? Erst Salomon gelang es nach siebenjähriger Bauthätigkeit und mit Hilfe von 200.000 Arbeitern, den Tempel in höchster Pracht und Kunst herzustellen und mit größter Feierlichkeit einzuweihen. Allein — so antworten hierauf die Schriftausleger — da es der unbeugsame Wille David's gewesen und seine ganze Seele daran hing, seinem Gotte ein Heiligthum zu errichten, so wird der Bau desselben dem Namen Davids zugeschrieben. * * * Die Rede übte auf das Festpublicum eine mächtige Wirkung, man bewunderte die geistige Jugendfrische des Redners, seine laute nachdrückliche Sprache, die klangvolle Stimme, die jedes Wort in alle Winkel des weiten Raumes trug. Nach beendigtem Festgottesdienste war der Jubilar Gegenstand begeisterter langandauernder Ovationen seitens der zahlreichen Festtheilnehmer, eine spontane Kundgebung herzlicher Verehrung und ungeheuchelter Sympathie. In der Rabbinatswohnung begann darauf die große Gratulation. Der Präsident der Cultusgemeinde Herr kaiserlicher Rath Heinrich Kling er überreichte ein nach einem Entwurf des Architekten Fleischer hergestelltes, prächtig in Silber gearbeitetes Ehrengeschenk (eine große Taffe sammt Kanne und Kelch) und richtete an den verehrten Rabbiner folgende Ansprache: »Hochgeehrter Herr Rabbiner! Aus dem Gotteshause, von der Stätte Ihres segensreichen Wirkens zurückkehrend, treten wir, die Vorsteher der Wiener Cultusgemeinde, vor Sie hin dankerfüllten Herzens, um an dem Tage, an welchem Sie, hochgeehrter Herr Rabbiner, das 80..