Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021391--10579-3035068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 76 Dr. Bloäj's Wochenschrift. Nr. 5 Georg Brandes, der berühmte dänische. Literarhistoriker hat sich selten über jüdische Dinge ausgesprochen. Denn die Nachricht, die durch manche Blätter ging, daß er sich zum Zionismus bekannt habe, gehön zu den vielen Märchen, die über diesen Helden einer meist böswilligen Sagenbildung verbreitet werden. Um so erfreulicher wirkt ein Artikel von ihm, der unter dem Titel: „Jüdische und christliche Rumänen" in der Jänner-Nummer der dänischen Zeitschrift „Tilskueren" veröffentlicht wurde. Der Artikel enthält keine neuen Thatsachen, aber ist bedeutsam durch seinen Inhalt und seinen Ton. Einzelne Stellen daraus wird man auch in Deutschland gern lesen. Sie lauten: „Vom König, der Königin und den Ministern des Landes selbst haben die unglücklichen jüdischen Rumänen keinen Beistand zu erhoffen. Aber hoffnungslos ist ihr Zustand deshalb nicht. Wenn alle Männer jüdischer Abstammung in Europa und Amerika zu ihrer Vertheidigung zusammenständen, sich ihrer Macht bewußt wären und diese Macht gebrauchten, so würden diese Männer bald mit den Missethätern in einem barbarischen Kleinstaat fertig werden. Die Zeit ist vorbei, wo der jüdische Stamm sich ohne Widerstand mißhandeln laffen mußte... Doch gegenüber der modernen Barbarei und ihrer ftechen Grausamkeit kann man gar nicht anders, als sich mit dem Verfolgten solidarisch fühlen. Es ist ini Uebrigen keine Schande, dem einen der beiden begabtesten Völker der Erde, Griechen und Juden, anzugehören.... Aber wer sich vor einem recht schrecklichen Juden entsetzt, mag in ihm ein Zeugniß dafür sehen, was die christliche Nächstenliebe, nachdem sie ein Jahrtausend gewirkt, aus einem alten Volke macken konnte.... Der heuchlerische Name Judenhaß ist um so lächerlicher im Munde christlicher Männer und Frauen, als Jesus in eigener Person doch Semit war, und die einzige wirklich semitische Geistesrichtung in Europa die ist, die man gemeinhin Ehristenthum nennt." Der Artikel schließt mit Rathschlägen zur Abhilfe: 1. Die Wahrheit über Rumäniens Berhältnisse?u sagen und stets zu wiederholen. 2. Die jüdische Finanzwelt soll dem rumänischen Staat jede Hilfe verweigern. Ganz nach dem Anträge Bloch's und der letzten Generalversammlung der israelitischen Allianz in Wien. Das Regime des P. Sobel. In dem Spital der Barmherzigen Brüder spukt der finstere Geist der Unduldsamkeit in den Sälen, in welchen Jahrzehnte hindurch nur Nächstenliebe gethront hatte. Das Haus der Barmherzigen Brüder ist schon seit geraumer Zeit zu einem Tummelplatz der konfessionellen Hetze geworden. Unter den vielen traurigen Erscheinungen, welche der Ant semitismus gezeitigt hat, ist wohl diese eine der schmerzlichsten. Eine Reihe von Auflagen wird gegen den Provincial Sobel erhoben. Wir lassen die nachstehenden folgen: Ein israelitischer Patient, welcher eben eine überaus schwere Operation bestanden hatte, wurde im Spital in der Taborstraße von einem Maurer grundlos auf die gröblichste Weise mißhandelt. Als man den Provincial aufforderte, diese Rohheit bei Polizei zur Kenntniß zu bringen, da meinte P. Sobel: „Wenn es dem Juden nicht paßt, so soll er gehen!" Im Spital befand sich auch ein Scharlachkranker. Der behandelnde Arzt verlangte natürlich dessen Jsolirung. Diese erfolgte gewöhnlich in der Art, daß der infeciiös Erkrankte in einem abgeschloffenen Raum untergebracht wurde. Doch P. Sobel führte eine gründliche Jsolirung durch. Er schickte einfach die Patienten, welche in der Nahe des Scharlachkronken lagen, aus dem Spitale fort. „Zufälligwaren das durchwegs Juden. Um jedoch keinen Zweifel über die Tendenz der Maßregel aufkommen zu lassen, commentirte er dieselbe mit den Worten: „Diese Leute liegen lang genug herum und man hat nichts von ihnen" Es wird von allen Aerzten bestätigt, daß die Kranken, welche da aufs Pflaster geworfen wurden, sich bescheiden uud correct benommen hatten. P. Sobel sah sich denn auch auf eine energische Einsprache hin geuöthigt, drc Patienten wieder aufzunehmen. Seit dem Bestände des Spitals der Barmherzigen Brüder waren Juden aus Palästina, die mit Empfehlungen der dortigen Rabbinate versehen waren, in demselben ausgenommen worden und hatten bei den Barmherzigen stets liebevolle Pflege gefunden, wie dies aus zahlreichen rührenden Dankschreiben hervorgeht. Da sie aus mildthätiger Hand rituelle Speisen erhielten, so verursachten sie dem Spital nur geringe Kosten. Fünf dieser armen, anspruchslosen Leute mußten zu Neujahr ungeheilt das 'Spital verlassen. Um jüdische Patienten auch in Hinkunft los zu sein, hat der Provincial bestimmt, daß von nun ab nicht mehr die Aerzte, sondern die Brüder selbst über Aufnahme von Kranken zu entscheiden haben. P. Sobel hat das Bildungsniveau für die Aufnahme in den Orden herabgedrückt und zu diesem Zwecke verfügt, daß die Brüder selbst weder medicinische, noch pharmaceutische Studien betreiben dürfen. So wenden sich die besseren Elemente vom Orden ab. Reichlich sind jüdische Gaben für das Spital der Barmherzigen Brüder' geflossen, an den Wänden desselben prangen die Bilder jüdischer Wohlthäter — deren Glaubensgenossen nun in den schweren Stunden der Krankheit und der Schmerzen um ihres Glaubens willen leiden müssen. . . Vielleicht gibt jenen Wohlthätern der „fromme" Wunsch des P. Sobel zu denken: „ . . . O, könnte ich doch dem R o t h s ch i l d und den anderen Juden ihr Geld zurückgeben, damit wir keine Juden aufnehmen müssen! ..." Goethe und die Juden. Ein Leser schreibt uns: Mit Rücksicht auf den Grunwald'schen Vortrag über „Goethe und die Juden" möchte ich auf eine Goethe'sche Krilik aufmerksam machen, die in den zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen über Goethe bisher keine Würdigung gefunden hat, trotzdem sie eine solche vielleicht mehr als irgend eine andere verdient. Goethe hat in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen eine Anzahl Bücherkritiken veröffentlicht, die im 5. Band der großen Cotta'schen Ausgabe abgedruckt sind. Darunter befindet sich auch (Seite 540) eine Besprechung über: I. v. Sonnenfels. Die Liebe des Vaterlandes. Sonnenfels hatte behauptet, daß die Vaterlandsliebe unter Anderem mit der Seßhaftigkeit zusammenhänge, daß deshalb Hirten und Jägervölker weniger patriotisch seien als Ackerbautreibende, Bauern Patriotischer als Kaufleute rc. Gegen diese Auffassung schreibt Go.the: „Und hier müssen wir anmerken, daß Herr S., durch das Wort Vaterland verführt, durchaus zu sehr als glebae adscriptus discurirt, und wir halten's noch immer mit dem Themistokles: nicht der Boden, sondern die Verhältnisse eines Volkes, deren zwar viele auch aus dem Lande, das sie bewohnen, hervvorspringen, bestimmen die Nation. So haben die JudenNationund Patriotismus, mehr als hundert leibeigeneGeschlechter." In dem „glebae adscriptus“ (deutsch übersetzt ----- an die Erdscholle gebunden) liegt anscheinend ein feine Bosheit gegen den getauften Sonnenfels — ungefähr in dem Sinne, Sonnenfels habe eine Theorie aufgestellt, wonach die Händler weniger Patriotismus haben müßten als z. B. die Bauern. Er habe dabei die Bedeutung des Bodens vielleicht deshalb überschätzt, weil er früher als Jude keine Freizügigkeit besessen und an die Scholle gebunden gewesen sei. Jedenfalls liegt in der Bezugnahme auf die Juden eine Spitze gegen den getauften Sonnenfels. Mit der Nation und dem Patriotismus meinte Goethe, daß dieJudeneinejüdische Nation bilden und jüdischen Patriotismus haben. Erführt auch die Ursache an : „Die Verhältnisse eines Volkes" bestimmeil Nation. Eine sehr richtige Bemerkung. Seit Goethe hatten sich allmälig die Berhältnisse der jüdischen Nation so geändert und verschoben, daß vor etwa zehn Jahren Niemand mehr von einer jüdischen Nation gesprochen hätte, während der Antisemitismus zweifellos eine Art Nationalgefühl bei vielen Juden wieder neu geschaffen hat. Mit dem getauften Sonnenfels, dem gegenüber Goethe gerade den jüdischen Patriotismus der Juden hervorhebt, dürfen sich deshalb auch Andere getroffen fühlen. Professor Dr. Sonnenburg, der von Berlin berufen worden, den ungarischen Landesvertheidigungsminister Freiherrn v. Fejervary einer glücklichen Operation zu unterziehen, macht den Wiener Antisemiten viele Kopfschmerzen. Die Operation ist geglückt und Se. Majestät der Kaiser hat den Berliner Professor in einer besonderen Audienz ausgezeichnet. Das officielle Organ für die Wiener Trottelosis hetzt nun die Wiener Aerzte, sich gegen solche „Eindringlinge" zur Wehre zu setzen: „Die Wiener Aerzteschaft würde gut daran thun, sich gegen solche Eindringlinge energisch zu wehren. Ist cs nicht beschämend für die berühmte Wiener Facultät, daß eine Null aus Berlin hieher berufen wird, als ob es hier niemand träfe, Blinddarmoperationen vorzunehmen? Und ist es nicht noch unwürdiger, daß sich unsere Aerzte täglich ein dutzendmal die Lobpreisung dieser Null Vorsingen laffen müssen? Wenn die Wiener Aerzte sich energisch gegen solche Erscheinungen wehren, dann wird man auch in den oberen Kreisen von der nicht genug zu beklagenden Gewohnheit ablassen, fremde Reclamehelden heranzuziehen." Herr Dr. Lueger ist aber überhaupt kein Anhänger des Aerztestandes. und wenn cs nach ihm ginge, hätte der ungarische Landesvertheidignttgsminister einer Kräutlerfrau sich anvertrauen müssen. Vielleicht soll der Wiener Aerztestand für Herrn Dr. Lueger ein Denkmal beantragen., für seine hohen Verdienste um die Hebung des Ansehens der medicinischen Wissenschaft?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.