Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Vr. Bloch's Wochenschrift. Seite 75 welchen das Museum einmal wöchentlich zugänglich ist, auf's Tiefste empfunden, und schon aus diesem Grunde allein müßte sich in den Mäcenaten unserer Gemeinde der Wunsch rege machen, für die fast obdachlosen Sammlungen in munificenter Weise zu sorgen. Wer diese Sammlung nur einmal besucht hat, muß beobachtet haben, welch unvergleichliche Schätze sie birgt, wie reichhaltig und sehenswerth sie ist — trotzdem doch für dieselbe in pnneto der nothwendigen und berechtigten Reclame noch so wenig oder gar nichts geschehen ist. Aber er wird auch mit Schmerz bemerkt haben, daß die Sammlung weder geordnet noch überhaupt „aufgestellt" erscheint. Es fehlt eben an Raum und es fehlt auch an Schränken. Es muß Alles zusammengepfercht sein, es kann kein Gegenstanß sich dem Beschauer nach Zweck und Werth Präsentiren und eine Unzahl von Objecten kann gar nicht zur Besichtigung aufgestellt werden, sondern liegt in Kisten verborgen, weil man den Platz nicht besitzt, wohin sie zu postiren. Dieser Noth muß auch ein Ende gesetzt werden. Das Augenblicksbedürfniß ist es jedoch nicht, das ich im Auge habe, und ich möchte auch nicht, daß man diese Angelegenheit von so kleinem Gesichtspunkte aus auffasse. In den Sammlungen der Musealgesellschaft darf man zum allermindesten einen Curiositäten- und Raritätenkram sehen, Man muß vielmehr erkennen, daß sich in diesen Sammlungen hauptsächlich birgt oder bergen soll, was unsere Glaubensgenossen während ihres tausendjährigen Aufenthaltes in diesen Landen geleistet haben, womit sie an der culturellen Bewegung sich betheiligt haben, was ihr Wirken auf geistigem, künstlerischem, literarischem, wissenschaftlichem Gebiete gewesen ist, wie sie sich in der Arbeit bewährt haben, was sie beigetragen haben auf dem Gebiete von Gewerbe und Handel, um die Reichthümer dieses Staates zu erhöhen, was sie für Verkehr und Industrie bedeutet haben und wie sie im politischen Leben thätig gewesen sind. Das gesammte öffentliche Leben der Juden, in der Zeit der Unterdrückung sowohl als in der'ihrer relativen Gleichberechtigung, soll hier zum Ausdruck gebracht werden und hiemit wird — das ist wohl sonnenklar — mehr gethan, als blos eine Kunstsammlung angelegt. Es wäre dies unstreitig eines der größten Werke, das die Juden zu ihrer eigenen Ehre und zugleich, zur Abwehr schaffen könnten, und hieraus ergibt sich, daß sie es schaffen müssen. Es wäre dies aber auch ein Monument, würdig der Zeit, in der es geschaffen wurde, als ein Monument des Selbstvertrauens und der Hoffnung und zugleich als ein Monument der Dankbarkeit für den Monarchen, unter dessen Regierung uns die Gleichberechtigung in dem Staatsgrundgesetze zuerkannt worden ist. Gibt man dem Museum diese Bedeutung — sie ist die allein berechtigte — dann ist sein Zweck ein riesengroßer, dann ist sein Zweck von solcher Tragweite, daß seine Erreichung die Aufgabe aller Cultusgemeinden, aller Juden sein müßte. Da ergibt es sich denn, daß ein solches Werk allerdings nicht von einem einzelnen Vereine, nicht von einer kleinen Zahl von Personen durchgeführt werden kann. Es bedarf auch nicht blos der Opferwilligkeit der Reichen, es gehört vielmehr ein hoher Grad von Begeisterung, ein volles Pflichtbewußtsein gegenüber seiner eigenen Person als Jude, gegenüber der Familie, gegenüber den Glaubensgenossen dazu; es muß die Erkenntniß von der geschichtlichen Bedeutung der Juden in Oesterreich, von ihrem Rechte in Gegenwart und Zukunft alle Kreise durchdringen, damit vereinte Kräfte einen Bau aufführen, dessen Bedeutung Jedem einleuchten muß. Wird diese Begeisterung vorhanden sein, wird dieses Pflichtbewußtsein sich wecken lassen, wird diese Erkenntniß heranreifen? Trotz aller pessimistischen Einwendungen, deren Berechtigung zum Theile aus der Vergangenheit abgeleitet werden mag, will ich die optimistische Hoffnung nicht aufgeben, und ich stütze dieselbe nicht blos auf subjektive Urtheile, sondern auf objective Wahrnehmungen. Schon die erste Anregung hat der Idee viele Freunde gewonnen und ohne eine Indiskretion zu begehen, darf ich her vorheben, daß die ersten Bausteine bereits zugefichert wurden Aber mehr als das. Unabhängig von der durch mich gegebenen Anregung hat in einflußreichen und gefinnungstüchtigen Kreisen der Gedanke Wurzel gefaßt, daß den mannigfachen Bedürsniffen, die sich im jüdischen Vereinsleben geltend machen, Rechnung getragen werden müsse, und es ist zu erwarten, daß die Berathungen, die in diversen Corporationen gepflogen werden, zu geeigneter Zeit zu einem concreten Vorschläge, vielleicht auf Grundlage eines gemeinsamen Programmes, sich verdichten und vor das richtige Forum gebracht werden, eines Programme-, in welchem dem Museum die ihm gebührende Stelle eingeräumt werden müßte, weil das Museum allein die ethischen Gedanken verkörpert, während die anderen Zwecke praktischen Ausgaben dienen. Ich gebe mich der Ueberzeugung hin, daß Autoritäten für die gute Sache eintreten und ihr die Freunde in der gesammten Judenschaft gewinnen werden, die sie verdient und die sie braucht. Es mag dann die Unterbringung des jüdischen Museums ein Theilzweck eines größeren Ganzen sein, immer wird es aber als das ideale Band erscheinen, das alle Kräfte zu einem großen Ziele einigt. Johann Lichten stad t. Vom Jahrmarkt des Lebens. Eine beleidigte Behörde. Herr Pastrse, der Präsident des Bundes österreichischer Industrieller, ist wegen Beleidigung des Wiener Stadtrathes zu einer Geldstrafe von vierhundert Kronen verurtheilt worden. Er hatte in einer Versammlung die Bemerkung gemacht, „es habe den Anschein, daß im Stadtrathe Protectionswirthschaft herrsche", und als er bei der Verhandlung diesen sehr deutlichen Schein zu beweisen versuchte, schnitt ihm der Richter das Wort ab. Das ist vorläufig auch die wichtigste Seite dieses Proceffes. In Uebereinstimmung mit dem staatsanwaltliche» Functionär erklärte nämlich der Richter — der Herr Landesgerichtsrath Heidt, dem die Welt schon so viele seltsame Urtheile verdankt — bei Beleidigungen von Behörden sei ein Wahrheitsbeweis überhaupt nicht zulässig. Die Herren Christlich-Socialen konnten zehn Jahre lang alle Behörden in der horribelsten Weise schmähen, ohne daß auch nur Einem ein Haar gekrümmt worden wäre. Mit welchen Schmähungen hat nicht Dr. Lueger den Obersten Gerichtshof überhäuft, als er einen Proceß verloren? Welche Liebenswürdigkeiten widmete er dem Verwaltungsgerichtshof? Mit welchen Verdächtigungen warf man um sich Jahrzehnte hindurch aus Anlaß des Falles Ritter?^ Vogelfrei waren da die höchsten richterlichen Autoritäten. Ihr Stadtrath ist aber geheiligt und jedes Wort der Kritik gegen ihn ist ein Verbrechen, das verfolgt und bestraft wird nach der vollen Schwere des Gesetzes. Daß die O^ffentlichkeit das Recht hatte, zu erfahren, wie es kam, daß jenes theurere Offert vonBlansko vorweg acceptirt wurde, ist selbstverständlich. Selbstverständlich aber auch, daß sie es nicht erfahren wird. Verhaftung eines Antisemitenführers. Aus Berlin berichtet man uns: In Berliner kaufmännischen Kreisen erregt die Verhaftung' eines Antisemitenführers großes Aussehen. Der Verhaftete ist der Kaufmann Friedrich Pape, der Vorsitzende des Gaues Brandenburg vom Verbände deutscher Handlungsgehilfen und als solcher eine „Säule des Antisemitismus". Er war Stadtreisender der in der Wallstraße domicilirenden Großfirma für Landesproducte Albert Metzdorf & Sohn, deren Vertrauen er in dem Maße sich zu erwerben gewußt hatte, daß sie ihm auch gleichzeitig die Eincaffierung der aus seinen abgeschloffenen Geschäften fließenden Gelder übertrug. Pape hat große Beträge der eineaffirten Gelder unterschlagen und in seinem eigenen Jntereffe verwendet. Als seine Chefs schließlich den Betrug entdeckten, erließen sie an ihre sämmtlichen Kunden die Weisung, an Pape keinerlei Zahlung zu leisten; zugleich erfolgte die Anzeige bei der Criminal-Polizei, welche die Verhaftung des Beschuldigten vornahm.