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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 74 Nr. 5 Dr. Bloch's Wochrnfchrijr. Und da man Goethe selbst nicht mehr zu Leibe kann, erstens weil er todt und zweitens weil er unsterblich ist, so soll es dem Dr. Grunwald an den Kragen gehen. Wo ist der Staatsanwalt? Wo ist die Polizei? Wozu zahlt der Wiener Bürger seine Steuern, wenn ihn Staatsanwalt und Polizei nicht einmal vor dem Judenliberalismus eines Goethe schützen? Die „Deutsche Zeitung" bricht allen Ernstes in die Frage aus, ob es gestattet sei, das Judenthum so ausarten zu lassen, daß es „heute" (lies: unter dem Stadtregime eines Lueger) „in der deutschen Stadt Wien" (lies: in dem antisemitischen Wien) wagen darf, solch philosemitische Aeußernngen aus dem größten Dichter herauszulesen! Warum hat man diesen Mischen Goethe-Freund aus Hamburg über die Grenze gelassen, und wenn schon die eine Ungeschicklichkeit begangen war, warum hat man ihn nicht mittelst Schub wieder nach Hause spedirt! Der Zorn dieser Herren beweist, wie schwer sie gerade durch diese Zertrümmerung der antisemitischen Goethe-Legende getroffM wurden, wie just dieser Bortrag, einer wohlgezielten Geschützkugel gleich, in einen der Hauptwälle des Antisemitismus Bresche legte. Herr Bobies mag sich freuen! Herr Habrda mag zittern! Zwar fehlen die literarischen Leuchten der Partei, die Herren Bielohlawek und Gregorig, im neuen Parlamente, äber es sitzen noch der Goethe-Kenner genug in der christlich-socialen Partei, die eine geharnischte Interpellation an den Justizminister und den Ministerpräsidenten einbringen können. Der köstlichste nationale Schatz der Deutschen muß dem Antisemitismus, vor „Verjudung" gerettet werden. Und dazu gibt es nur ein Mittel: Eine gründliche Revision der gesammten Werke Goethe's! Heraus mit Allem, was judenfreundlich ist; man kann ja dafür Einiges hineinrevidiren, was dem deutschen Volke und dem Dichterkönig zu ewigem Ruhme gereichen würde. Einen kleinen Ritualmord, etwa eine Vorahnung der Begebnisse von Polna und Könitz! Der Dichter ist ja auch Seher. Im zweiten Theile des „Faust" ist ja Raum genug dazu. Polna und Könitz bezeichnen die Höhe christlich-germanischer Mystik. Fort mit allen Anklängen an die jüdische Kabbala und Platz für die deutsche Mystik! „Goethe den Antisemiten!" sei fortab die literarische Losung Wiens. Ihre Verwirklichung aber ist die Aufgabe der k. k. Sicherheitsbehörden. Das Jüdische Museum in Wien. Hochgeehrter Herr Redacteur! Infolge des in der vorletzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift enthaltenen, vom kaiserl. Rath Johann Lichtenstadt verfaßten Artikels, welcher in schwungvoller, überzeugender Meise und mit aller Wärme für die Erbauung eines eigenen Heims für das „Jüdische Museum" eintrat, wurde mir von einem Mäcen, der vorerst ungenannt bleiben will, der Betrag von Kronen 2000 übergeben, und zwar mit der Bestimmung, hievon Kronen 1000 als ersten Baustein für das zu errichtende Musealgebäude zu betrachten und die weiteren Kronen 1000 zur wissenschaftlichen Erforschung von Palästina zu verwenden. Ich beeile mich, diese erfreuliche Thatsache zur allgemeinen Kenntniß zu bringen, indem ich gleichzeitig dem Wunsche Ausdruck gebe, daß dieses hochherzige Beispiel baldigst zahlreiche Nachahmung finden möge. Das „Jüdische Museum" ist gegenwärtig wohl an passendem Orte, aber nicht in zureichenden Räumlichkeiten untergebracht, denn die Sammlungen desselben sind jetzt, nach mehr als fünfjähriger Thätigkit, derart angewachsen, daß die uns zur Verfügung stehenden Räume seit langer Zeit nicht mehr genügen Es wird große Schwierigkeiten bereiten, andere, allen An- ' forderungen in Bezug auf Lage, Größe, Beleuchtung und Einteilung entsprechende Localitäten zu finden und wird für dieselben jedenfalls ein sehr hoher Miethzins beansprucht werden. Es ist daher naheliegend, daß der Gedanke in's Auge gefaßt werden muß, ein eigenes, würdiges Heim für das „Jüdische Museum" zu erbauen. Noch immer werden die Ziele und Bestrebungen unserer Gesellschaft in weiteren Kreisen nicht entsprechend gewürdigt und gefördert, wenn auch das stets wachsende Interesse, welches die gebildete Bevölkerung unseren Sammlungen und Veranstaltungen entgegenbringt, uns mit der freudigsten Genugtuung erfüllt und uns hoffen läßt, daß die Zeit nicht mehr ferne sei, in welcher alle unsere Glaubensbrüder, stolz auf das „Jüdische Museum", ein Gemeingut der Gesammtheit, mit Enthusiasmus ihre Kräfte in den Dienst dieser großen Institution stellen werden, um dieselbe auf jene Höhe zu bringen, welche ihr gebührt. Das Museum für jüdische Kunst- und historische Denkmäler soll eine Centralstelle werden für das gesammte geistige Schaffen der Juden, für Kunst, Wissenschaft und Kunstgewerbe, es soll eine Bildungsstätte werden für jeden, der lernen und sich bilden will, es soll eine Schatzkammer werden, gefüllt mit den Schätzen jüdischer Geistesarbeit, um Zeugniß abzulegen für die geistige Größe, für den sittlichen Werth des jüdischen Stammes. Ein eigenes mit ausgedehnten Räumlichkeiten ausgestattetes Musealgebäude wird auch Gelegenheit geben, dereinst die Resultate einer seit vielen Jahren geplanten, unter der Patronanz unserer Gesellschaft und begeisterter Mäcen e zu unternehmenden wissenschaftlichen Durchforschung des heiligen Landes in würdiger Weise zur Aufstellung zu bringen. Wir benöthigen also ein eigenes, geräumiges, künstlerisch ausgestattetes Haus, welches nebst den R ä u m e n zur Aufstellung unserer Sammlungen, auch Lese- und Vortragssäle, Ausstellungsräume zum Zwecke der Veranstaltung von periodischen Ausstellungen und eine große Volksbibliothek enthalten soll, welche auch breiteren Schichten der Bevölkerung zugänglich gemacht werden wird. Ein solches Haus mit seinen der Allgemeinheit zugänglichen Institutionen wird auch im Wesen dazu beitragen, das unter dem Drucke der gegenwärtigen Verhältnisse gesunkene Seldstdewußtseinim jüdischen Stamme, insbesonderein unserer Jugend zu heben und zu kräftigen. Es ist klar, daß eine Institution von der Größe derjenigen, welche wir anstreben, von größtem Interesse nicht nur für das Judenthum, sondern für alle Gebildeten ist. welche auf den zum Bereiche unserer Sammlungen gehörenden Gebiete» eine unerschöpfliche Fülle von Belehrung und Anregung finden werden. Schwer ist der Weg, weit ist das Ziel. Aber Begeisterung für eine große Sache, Beharrlichkeit in der Durchführung müssen und werden zum Ziele führen. „Die Höhe reizt uns, nicht dieStufen; Den Gipfel im Auge, wandeln wir gern auf der Ebene". Mögen Alle, die es aufrichtig und treu mit der guten Sache meinen, die wir vertreten, nach ihren Kräften beitragen, um das ersehnte Ziel zu erreichen. Das Curatorium wird Beiträge jeder Art dankend entgegennehmen. In vorzüglichster Hochachtung Baurath S t i a ß n y. Wien, 30. Jänner 1901. * * * So groß der moralische Erfolg auch sein mag, den meine Veröffentlichung über die Nothwendigkeit eines eigenen Heims für das jüdische Museum in Wien erzielt hat, und soviele Gründe auch dafür sprechen mögen, den Dingen vorläufig ihren Lauf zu lassen und abzuwarten, wie weit der ausgestreute Samen Wurzel fassen werde und wann er in die Halme schießen, wann die Fruchtreife eintreten wird, kann ich doch das „junge Kind" seinen Weg noch nicht, allein nehmen lassen, sondern muß ihm eine Zeitlang ferner liebevolles Geleite geben. Wohl wird das Bedürfniß, den großartigen und reichhaltigen Sammlungen der Museal-Gesellschaft, die unter dem Namen „Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums" hier besteht, eine würdige Aufbewahrungsstätte zu bieten, nicht nur von den opferwilligen Curatoren der Gesellschaft, sondern auch von den Besuchern,

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