Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr. Bloch's Wochenschrtfk Sette 78 und Adresse unmöglich zu der Erklärung der Abonnements- Einladung der .Welt" Nr. 52 vom 28. December 1900. daß sie den Gedanken, dem sie dient, .immer würdig r e P r ä s e n t i r e und den Beweis erbracht habe, daß sie durchaus vornehm in der Form sein könne." Oder heißt das etwa würdig einen Gedanken repräsentiren und durchaus vornehm in der Form sein, wenn die .Gedanken" nur mit .Maulschellen", „Eseleien", „erwinseln", „erbetteln", „erschleichen" und „erkriechen" vertreten werden und wenn die Antwort aus die in dem Artikel Dr. Bloch's nachgewiesenen historischen Unwahrheiten Nordau's nicht anders als mit den zwingenden Argumenten: „Hunde", .Fußtritte", .Lumpenthum", .Lügen" dem Lesepublicum geboten wird. Oder ist die offenkundige Fälschung allgemein bekannter historischer Thatsachen eine „würdige" zu nennen, wenn sie zu der Behauptung sich versteigt, daß im österreichischen Parlament sich nie ein jüdischer Parlamentarier gesunden hätte, gegen die A ngrisfe eines Lueger, Schneider und G r egorig zur Bertheidigung der Glaubensbrüder ein energisches, mannesmuthiges Wort zu sprechen, und die einen voll st ändigen Band umfassenden RedenDr. Bloch's absichtlich verschweigt? Herr Dr. Herzl. Sie werben schlecht bedient und es wird nöthig sein, daß Sie die in den Personen so häufig wechselnde Redaction der „Welt" endlich selbst in die Hand nehmen! Ich komme nun. zur Schlußfolgerung. So viel steht fest: Herr Dr. Nordau, der allen Confessionalismus verachtet und verhöhnt, darf kein Zionistenführer, kein Führer im Judenthum sein, welches wohl eine Nation ist, aber niemals aufhören wird, auch eine C o n f e s s i o n zu sein! — Es wäre denn, was ich mit Bangen besorge, daß sich das Schrecklichste erfüllte, daß dieser Zionismus sich als Secte dom Judenthume loslösen wollte! — Dann allerdings wäre es begreiflich, wieso auch Christen als Zionisten gelten und als solche willkommen geheißen werden, zumal wenn sie getaufte Juden oder jüdische Täuflinge sind! Ich aber und mit mir Tausende gesinnungstreuer jüdischer Zionisten werden Euer Opferfest Euch unterbrechen und niemals wird eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina unter der Aegide des Atheismus entstehen! Diese falschen Propheten werden durch die Worte Ezechiels Cap. 13, aus ihren Wonneträumen wachgedonnert werden: .Also spricht der Herr: Siehe, ich erfasse euere Pölster, auf denen ihr die Seelen fängt, daß dieselben dann im Netze flattern; ich reiße sie aus euern Armen und entlaffe die Seelen, die ihr fanget, und rette mein Volk aus eueren Händen. Dieweil ihr das Herz des Gerechten trügerisch kränket, das ich doch nicht betrüben wollte und des Frevlers Hände stärktet, daß er von seinem bösen Wandel nicht kehrte; darum sollt ihr Trug nicht mehr schauen und Wahrsagung nicht mehr sprechen und ich rette mein Volk aus euern Händen, daß ihr erkennet, daß ich der Ewige bin!" Der Zionismus Dr. Nordau's hat bis jetzt seine Maske blos gelüftet, — ich aber reiße sie herunter und zeige Euch, meine Brüder, das Grinsen der Entrechtung, der Knechtschaft und des — Atheismus! Darum haltet Euch an den weisen Spruch Salomo's: „Wenn dich die Sünder locken, so folge ihnen nicht. Gehe nicht ihren Weg mit ihnen und halte ab deinen Fuß von ihrem Pfade." Bon Herrn Dr. Nordau aber und dem ihm in „gesinnungsgenössischer Treue und Dankbarkeit" ergebenen Freunde Herrn Dr. Herzl nehme ich mit den Worten Hiobs 38. 11 hiemit Abschied: Ad pau suwau, lau saussif, ufau juschis bigeaun galechu — .Bis hieher komme und nicht weiter, hier bleib' es stehen in Deiner Wogen Wuth!" Goethe und die Antisemiten. Die antisemitische, Presse ist außer Rand und Band. Alles, was das deutsche Volk an Helden des Geistes hervorgebracht, hat die Partei des Judenhasses für sich reclamirt: Luther und Herder, Kant und Goethe, Liszt und Wagner mußten für sie zeugen. Der Nibelungenschatz deutscher Dichter und Denker war nur dazu da, um gegen die Juden ausgemünzt zu werden. Man hatte sich dabei ein doppeltes Verfahren zurechtgelegt. Bei den Einem hielt man sich an die Regel: „Legt Jhr's nicht aus, so legt Jhr's unter", den Andern, denen auch die gewagtesten Fälscherkünste keinen Hauch einer gehässigen Aeußerung nachzuweisen vermochten, gab man einen Einschlag Mischen Blutes und verwies sie aus dem Ruhmestempel Germaniens. Namentlich auf Goe th e waren die literarischen Leichenschänder besonders versessen. In diesem weltumfassenden Geiste, der Vergangenes durchleuchtete und Künftiges vorausahnte, dem nichts Menschliches fremd geblieben war, mußte sich auch der tausendjährige Haß gegen die Juden gespiegelt haben. Was bedeutete Goethe Mr die deutsche Nation, für die gesammte Menschheit, wenn er mäht Antisemit gewesen wäre, wenn ein Bielohlawek und Gregorig, ein Ahlwardt und Pückler sich nicht auf ihn berufen könnten. So ging man denn hin und suchte und suchte in den Werken des Unsterblichen trotz der zornigen Entrüstung Dühring's, der den „pornophilen Frankfurtsprößling" ausschließlich der Socialdemokratie, den „Frechsinnigen" und der „Liberalste" gönnen wollte, nach einem einzigen Körnchen, das verstattete, ihn den Autoritäten des Antisemitismus zuzugesellen. Das Körnchen fand sich im „Jahrmarktsfest zu Plunderswellen", worin Haman, der alte, böse „Haman" sich über den jüdischen Handelsgeist erbost, von Ahasver aber darauf aufmerksam gemacht wird, daß dies auch Andere mehr thun, die unbeschnitten sind. Man schlug eine kleine Volte, man legte Goethe in den Mund, was Haman sprach, und der „große Heide" war zum Zeugen christlich-germanischer Weltanschauung geworden. Da kommt nun eines Tages ein junger Rabbi aus Hamburg, der Stadt des verworfenen Heinrich Heine, nach Wien und erkühnt sich, Goethe in einer Judenversammlung zu feiern! Hört Jhr's? In einer Judenversammlung auf der Judeninsel! Mit echt jüdischer Anmaßung bringt er schon im Titel seines Vortrages „Goethe und die Juden" den Olympier in persönliche Beziehung zum „auserwählten Volke"; er hat die Stirne, nachzuweisen, daß Goethe mit einer ganzen Reihe geistig hervorragender Juden und Jüdinnen in regem persönlichen Verkehr und — schlimmer noch! — in anregendem Gedankenaustausch gestanden! Das wagt man in einer Stadt, deren literarischer Geschmack von Ernst Vergani und Theodor Wahner bestimmt, deren Gesittung von Purscht und Schneider gekennzeichnet wird! Aber die Frechheit des Hamburger Rabbi bleibt hiebei nicht stehen. Er besaß die Unverfrorenheit, mit einem großen Aufwands „echt jüdischer Geruchsschärfe" nachzuweisen, daß der gutmüthige Goethe nicht nur von seinem Geiste zuweilen einen Strahl auf die ihn besuchenden Jüdlein fallen ließ, sondern daß er selbst — es ist zum Tollwerden! — jüdischen Geist auf sich einwirken ließ und daß die Spuren dieses Einflusses fast in all' seinen Werken zu finden sind. Und der Gipfelpunkt der Frechheit war es, daß dem Dr. G r u n w a l d dieser Beweis unwiderleglich gelungen ist, daß nach seinen „die kühnsten Erwartungen übertreffenden Deductionen" sich Goethe nicht nur von Spinoza und der. Kabbalisten anregen ließ, daß insbesondere im „Faust" diese Anregungen sich zu herrlichen Wunderblumen der Mystik formen, sondern daß der große Olympier auch seiner Bewunderung für das jüdische Volk in den Worten Ausdruck gibt: „Es ist, es war, es wird sein, um den Namen Gottes für alle Zeit zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als Hauptbild, dem die andern nur zum Rahmen dienen". Daß dieser Satz im „Wilhelm Meister" steht und Aeonen überdauern wird, ist freilich nicht zu leugnen. Daß aber der Hamburger Rabbi die „jüdische Geruchsschärfe" hatte, diesen Satz zu entdecken, der allem antisemitischen Geflunker über Goethe's Judenhaß ein Ende macht, ist einfach unerträglich. Das dulden die Herren von Wien nicht.