Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 70 JUr. 5 Dr. Blvch's Wochenschrift. Herr Dr. Max Nordau ist beides! Er ist Zionistenführer — aber auch Atheist! Wie schwer auch diese Anschuldigung gegen Jemand ist, der sich anmaßt, Führer in Israel sein zu wollen, ich bin mir der Tragweite dieses Vorwurfes wohl bewußt und werde denselben auch sofort begründen, indem ich einfach Dr. Nordau selbst sprechen lasse. In seinen „Conventionellen Lügen der Culturmenschheit", 6. Aufl. 1884, erklärt er die Religion für eine Lüge und eine Heuchelei! Er verspottet alle positiven Religionen, er verspottet und verhöhnt in verwegensten Blasphemien den Gottesbegriff, den Gottesdien st, die Liturgie aller positiven Religionen und kommt zu dem Erg ebniß, »daß dieCultusstätte der Menschen wie ein st bei den Griechen vor dritthalbtausend Jahren das Theater sein solle." Auf Seite 33 und ff. seiner »Conventionellen Lügen" heißt es: „In der ganzen weiten Culturwelt ist noch kaum ein Winkelchen und ein Endchen zu entdecken, das die Altherrschaft der Religion abgeschüttelt hätte. In Deutschland besteht ein Freidenkerbund, der Solchen, die den Confessionalismus überwunden haben, Gelegenheit bietet, sich auch äußerlich von vererbten Ketten des Aberglaubens befreit zu verkünden. In Oesterreich gestattet ein Gesetz den Austritt aus den bestehenden Religionen. Nicht 500 haben sich dieses Gesetz zu Nutzen gemacht, um sich konfessionslos zu erklären, und auch von diesen waren die meisten nicht durch die Ehrlichkeit gedrängt, ihre Handlungen und Lebensführung auch äußerlich mit ihrer Ueberzeugung in Einklang zu bringen." Weiters Seite 36: „Die Religion ist der Glaube an außerirdische übersinnliche Gewalten, sie ist ein halb oder ganz unbewußtes Festhalten an transcendentalen Einbildungen, und in diesem Sinne ist sie in der That ein noch äußerst weit verbreitetes psychisches Ueberbleibsel des Kindesalters der Menschheit, eine durch die Unvollkommenheit unseres Denkorganismus bedingte functionelle Schwäche, eine der Formen unserer Endlichkeit. Durch die Wirkung der Causalität (Seite 47) und der Unfähigkeit, sich Kräfte anders als in gewohnten organischen Formen vorzustellcn — genannt Anthropomorphismus — kam der Mensch zum Gottesbegriffe. Der Anthropomorphismus ist aber die Annahme eines persönlichen Gottes in der Gestalt eines Menschen (Seite 4o)." Und hier ist die erste Blasphemie, deren sich Herr Doctor Nordau durch Jgnorirung des zweiten der zehn Gebote schuldig macht, welche jeden Anthropomorphismus, also jeden Gedanken an eine in organischen Formen oder gar in Menschengestalt sich darstellende Gottheit als Gotteslästerung verpönt. Es heißt weiters auf Seite 59: „Das Festhalten an den transcendentalen Grundvorstellungen von Gott, Seele — Unsterblichkeit ist keine bewußte Lüge, höchstens ein unwillkürlicher Selbstbetrug, eine ehrliche Schwäche, eine Gewohnheit, die man nicht oblegen kann. Ich verstehe unter der religiösen Lüge die Verehrung, welche auf der Höhe der Cultur stehende Menschen den positiven Religionen, ihren Glaubenssätzen, ihren Einrichtungen, Festen, Eeremonien, Symbolen und Priestern zollen. Diese Verehrung ist eine Lüge und eine Heuchelei, deren Ungeheuerlichkeit die Angesichter nur darum nicht'mit beständiger Schamröthe bedeckt, weil man die meisten Dinge gedankenlos thut. Gewohnheitsmäßig geht man in die Kirche, grüßt Ulan den Priester, gedankenlos behandelt mau die Bibel mit Ehrfurcht, mechanisch nimmt man eine Miene der Sammlung und Andacht an, wenn man an einer Eultushandlung thellnimmt und man vermeidet es, sich deutlich zu vergegenwärtigen, welchen schändlichen Verrath man mit btefeu Acten an allen seinen Ueberzeugungen, an seiner Erkenntniß, an all dem, was man als Wahrheit erfaßt hat, begeht." Hat aber Herr Dr. Herzl dadurch, daß er in Basel am Sabbath gläubigen Gemüthes in den Tempel ging und sich sogar zur Thora aufrufen ließ, auch dieses „schändlichen Berrathes" sich schuldig gemacht? Das darf ihm Niemand zumuthen. Die Bibel wird auf Seite 60 ein Buch genannt, wie es nur etwa ein solches sein könnte, das beispielsweise die Nibelungen, eine Civilproceßordnung, Mirabeau's Reden, Heine's Gedichte und einen Leitfaden der Zoologie fortlaufend gedruckt, stückweise durcheinander gewürfelt, in einen Band vereinigt, enthalten würde. An poetischem Werth steht sie.hinter Allem zurück, was selbst Dichter zweiten Ranges in den letzten zwei Jahrtausenden geschaffen haben, und nun gar sie mit den höchsten Leistungen Homer's, Sophokles', Dante's, Shakespeare's oder Goethe's vergleichen zu wollen, könnte nur einem fanatisirten Geiste einfallen, der auf den Gebrauch seiner Urtheilskräfte verzichtet hat. Die Weltanschauung der Bibel ist k i n d i sch und ihre Moral, wie sie sich im Alten Testamente in der nachtragenden Rachsucht ausdrückt, empörend. Weiters Seite 61: „Die Liturgien aller positiven Religionen beruhen auf Vorstellungen und Gebräuchen, die in der ältesten Barbarei Asiens und Nordäfrikas ihren Ursprung haben. Der Sonnencultns der Arier, die Mystik des Buddhismus, der l8is 08lrl8 der Egypter haben in den religiösen Handlungen und Geboten, in Festen nrd Opfern der Judei. und Christen ihren Niederschlag abgesetzt." Seite 63 : „Jede einzelne religiöse Handlung wird zur st r ä f l i ch e n Komödie und l ä st e r l i ch e n S a t y r e, wenn sie der Bildungsmensch des ly. Jahrhunderts übt. Und die Söhne des Zeitalters der Naturwissenschaft affectiren Achtung vor Liturgien und dulden nicht, daß man diese Narrenpossen mit der allein ihnen gebührenden Verachtung behandele!" Seite 65: „Du behauptest im Gegentheile, daß Du an das Dasein eines Gottes nicht glaubst, daß der Gott der positiven Religionen die Ausgeburt kindischer oder gemeiner oder bis zum Blöd sinn beschränkter Gei st er sei und Du setzest dich gerichtlicher Verfolgung aus, obwohl für das Dasein Gottes noch nie ein ernster wissenschaftlicher oder genügender Beweis bei gebracht wurde u. s. w." Auf Seite 347 vergleicht Herr Dr. Nordau den Rabbiner, wie auch den Pfarrer und den Pastor mit dem Medicinmann der Rothhäute, mit dem Zauberer und Quacksalber der Indianer und meint (Seite 354), daß die Menschen ohne Gott und ohne Herrscherwillkür und ohne Egoismus unendlich sittlicher sein werden, als die, welche zu Gott beten und ihr Pulver trocken halten. Seite 355: „Die Doctrin der Aufklärung z e r st ö r t diebestehende, auf Religion gegründete Moral, das ist gewiß; aber diese Moral ist eine willkürliche, oberflächliche und geradezu unsittliche; sie erklärt nicht, weshalb sie diese Handlungen gute und jene schlechte nennt;. als Grund, weshalb man das Gute thun und das Schlechte lassen soll, lehrt die Religion: Weil es Gott so will!" Die religiöse Moral ist eine Moral für Egoisten und Feiglinge, namentlich aber für Kinder, denen man mit der Drohung der Ruthe und der Verheißung von Gerstenzucker beikommen könne, während er gleich darauf (Seite 357) die Moral des Rabbi Hillel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst und das Gebot des Evangeliums: auch dem Feinde zu vergeben und ihn zu lieben, und Kant's kategorischen Imperativ als sogenannte natürliche Moral gegeuüberstellt: Das ist so die kleinste Blumenlese, welche ich aus den großen Lehren unsers Meisters Dr. Nordau hier wörtlich gesammelt und in ein Sträußchen gebunden habe, ohne irgendwo auch nur das Geringste aus dem Ganzen gerissen oder den Gedankengang auch nur durch Aenderung eines Punktes oder Beistriches geändert oder gar zerstört zu haben. Es ist hier nicht der Ort, eine Kritik über sein Buch „Die konventionellen Lügen der Culturmenschheit" zu schreiben. Ich will diese Fundgrube nur zur Prüfung des Gedankenganges und Charakters des Autors benützen, um ein Strahlenbündel in einen Spiegel zusammenzufassen, auf daß es mit starkem Licht in seine Geistesrichtung und in die derselben entströmende „große" Conception seiner jüdischen Volkspolitik hineinleuchte! Um diese beiden Pole, den Atheismus und den Zionismus, bewegt sich sein ganzes Sein, sein Sinnen und Streben. Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust, von denen jedoch weder die eine noch die andere ihm als Fürsprecher dienen darf, weil er an keine von den beiden und überhaupt an keinen Gott und keine Seele glaubt. Er darf sich auch nicht darauf ausreden, daß der Atheismus neben dem Zionismus sehr wohl bestehen könne, weil, nicht nur aus Gründen der Folgerichtigkeit und logisch zwingenden Nothwendigkeit, der eine den anderen ausschließen und todtschlagen muß, sondern vielmehr, weil er sowohl mit den grundlegenden Principien der Beschlüsse des ersten Baseler Congresses als auch mit sich selbst in Widerspruch sich setzen würde. Auf dem ersten Baseler Congreß wurde mit aller Klarheit und Entschiedenheit ausgesprochen, daß das jüdische Volk nicht nur eine Nation, sondern in seiner Eigenart auch eine Confeffion ist. Im Zionismus finden alle Bekenner der jüdischen Religion, ob diese nun der freieren oder der orthodoxen Auf-