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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Dr. Vlorh's WochrnfchrM. Seite 71 fassung und Uebung zuneigen, freien Spielraum zur Entfaltung ihrer Kräfte und zur Erlangung des hohen Zieles, um, wie Dr. Bodenheimer in seinem Referate über die zionistische Organisation sagte, „eine Heimstätte zu schaffen dem Judenthum, wo es sich nach seiner Eigenart entwickeln könne, zu welchem Zwecke er als wesentliches Mittel das B i b e l st u d i u m und die Gründung von Bibelschulen empfahl/— Thatsächlich hat auch Dr. Lippe (Jassy) als Alterspräsident dieses Congreffes seine Ansprache mit den Worten geschloffen: „Denn von Zion geht die Thora aus, und das Wort Gottes aus Jerusalem". Hierauf sprach Dr. Herzl in seiner Eröffnungsrede die heute schon obsoleten, ja unwahr gewordenen Worte: „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judenthum noch vor der Rückkehr ins Judenland. Will Einer von der jüdischen Nation, aus der er stammt, sich wegwenden und zu einem anderen Volk übergehen — also sich taufen, — so mag er es thun. Nur ist er ein Fremder für uns, er hat bei uns Nichts dreinzureden". Ich frage, warum duldet er jetzt den christlichen Zionismus? Warum werden arische Antisemiten, wenn sie zum Zionismus sich bekennen, wie zum Beispiel Professor H e m a n in Zürich, als Zionisten anerkannt? Ist das nicht ein tief beklagenswerther Mangel an Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit? Und hätten Männer wie Rabbi Mohilewer und Zadoc Kahn ihre segnenden Grüße dem ersten Baseler Congresse gesendet, wenn sie jene Vorschau gehabt hätten, die auch mir und Hunderten Zionisten fehlte, wohin dieser Zionismus führen werde? Rabbiner Dr. Rülf (Memel) erklärt in seinem 14 Tage vor Eröffnung des ersten Congreffes in der „Welt" Nr. 9 vom 30. Juli 1897 erschienenen Artikel Folgendes: „Die Zionisten besitzen zehnmal mehr fromme Gesinnung und jüdisch-religiöse Gesetzestreue als ihre Gegner. Israel ist eine Nation nach dem Gotteswort am Sinai: Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heilig Volk. Israel ist aber auch der Träger des einheitlichen Gottesbewußtseins — also eine Confeffion — nach dem Ausspruch: „Ich bin der Herr, Dein Gott". Und Dr. Nordau? Er, der Atheist, der seinen Spott und seinen Witz, wie seinen Haß über Gott und Religion ausgießt, klagt in seinen „Conventionellen Lügen", daß die Juden sich noch immer nicht confessionslos erklären wollen, und klagt hier in seinen Aufsätzen über die „politische Gleichberechtigung der Juden" wieder darüber, daß „unsere Väter vor der Folterbank und dem Scheiterhaufen freudige Bekenner ihres Glaubens waren, daß aber deren Söhne nicht mehr wagten, es zu sein"! Wo liegt die Wahrheit? Zwischen uns aber soll Wahrheit sein! Ich frage Herrn Dr. Nordau: Warum will er selbst nicht seinen Glauben bekennen, wo er doch Folterbank und Scheiterhaufen nicht mehr zu fürchten hat? Und dennoch glaubt er als Gottesleugner Zionistenführer sein zu dürfen? Er, „der die Verehrung, welche auf der Höhe der Cultur stehende Menschen den positiven Religionen, ihren Glaubenssätzen und und Einrichtungen zollten, eine religiöse Lüge und Heuchelei" nennt, — die Theilnahme an einer Cultushandlung als „einen schändlichen Verrath" an Allem, was man als Wahrheit erfaßt hat," bezeichnet, — macht er nicht selbst sich einer Lüge und einer Heuchelei schuldig, begeht er nicht selbst den „schändlichsten Verrath" an unserem Heiligsten, an den kostbarsten Pfund, das uns die Stürme der Jahrtausende überdauern ließ, wenn er mit seinen religiösen Anschauungen uns zum Atheismus und mit seiner Ghettopolitik zur Verleugnung des letzten Restes unseres Menschenthums und unsererMenschenwürde, ja unserer Selbstachtung zu verführen sucht? Schändet er nicht den Tempel unseres Zionismus, in deffen Allerheiligstes er als Unberufener einzudringen und als Erzieher' unseres Volkes uns sich aufzudrängen sucht? Sonst mußte der Hohepriester vorerst sein Sündenbekenntniß vor dem versammelten Volke oblegen, — hat Herr Dr. Nordau dies bereits vor uns gethan? Hat er sein Gottesleugnerthum vor uns abgeschworen? Hat er seine uns empfohlene Gbettopolitik als eine Versündigung am heiligen Geiste unserer sittlichen Persönlichkeit auch einbekannt? Hat er die historische Unwahrheit und die ihm zur Last liegende Geschichtsfälschung, daß unsere'Väter die Judenemancipation „erschlichen", „erkrochen", „erwinselt" und durch „erbärmliche Bettelei" errungen hätten, auch schon widerrufen? Denn sowohl in dieser Frage der Politik, als auch in der Frage der Religion hat Herr Dr. Nordau in seiner zerfahrenen und inconsequenten Denkweise fich derart in Widerspruch zu sich s e l b st gesetzt, daß wir Richtscheit und Maßstab gänzlich verlieren müssen und nicht mehr wissen, was wir von den weisen Aussprüchen dieses großen Confusius noch für wahr halten können! Beweis: In seiner Congreßrede beim ersten Baseler Congreß erklärte Dr. Nordau feierlichst, daß „nachdem Frankreich die Juden emancipirte und diese Emancipation aus der starren Logik der Männer der großen Umwälzung und der Erklärung der Menschenrechte ableitete, jetzt auch die andern Nationen das Beispiel der französischen Revolution nachahmten, nicht etwa unter dem Drange des Gefühles, sondern weil sie eine Art sittlicher Nöthigung empfanden, sich die Errungenschaften der großen Umwälzung anzueignen". So sprach Nordau auf dem Baseler Congreffe 1897, und jetzt, drei Jahre später, beschimpft er unsere Väter im Grabe: sie hätten das erschlichen, erkrochen, erwinselt und erbettelt, was ihnen doch die Nationen in Nachahmung der Beispieles der französischen Revolution und in Empfindung einer Art sittlicher Nöthigung frerwillig gaben und geben mußten! — So weit der Widerspruch Nordau's in seiner Politik. — Und nun sein Widerspruch in der Frage des Confeffionalismus unseres Volkes: In seinen „Conventionellen Lügen" höhnt er Gott und sein Gesetz, die Bibel und ihre Propheten und jetzt — klagt er uns an, daß unsere Söhne nicht mehr wagen, freudige Bekenner ihrer Religion zu sein, und werde ich selbst in dem mir in der „Welt" (Nr. 4, v. I. 1901) als Antwort auf meine zwei an ihn gerichteten' offenen Briefe, freundlichst gewidmeten und gar lehrsam, wie Honigseim triefenden Gesalbader auf den Weg gewiesen, den uns Nordau zeigt, und den auch „unsere" Propheten und „unsere" großen Lehrer uns immer gewiesen haben! Wie kommt denn Saul unter die Propheten? Seit wann wandelt denn Dr. Mox Nordau die Wege der Propheten und unserer großen Lehrer? Ist das nicht scheinheilige Tartüfferie, nur daraus berechnet, die Blößen zu decken, von denen ich die spärliche Hülle gerissen, um den „dummen Kerl" zu täuschen, aus daß er den Respect und den blinden Gehorsam seinen Führern Dr. Nordau und dem ihm in „gesinnungsgenössischer Freundschaft treu ergebenen" Dr. Herzl nicht versage, den Heerdentrieb nicht verliere und blind und prüfungslos den Pfaden dieser falschen Propheten in das zu gründende Freiland des Atheismus folge, wie Theodor Hertzka, der Landsmann Nordau's, vor wenigen Jahren ein Freiland des Socialismus gründete! Ich aber rufe meinen Brüdern in Zion die Worte des wahren Propheten Hosea II, 8 aus den Tiefen meines Herzens zu: „Siehe, ich verzäune deinen Weg mit Dornen, ich versperre ihn mit einer Mauer, daß Du deren Pfade nicht findest. So du diesen Freunden nachjagst, du erreichst sie nicht, so du selbige suchest, du findest sie nicht. Dann wirst du sprechen: I ch will zu meinem ersten Manne zurückkehren, denn besser erging es mir damals als jetzt." Ich frage nochmals: Darf nun ein solcher Gottesleugner sich anmaßen, Führer in Israel sein zu wollen? Ich und Tausende meiner Glaubensgenossen find die Letzten, die den Denker und Philosophen deshalb der Verachtung preisgeben wollten, weil er auf dem Wege seiner Forschungen zum Atheismus gelangt ist. Verwegen und verächtlich ist aber das Getriebe eines Mannes, der sich öffentlich als Gottes- und Religionsverächter bekennt und die Führerschaft in Israel zu usurpiren wagt! Und das find die „Reflexe" aus den „Conventionellen Lügen" Dr. Nordau's, und das ist da- Contrastiren zu seiner bisherigen Lebensführung, auf welche ich in meinen beiden, an ihn gerichteten offenen Briefen mit vollem Rechte hingewiesen habe. Das waren nicht leere Phrasen und zum Aufputz gebrauchte — Redefloskeln. Das waren zielbewußte Hindeutungen, deren thatsächliche Begründung ich mir noch Vorbehalten hatte. Es darf nicht gefragt werden, ob mir denn diese Erleuchtung von gestern aus heute erst gekommen sei. Ich kannte die philosophische Anschauung Nordau's schon längst, ich achtete dieselbe wie jede andere, die ich blos prüfe und dann entweder billige oder verwerfe, deshalb erschien mir Dr. Nordau insolange für ungefährlich, als er sich blos auf Abhaltung harmloser Congreßreden und auf Veröffentlichung harmloser Artikel in der „Welt" beschräntte. In dem Augenblicke aber, wo er die politische, daher nothwendig auch die geistige und sittliche Führung unseres Volkes an fich zu reißen wagt, da muß der Gottesleugner mtt Entrüstung zurückgewiesen

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