Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 67 Brüssel. Der Staatsrechts-Lehrer Professor Prins, Mitbegründer und Schriftführer der „Internationalen Kriminalistischen Vereinigung", ist zum Rector dcr hiesigen Universität gewählt worden. London. Die Sammlungen für die jüdische Industrieschule haben den ansehnlichen Betrag von circa 300.000 Mark ergeben, von denen Lord Rothschild allein 120.000 Mark gespendet hat. Feuilleton. Vrs Papstes Machtwort. Novelle von Jda Barber. VH. Nico war endlich nach langer, beschwerlicher Reise in Rom angelangt. Jetzt, so nahe dem Ziele, wurde er sich erst darüber klar, eine wie schwere Aufgabe er sich gestellt. Ohne Rast zu halten, fuhr er nach St. Peter. Er wollte sich zunächst vergewissern, ob Aladär noch seines Amtes walte. Bebenden Herzens betrat er den hochgewölbten Dom, dessen weite Hallen von Andächtigen gefüllt waren. Papst Gregorius celebrirte gerade die Messe. Alles lauschte; in den Seitengängen waren Capellen, Beichtstühle; ängstlich spähte Nico umher. Hatte er nicht Aladar damals in der Capelle der dritten Halle gesehen? Ja, dort stand der Beichtstuhl; er war leer. Vielleicht würde ein Pater kommen, wenn die Messe beendet. Nico wartete. Die Füße brannten ihm; er setzte sich gegenüber dem Beichtstuhl, lehnte den fiebernd heißen Kopf an eine Marmorsäule. — So mochte er wohl eine Stunde gesessen haben, da theilte sich die Menge, das Gebet war beendet. Viele Hunderte strömten den Ausgängen zu, ebenso viele bildeten Spalier, um den Heiligen Vater zu sehen, den die in rothseidene Gewänder gekleideten Diener auf einer Sänfte hinaus trugen. Dicht hinter dem Papst sah man die höchsten Würdenträger, Cardinäle und Bischöfe im Ornat. Nico war von der Pracht fast geblendet. Er schaute wie traumverloren in die Menge. Da plötzlich entrang sich seinen Lippen ein Schrei: „Alad^r l" Einer der in Purpur gekleideten Priester wandte den Kopf nach ihm und sah ihn groß und fragend an. Kein Zweifel! Aladär saß nicht mehr im dunklen Beichtstuhl als simpler Mönch, er war im Gefolge des Papstes; Nico hatte ihn erkannt. Doch wie zu ihm gelangen? Unter welchem Namen lebte er hier? Eilig, ehe der Zug die Kirche verließ, drängte er sich an einen der in der Vorhalle wachthabenden Leibgardisten und gab ihm, da er der Landessprache nicht mächtig war, durch Zeichen zu verstehen, daß er wissen möchte, wer jener Priester im rothen Ornat, der Dritte in der ersten Reihe fei. Der Gardist wies ihn an einen Beamten, der ihm die gewünschte Auskunft gab und, da Nico weder Name noch Wohnung behalten konnte, Beides auf einen Zettel aufschrieb. Wer war glücklicher als Nico! Schon glaubte er gewonnenes Spiel zu haben. — Da auf dem Zettel stand: Padre Consola, Ch'iesa Maria. Eine Stunde später stand er vor dem Padre. Man hatte ihm offenbar einen anderen Geistlichen als Aladär bezeichnet; Padre Consola war nicht Derjenige, den er suchte. Wie schwer war es dem der italienischen Sprache Unkundigen, dem Geistlichen fein Anliegen vorzubringen! Anfangs schien es, als wollte die Verständigung gar nicht gelingen. Padre Consola aber war ein gutherziger, leicht zugänglicher Herr, und da er aus den Mienen des armen Zigeuners ersah, wie viel ihm daran lag, seinen Padre Aladär ausfindig zu machen, beorderte er einen Mönch, mit Nico zu einem Dolmetsch zu gehen, mit dessen Hilfe man den Gesuchten ausfindig machen würde. Wie freute sich Nico, in dem Dolmetsch einen Landsmann zu finden, mit ihm in der Muttersprache verkehren zu können! Er schilderte dem Signor Cavello, der sich ganz italianisirt hatte, was ihn nach Rom führte. „O, Padre Aladär", sagte dieser, „wie sollte ich ihn nicht kennen! Nur hat er, seitdem er Caplan geworden, seinen Namen geändert; nennt sich jetzt Caplan Mostarly. ist ein hoher Herr und gilt ungemein viel beim Papst!" „Um so besser!", sagte Nico, „da wird er um so eher helfeu können! N-co fürchtet sich nicht vor großen Herren!" In Begleitung des Dolmetsch trat der Zigeuner, keine Müdigkeit spürend, wieder die Fahrt nach St. Peter an. Bald hatte Cavello erkundet, wo der Caplan zu sprechen sei. Nico ließ sich melden. Gar Viele warteten noch im Vorzimmer; er wurde sofort vorgelassen. „Bravo, Nico!", redete ihn Atadär an, ihm beide Hände entgegenstreckend, „das ist schön von Euch, daß Ihr mich aufgesucht. Ich freue mich jedesmal einen Landsmann zu sehen und von meiner lieben Heimat zu hören!" „Ist leider nicht viel Gutes zu hören, Herr Caplan", sagte Nico, sich auf den ihm dargebotenen Stuhl niederlassend. „Sind schlechte Menschen, die einander das Leben schwer machen!" Er sah, wie eine Wolke des Caplans hohe Stirne trübte, und fuhr fort: „Wahre Nächstenliebe kennen die Leute nicht mehr, verfolgen die Juden, sperren sie ein, sagen, daß sie Christenblut brauchen und morden und" — — „Unsinn", unterbrach der Caplan: „ich kenne den Talmud so gut wie Einer! Die Juden brauchen kein Christenblut; nur Unverstand und Wahnwitz kann das hehaupten!" „Sag' ich auch", fuhr Nico erregt fort, „aber was der Nico sagt, gilt nichts; Ihr müßt es sagen, Herr Caplan, denn Euch geht es an!" „Wie darf ich mich in fremde Angelegenheiten mischen?", sagte Aladär abwehrend. „Nicht fremde", erwiderte Nico; „es ist Euer eigen Blut, Eure Familie, die leidet; deshalb ist Nico hier, um Euch" — „Meine Familie?", unterbrach Aladär beiroffen aufhorchend; „so redet!" Und Nico erzählte, was er wußte, daß Eli gefangen gehalten wird, daß Aranka ihn nach Rom gesendet, seine Hilfe anzurufen. Aladär ging erregt im Zimmer auf und ab; er war bleich geworden; seine Hände zitterten; Bilder der Vergangenheit zogen an seinem gelstigen Auge vorüber. Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen. „Ich danke Euch", sagte er, dem Zigeuner die braune Hand drückend, „daß Ihr mich ausgesucht! Noch heut' nehme ich Audienz beim Heiligen Vater. Sein Wort gilt in der ganzen Christenheit; es wird auch bei uns daheim gehört werden! Glaubt mir, Eli's Befreiung ist nur eine Frage der Zeit!" „Wollt Ihr das nicht selbst der armen Aranka schreiben, die vor Gram vergeht?" fragte der Zigeuner. „Guter Nico", antwortete der Caplan, „ja, das werde ich thun, doch nun komm und stärke Dich! Trinke ein Glas guten Tokayer, ich sehe Du bist erschöpft! Ruhe Dich aus und sei mein Gast!" Er führte ihn in das anstoßende Zimmer, öffnete einen Kasten, aus dem er Wein, Früchte, Braten nahm unv Nico zum Essen einlud. „Ich selbst", sagte er, „fahre sofort nach dem Batican; in einer Stunde bin ich zurück. Erwarte mich hier; Du wirst von mir selbst hören, was der Heilige Vater zu thun gedenkt." — Die im Vorzimmer Wartenden wurden auf den nächsten Tag zur Audienz beschieden. Caplan Mostarly hatte es verstanden, sich die besondere Gunst des Papstes Gregorius zu erwerben. Er wurde sofort vorgelaffen, theilte dem Papste mit, was er vernommen und bat um thatkräftige Unterstützung. Theilnehmend hatte der Heilige Vater zugehört; Papst Gregorius war ein vorurtheilsloser, aufgeklärter Mann, stets bereit, zu helfen, die Unschuldigen, auch wenn sie Andersgläubige waren, zu schützen. Für den folgenden Tag wurde eine Sitzung anberaumt, zu der alle in Rom anwesenden Cardinäle geladen wurden. Caplan Mostarly erläuterte in längerer Rede, was ihm Nico mitgetheilt. Seine Worte machten Eindruck. Mehrere Cardinäle sprachen sich dafür aus, daß man der Christenheit im Allgemeinen die Mahnung zugehen lasse, das Ritualmärchen nicht stets von Neuem aufzutifchen, im Besonderen aber den Fürst-Erzbischof von Waitzen beauftrage, den betreffenden Fall zu untersuchen und für die Freilassung des Dr. Eli Lazzlo einzutreten, für dessen Unschuld sich ja der von ihnen allen hochgeehrte Herr Caplan Mostarly verbürge. Papst Gregorius war der Ansicht, daß ein Abgesandter aus Rom an Ort und Stelle zu erscheinen habe; es sei endlich