Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 50 Dr. Blych's Wochenschcrfr. Nr. 3 Der Thoralehrer ist eine Art Sonntagsschullehrer, nur mit dem Unterschied, daß er jeden Nachmittag von 4 bis 6 Uhr Unterricht geben muß. Die Kinder der Orthodoxen müssen gleich von der Schule in den Religionsunterricht. Daß ihnen das nicht besonders behagt, kann mau sich schon denken und ihre geringere Frömmigkeit mag unter Anderem diesem Zwang zuzuschreiben sein. Manche dieser Thoralehrer sind herrliche, Ehrfurcht gebietende Erscheinungen, mit langem weißen Bart und unter der Sammetmütze hervorquellenden Silberlocken. Sie sehen wie alte Schriftgelehrte aus, die in jenen dumpfen, trüben, gewöhnlich schlecht ventilirten und mangelhaft beleuchteten Schulstuben, umgeben von verschliffenen, von Motten zerfressenen Sammetvorhängen mit verblichenen Bibelsprüchen und arg von dem Zahn der Zeit mitgenommenen Stickereien einer Schaar von schmutzigen, lärmenden Rangen den Pentateuch erklären. Ein Zug mittelalterlicher Scholastik und durch mündliche Tradition überkommener Gelehrsamkeit geht durch das ganze Volk und offenbart sich in allen seinen Handlungen und Empfindungen. Bei einem streng orthodoxen Juden steht Alles ohne jedwede Ausnahme unter dem Einflüße einer Bestimmung, dre sich auf eine religiöse Basis zurückführen läßt. An einem Wochentage werden dre Teller auf den bloßen Tisch gestellt, an Halbfesten breitet er eine Decke von Wachsleinwand, von der schon vielleicht seit Jahren der Lack abgesprungen ist, über die Tischplatte, und nur Samstag und Feiertag wrrd ein weißes Tischtuch bei ihm aufgelegt. In der Synagoge verlebt der orthodoxe Jude seine schönsten Stunden, der Gesang eines schönen Chasen's (Borbeters) ergötzt und eine treffliche Derascha (Predigt) befriedigt chn. Er findet seine Beruhigung und sein Glück freilich auch nicht mehr ganz und gar rn der Ausübung ferner religiösen Pflichten, aber er bringt doch noch immer selbst die unbedeutendsten ferner Handlungen in irgend einer Weise mit den religiösen Satzungen in Verbindung, welche in allen jüdischen Gemeinden bestehen und an welchen bas Volk mit Liebe und Zähigkeit festhält. Sie verleihen dem Judenviertel einen volksthümlrchen Rahmen und eine besondere Anziehungskrasl. Ich empfand das so recht, als ich vor mehreren Jahren an einem Sommerabend an einer Synagoge vorberging und rn sie eintrat, weil der Eingang erleuchtet war, ohne zu wlffeu, was drinnen vorging. Es war der große Fasttag, an dem alle patriotischen Juden den Trauertag der Zerstörung Jerusalems festlich begehen. Der große Raum war dunkel und obeudreiu noch in Schwarz drapirt, und nur hie und da brannte eine Kerze, bei deren spärlichem Licht eine dunkle Gestalt mit dem Hute aus dem Kopfe in einem Machsor (Gebetbuch für die hohen Festtage) las. Es war ein Schauspiel, das einen tiefergreifenden Eindruck auf mich machte. Diese ernste, kleine, im flackernden Kerzenlicht sitzende Gemeinde schien mir das ganze Jubentyum mit seiner stolzen düsteren Vergangenheit und seinen sehnsüchtigen Zukunftsträumeu zu verkörpern. Aber schließlich genügt eine einfache Sabbathceremonie in der Synagoge, wo wir alle die alten Bekannten vom Trödelmarkt (mit Ausnahme der Frauen, welche bekanntlich dem Gottesdienst' auf der Galerie beiwohnen), den Thalles um die Schultern, stehend und den Hut auf dem Kopfe, ihre Bitt- und Danlgebete zu Jehova sendend, wieder treffen, um uns zu überzeugen, wie tief die Religiosität in dieser Vvtksclaffe wurzelt. Wenn sich der Herbst mit seinem sonnigstell Lächeln und seiner anmuthrgsten Miene eingefunden hat und die Vorboten des Winters, die beMgelten Kmder des Boreas, die Bäume mehr und mehr entlauben und mit den welken Blattern ihr fröhliches Spiel treiben, dann rücken die hohen jüdischen Feiertage heran. Das Neujahrsfest, dem zehn Tage später das Versöhnungsfest folgt, erscheint auf dem jüdischen Kalender. Schon mit dem Beginn des Monats Elul, der das jüdische Jahr beschließt, hat sich der gesummten jüdischen Bevölkerung eine feierlich gehobene Stimmung bemächtigt, dre sich in der Süchoswoche, die dem Neujahrsfest vorangeht, in welcher täglich vor Tagesanbruch besondere Gebete verrichtet werden, noch un höchsten Grade steigert. Dre herannaheudeu Feiertage werfen ihre Lichtstrahlen schon voraus und in der Slichoswoche beschäftigt sich Jedermann mrt den Vorbereitungen zu denselben und das New-Aorker-Ghetto zeigt em eigeuthümlicheres Gepräge wie je. Wenn man dasselbe durchschreitet, sieht man in den Bücherläden nicht nur Gebetbücher auf Tischen aufgestapelt, sondern auch jene Widderhörner, Schofars genannt, auf denen am Neujahrsfeste geblasen wird. Das Schofarblasen an diesem Tage ist ein biblisches Gebot und mit der Ausführung desselben werden nur die Gelehrtesten und Würdigsten betraut. Am Ausgang des höchsten Feiertages wird dagegen nur ein einziger Ton von dem Synagogenorener geblasen, was keinen anderen Zweck hat, als den Schluß des Festtags zu verkünden und anzuzeigen, daß nun wieder Speise und Trank gestattet ist. Von allen Seiten hört man Schofarklänge. Hier prüft in einem Laden ein junger orthodoxer Jude die Güte eines Schofars, dort zeigt ein Talmudjünger bei einem Händler auf offener Straße seine musikalische Begabung in einem prachtvollen Tremolo, aus jenem Fenster ertönt die unvergleichliche Fanfare eines Baal Teko (Schofarbläser), der sich darüber beruhigen will, daß sein schönes Talent im Laufe eines Jahres nicht eingerostet, dort aus jenem Kellerladen erklingen Töne, die den Vorübergehenden in mißbilligendes Kopfschülteln entlocken, es ist dies augenscheinlich ein Neuling in der Kunst des Blasens. Dazwischen hört man die wehmüthigen Melodien der Feiertagsgebete. Alle Cantoren, alle Vorbeter üben sich nun ein. Da jeder derselben bei seinem Vortrage von einigen Choristen unterstützt wird, Vielen aber die wohlthätige Kenntniß. der musikalischen Schrift unbekannt ist, sind häufig Vorübungen zur Erreichung eines gelungenen Ensembles vollkommen unerläßlich. Das New-Iorker Ghetto hat sich in dieser Woche förmlich in ein musikalisches Lager verwandelt. Aber auch sonst macht sich der Geist der Feiertage bemerkbar. Die Hausoärer kaufen Gebetmäntel und Gebetbücher,' die Frauen Material zur Ergänzung ihrer Toiletten. Die Thüren und Fenster werden gewaschen, die Häuser, wenn der Landlord sich nur irgendwie überreden läßt, neu getüncht und die zerbrochenen Fenster, die des Sommers über der frischen Luft gastfreundlich Eingang gestalteten, der heilenden Hand des Glasers überantwortet. Der erhöhte Reinlichkeitstrreb, der sonst in dieser Gegend ja nicht allzu sehr entwickelt ist, erfordert Plötzlich eine das Normalqnantum übersteigende Wasfermenge und die Wasserbehörde dankc dem Schöpfer, daß die Einwohner dieses Vierrels zu anderer Zeit recht gut mit weniger fertig werden. Bor Jahren hatte ich die Gelegenheit, öfters in einer streng orthodoxen Familie zu verkehren, und wohnle mehreren ihrer Festlichkeiten bei. Ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie jeden Freitag die Sabbathlampen gefüllt wurden, und zwar in so vorzüglicher Weise, daß sie auch die längsten Freitagabende anstandslos aushielten. Am Passah, Osterfeste, buk die Hausfrau eigenhändig ihre Mazzes, welche dre Stelle der ungesäuerten Osterbrote vertraten, und von denen man eine Unmenge verzehren kann, ohne satt zu werden. Auch bewundere ich das aus dem Parlortisch stehende Festessen, welches aus einem Becher Wein, einem Lammbraten, Eiern und irgend einem biltern Küchenkraut, welches in Essig und Salz getaucht wird, bestand. Aber ganz besonders gefiel nur das Laubhüttensest, wohl hauptsächlich der Neuigkeit wegeu, wo im Hinterhof eme solid gezimmerte Laubhütte aufgestcllt wurde, die mit Fruchtketleu, Blumengmrlanden und Glasperlen so reich geschmückt war, daß sie bei emer Weltausstellung fraglos prämiirt worden wäre. Auch Paradiesäpfel oder einfache ausgedrückie Tomaten und Feststräuße aus Palmenzweigeu fanden bei der Festlichkeit Verwendung. In dem Ghetto herrscht bei diesem Feste wiederum eine außerordentlich lebhafte Tyärlgkeit. Männer vom Fischeinkaus heimkehrend, Frauen schwer mrl Lebensmitteln beladen, Kmder mit Blumen in den Händen, Schlächterburschen, Fleisch in offenen Körben tragend, Mädchen, geflochtene Weizenbröte, BarcheS genannt, zur Backstube tragend, laufen plaudernd, lachend, schreiend, jeden Augenblick aufeinander stoßend, durch die Straßen. Aber es sind doch insbesondere die „Laubhütten", welche dem Ghetto einen besonders volksthümlichen Ausdruck, eine völlig veränderte Physiognomie verleihen. Nun muß man die Straße verlassen und in das Innere des Hauses eindringen. Wer einen Hinterhof sein eigen nennt, errichtet dort eine Hütte, sonst wird irgend eine Stube dazu ausstaffirt, denn jeder Jude männlichen Geschlechts, der das dreizehnte Jahr erreicht hat, hält in dem „Sukko" wenigstens seine regelmäßigen Mahlzeiten ab, viele schlafen sogar in denselben. Und so fahren denn auch zwischen der lärmenden Menge Wagen, die mir Nadelholzästen beladen sind, um sie als Bedachungsmaterial zu verkaufen, während eine große Zahl von Blumenhändlerinnen ihre zertweisen Geschäfte auf dem Trottoir aufgeschlagen haben und Sträußchen und Blumengmrlanden feilbieten. Es ist zumeist der jüngere Theil der jüdischen Bevölkerung, der sich mit dem Ankäufe derselben befaßt, da sich größentheils