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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-01-18 · 3 (18.1.1901) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
3 (18.1.1901)
Date
1901-01-18
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr 8 Dr. Bloch's bSochruschrifl. Seite 4» wenn sich ein Korah, der als Empörer gegen Moses als Prototyp aller Unerträglichkeit gilt, in der Familie befindet. Abraham Cahan, welcher in dem Milieu der zehnten Ward ausgewachsen ist, hat in seinen Novelletten mehrere solcher Situationen mit großem Feingefühl und durchaus zuverlässiger Sachverständniß geschildert. Auch Bernstein hat sich in seinen Skizzen in dieser Richtung verdienstvoll gemacht. Cahan beschreibt z. B. einen alten orthodoxen Juden, der von der Freidenkerei und Schlechtigkeit eines jungen Mannes erst dann völlig überzeugt wird, als er ihn in ein christliches Restaurant treten sieht, denn in einem solchen zu speiien wird bekanntlich von den orthodoxen Juden als ein großes Vergehen angesehen. Alle Fleischspeisen müssen „koscher", d. h. r.ach bestimmten mosaischen Gesetzen geschlachtet und praparirt sein. Eine der größten New- Iorker Schlächtereien ist eine jüdische, der Schlächter heißt „Ldoedet“ und tödtet das Vieh mit einem langen Misser nach altherkömmlichen Brauch. Aber wenn einige der Hühner, welche auf dem sogenannten „Pig market“ verknust werden, wirklich koscher sind, dann können wir Ungläubige froh sein, daß unsere Nahrungsmittel „treife" oder unrein sind. Im Großen und Ganzen genommen sind die jüdischen Hausfrauen ja recht gute Köchinnen, und eine gute Reissuppe, deren gelbe Farbe nicht nur von Saffrau, sonderu auch von Eidottern herrührt, oder eine Portion eingemachter Gans mit süßem Sellerie läßt man sich s^,on gefallen. Die ärmeren Juden essen für ihre Verhältnisse überhaupt sehr gut und sind dabei auch sehr gastfreundlich. Wie sie das fertig bringen, ist ein Räthsel, über das ich mir schon häufig den Kopf zerbrochen habe. Sparsamkeit ist nämlich das Losungswort des Ghetto. Der Boarder, fast jede Familie hat einen, ist eine typische Institution des ganzen Judenviertels, er bezahlt die Miethe und man kann das selbstverdiente Geld zum Lebensunterhalt benutzen und natürlich auch etwas zurücklegen. Wie sich der Jude zuweilen einzuschränken weiß, davon macht sich z. B. der auf der Westseite flott in den Tag hineinlebende Irländer gar keinen Begriff, kommt es doch vor, daß selbst bei Hochzeiten die Braut ihr weißes Kleid miethet, da es doch ein grenzenloser Unsinn ist, so viel Geld für ein Kleid zu verschwenden, das man nur einmal trägt. Nur keine unnöthigen Auslagen, denn der Einwohner des Ghettoviertels will sich emporarbeiten, um etwas in der Gesellschaft vorzustellen. Es gibt ja in der Neuzeit Tausende von Mitteln, sich durch Fleiß, Arbeit, Wissen, Fähigkeit empor zu ringen. Deshalb überall diese hastende, rastlose, sich überstürzende Thätigkeit. Hier herrscht das Sprichwort: „Armuth ist keine Schand', aber auch keine Ehr'." Das Judendeutsch ist überhaupt sehr reich an solchen aphoristischen Betrachtungen über das „leidige Geld". Ich erwähne hier einige: „Ein schwerer Beutel macht uns leichter," „Ein Beutel ohne Gold ist ein Stück Leder," „Jüdischer Reichthum ist wie ein Bündel Stroh." Der letzte Spruch bedeutet, daß die Juden nur selten wirklich reich werden und sich nur durch ge.chickte Geschästsmanipulationen von Tag zu Tag an der Oberfläche erhalten. Im Ghetto gibt es keinen Reichthum, bescheidenen Wohlstand und sorgenfreie Existenzen finden wir wohl hie und da, aber doch verhältnißmäßig nur selten, die anderen sind froh, wenn sie ihre mäßigen Mittel zweckmäßig verwenden und sich durch die Hand redlich ernähren können. Der Durchschnittsverdienst einer Ghetto-Familie beläuft sich nach den Angaben der „United Hebrew Charities" auf 6—7 Dollars. Das ist schon ein Kunststück, damit auszukommen, zumal wenn man 7'50 Dollars für ein halbdunkles dreizimmerrges Flat bezahlen muß. Aber Unzählige verdienen noch weniger und begnügen sich mit einem Zimmer oder Hausen in einem Keller. Die Wohlthätigkeitsvereine haben ja viel zu thun, trotzdem der selber , in kleinen Verhältnissen lebende Jude fast immer bereit ist, einem Glaubensgenossen in der Noth zu helfen, aber viel kann er schließlich nicht thun, weil er in den meisten Fällen selbst schwer mit dem Leben zu ringen hat. Und so lieb- und hilfreich er im Privatleben auch sein kann, hartherzig ist er in Geschäftssachen. Da gibt es nur ein Ziel: Geldgewinn; und in diesem Bestreben versucht einer an dem anderen sich vorbei zu drängen und seinen Mitmenschen nach bester Möglichkeit das Leben zu erschweren und zu verbittern. Der Jude, der in seinem Ghetto so abgesondert lebt und in den meisten Fällen sein Geld nur schwer erwerben kann, hat . sein Vergnügen auf ein Minimum reducirt. Wenn er aber hie und. da einen Funken Lebenslust in sich verspürt und sich auch in irgend einer Art seines Daseins freuen will, so fehlt es durchaus nicht an Gelegenheiten. Da gibt es ja jüdische Theater, Cafes, Concerte. Gesellschaften und die Tanzschulen. In früheren Zeiten waren Bälle für den Jude» ein völlig undenkbarer Begriff, das Maximum des Gestatteten in dieser Richtung bestand darin, daß bei Hochzeiten, namentlich beim Bedecken oder Verhüllen des Haupthaares der Braut vor der Trauung, wobei dieser ein Segen ertheilt wird, Frauen und Mädchen untereinander tanzten, heute widmet sich die auswachsende Generation mit desto größerer Leidenschaft dem Tanze. Jeden Abend sind die Tanzschulen überfüllt, und sollte es jemals Vorkommen, daß es den mit der Tauzwulh behafteten Cavalieren an jungen Damen fehlt, so wird einfach eine Art von Raub der Sabinerinnen in Scene gefetzt, ein anderes Tanzlocal im Sturm genommen und die Schöne ohueweiters entführt. Ich habe freilich so etwas niemals mitgemacht, aber Jacob A. Riis, der vortreffliche Schildercr der New-Iorker Armeuviertel, sagt, daß dies auch wirklich wahr sei. Am höchsten rauschen jedoch die Wogen der Daseinsfröhlichkeit beim jüdischen Carueval, beim achtundvierzig Stunden dauernden Purimsfest. Enger wie zu jeder anderen Zeit vereinigen sich hier alle Claffen und Stände in wilden Mummenschanzen, um die Freuden dieser Welt in vollen durstigen Zügen zu genießen. Ein trauriger Philister, der nicht von dieser allgemeinen Lebenslust angesteckt wird und sich nicht mit in den Strudel der Freude stürzt, die sich so bunt und doch so volksthümlich zu geben weiß. Sobald das Purim vorüber ist, geht Jeder wieder seinen eigenen Weg, denn trotz der herrschenden Armuth hat sich in diesen Kreisen doch ein gewisser Kastengeist, eine Aristokratie möchte man sagen, entwickelt. Namentlich gilt „Jichus", Familienabstammung weit höher als Vermögen und Stellung, und wer eine Reihe frommer nnd gelehrter Ahnen aufzuweisen hat, wer unter seinen Voreltern „Takisim", d. h. mächtige, bei Monarchen und den Großen der Erde beliebte Fürsprecher oder gar „Kodoschim", Märtyrer des Glaubens, aufzuweisen hat, fühlt sich berechtigt, sich über die Anderen zu erheben. Gibt es doch Familien, welche sich rühmen, in gerader Linie von Raschi, dem berühmten Commentator der Bibel und des Talmuds, abzustammen, ja eine Familie will ihren Stammbaum bis zum König David hinaufführen. Auch an interessanten Typen fehlt es nicht. Da sind z. B. der Schadchen, der Kundschastsgeher, der Thoralehrer und die Sabbathfrau (im Eliglischeu candle-woman genannt), welche für das ganze Judeuviertel charakteristisch sind. Der Schadchen ist jenes männliche Wesen, welches sich in den Spionsdienst arglistiger Mütter und Tanten stellt, welche die jüngeren weiblichen Mitglieder ihrer Familie durchaus verheiratet sehen möchten, und ohne Aufsehen zu erregen, zieht er Erkundigungen über die Freier ein, welche sich diesem oder jenem hübschen Mädchen mit mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Absichten genähert haben. Der Kundschaftsgeher betreibt ein eigenthümliches Geschäft, von dem vielleicht der heutige Credithandel, the installment plan, abstammt. Es ist ein unlauterer Handelsmann, der keine Laden oder Waarenlager hat. nur das kauft, was er für die Kundschaft braucht und dieser Alles, was sie gebraucht, in's Haus bringt. Die Zahlungen für die gelieferten Waaren empfangen sie in kleinen monatlichen oder wöchentlichen Raten. Ein richtiger Kundschaftsgeher muß Alles herbeischaffen können und ist im Ghetto, wenn er mit seinem Geschäftsfreunde auf gutem Fuße steht, dessen Freund, Berather, zuweilen sogar sein Gewissensrath. Wenn der Hausvater einen Winterrvck, die Mutter Ohrringe, der Sohn eine silberne Uhr braucht, so ist es der Kundschaftsgeher, der Alles auf's Billigste austreibt (und das will unter Juden viel sagen). Auch wenn Jemand etwas verkaufen will, erscheint er, und es ist ganz wunderbar, wie viel baar Geld er für ein Paar alte Hosen, ein heiseres Clavier, ein unbrauchbar gewordenes Bett, einen pensionirten kupfernen Waschkessel und andere mehr oder weniger nützliche Gegenstände erhandeln kann. Von Montag Früh bis Freitag Abenö ist er auf den Beinen, fleißig, thätig, regsam. Bor Anbruch des Fceitag Abend schließt er seine Geschäftsthätigkeit. Samstag ist er in seinem eigenen Zimmer ein König und auch Sonntag ist für ihn ein halber Feiertag, denn da kann er keine Einkäufe machen und besucht seine Kunden nur dann, wenn er ausdrücklich bestellt worden ist. Er ist eine gern gesehene Persönlichkeit, da er in so vielen verschiedenen Familien Eintritt hat und Gelegenheit hat. dies oder das zu hören, was er bei seinen Besuchen wieder zum Beste» geben kann.

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