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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-01-18 · 3 (18.1.1901) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
3 (18.1.1901)
Date
1901-01-18
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sett« 48 VLortz s Der Zigeuner überlegte, ob da nicht ein gutes Geschäft zu machen wäre, doch seine Ehrlichkeit trug den Sieg davon.? § tj -Reise ich zu Fuß," sagte er, „brauch' ich wenig, kaum pro Tag einen Gulden; Hab ich Fahrgelegenheit, wohl vier, auch fünf Gulden!" „ Selbstverständlich wird Nico fahren/ sagte Frau Aranka und überlegte in der Eile, wie viel Geld sie wohl entbehren könne, um Nico die Reise so bequem als möglich zu gestalten. Za leider, da war, seitdem ihr Gatte in Haft, Ebbe im Schatz; viele Ausgaben, keine Einnahmen; die Außenstände gingen nicht ein, der Verdienst stockte; das Wenige, was sie und die Kinder zum Leben gebrauchten, wurde durch Verkauf von Losen gedeckt, in denen Eli sein Capital angelegt hatte. Die Lose waren der Nothgroscken. Davon für eine so gewagte Sache zu nehmen, getraute sie sich nicht; dennoch war ihr Nichts zu kostbar, um es zu dem Zwecke, die Freiheit ihres Gatten zu erkaufen, hinzugeben. „Kommen Sie morgen früh wieder, Nico/ sagte sie, „ich werde meinen Schmuck verkaufen und Ihnen den Erlös geben; reisen Sie so schnell und so bequem als möglich; sparen Sie nicht; für Aladär gebe ich Ihnen einen Brief mit; rüsten Sie sich noch heute für die Reise; jeder Tag, der verloren ist, bedeutet für meinen armen Mann —" „Keine Stunde wird Nico verlieren," unterbrach der Zigeuner. In seinen dunklen Augen dämmerte es wie Wetterleuchten! Hin nach Rom! Der Stadt seiner Sehnsucht! Und in welcher Mission! Er fühlte sich ganz stolz ob des Vertrauens, das Frau Aranka in ihn setzte! Ja, er wollte sich dessen würdig zeigen? Kein Zweifel! Aladär mußte ihn hören, er mußte beim heiligen Vater Audienz nehmen und den Enthaftungsbefehl für den Bruder erwirken! Frau Aranka hatte viel Mühe, ihren Schmuck zu Geld zu machen. Die guten Freunde riethen ihr davon ab, die Händler wollten aus ihrer Nothlage Nutzen ziehen und boten ihr die Hälfte des eigentlichen Werthes. Endlich hatte sie 200 Gulden flüssig gemacht, die sie dem Zigeuner, der ihr volles Vertrauen gewann, einhändigte. „Und nun/ sagte sie, „reiset mit Gott, Nico. Ich zähle die Tage und Stunden, bis ich Nachricht von Euch habe; Ihr seid jetzt nächst Gott meine einzige Hilfe!" Thränen standen ihr in den Augen, als der braune Zigeuner sich auf ihre Hand herab beugte und sie küßte. „Arme Frau/ sagte er. „Nico weiß, was Ihr leidet; Nico wird seine Pflicht thun\“ Einen Tag nach der Abreise des Zigeuners tauchte im Städtchen die Nachricht auf, Ilona Kusmik sei von einem Reisenden, der Bukarest besuchte, in einem dortigen Freudenhause gesehen worden. Man forschte nach, der Fremde war bereits abgereist. Alles, was man wußte, war, daß derselbe in dem Gasthause, in dem er übernachtete, erzählt habe, ein junges Mädchen, Namens Ilona, sei wider ihren Willen in die Fremde gelockt worden und habe ihm den Auftrag gegeben, ihre Mutter aufzusuchen und sie zu bitten, Schritte zu ihrer Befreiung zu thun. Der räthselhafte Fremde mußte vermuthlich die Adresse von Ilonas Mutter kennen; Frau Aranka hatte nichts Eiligeres zu tzuu, als zu ihr nach dem zwei Meilen entfernten Dorfe zu fahren. Wie pochte ihr das Herz, wenn sie daran dachte, Ilona wieder zu finden, die schändlichen, gegen ihren Gatten erhobenen Anklagen entkräften, ihn wieder in ihre Arme schließen zu können! Arme Frau! Als sie bei Jlona's Mutter anlangte, ward chr die Kunde, die Kusmik sei vor einer Stunde mit einem Fremden abgereist; wohin, wußte Nie»,and. — All' ihre Nachforschungen, wer der Fremde gewesen, blieben erfolglos. Es hieß also, sich in Geduld faffen; die Frau war offenbar auf der Suche nach ihrer Tochter; sie würde sie finden, mit ihr zurückkehren und Eli befreit sein. Ein Hoffnungsstrahl in der Nacht ihres Unglücks. Sonderbarerweise verstrich Woche auf Woche, ohne daß man etwas weder von Frau Kusmik noch von ihrer Tochter hörte. Hatte man ihre Fahrt nach Bukarest vereitelt? Hielt man sie gar gefangen? Undenkbar, daß sie nach Bukarest gekommen und kein Lebenszeichen von sich geben sollte. Thatsache war, daß Dr. Bälhory, der davon Kenntniß erhalten, daß ein Fremder Nachricht über den Verbleib der Ilona KusmÄ verbreite, einen vollständigen Aufpafferdinst organisirte. WocheMchriri» «r. 3 Er war benachrichtigt, daß Frau Kusmik sich reisebereit machte; der Fremde, der offenbar ein Interesse daran hatte, das Mädchen der Mutter zuzufüyu n, mußte geschont werden; ec schien vermögend, einflußreich. Man wußte, daß er die Frau mit Geld versehen und bis nach Ugody begleitet hatte; von da sollte sie die Reise allein fortsetzen. Dr. Bäthory verstand dies zu verhindern. Die Frau wurde, als sie Abends in einer Herberge in Szikra übernachten wollte, nach ihren Legitimation-papieren gefragt und, da sie diese nicht vonveisen konnte und man eine größere Summe Geldes bei ihr vorfand, in Haft genommen; es hieß, es sei verdächtig, daß eine so dürftig gekleidete Frau eine Brieftasche mit 100 Gulden bei sich führe; die müsse sie gestohlen haben. Vergebens betheuerte sie ihre Unschuld; sie erzählte, daß ein Deutscher» der ihre schmerzlich vermißte Tochter in Bukarest gesehen, ihr das Geld gegeben, damit sie die Reise antrete und ihr Kind efreie. Man glaubte ihr einfach nicht und hielt sie in Gewahrsam. Die arme Frau war der Verzweiflung nahe. Der Fremde war ihr wie ein von Gott gesandter Retter erschienen, er hatte sie reichlich mit Geldmitteln versehen und nun sollten gerade diese den Verdacht erregen, sie hätte sich auf unerlaubte Weise in den Besitz des Geldes gesetzt! Man fragte sie, wer denn der Fremde gewesen, wo er wohne; darauf wußte sie keinen Bescheid. Frau Kusmik verlangte, daß man in Bukarest nach ihrer Tochter forsche, sie werde sicher den Namen jenes Herrn wissen, dem ihr Schicksal so nahe ging, umsonst; man verhöhnte sie, nannte ihre Tochter eine Dirne, die sicher ihr Los verdient habe. So verging Woche auf Woche; Aranka harrte vergeblich der Rückkehr der Frau Kusmik; das Gerücht, daß Ilona noch am Leben, war allmälig verstummt. Man wollte es nicht aufkommen lassen und Diejenigen, die ein Interesse daran hatten, ihm nachzuforschen, fanden keinen Anhalt. Bukarest war weit, die Behörden unzugänglich. Vergebens wandte sich Aranka an die Vorsteher der Gemeinde; sie waren machtlos. Ihre einzige Hoffnung war jetzt noch auf Nico, dem braven Zigeuner gefetzt. (Fortsetzung folgt.) New Hocker Ghettobilder. (Straßenscenen im Judenviertel. — Eigenartige Verhältnisse. — Religiosität und Sparsamkeit. — Charaktereigenschaften der Ghetto bewohner. — Locale Typen. — Die hohen Festtage.) (Fortsetzung.) Viele der alten Frauen tragen auch noch die eigenthümliche Tracht vergangener Zeiten, wie man sie noch auf alten Familienbildern vorfindet, seidene hochfchließende Kleider, seidene Busentücher, auf dem Kopf ein Händchen mit Spitzenbesatz, ein Toilettenstück, mit dem früher groß-r Luxus getrieben wurde. Schmuck ist sehr beliebt, und manche wohlhabendere gottesfürchtige Frau besitzt für Werkeltag, Samstag oder Feiertag einen besonderen Schmuck. Die hier geborene Jugend dagegen ainerikanisirt sich schnell, wenigstens was das Aeußere betrifft, und so kommt es vor, daß oft Vater und Sohn in allen ihren religiösen, politischen, socialen Anschauungen bis auf die nnbcdeutendsten Kleinigkeiten herab geistige Antipoden sind. Schon im Aeußeren sehen sie grundverschieden aus. Der Vater kleidet sich noch gerade so, wie er es in seinem Hnmatlande gewohnt war, und nichts könnte ihn dazu überreden, sich etwas Neumodisches anzuschaffen. Er trägt einen langen Bart, der im Laufe der Zeit weiß geworden ist, und einen verwitterten Hut von irgend einem seltsamen Format. Der Sohn dagegen hat bereits den« Zeitgeist der Mode große Concessionen gemacht und trägt einen Rundbart, Tailor made Luits, und womöglich einen Cylinder. Und die Töchter des Ghettos wird man in ihrem Sonntagsputz kaum von den Amerikanerinnen gleichen Alters unterscheiden können, wenn ihr orientalischer Gesichtstypus sie nicht verrathen würde. Trotz alledem herrscht zwischen den Alten und Jungen ein inniges Verständniß und eine Zuneigung, die großer Selbstaufopferung fähig ist; ein eigenthümliches Sittenbild, das nur durch das Wahrwort der Franzosen /es extremes se touoirent" erklärt werden kann. Zwistigkeiten sind natürlich bei olcher Meinungsverschiedenheit nicht ausgeschlossen, und oft genug kann ein Vorübergehender Zeuge davon sein, wie ein Familienvater seinem Sprößling „Du Posche, Du Neumodischer, Du Jerobeam, also nit in Schul (d. h. Bethaus) willst Du gehen" u. s. w. gehörig die Leviten liest. Aber auch an tragisch endenden, das Familienglück zerstörenden Streitigkeiten fehlt es nicht, zumal

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