Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 86 Dr. Vloch's WochenlÄzr'.ft Nr. 3 Rumänien politisch, wirthschastlich, finanziell nicht gesunden und solange ist Rumäniens Werth in staatspolitischer Beziehung ein zweifelhafter, in finanzieller Beziehung geradezu ein bedenklicher. Sie gehen, Herr C a r p, jetzt mit dem Klingelbeutel umher. Wir wissen nicht, welche Antwort Ihnen die Fiuanzgrößeu ertheilen, bei denen Sie anpocheu. Das Capital ist bekanntlich gesinnungslos und zielt nur auf seinen Vortheil ab. Dennoch hoffen wir, daß Ihnen der eine oder der andere Capitalist die Wahrheit so ungeschminkt sagen wird, wie es hier geschehen ist. Mögen Sie nun auch wieder Geld erhalten, Geld zu Bedingungen, wie sie e nein so prekären Schuldner auferlegt werden müssen — Sie werden doch von Ihrer Reise eine Lehre nach Hause nehmen, die Sie in Bukarest nicht bekommen hätten, die Lehre, daß man in Europa Rumänien nicht nach den schöufärberischen Berichten der feilen Feder, die für jedes rumänische Ministerium zu haben ist, beurtheilt, sondern nach seinem richtigen Inhalte kennt und abschätzt — als ein rückständiges, culturell tiefstehendes Land und sein Volk als eines, das noch so tief in orientalischer Barbarei steckt, daß es schon deshalb keine führende Rolle auf dem Balkan spielen kann. Wenn Sie diese Lehre nach Ihrer Heimkehr benützen würden, könnten Sie der Reformator Rumäniens werden. Haben Sie genug Kraft und genug Muth dazu, so beweisen Sie es. A. Wiener. Nach den Musischen Wahlen. Nun sind die Wahlen in Galizien, so weit sie unsere Interessensphäre berühren, das heißt so weit sie jene Curien betreffen, in denen die Wahl jüdischer Abgeordneter möglich wäre, vorüber und ein Todler blieb auf dem Platze. Ein Mandat ging den Juden in jenem Kronlande verloren. Mich, der ich die Gesinnungen und die diplomatischen Kniffe der dortigen leitenden Kreise kenne, hat dies Resultat nicht überrascht. Man nennt die Polen die Franzosen des Ostens; in der Thal sind sie sehr liebenswürdig, sehr höflick, glatt polirt und von gewinnenden Manieren; aber sie sind auch die Orientalen Galiziens, schlau tmd phrasenrerch: „Falle zu Füßen" — „Küsse die Hände" — ...Herr Wohlthäter", aber dahinter steckt nichts; in der nächsten Stunde, in der nächsten Secunde schon ist Alles verweht und verflüchtigt vor dem Pesthauche des Racen- und Religionshaffes, „N’est pas polonais, qui n’est pas catholique.“ Vor den Wahlen — n ach den Wahlen! Dazwischen liegt ein himmelweiter Abstand, ein Jahrhundert des Rückschrittes. Vor du Wahlen die personificirte Liebenswürdigkeit und Toleranz mit der Devise der französischen Republik „Liberte, Egalite, Fraternite“ — vor den Wahlen lassen sie den polnischen Juden zum „jüdischen Polen" avanciren und ihre brüderliche Gesinnung durch ihre Leibjuden in Verschleiß bringen. Da wird jeder Groll versöhnt, jede Opposition besänftigt und mit zarten, liebevollen Griffen die Bauern und Juden aus den zuständigen Revieren hinausgedrängt, um Platz für Stammes- und Gesinuungsgenossen zu machen. Rach den Wahlen sind sie nicht mehr zum Erkennen. In ihrer Sregestrunkenheit erinnern sie sich nicht mehr der Zusagen, die sie gemacht, der Phrasen, die sie gebraucht, der Grundsätze, die sie ausgesprochen — sie streifen die Gala-Anzüge ab und geben sich wie sie waren und sind. Dieses Vorgehen wiederholt sich regelmäßig bei jeder Wahl und jedesmal lassen sich unsere Leute foppen, die Einen aus Unverstand, die Andern aus Furcht für ihre Mandate und Positionen. So kam es, daß Dr.^olischer in seinem eigenen Bezirke seines Mandates entkleidet wurde, und so kam es, daß statt der früher» sechs mm blos fünf jüdische Abgeordnete — Alle gestaltet nach dem Bilde des Polenclubs und wie die Trappistenmönche auf ewiges Schweigen eingeschworen — ins Abgeordnetenhaus einziehen werden. Herr Kolischer seinerseits hat sich für seine Niederlage in Grodek gerächt, aber nicht am Central-Wahlcomite, sondern an dem gairz unschuldigen Dr. Rosenstock. „Otestoi, que je m:y mette“. Es ist ja der ewige Existenzkampf in der Natür. daß ein Geschöpf auf Kosten des andern lebt; daß das Eine siegt, das Andere unterliegt. Bei dieser Gelegenheit hat sich aber auch die Handels- und Gewerbelammer in Brody eine Schlappe versetzt. Eine Art Selbstverstümmkung. In der dortigen Kammer und im dortigen Kammerbereiche gibt es intelligente, praktisch gebildete Kanfleute, einige Industrielle und Gutsbesitzer, unter denen man wohl Einen hätte herausfinden können, der befähigt gewesen wäre, die Spccialinteressen des Kammerbezirkes im Rcichsrathe zu vertreten, und es war nicht nöthig, sich durch die Berufung eines Mitgliedes einer fremden Kammer ein öffentliches testamonium paupertatis auszustellen, um eine Unterlassung des Centralcomites gutzumachen. Dies Vorgehen hat zur Folge, daß die Lemberger Handelskammer zwei ihrer Mitglieder im Rcichsrathe sitzen haben wird, die Brobyer hingegen keines. Ich habe weder Grund noch die Absicht, die getroffene Wahl zu bekritteln, da Herr Kolischer die Eignung zum Abgeordneten besitzt, im Principe aber muß ich sie tadeln, denn die Kammer ist eine Interessenvertretung und jeder Bezirk hat seine eigenen Wünsche und Beschwerden, für die man nur mit Localkenntnissen der Verhältnisse eintreten kann. Deshalb soll jede Kammer bei sich zu Hause wählen. Es würde nicht der Lemberger Handels- und Gewerbekammer einfallen. Jemand in Krakau oder der Grazer in Leoben zu wählen. Und wenn das Eentralcomite so große Stücke auf Herrn Kolischer hält, warum hat es ihn just dorthin postirt, wo er einen der wenigen jüdischen Abgeordneten verdrängen mußte, oder warum nicht Dr. Rosenstock, den noch der alte Grocholski für das Abgeordnetenhaus geaicht hat und der an Sprache, Gesinnung, Manieren und Grundbesitz sich der galizischen Gentry anreiht, in der Curie des Großgrundbesitzes wählen? Es ist dies blos ein Scherz; ich weiß sehr wohl, daß die hochherzigen Männer des Eentralcomites niemals einen Juden aus ihrer Kategorie oder aus Landgemeinden wählen lassen werden. Man entgegne mir nicht, daß Herr Heinrich Weiser neulich in dieser Curie gewählt wurde; Weiser hat vom Judcnthume blos den Nanien behalten, sonst gehört er seit Jahren der katholischen Kirche an. Was nützen aber all diese Vorhalte und Recriminationen gegenüber der Energielosigkeit und Unselbstständigkeit unserer so kleinmüthigen Juden, die sich bei allen Erfahrungen dupiren und bei aller Einsicht einschüchtern lassen? Ich zweifle nicht, daß. wenn der jetzt neugewählte Reichsrath, wie zu erwarte» steht, nach kurzer Lebensdauer zu seinen Vorfahren versammelt wird und etwa abermals Neuwahlen ausgeschrieben werden sollten, die Juden leider nach wie vor in der freigewählten Abhängigkeit verharren, nach wie vor dem Dutzend Polen, welches sich herausllimmt, alle Wahlen im Lande zu bestimmen und zu uniformiren, knixen und vor der Thüre des Berathungszimmers auf die Brosamen warten werden, die man ihnen gnädiglich zuwerfen wird. Wir sollten wahrhaftig zu den Polen selbst in die Schule gehen, die vor fünfzig Jahren hilflos und getreten waren wie wir und durch Beharrlichkeit und Energie nach und nach eine hervorragende, eine dominirende Stellung eroberten, drückend für ihre ehemaligen Bedrücker. Wir sollten uns an den Slovenen ein Beispiel nehmen, die in Oesterreich, welliger zahlreich als die Juden, durch festes Zusammenhalten und Zusammenwirken eine Bedeutung erlangten, an der keine Regierung achtlos vorübergehen kann. Vermöge unserer Zahl und unserer Intelligenz könnten auch wir im Staate was bedeulett; was uns siech macht, ist dtr Mangel an Organisation, an frischer, freiheitlicher Luft, an zielbewußter Vorwärtsbewegung— wir befinden un s noch immer kleinlau t und k l e i n m ü t h i g in g e i st i g e r L e i b e i g e n s ch a f t! Meran. Leo Herzberg-Fränlel. Des Papstes Klage und der galisische Mädchenraub. In Rom hält sich gegenwärtig eine englische Pilgerschaar auf, die in mannigfacher Weise die Augen der politischen Welt auf sich zieht. Der Führer dieser Pilger ist der Herzog von Norfolk, der in England an der Spitze der Katholiken steht und eine sehr eiliflußreiche Persönlichkeit tst, ja sogar Minister war. Die Aeußerungen dieses ehemaligen Ministers des mit Italien befreundeten Reiches über die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Pap st es mußten natürlich vor Allem in Rom selbst Aufsehen machen. Man wird aber zweifellos nicht blos in Rom, sondern ebenso sehr in England und vielleicht anderwärts nicht minder den Protest-Aeußerungen des Herzogs von Norfolk „über die Zunahme der protestantischen Propaganda in Rom" eine Bedeutung zuerkennen, die über den Zelotismus des katholischen Herzogs hiuausgeht. Daß der Papst sich bei dieser Gelegenheit dahin ausgesprochen habe, „die Protestanten benützen die elende wirthschaftlrche Lage Roms, um mit Geld P rosel y te n z u m a ch en", darf uns nicht verwundern. In katholischen Kreisen weiß man gewiß noch besser als in protestantischen, mit welchen Mitteln man am besten Proselytenmacht, und wenn man cs beklagt, daß andere Propagandisten das Beispiel nachahmen, so braucht man ja nur mit der Besserung bei sich selber anzufangen. Die Proseiytenmacherei in Galizien und das Entführen von Mädchen aus elterlichen Häusern, das dort noch immer schwungvoll betrieben wird, die Kunst, die Macht des Staates an den Kloster- Pforten aufzuhalten, die dort so geschickt gehandhabt wird, sind ja Beispiele so schlagender Art, daß man sie selbst in Rom nicht unbeachtet lassen kann, und da man dort bekanntlich an Sentenzen sehr reich ist, wird man wohl des Satzes gern gedenken: „Was Du nicht willst, das Dir geschehe, das lhue Du auch Anderen nicht!" Es wird sich dieser Satz nicht nur auf die Proselytenmacherei, sondern auch auf andere römische Klagen anwenden lassen.