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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-01-18 · 3 (18.1.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
3 (18.1.1901)
Date
1901-01-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Hit. 8 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 35 Angesichts dieser Verhältnisse im Orient, die Ihnen, Herr Carp, aus sehr naheliegenden Gründen wohlbekannt sind, ist es sehr begreiflich, daß Sie eine Anlehnung im Westen suchen. Das haben Bratianu und Sturdza — freilich jeder in anderer Weise — vor Ihnen auch gethan. Schon Cusa hat sich an Napoleon III. gewendet, aber dies Recept wird jetzt wohl Niemand bei Ihnen zuhause wiederholen wollen, ganz abgesehen davon, daß man weder Ihnen noch einem anderen Rumänen zu Liebe in Paris das Mißtrauen von St. Petersburg Hervorrufen wird und für Sie auch durchaus kein Weg über Paris nach St. Petersburg führt. Man hat zwar in Bukarest feit 1897 wiederholt mit Italien cocettirt, allein diese Anbiederungsversuche haben sich als vergebliche erwiesen. Das griechisch-slavisch-romanische Mischlingsblut der Rumänen hat so wenig Verwandtschaft mit dem romanischen Blut der Italiener, daß sich durchaus keine „Familienverbindung" Herstellen läßt, trotz Urechia und Consorten! Und daß, um der Rumänen willen, Italien sich vom Dreibund loslösen wird, kommt Ihnen, Herr Carp, doch gewiß nicht in den Sinn. Will Rumänien nicht isolirt bleiben, so muß es also Freunde, Bundesgenossen, Helfer suchen und muß diesen eine Gegenleistung bieten. Was bieten Sie aber, Herr Carp, den Staaten und Völkern, bei denen Sie eine Anlehnung suchen? Wir wollen Ihnen einmal einen ehrlichen Spiegel Vorhalten. Rumänien ist ein politisch und wirthschaftlich decadentes Land. Wirthschaftlich decadeut, weil es die in seinem Boden vorhandenen Reichthümer durch eigene Kraft nicht zu heben vermag, die Booenproducte zu verwerthen nicht tut Stande ist, selbst wenn sich eine gute Ernte ergibt, und weil es hungert, wenn einmal die Ernte auSbleibt. Die Ursache seines Verfalles ist aber nicht in klimatischen Verhältnissen zu suchen, sondern darin, daß sein Volk rückständig rst, rückständig in feinem Wissen, rückständig m seiner Moral. Den Eingeweihten blende mcht seine „Akademie", noch seine Universität, auch die Tünche seiner constitutiouellen Einrichtungen vermag Niemanden zu täuschen. Die Rumänen haben vom Orientalen daS Gute abgelegt und das Schlechte behalten und vom Occidentaleu das Schlechte angenommen und das Gute vermieden! Man braucht nur die Gesetze von Rumänien kennen zu lernen, in denen der wahre Geist des Volkes sich kundgibt, um zu erfahren, wie weit dasselbe hinter moderner Cultur zurücksteht. So lange die rumänischen Gesetzesmacher sich Mühe geben, das Volk in seiner Abgeschlossenheit und Dummheit zu erhalten, solange sie nicht aushören, seinen Chauvinismus aufzustacheln, so lange sie ihm Fremdenhaß einimpfen und höchstens Pariser Nachtlebeu als Ideal des FremdeuthumS copiren, so lange sie eS hindern, von Fremden und durch Fremde zu lernen, haben sie auch keine Erhebung des Volkes in moralischem und politischem und wirthschastlichem Sinne zu erwarten. Daß das Land in politischer Decadence ist, wissen Sie, Herr Carp, wohl am besten. Weder Ihre frühere, noch Ihre jetzige Ministerschaft hat daran etwas geändert. Die Parteien in Rumänien, die abwechselnd zur Regierung gelangen, .nehmen ja keinen Einfluß auf eine bessere Erziehung des Volkes. Sie verfolgen ihre Partei-Interessen, suchen sich an der Macht zu erhalten, die für Tausende ihrer Anhänger zugleich das tägliche Brot bedeutet und sie schmeicheln der Menge, statt sie zu führen, was zur Folge hat, daß das Land niemals zur Ruhe kommt, daß es nicht zu geistigem, nicht zu sittlichem Fortschritt sich erhebt. Das rumänische Volk muß immer tiefer hinabsinken ans der moralischen Stufenleiter und mit seinem sittlichen Werthe sinkt sein wirthschaftlich er und politischer Werth. Nach einem Bundesgenossen, der moralisch augefault ist, sehnt sich wohl Niemand, und diese Erkenntuiß muß schließlich auch dorr platzgreifen, wohin Sie jetzt Ihre Schritte gelenkt haben, Herr Carp. Wenn die Minister der auswärtigen Staaten, mit denen Sie in Berührung kommen werden oder gekommen sind, um diplomatischer Höflichkeit willen eS unterlassen, Ihnen ihre wahre Meinung über Rumänien zu sagen, so sollen Sie wenigstens aus diesem Wege erfahren, wie die Völker über Rumänien denken, und wenn es für die Regierenden von Werth ist. die Volksmeinung zu wissen, so muß es Ihnen, Herr Carp, auch erwünscht sein, zu erfahren, wie sich die wahre Werthschätzung Rumäniens gestaltet. Will Rumänien ein geschützter politischer Factor werden, so muß es zuvor ein cultureller Factor sein. Eines ohne das Andere ist bei einer so kleinen Station nicht möglich. Ein cultureller Factor ist aber Rumänien im jetzigen geistigen und sittlichen Zustande seines Volkes und ferner Politiker nicht und wird es iusolange nicht sein, als Recht und Moral in diesem Lande mit Füßen getreten werden, als ein wahnwitziger Natloualitätsschwlndel die Rumänen zu den ärgsten Verfolgern jeder anderen Nation und jedes anderen Glaubens macht und als das Volk in Grundsätzen erzogen wird, die jede edle Regung ersticken. An diesem Zustande des Rumüncnvolkcs hat das dreißigjährige Regime des Königs C a r o l leider nichts geändert und auch Königin Elisabeth hat nicht den Einfluß genommen oder besessen, der uvthwendrg gewesen wäre, damit das Volk aus seiner polltischeil Verwilöeruug, aus seiner ethischen Verwahrlosung gehoben werde, in welcher es wie in einer geistigen Sclaverei verharrt, trotz der staatlichen Befreiung, die ihm die günstigen Umstände zugevracht haben, und Sie, Herr Carp, haben trotz Ihrer europäischen Bildung während Ihrer wiederholten Regieruugsperioden nicht das Mindeste gethan, um den Ruf zu rechtfertigen, der Ihnen vorausgegangen ist. Es genügt nicht, daß Sie ein anständiger Mann sind, als Minister müssen Sie dafür sorgen, daß Ihr Staat und Ihr Volk die Pflichten erfülle, die es contractlich übernommen hat, wenn schun vom Menschenrecht, das mit uns geboren ist, bei den Rumänen keine Rede ist. Wenn man auch von einem Ministerpräsidenten nicht verlangen kann, daß er in einigen Monaten verbessere, was jahrelange Mißwirthjchaft und fortgesetzter Vertragsbruch verschuldet haben, so muß er doch den Anfang machen und nicht mit Versprechungen, sondern mit Thatsachen beweisen, daß er den Willen und die Fähigkeit habe, das Land zu moderuisiren. Diesen Veweis find Sie noch schuldig. Drängt sich Ihnen, Herr Carp, die moralische Rehabilitlrung Rumäniens vom politischen Gesichtspunkte auf, so ist dieselbe nicht minder eine absolute Bedingung für die finanzielle Wiedergeburt des Landes. Rumänien leidet nämlich nicht nur deshalb au schwerer Geldcalamität, weil zufällig einige Erickeu ausgebiieben sind und die Steuern nicht in dem vvrgefchrlebeueu Ausmaße einlausen, sondern vornehmlich auch, weil feine ganze innere Verwaltung auf falschen Grundlagen aufgebaut ist. Rumänien vermag nicht mit seinen eigenen Nativnsangehörlgen eme intensive Agrarwirthchasft zu führen und Jndustriepvlitlk zu betreiben, ja es ist selbst für die Exploitirung der im Boden ruhenden Schätze zu schwach und kann fremder Hilfe nicht entbehren — nicht nur fremden Geldes, sondern fremden Geistes, fremder Kräfte, fremder Unternehmungslust. Diese können sich aber einem Lande nicht zur Verfügung stellen, in welchem der Fremdenhaß gesetzliches Priucip ist, in welchem, wie neuestens unter Ihrem Regime, Herr Carp, den „Fremden" nur ein achttägiger Aufenthalt gestattet wird, in welchem der Fremdenyaß zu den rohesten Ausbrüchen der Leidenschaft, zu Raub und Mord führt. Da nützen, Herr Carp, keine Hinweise auf Ihre „europäische Gesinnung" und keine Versprechungen. So lange nicht der Geist der Intoleranz, der Ihr Volk vergiftet, mit der Wurzel ausgerodet ist, so lange nicht von der Jugend aus die Regenerirung vorgeuommen wird, so lange nicht die Gesetzgebung das Menschenrecht anerkennt, so lange Sie nicht Ihren moralischen Verpflichtungen Nachkommen — kann

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