Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021389--10535-3035022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 34 Dx. Blockes Wochenschrifl» Nr. 8 Das für uns Juden erfreulichste Ergebniß der Wahlen ist der wirklich schmähliche Hinauswurf, den die Städte Niederöfterreichs den Chriilüch-Socialen bereiter haben, und die Behauptung der Inneren Sradt und Leopold staot gegen deu Ansturm der Antisemiten. Volle elf Mandate haben die Christlich-Socialen eingebüßt und dagegen kein einziges gewonnen. Eine wahre Flucht der Wählerschaft aus den Reihen des Herrn Lueger hat begonnen, während andererseits die Stimmen der Sveialdemokratre, selbst in der Stadte- Curie, sehr erheblich zugenommen haben. Und darin liegt das entscheidende politische Moment der niederösterreichischen Wahlen. Solange Herr Lueger das Vertrauen rechtfertigte, daß er und nur er allein die böse Socialdemokratie Niederhalten könne, war er der gehätschelte Liebling der officiellen Kreise. In dem Augenblicke aber, wo er diese ihm zugewiesene Aufgabe nicht mehr zu erfüllen vermag, verliert er jeden Werth, und man wird ihn so leichten Herzens Preisgeben, wie man seinerzeit die liberale Partei preisgegeben hat. In die Siegesfanfaren der Socialdemokraten und der sogeuaunten Fortschrittlichen mischen wir unsere bescheidene Stimme. Was in Wien und iNuderösterreich, in Mähren und Schlesien an frelfiiluigeu Wahlsiegen errungen wurde, ist zum guten Theile mit den Stimmen der jüdischen Wähler erreicht worden. Unsere Glaubensgenossen in Proßuitz hatten sogar ein wahres Martyrium zu erleiden. Vor den Wahlen entschlüpfte einem deutsch-böhmischen Blatte das interessante Geständniß, daß die deutsche Fortschrittspartei principiell keinen Juden ausnehme. In Wien hat mau die Candidatur des verdienten Hofrathes Kareis wegen seines Glaubensbekenntnisses fallen lassen. Die Haltung der Fortschrittspartei gegenüber den Juden war von der blassen Furcht, von einem kraftlosen Opportunismus dictirt. Und nun wird man von der merkwürdigen Thatsache überrascht, daß dieses angeblich durch und durch antisemitische Wien gleich zwei jüdische Abgeordnete auf einmal gewählt hat. Das mag die Fortschrittspartei belehren, wie Unrecht sie hatte, chren Grundsatz von der confessivnelleu Gleichberechtigung „zurückzustellen" uud deu Antisemitismus als Prioatsache zu erklären. Dieses Versteckeusspiel mit Principieu muß ein Ende nehmen. Die jüdische Wählerschaft hat sich durch ihre ehrliche Wahlarbeit das Recht erworben, nicht nur gezählt, sondern auch geachtet zu werden. Noch ist der Antisemitismus nicht ins Herz getroffen, ja feine gefährlichere Spielart, der Raceuantisemitismus, ist gestärkt aus den Wahlen hervorgegangeu. Wir fordern heute you den freisinnigen Parteien, die unserer Bechllfe nicht entrathen können, ein ehrliches Bekenntniß zur Judenfrage! Wenn das christlich-socrale Organ sich üoer deu Niedergang seiner Partei mit der Hoffnung tröstet, daß alle antisemitischen Größen sich zusammenschließen werden, um eine Aeuderung der Verfassung im Sinne von Ausuahmsgesetzen gegen die Juden durchzusetzeu, so muß darauf die Fortschrittspartei eine offene und rückhaltlose Antwort ertheileu. Die Formel der Gleichberechtigung muß endlich einen positiven Inhalt bekommen uud sie darf in Böhmen nicht anders prakticirt werden als in Wien. Das ist die Frucht, die wir Inden aus diesen Wahlen ernten wollen, und wir sind fest entschlossen, sie uns nicht entreißen zu lassen. Willkommgrutz an P. P. Carp. Euere Excelle nz! Wenu auch Ihre Reise nach Berlin zu allererst dem Besuche Ihres Sohnes uud Schwiegersohnes gegolten haben mag, so liegen derselben ebensowohl politische als finanzielle Zwecke zu Grunde. Blos um Ihre Kinder wieder zu sehen, bleiben Sie nicht zwanzig Tage fern von der Dimbowitza und Ihr Aufenthalt in Berlin, sowie Ihre Anwesenheit in Wien haben wohl auch nicht die Bedeutung, daß Sie cari'evalistische Studien hier machen wollen, da die Rumänen in der Verstellungskunll nicht erst bei Anderen zu lernen brauchen. Vielmehr erscheint die Situation Ihres Vaterlandes jedem unbefangenen Beurtheiler als eine so prekäre in politischer und wirthichaftlicher Beziehung, daß ein weitblickender Staatsmann — und man hält Sie für einen solchen — den Nationalstolz wohl ein wenig bei Seite lassen und Umschau halten muß, wo sein Vaterland Anlehnung — politische und finanzielle — gegen die Gefahren finden kann, die dasselbe in mehrfacher Richtung bedrohen. Reden wir zuerst von der politischen Bedrängniß Rumäniens. Darüber wird sich doch jeder ehrliche Rumäne klar sein müssen, daß seit 1878, dem berüchtigten Jahre, in welchem das Land seine treue Bundesgenossenschaft zu Rußland mit dem Verluste Bessarabiens bezahlen und für dieses fruchtbare Gebiet die öde Dobrudscha eintauschen mußte, von Rußland nichts Gutes zu erwarten hat. Die rumänische Nation erscheint als ethnographischer Keil zwischen den Slaven des Nordens uud die Balkanslaven eingeschoben und das Rumänenland war zwar wiederholt die Brücke für den Uebergang der Russen, die zur Zerstörung des türkischen Reiches auszogen und sich der Bulgaren oder Serben als Vortruppen bedienten, aber seine nationale und politische Selbstständigkeit bildet doch ein Hmderniß für die Durchführung mannigfacher slavischer Aspirationen uno ist eine Scheidewand, über die hinweg sich die Slaven nördlich und südlich der Donau doch nur schwer die Hand reichen können, wenn es wieder einmal gelten wird, aggressive Politik zu machen. Begreiflicherweise wird dann Rumänien zwischen zwei Mühlsteine gerathen. Anderseits haben die Rumänen an den Bulgaren, trotzdem sie für deren Befreiung ihr Blut vergeudet haben, trotzdem sie ihnen nicht nur Gastfreundschaft geboten, sondern ihr Land als Stützpunkt für deren antitürkische Politik hergegeben haben, durchaus keine Freunde gewonnen. Dankbarkeit ist keine bulgarische Tugend, und je eher die Bulgaren ihre Befreier aus der Dobrudscha herauswerfen könnten, desto lieber thäten sie es. Noch weit mehr sind den Bulgaren die rumänischen Enclaven in Macedonien zuwider und die Ereignisse der jüngsten Zeit haben es ja überzeugend erwiesen, daß von den Bulgaren Hacke und Revolver, Gift und Dolch, Erpressungen und Gewaltthätigkeit aller Art angewendet werden, um alle Jene aus dem Wege zu räumen, die sich ihren Bestrebungen auf den macedonischen Besitz in den Weg stellen könnten. Wiewohl Türken und Serben und Griechen von den Bulgaren gleichfalls bedroht werden, hat sich doch ihre Feindseligkeit zumeist gegen die Rumänen gewendet. Wie erst wird sich das Verhältniß gestalten, wenn Bulgarien in sich die Kraft fühlen wird, „zu 'gehen", oder wenn es von seinem mächtigen „Hintermanne" geschoben werden sollte? Weder an Rußland noch an Bulgarien besitzt Rumänien einen Freund. Selbst mit Serbien sucht Bulgarien eher eine Verständigung, wiewohl sie einander in Macedonien und Altserbien Eoncurrenz machen, als mit Rumänien. So steht denn das Rumänenvolk isolirt da, im Norden und Süden — wenn nicht von Feinden, so doch von Staaten umgeben, von denen es keinesfalls etwas Gutes zu erwarten hat. Man mag an der Dimbowitza noch so freundlich der Türkei zuwinken und der hohen Pforte zu verstehen geben, daß Bulgarien der „gemeinsame" Feind sei, im Mdiz-Kiosk hat man viel zu viel Furcht vor dem nordischen Bären, als daß man sich mit dem Fuchse verbinden möchte, und überdies ist es ja zu bekannt, daß die militärischen und finanziellen Verhältnisse der Türkei gerade jetzt so desolate sind, daß ihre Bundesgenoffenschaft am wenigsten schwer in die Waagschale fallen kann.