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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-01-11 · 2 (11.1.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 2 jßx. Wwch's Wochenschrifk. Seite 31 lauschten! Sie waren allda tägliche Gäste, meinten nie so andachtsvoll gebetet zu haben. Die Kameraden waren noch in Rom geblieben; aber Nico hatte gar bald die Sehnsucht nach seinem Heimatlande gepackt; Tag für Tag war er gewandert, Wochen, Monate lang und nun endlich, da er zu Hause, fand er, daß die Zustände daheim keineswegs so verlockend waren, wie er geträumt. Fast sehnte er sich wieder zurück nach dem sonnigen Süden und den lebensfrohen Menschen. Wenn er da sah, wie sein Jugendfreund Hetvay agitirte, harmlose Leute zum Meineid und falscher Zeugenaussage zu verleiten suchte, war ihm ganz bang um's Herz. „Schlechte Menschen", sagte er sich; „da ist Zigeuner doch besserer Mensch! Singt sein Liedel, zieht froh von Ort zu Ort und läßt den lieben Gott einen guten Mann sein!" Als er aber gar hörte, gegen wen sich die ganze Agitation richtete, da ward er unwirsch und erklärte dem alten Arpad, bei dem er Quartier genommen, er wolle solch' gotteslästerliches Zeug gar nicht mit anhören, die Lazzlos seien ehrenwerthe Leute, er habe schon den alten Rabbi gekannt und dessen Frau; von Beiden hatte er nur Gutes erfahren und in Rom, in St. Peter, da — er wolle den heiligsten Eid darauf schwören — habe er Pater AladLr Lazzlo im Beichtstuhl gesehen; obgleich er ihn ersannt und ihn angesprochen, war der fromme Pater nicht gewillt, auf den Namen Lazzlo zu hören, trotzdem — er wisse es bestimmt — es sei der Aladär gewesen, den er als Kind auf den Armen getragen. Und nun wolle man den Bruder dieses frommen Mannes beschuldigen, ein Christenmädchen gemordet zu haben? Nein, das sei purer Blödsinn! Und wenn Arpad mit dem Aufwiegler Hetvay gemeinsame Sache, mache, dann werde er, der vielgereiste Nico auftreten und sagen, wo er Dr. Lazzlo's Bruder gesehen; von dort werde dem Dr. Eli Hilfe kommen und müßte er selbst noch einmal nach Rom und dem frommen Pater sagen, was seinem Bruder drohe. Man lachte den alten Nico einfach aus, nannte ihn einen Narren, wühlte weiter, warb und bezahlte Zeugen für die demnächst stattfindende Gerichtsverhandlung, aus der es, nach den vertheilten Bestechungsgeldern zu urtheilen, sonnenklar hervorgehen müßte, daß Dr. Lazzlo das zeither verschwundene Mävchen bei Seite geschafft. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde thaten selbstverständlich alles Mögliche, um klar zu legen, daß die Beschuldigung, Juden verwendeten Christenblut, eine ganz widersinnige sei; man berief sich auf Aussprüche bedeutender Kirchenlehrer, die, der Wahrheit die Ehre gebend, in Wort und Schrift dafür eingetreten, daß das Märchen vom Ritualmord jeder Glaubwürdigkeit entbehre; Dr. Lazzlo's makelloses Vorleben, sein stets dem Wohlthun zugewandter Sinn wurde in Betracht gezogen, umsonst, die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang, es gelang nicht, die Anklage niederzuschlagen, noch weniger Lazzlo's Enthaftung zu erwirken. Aranka bewies in dieser schweren Zeit eine bewunderungswürdige Standhaftigkeit. Nur einmal hatte sie ihren Gatten sehen dürfen; wenngleich ihr das Herz blutete, zwang sie sich zur Ruhe, sprach ihm Muth zu; ihr felsenfestes Gottvertrauen wirkte stärkend und Hoffnung anregend auf den ganz gebrochenen Mann; aber als die Unterredung beendet und sie wieder allein war, da versiegten ihre Kräfte. Laut aufschluchzend sank sie im Vorhofe des Gefängnißhauses zusammen. Hier war es, wo sie Dr. Bathory, der eben eine Jnspection vornahm, antraf. „Nun, schöne Frau", sprach er, indem er sie aufzurichten suchte, „liegt Ihnen jetzt etwas daran, Ihres Mannes Lage zu verbessern?" Er winkte dem Beamten, der an der Thür stand, sich zu entfernen. „Rathen Sie, was kann ich anfangen, um meinen Mann zu befreien?" fragte Aranka, sich mühsam erhebend. „Thun Sie doch nicht, als wären Sie ein dummes Schulmädchen", antwortete Dr. Bathory cynisch lächelnd. „Ich bin bereit, Alles zu tyun, jedes Opfer zu bringen", sagte Aranka, „so weit es sich mit meiner Ehre verträgt!" „Nur keine volltönenden Worte", sagte Dr. Bäthory, „Ihr Gatte wird seine Freiheit noch heute wieder erlangen, wenn" — er zischelte ihr einige Worte in's Ohr, bei deren Klang ihr Gesicht sich verfärbte, ihre Augen Blitze sprühten. „Nie, niemals!" rief sie zornbebend; „lernen Sie ein jüdisches Weib achten! Meine Ehre ist mir selbst um diesen hohen Preis, meinen Mann frei zu wissen, nicht seil! Seine Unschuld muß und wird zu Tage treten! Noch lebt ein Gott in der Höh! Wir stehen in seiner Hut!" Hoch erhobenen Hauptes verließ sie das Haus des Unglücks. Es war ihr. als fühlte sie Trost und Beruhigung in das todtmüde Herz einziehen. Als sie daheim ihre Kleinen umarmte, fragte sie sich: „Gibt es wirklich Frauen, die ihre Ehre opfern, ohne daran zu denken, daß sie damit der Achtung ihrer Kinder verlustig gehen?" (Fortsetzung folgt.) New-Horker Ghetlobttder. (Straßenscenen im Judenviertel. — Eigenartige Verhältnisse. — Religiosität und Sparsamkeit. — Charaktereigenschaften der Ghettobewohner. — Locale Typen. — Die hohen Festtage.) Wohin sind wir auf unserer Wanderung gerathen! Daß wir die besseren Stadtgegenden verlassen haben, merken wir nicht nur an dem immer nüchterner werdenden Aussehen der Häuser, sondern auch an dem immer fremdartigeren und lärmenderen Personenverkehr auf den Trottoirs. Aber so etwas hatten wir doch nicht erwartet. Die ganze Straße scheint ja verbarrikadirt zu sein. Wir irren in einem kribbelnden und wimmelnden Ameisenhaufen umher, in einem Labyrinth, das von Handkarren und Verkaufsstellen gebildet ist. Und was da nicht Alles zum Verkauf angeboten wird. Bandannos und Zinkbecher zu zwei Cents per Stück, unreife Früchte für einen Cent das Quart, alte Eier, Hüte und Brillen zu Spottpreisen, Fleisch und Fisch bei der Unze, selbst die mageren Hühner werden beim Viertel und Achtel und die Brüte in Hälften zu drei Cents verkauft. Wie das Vo'k sich drängt! Wie es gestuculirt. betheuert, feilscht! Was für eine derbe Ironie und beißende Spitzfindigkeit sich auf manchem dieser Gesichter abfpiegelt! Alte Männer mit langem wallenden Bart, eine vergriffene Mütze oder auch nur ein Sammetkäppchen auf dem Haupte und junge, leichtfüßige Dirnen mit pechschwarzem Zottelhaar und bunten Tüchern um den Busen wandeln an uns vorüber. Die Frauen schleppen ihren Kindersegen überall mit herum und die Kleinen begehren schreiend heimzugehen, weil der Hunger sie plagt. Nicht wahr, man wird ganz verblüfft von diesem aufgeregten Straßentreiben! Willenlos treibt inan in diesem unaufhaltsam fluthenden Menfchenstrom hin und her, jeden Augenblick etwas Neues und Interessantes erspähend. Es ist wohl kaum nöthig, Auskunft darüber zu geben, wo wir uns befinden. Jedermann, der einmal in dieser Gegend gewesen ist, weiß, daß es das Judenviertel, unser New-Aorker Ghetto, ist. Gibt es denn noch Gehttos am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts? Die Antwort lautet Ja und Nein. Das Stadtviertel, welches wir in New-Iork als ein solches bezeichnen möchten, ist von keinem Papst Paul dem Vierten, wie das berühmte, seit einigen Jahren aber gänzlich beseitigte Judenviertel in Rom errichtet worden. Es hat keine Thore aufzuweisen, die jede Nacht von den Inden, wie einst in Prag und Amsterdam, von innen geschlossen werden, keinen Vorstand, welcher die Stelle der Polizei vertritt, und kein Rabbinat, welches die Rechtsstreitigkeiten unter den Anhängern des Talmuds entscheidet. Dce Verhältnisse haben sich ja in den letzten Jahrhunderten wesentlich verändert, die Thore des Ghettos sind verfallen, der Glaube, die Form der Gottesverehrung bildet keine hemmende Schranke mehr und die Obrigkeiten weisen den Juden keinen bestimmten Stadttheil mehr zur Wohnung an. Der Thätigkeit eines Jeden ist ein weites, unbegrenztes Feld eröffnet, aber dennoch wohnen sie noch immer, zumal die weniger mit irdischen Gütern gesegneten, mit Vorliebe untereinander. Die Hefter, Baxter und Ludlow Straße und einige Theile des East Broadway verdienen den Namen von „Judengassen" ebenso wohl, wie die unter jenem Namen bekannten Straßen im mittelalterlichen Mainz, Frankfurt und anderen Orten. In New-Iork haben sich unter dem Einfluffe des noch immer nicht ganz geebneten Lebensweges der Juden, ihrer Frömmigkeit und Gottergebenheit und ihres starken Festhaltens au herkömmlichen Sitten Verhältuisie von solcher Eigenart entwickelt, wie sie sich auch die lebhafteste Phantasie eines Aankee nicht vorzustellen vermöchte, ohne das Viertel aus eigener Anschaunng kennen gelernt zu haben. Die Mehrzahl von uns „Uptowners" ist höchstens einmal durch die Hefter oder Baxter Straße gegangen, Lewis Street und die von der zweiten Avenue- Hochbahn verdunkelte Allen Street sind uns bereits unbekannte Gegenden. Und von der Lebensweise dieser armen hebräischen Bevölkerung wissen wir auch nicht viel mehr, als was wir in

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