Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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ÄDcjtt 32 Dr«. VlvEs Wochenschrift. Nr. 2 George Elliot's „Daniel DerondcP gelesen oder in Zangwill's „Kinder des Ghettos" auf der Bühne gesehen haben. Bevor wir uns ein wenig in dieses so realistisch-pathetische Sujet vertiefen, wollen wir vor Allem seststellen, wo das New- Jorker Ghetto sich eigentlich befindet. Man bezeichnet gewöhnlich damit jenen südöstlichen Theil unserer Stadt, der von der East Houston, Bowery, Catherine Street und dem East River begrenzt wird. Aber mir scheint das eine sehr vage Definition zu sein, auch verstehe ich nicht, wie man die Bayard Street mit ihren Synagogen und die Baxter Street mit ihren Trödelläden, an denen man immer, von allerhand unheimlichen Ahiumgen durchschauert, vorübergeht und seine eigenen Gewänder so eng wie möglich um sich zusammenrafft, auslassen kann. Die zehnte Ward ist die eigentliche Hochburg des New-Aorker Judenthums. Durch die beständige russische, polnische und pavische Einwanderung hat sich die Gegend so übervölkert, daß es fast unmöglich geworden ist, ansteckende Krankheiten daraus zu verbannen, von Schmutz, Elend und sonstigen Lastern, die sich so gern in solchen übervölkerten Districten einnisten, gar nicht zu reden. Das New-Iorker Ghetto, wie es heute besteht, bildet eine auch schon äußerlich erkennbare Welt für sich. Man braucht nur die Straßen auf und ab zu schlendern, um sich in ein anderes Land und unter ein anderes Volk versetzt zu glauben. Schon der jüdisch-deutsche Dialect (the Yiddish), jener seltsame, mit hebräischen Ausdrücken und Fremdwörtern durchsetzte Jargon, berührt Einem seltsam. Wie kommt es, daß diese Menschen, einerlei, ob sie nun Bulgaren oder Rumänen, Griechen oder Ruffen sind, dieselbe Umgangssprache sprechen! Man wartet vergeblich auf eine Antwort, die Gelehrten haben sich darüber gestritten, ohne die Frage zu erledigen, und selbst die im Entstehen begriffene jüdische Encyklopädie wird sie unbeantwortet lassen müssen. Dieser Dialect mit seiner eigenartigen schnarrenden Lebendigkeit hat für den Unkundigen etwas Anheimelndes und zu gleicher Zeit Komisches. Auch ist er voll Humor, wie das eine Sprichwort, welches mir gerade einfällt: ,,A Schwieger und a Schnur fahren nit auf ein Fuhr", sehr drastisch beweist. Schwieger meint Schwiegermutter, Schnur Schwiegersohn und Fuhr Wagen. Sogar eine „Mddishe"-Literatur gibt es. Der Alexander Dumas des Ghetto ist ein gewisser Schaikevitch, der schon über zweihundert Bände, meistens Sensationsromane, geschrieben haben soll. Außerdem wären Seiffert und Schakansky und der Liederdichter Winchevsky zu nennen. Und was für Typen man auf diesem ambulanten Bazar zu sehen bekommen kann! Man glaubt ganze Bibelabschnitte verkörpert vor sich zu sehen. Alte Männer in langen, verschlissenen Kaftans, Matronen mit Seitenscheitel oder turbanartigem Kopfputz, Söhne mit krummen Nasen und üppigen Korkzieherlockeu, Töchter in auffallenden Halbwelt-Toiletten und orientalischen Haarfrisuren. Einzelne wunderbare Schönheiten darunter, trotz aller Armuth, wie aus den Legenden des Alten Testaments, Rahel und Ruth, Sulamith und die prachtvolle Judith. Und Kinder sind dabei, die selbst di« Kriegsknechte des Herodes verschont hätten, obwohl man die schmutzigen Lumpen, in die sie gehüllt sind, mit in den Kauf nehmen muß. Einige der Mütter sind aber auch desto häßlicher. Da sich viele Mädchen schon mit 16 Jahren verheiraten, kann man sich kaum wundern, daß sie als dreißigjährige Frauen und Mütter von sechs oder acht Kindern schon verblüht sind. Seitwärts von all diesem Gewimmel und Geräusch sitzen zwei alte Männer: weißbärtig, die dürren Hände um ihre Knie gefaltet. So starren sie vor sich hin, ohne ern Wort zu wechseln, tiefe Trübsal in den ehrwürdigen Gesichtern. Sie sind Philosophen der Genügsamkeit. Sie machen sich nichts daraus, im strengsten Winter einen-leicht gefütterten Sommerrock oder im August einen schweren pelzverbrämten Rock zu tragen, aber keine irdische Macht würde sie dazu zwingen können, an den Wassern von Babylon, so schmerzerfüllt an emem Samstage ein Wochentagsgewand oder viee versa zu tragen. Sie sind selten geworden, die frommen Familienväter, welche noch dieser Sitte huldigen, aber hie und da stößt man noch auf Einen, der, wie arm er sooft auch fein mag, im Besitz von drei verschiedenen Kleidern ist: ein solches, das nur an Sabbathen, ein anderes, das an Halbfeiertagen, und endlich jenes, das au Werkettagen benutzt wird. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Goldene Hochzeit in P. Jüdisch-traditionelle Sitte kennt für diese Feierlichkeit keine besondere Zeremonie, keine neue Tränüng, sondern den Segensspruch: Lebebkebsjonu. D. S. 17. Der Posten ist noch nicht besetzt und. Probevorträge haben noch nicht stattgefunden. Die Functionen in jenem Tempel werden mit Qrgelbegleitung ausgeführt S. K. Wir sind zur Publication bereit, aber erst zu Beginn der Sommermonate. — Bis zur eigenen Fahne haben Sie es nicht gebracht. Historicus. Lacordaire sagte in einer seiner berühmtesten, in der Kirche von Notre-Dame gehaltenen Reden von den Juden: „Grabet ihnen das tiefste Grab, fesselt sie mit den-stärksten Banden, stellet Wachen um ihr Grabmal, lächelnd wird diese unsterbliche Glaubensgenossenschaft auferstehen." S. H. Gegenüber diesem stolzen Selbstlob von christlicher Seite .können wir Sie daran erinnern, daß ein viel älterer Spruch im Talmud lautet: „Zähle Dich zu den Unterdrückten und nicht zu Unterdrückern, höre Schmähung an und erwidere sie nicht, thue alles aus Liebe zu Gott und freue Dich der Leiden." I. W - r. Wenn die Prohaskas und Bielohlawek als urdeutsche Männer candidi'rt werden, dann muß man wohl das Verdienst der Christlich-Socialen anerkennen, daß sie auch in trüben Zeiten für Heiterkeit sorgen. Illex. G. Der hohe Orden, der dem Baron di Pauli kürzlich vom Papste verliehen wurde, Ijcit diesen doch Nicht vor den ärgsten Schmähungen seitens der — clericalen Presse geschützt. Wir ersuchen unsere geschätzten Jlbonnenten um rechtzeitige Zinsendung der laufenden Jlbonncmentsgebühr, damit die Zusendung des Blattes keine ilnterbrechung erleide. Die ^Administration. P. T. Seit 80 Jahren erfreut sieh echte Prager „KOLB“, Cichorie des besonderen Vertrauens aller israelitischen Stände. — Wir laden Sie hiemit höfl. ein, dies vorzügliche Product in Ihrem Haushalte einzufiihren, in dem Bewusstsein, dass KOLB-Oichorie im Gebrauche, was Färbung, Geschmack und Ausgiebigkeit anbelangt, unter die erstclassigen Kaffee-Surrogate gehört, ob riun dieselbe in der einfachen grauen Originalpackung oder moderüen färbigen Emballage dargeboten wird. Wenn wir uns noch auf die s. z. Empfehlungen so frommer und angesehener Männer, wie des gottseligen Oberrabbiners Simon Schreiber in Krakau, Kersch Teweles in Präg, und das Zeugniss des jetzigen hochw. Oberrabbinates in Krakau berufen, glauben wir von jeder weiteren Anpreisung unseres Productes abstehen zu können und bemerken nur, dass die echte Prager „KOLB“-Cichorie unter steter Aufsicht eines Vertrauensmannes des hochw. Krakauer Oberrabbinates fabricirt wird. K. k. priv. CichÖrieh-Kaffee-Fäbnk 684 lg. Ferd. Kolb Nacht.f Prag. Achtung beim Einkäufe auf obige Schutzmarke: KK. Caffee?Fdbrik JfT.Ferd.Kolb vvr/nalit Nadler&KolL Tsin Piafr Herausgeber und verantwortlicher Redacteur Dr. Josef S. Bloch. — Druck von L. Beck & Sohn, Wien. Vlll.