Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-01-11 · 2 (11.1.1901) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021388--10519-3035005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Vr. Vwrlr's Wochenschrift. Seite 19 Nr. Seit Jahren hat man Alles aufgeboten, die Wiener Wählermassen mit den niedrigsten Gesinnungen auzufüllen, in ihnen die schmutzigsten Triebe anzustacheln, die Leidenschaften des Hasses und des Neides zu entzünden, um das Volk zu verlumpen. Die Angeberei wurde gezüchtet und das Nadererthum decorirt. der wüthendste Aberglaube wurde verbreitet und durch blutrünstige Reden suchte man jede edlere Regung des Herzens abzutödten und zu ersticken. In dieser Erniedrigung und Verpöbelung der Volksmassen sah die antisemitische Partei die Bürgschaft für die Dauer ihrer Herrschaft. Nun aber beginnt das Bessere im Menschen sich zu regen, es tagt in den Köpfen, und wenn es auch nicht mit einemmale helle wird, so zeigt sich doch deutlich, daß die Wandlung sich vollzieht. In der Provinz ist man ebenfalls der christlich-socialen Pöbelwirthschaft müde geworden, das zeigt sich deutlich in dem Verluste von vier Mandaten. Alle Einwirkungen der Geistlichkeit haben bei den sonst so zugänglichen niederösterreichischen Bauern den Erfolg nicht zu erzielen vermocht, die Wahl G e ß m a n n's zu retten. Allerdings haben die Wiener Christlich-Socialen auch eine große Genugthuung erfahren. Ihre Gesinnungsgenossen in Tirol haben den Begründer und Führer der katholischen Volkspartei, den gewesenen Minister Baron D i p a u l i zu Falle gebracht und ihr eigener Parteimann ist an seine Stelle getreten. Für den Herrn D i p a u l i ist der Bischof mit seiner starken Autorität eingetreten, ja sogar die päpstliche Curie hat da intervenirt. Vergebens! Die christlich-socialen Antisemiten, in innigster Bundesgenossenschaft mit dem niederen Clerus, verweigerten den Bischöfen den Gehorsam und führten bei der Wahlurne den Kampf siegreich durch. Allein das Geschick, welches den Herrn Baron Dipauli erreicht hat, ist kein unverdientes. Nicht vergessen soll es bleiben, daß der streng conservative Freiherr Dipauli v. Kaltern vor vier Jahren aus dem Hohenwart-Club mit seinen Parteigenossen trat und eine eigene Fraction — die Katholische Volkspartei — gründete, weil er die Bestätigung des Herrn Dr. Lueger zum Bürgermeister von Wien erzwingen wollte; nicht vergessen soll es werden, daß er den demagogischen Umtrieben der Wiener Antisemiten in den damaligen stürmischen Zeiten sympathisch gegenüberstand, daß er endlich die Versöhnung zwischen dem Grafen Badeni und Herrn Dr. Lueger herbeiführte und dadurch der Regierungsautorität in Oesterreich die schwerste Schädigung beibrachte. Baron Dipauli lieh der demagogischen Erpressungspolitik seine Unterstützung, die Caplanokratie in Niederösterreich fand an ihm keinen Gegner. Auch er war der irrigen Meinung, daß aus der antisemitischen Partei mit der Zeit eine clericalconservative Fraction werden könne — ein Jrrthum, den er bitter gebüßt. Die Geister, die er in Niederösterreich rufen half, ward er in Tirol nicht los; die Revolte gegen die Bischöfe hat im katholischsten Land der Monarchie gesiegt und Herr Baron Dipauli hat seinen Jrrthum mit seinem Mandat bezahlen müssen. Die Verwandlung der alt-clericalen Partei in antisemitische Christlich-Sociale führt schließlich zur schweren Schädigung der Kirche. Denn früher oder später müssen diese Christlich-Socialen entweder einem Schöuerianer oder einem Socialdemokraten weichen. Die Untergrabung der bischöflichen Autorität, welche die Christlich-Socialen vollziehen, ist die Vorarbeit zu Gunsten der anti-clericalen Parteien. So zeigt sich, daß selbst die Wiener Antisemiten in gewissem Sinne in der Entwicklungsgeschichte eine bedeutsame Function zu vollziehen hatten, und da ihre Aufgabe nun erfüllt ist, so ist auch ihre Uhr damit abgelaufen. Dr. Theodor Herzl gegen Dr. Bloch. Die helle Beleuchtung, welche die neuesten geistigen und agitatorischen Heldenthaten der Herren Dr. Herzl und Dr. N o r d a u in der „Oesterreichischen Wochenschrift" erfahren haben, konnten selbstredend nicht ohne eine gründliche Erwiderung bleiben. Dem mächtigen Eindrücke, welche unsere Ausführungen nicht allein in den weitesten Kreisen der unparteiischen O sfentl'chkeit. sondern auch in den engen und beschränkten Cirkeln der neu-zionistischen Secte geweckt haben, war nicht hinreichend begegnet, wenn das parteiofficielle Organ Herrn N o r d a u (Nr. 1, S. 5) „Die Gefühle gesinnungsgenöisischer Treue und Dankbarkeit" huldigend zu Füßen legt und die Olmützl'r Zo nisten „ihrem großen Führer N o r d a u Verehrung und Dank" aussprechen. Gewiß sind unsere Leser begierig zu erfahren, was Herr Dr. Theodor Herzl der Fülle des in der „Oesterreichischen Wochenschrift" ihm vorgehaltenen sachlichen Materials zu erwidern hat? Heute haben wir die glückliche Gelegenheit, diese Neugierde zu befriedigen. Die letzte Nummer der „Welt" publieirt nachstehenden Artikel: „Jedes Thierehen hat sein Plaisierchen. Das weiss man. Die Hunde zu Aachen, die jeden Fremden unterthänigst anflehen: „Gib uns einen Fusstritt!“ gehören aber schon zu den Sonderlingen. Noch merkwürdigere Geschöpfe aber sind jene kleinen Schlafgeselleu, die mitunter auch den gutmüthigsten und weichherzigsten Reisenden zur Verzweiflung bringen. So lange quälen und peinigen sie ihn, bis er ihnen die Gnade erweist, sich ihrer brutal zu entledigen.“ „Doch, wir wollten ja von Doctor Bloch sprechen, dem Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift“. Dieser Mann hat seit einigen Wochen sein Geschäft in Antizionismus wieder eröffnet. Der Handel ist in den letzten Zeiten wieder lohnend geworden, insbesondere in Wien, wo die Zionisten gezwungen waren, in Opposition zum Cultusvorstand und zur „Allianz“ zu treten. Wir sind die Letzten, die dem Dr. Bloch sein Geschäft verderben wollten. Aber der gute Mann ist ehrgeizig. Es genügt ihm nicht, wenn man ihn ungestört seinen Handel in Antizionisticis treiben lässt. Wie der Hund den Mond, so wins eit er den Zionismus an: „Thut mir doch blos den einzigen Gefallen und reisst mich herunter!“ Doctor Bloch kann's haben, wenn er es gerade will, so vollständig, als es nur sein kann. Aber heute noch nicht, weil wir vorläufig keine Lust haben, uns mit seiner Person abzugeben. Unser Urtheil über die persönlichen Qualitäten dieses Mannes ist längst gebildet. Aber wir glauben nicht, dass wir es sind, die Ursache haben, uns mit seiner Person abzugeben, vielmehr sind es diejenigen Körperschaften, die ihn in den Stand setzen, sich noch immer als ihren Vertreter nach Aussen zu geriren Die Wähler des Doctor Bloch haben ihn längst abgeschüttelt. Im politischen Leben ist er glücklicherweise eine plusquamperfectische Erscheinung. Das Gros seines Lesepublicums mag er sich behalten, wenn es ihm nicht unter der Haud stirbt: jene guten, dummen Juden vom Lande, denen das Herz im Leibe hüpft, wenn Rabbi Bloeh den Antisemiten im Jargon des „Deutschen Volksblattes“ zu Leibe rückt, oder wenn er an einer anderen Stelle von der glücklichen Entbindung der Frau Cultusvorstand X rührende Dinge zu erzählen weiss. Aber man wird sich mit Doctor Bloch, oder besser gesagt, mit der „Oesterreichischen Wochenschrift“ noch für einige Zeit beschäftigen müssen, so lange Dämlich, als sie von einzelnen, grossen Wiener jüdischen Körperschaften gestützt wird. Mau darf verrauchen, dass das nicht mehr lange der Fall sein wird. Es verlautet, dass wenigstens der Cultusvorstand die Absicht habe, die „Wochenschrift“ zu umgehen, indem er ein eigenes Amtsblatt herausgeben will. Die „Union“, die vom 1. Jänner ab monatliche Mittheilungen an ihre Mitglieder versendet, hat es bereits gethan. Wir glauben annehmen zu können, dass auch die „Allianz“ diesem Beispiele über kurz oder lang folgen wird.“ „Heute aber darf sich die „Wochenschrift“ noch der verschieden gearteten Unterstützung der Körperschaften rühmen und freuen. Darum müssen wir uns von Zeit zu Zeit mit ihrem Inhalt beschäftigen, so wenig sympathisch es uns ist, dass wir dadurch auch mit Dr. Bloch in Berührung kommen.“ „Der grosse Erfolg der Zionisten bei den Cultuswahlen war für die „Wochenschrift“ der Anlass zur Eröffnung einer scheinbar nur aus moralischen und journalistischen Gründen eröffueten Campagne, der unwürdigsten und unanständigsten Campagne, die je gegen den Zionismus geführt wurde. Lügen, Verdrehungen, Entstellungen, Anrempelungen persönlichster Art charakterisiren die Kampfesweise der „Wochenschrift“. Der rohe Angriff hat uns sicherlich nichts geschadet. Die „Wochenschrift“ als Kämpfer gegen die Weltbewegung des Zionismus! Wir können uns mit einem Lächeln des Bedauerns und der Verachtung abwenden. Aber, wenn man dazu schweigt, muss man fürchten, dass die geschilderte Taktik der „Wochenschrift“ da oder dort Nachahmung finden oder solche Juden irre machen könnte, die die wahre Ursache des Bloch’schen Geschäfts-Antizionismus nicht kennen. Dari.m werden wir uns in der nächsten Nummer eingehend mit der „Oesterreichischen Wochenschrift“ beschäftigen. (Fortsetzung folgt.)“ S 0 der volle Wortlaut der Antwort, die uns Dr. Th. Herzl widmen läßt, in welcher, man darf das ruhig sagen, sein innerer Mensch, Gesinnung und Charakter mit solcher Feinheit und photographischer Treue sich abspiegelt, daß wir Anstand nehmen, die Unmittelbarkeit des Eindruckes durch irgend eine Glosse zu beeinträchtigen. Nach erprobter Hebunggirier bekannten Sorte von Journalisten wird natürlich eine „Fortsetzung" angekündigt. Wir werden nicht ermangeln, unsere Leser auch diese genießen zu lassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.