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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-01-11 · 2 (11.1.1901) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 18 Dr. Bloch's Wochenschrift Sie. 2 der Haß und Zwietracht zwischen den Menschen säet, weil ihre Gottesverehrung nicht nach einer Schablone sich vollzieht. Das haben die Socialdemokraten nicht gethan und die Inden noch viel weniger. In der Abstimmung für die Socialdemokraten liegt ein Protest gegen den Nationalismus, ein Protest gegen die Völkerverhetzung und gegen die confessionelle Aechtung, sonach ein echt staatsfreundlicher Gedanke. Deshalb weil man im diesjährigen Wahlkampfe für die Socialdemokraten stimmte, theilt man noch lange nicht ihre wirthschaftlichen und gesellschaftsreformirenden Gesinnungen. Ja, es haben gewiß sehr viele Wähler, Juden und Christen, für die socialdemokratischen Candidaten gestimmt, die geradezu deren Mittel und Endziele mißbilligen. Sie haben aber dies Opfer gebracht und bringen können, weil es sich im gegenwärtigen Wahlkampfe gar nicht darum handelte, dem socialdemokratischen Programme zum Siege zu verhelfen, sondern nur dem Systeme eine Schlappe beizubringen, welches sich zum Unglücke für Wien und die Monarchie zum herrschenden zu machen wußte, weil es sich darum handelte, gegen die Vergewaltigung zu protestiren, deren Opfer Wien geworden ist, weil es sich darum handelte, Einsprache zu erheben gegen die empörenden Mißbräuche, die in Schule und Verwaltung eingerissen sind, weil es nothwendig war, den ersten Schritt zu thun, um Wien von einer Corruptiou und Stellenjägerei zu befreien, welche Stadt, Land und Staat den Händen einiger Individuen auslieferte, deren geistige Potenz nicht einmal ein genügender Deckmantel ist für ihre sittliche Impotenz. Es mögen wohl auch etliche Juden Socialdemokraten sein. Die Gesinnung dieser Juden in Ehren, aber sie geht uns nichts an. Das Gros der Juden ist nicht socialdemokratisch gesinnt, aber Religion und Tradition gebieten ihnen, das Unrecht zu hassen und deshalb sind sie Gegner der Christlich-Socialen; Religion und Tradition gebieten ihnen, für Freiheit und Anerkennung des Menschenrechtes einzutreten, und deshalb findet man sie überall aus der Seite Derjenigen, die für diese höchsten Güter der Menschheit kämpfen. Zu den Schlägen, welche der Clericalismus und seine christlich-sociale Avantgarde am 3. Jänner in Wien und Niederösterreich erlitten, gesellten sich an den folgenden Tagen weitere schwere Niederlagen. Im Kremser Wahlkreise unterlag Geßmann gegen den deutschnationalen Dötz und in Steiermark errang die Bauernpartei gegen die Anhänger des Prälaten Karlon mehrfache Siege. Auch die Erfolge der czechischen Agrar- und Arbeiterpartei gegen die mit den Feudalen verbündeten und den demokratischen Grundsätzen abtrünnig gewordenen Jungczechen und jene der nordböhmischen Deutsch-Radicalen gegen die dortigen sonderbaren Fortschrittler müssen im anti-clericalen Sinne gedeutet werden. Es geht wie ein Strahl der Erleuchtung durch die Wählermassen des alten Reiches, über das der Jesuitismus bereits seine finsteren Netze gespannt hatte. Es kommt nicht darauf an, wie viele Mandate in diesem Wahlkampfe den Clerical-Antisemiten thatsächlich entrissen wurden und noch werden. Der Umschwung in der Wählerschaft manifestirt sich vor Allem in der rapiden Abnahme der christlich-socialen, respective clericalen und in der überraschenden Zunahme der freiheitlichen Stimmen. Mag immerhin noch bei der Stichwahl im II. Wiener Wahlkreise einer der Schildknappen Lueger's durch eine beispiellose Wahlcorruption seine Position behauptet haben — die Thatsache, daß der socialdemokratische Candidat in dieser gewaltigsten Wahlschlacht, die je in Oesterreich geschlagen wurde, über 25.000 Stimmen — um 6000 mehr als im Jahre 1897 — auf sich vereinigt hat, beweist mit mathematischer Schärfe, daß die Grundfesten der christlich-socialen Herrschaft erschüttert sind und daßendlich, endlich der Augenblick gekommen ist, in welchen nicht nur die Juden, sondern auch die Christen die Gemeinheit, Verlogenheit und Volksfeindlichkeit dieser Partei zu durchschauen beginnen. Obwohl die Gesammtzahl der Wähler in den fünf Wiener- Wahlkreisen durch den Hinzutritl der Personal-Einkommensteuerträger um rund 30.000 zugenommen hat, wurden doch für die christlich-socialen Candidaten mehr als 10.000 Stimmen weniger abgegeben als bei der letzten Wahl. Auf dem flachen Lande Niederösterreich sind 57.000 Wähler weniger zur Wahl gegangen und wurden 54.000 Stimmen für die Christlich-Socialen weniger abgegeben als im Jahre 1897. So bis ins innerste Herz verhaßt ist diese Sippe dem Volke geworden, daß bei der Kremser Stichwahl zehntausend neue Wähler an die Urne eilten, um den doppelzüngigsten, kniffigsten und jesuitischesten Wortführer dieser Lueger- Gesellschaft zu werfen. Das warnende Wort, das einst Gambetta seinen Landsleuten zurief: „Le cleriealisme c’est l’eimemi!“ gilt auch für Oesterreich und man fängt an, es endlich zu begreifen! Die große Coalition aller freisinnigen Elemente, die in Frankreich zum Schutze der freiheitlichen Institutionen geschaffen wurde und ihre Macht bewährt hat, ist vorbildlich geworden für den Kampf, den wir hier noch durchzufechten haben. Ihre Bildung ist bei uns erschwert durch die nationalen Strömungen, die dieses Reich zersetzen. Aber das Werk der Einigung kann nur aufgeschoben, nicht vereitelt werden. Und in dem Maße, als die Erkenntniß fortichreitet, werden auch die hohlen Schlagworte gegen die Juden ihre Wirkung einbüßen. Unbeirrt von dm Hepp-Hepp-Rufen der jesuitischen Führer und der von ihnen bethörten Masse müssen und werden die Juden Oesterreichs ihre geschichtliche und culturelle Bestimmung erfüllen. Sie werden in den kommenden Kämpfen um Freiheit und Recht im Vordertreffen stehen und in patriotischer Hingebung Mitwirken, um diesen hartgeprüften, von Fieberschauer geschüttelten Staat seinen schlimmsten Feinden zu entreißen und ihn wieder emporzuheben, zu Macht und Ansehen, zu Gesittung und Recht! jA. Wiener. Vom Jahrmarkt des Levens. Dr. Lueger und Baron Dipauli. Von besonderer Seite wild uns geschrieben: Die vollzogenen Wahlen in der allgemeinen Curie bedeuten allerdings noch immer nicht eine Wendung in dem Geschicke Oesterreichs zu Gunsten eines Einlenkens in die Bahnen des allgemeinen Fortschrittes und der Civilisation, wohl aber bilden sie ernste Symptome, daß diese Wendung sich vorbereitet. Dr. Lueger hat 1800 Stimmen verloren, trotzdem ihn derzeit als dem Herrn von Wien nicht nur der ganze Apparat der städtischen Verwaltung, sondern auch die Reichthümer der Kirche und die Machtmittel des Staates zur Verfügung waren, um alle abhängigen Wähler in seinen Dienst zu zwingen. Dr. Adler hingegen, der verhaßte Führer der Socialdemokraten, hat 6000 Stimmen gewonnen, trotzdem er unter sehr ungünstigen Voraussetzungen candidirt hat. Die Gesammtzahl der für die Socialdemokraten in Wien abgegebenen Stimmen beträgt circa 100.000 gegenüber 106.000 der antisemitischen Partei. Das bedeutet: wenn die Wahlen heute in vollster Gesetzlichkeit, ohne behördliche und communale Beeinflussung der Wähler, ohne die virtuose Wahlschwindelpraxis vollzogen werden, die derzeit in Wien herrschende Partei der Antisemitisch-Christlich-Socialen in eine ga»z winzige Minorität zusammenfällt. Von fünf Mandaten, welche Wien zu vergeben hatte, erhielten die Socialdemokraten im ersten Anlauf zwei und der Ausgang des engeren Wahlkampfes um das dritte Mandat zeigt nicht minder die Richtung an, wohin der öffentliche Geist führt. Daß Männer wie Dr. Adler und Dr. Ellenbogen solche ungeheure Stimmenziffern in Wien auf ihren Namen vereinigen, ist der beste Beweis, daß das antisemitische Schlagwort seine berauschende Wirkung verloren hat, daß die Bevölkerung bereits immun geworden gegen dieses Gift, mit einem Worte, daß die Epoche der Gesundung und Ernüchterung beginnt.

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