Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 2 » BlOCh Jahrgang! XVIII. Leutrslorgan fite die gessmmlen Interessen des Indenlhnms. --^- Ulfen,' 11. Jänner 1901. -4».». »m. «■< - Lrfch eint jeden Freitag. -H.- Brief-Adresie: Wien, IX/l, Berggasse 39. Teleciramm-Ädresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. Inhalt. Leitartikel: Die ReichSrathswahlen und die Juden. — Vom Jahrmarkt des Lebens. Dr. Lueger und Baron Dipäuli. Dr. Theodor Herzt gegen Dr. Bloch. Vom deutschen Rabbinerverband. Zur Schächthetze in Berlin. — Strike und Aufruhr iss Rischon-Lezion. — Jüdischer und christlicher Sclavenhandel. — Correspondenzen: Oeffentliche constituirende Sitzung des Wiener israelitischen Cultusvorständes. 25jähriges Jubiläum des israelitischen TempelvereineZ für den X. Gemeindebezirk. Nichtigkeitsbeschwerde im Processe Hilsner. Josef Plohn, Prag, Budapest, Essegg, Jnowrazlaw. — Vermischtes: Wien, Marienbad, Hlissik, Holleschau, Nachod, Bielitz, Suczawa, Meppen, Köln. — Feuilleton: Des Papstes Machtwort. New-Porker Ghettobilder — Briefkästen. — Inserate. IS. k. postsparengen-Aml Clearing-Verkrhr Ar. 810.976. Lrdkctton upd AdrmnistrEvn- , -Wien IX/l, Berggasse Lr. 39. Telephon Nr. 14.847. verugsprris für Seit erreich: Haidjäürig 8 Dionen. Einzelexemplare 50 Heller. Fiir's Ausland: Halbjährig 10 Jtroneit. Ganzjährig 20 Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Die Reichsrathswahlen und die Inden. In die dunkle Nacht, welche der Antisemitismus über das politische, wirthschaftliche und gesellschaftliche Leben Wiens ausgebreitet hat, fällt ein Lichtstrahl. In drei Bezirken (zwei in Wien, einer in Niederösterreich) sind die Christlich- Socialen unterlegen und haben ihren erbittertsten Feinden, den Socialdemokraten, weichen müssen. Ist dieser Lichtstrahl noch ein Reflex der untergegangenen Sonne des Fortschritts, welche seit 1896 nicht mehr über Wien ihre segenspendende Wärme änsgießen durfte,. weil die Nebel der Reaction sich über die Stadt gelagert hatten, oder ist dieser Lichtstrahl ein Zeichen dssr Morgendämmerung, ein Hoffnungsstrahl, daß die Nebel zu weichen beginnen, daß es wieder Tag wird, nach' langer, banger Nacht, daß der dumpfe Schlaf zu Ende ist, in den die Bevölkerung versenkt war? Noch wagen wir nicht, uns frohen Erwartungen hinzugeben, noch können wfr nicht an die Wiedererweckung des gesunden Sinnes glauben, noch hält uns die schwere Sorge gefangen, daß es nur Strohfeuer war, und nicht die Alles durchdringende Flamme echter Begeisterung, das am 3. Jänner aufgeleuchtet hat; wir sehen noch mit schweren Gedanken dem 14. Jänner, dem Tag der Städtewahlen entgegen — und trotzdem lassen wir uns die Freude an dem Wahlresultat des Wahltages der Allgemeinen Curie nicht vergällen. Eines hat nämlich dieser Tag gebrächt, was unsnicht mehr geraubt werden kann, der.Glaube an die Allmacht des „Herrn von Wien" ist öernichtet, unwiederbringlich vernichtet, der „Zauber" sssine^. Persönlichkeit.. hat . ebenso wenig gewirkt, wie die Wahlkünste seiner Sclaven, und seine offenen und geheimen clericalen Bundesgenossen haben sich ebenso machtlos erwiesen, wie sein rveiblicher Heerbann. Vergebens wurden alle Trids einer' gefliallthätigen Wahlmache aufgeboten, vergebens die Wahlreclämätiön einseitig aüsgebeutet, vergebens die Wahlliste zum Pärteieigenthum gemacht, vergebens die Begehung'-durch antisemitische Äufteher' durchgeführt, vergebens diese Wähler ausgelassen und andere eingeführt. Der Zauber hat versagt und es ist mit diesem, wie mit jedem Aberglauben; nur solange es Dumme genug gibt, die sich fangen lassen, kann er wirken. Sowie aber einmal auch die Dummen merken, daß keine überirdische Macht im Spiele ist, da hört ihr Vertrauen auf den Zauberer auf. Es mag sein, daß seine Geschicklichkeit noch Bewunderer findet, daß es auch noch Leute gibt, die von seiner Kunst zu profitiren wissen — aber mit seinem Prestige ist es doch zu Ende; der Allmachtswahn fft zerstört, und wenn auch die Antisemiten sich selbst Math einreden wollen und die Niederlage als eine „vorübergehende Episode" bezeichnen, es nützt ihnen nichts. Nicht einmal im eigenen Lager finden sie für diese Köhlerlüge Glauben. Das ist's, was uns angesichts der Wahlresultate des 3. Jänner mit gerechter Genugthuung erfüllt. Und noch Eines, die christlich-socialen Blätter verkünden mit unverhehlter Wuth, daß die Juden einen wesend lichen Theil zu dem Ausgange der Wahlen beigetragen haben. Wir finden zwar für diese Behauptung keine Beweise, dennoch acceptiren wir sie, ja wir freuen uns derselben. So hätten sich denn die Juden einmal aufgerafft, um den Feind an seiner verwundbarsten Stelle zu treffen! So hätten sie denn sich zur Wehre gesetzt gegen das tausendfältige Unrecht, das ihnen zugefügt wird, so hätten sie denn ihr Recht ausgeübt, nicht zu eigenem Nutzen. sondern zum Wohle des Staates. Wir wissen ganz wohl, daß man die Socialdemokraten zu „Feinden des Staates" stempeln möchte, sie sind es aber nicht, und wer für sie stimmte, hat nicht staatsfeindlich gestimmt. Gerade in Oesterreich haben die Socialdemokraten den allerstaatsfeindlichsten Gedanken, den nationalistischen bekämpft Und das Wahlergebniß vom 3. Jänner hat sonnenklar bewiesen, daß sie um dieser Bekämpfung willen die größten Verluste in Böhmen, Mähren und Steiermark erlitten haben. Derjenige ist ein Feind Oesterreichs, der wie Schönerer oder die Czechen den Nationalismus auf die Spitze treibt, dem harmonischen Zusammenwirken der Völker sich widersetzt, der Versöhnung entgegenarbeitet, und, auch derjenige ist ein Feind Oesterreichs,