Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Sir. 1 Dk, L'och's LUochrnsü^rrj^. Seile 15 „Es sind Zeugen da", sagte Dr. Bäthory, „Augenzeugen, die „Unmöglich", unterbrach ihn Aranka, „kein Mensch auf Gottes weiter Welt kann gesehen haben, daß Dr. Lazzlo je etwas Unrechtes gethan!" Und überlegend, daß sie darauf bedacht sein müsse, den Richter zu ihrer Meinung zu bekehren, fuhr sie, sich vor ihm niederwerfend und die Hände ringend, fort: „Glauben Sie mir, Herr Doctor, mein Mann ist unschuldig! Geben Sie ihn frei! Es könnte ihn, der das verkörperte Ehrgefühl ist, dem Wahnsinne nahe bringen, auch nur einen Tag und eine Stunde unter so schrecklichem Verdachte zu leiden!" Dr. Bäthory weidete sich an dem Anblick der vor ihm knieenden, hochgradig erregten Frau. Ohne sie aufzuheben, sagte er: „Ich bin ja kein Unmensch! Was ich für den Gatten der schönen Frau Lazzlo thun kann, soll geschehen, wenn — er ergriff ihre Hände und zog sie zu sich empor und wollte sie umarmen — „diese wunderschöne Frau sich auf ihren Vortheil verstehen wird. Schon wollte er sie mit beiden Armen umschlingen, als Aranka, die Situation erkennend, ihn heftig von sich stieß und zur Thür eilte. Sie rüttelte an derselben, ohne sie öffnen zu können. „Machen Sie auf, augenblicklich", rief sie vor Zorn bebend, „der ganze Ort soll es wissen, wie Sie sich einer geängstigten, bei Ihnen Hilfe suchenden Frau gegenüber benommen!'' „Gut, daß Sie mir das sagen", erwiderte Dr. Bathory; „ich bin es somit meiner Ehre schuldig, auch Sie in Gewahrsam zu halten!'' „Mich?" fragte Frau Aranka erbleichend; „wagen Sie es", fuhr sie, nach Fassung ringend, fort; „wir haben Freunde, man wird Ihnen zeigen, was es heißt — „Larifari", unterbrach sie der Richter, „lassen Sie ein vernünftiges Wort mit sich reden, Frau! Ihre schönen Augen haben es mir angethan; je mehr Sie in Ekstase gerathen, desto begehrenswerther erscheinen Sie mir; ich lasse Sie nicht von hier, ehe —" Ein greller Aufschrei Aranka's. Sie fühlte, ehe sie es hindern konnte, seine Lippen auf den ihrigen brennend; unmöglich ihn von sich zu stoßen, sich zu befreien. „Hilfe! Hilfe!" rief sie wild um sich schlagend; „ich dulde die Schmach nicht, die Sie mir anthun wollen, ich — ich —" Ohnmächtig lag sie in seinen Armen. Er war entsetzt; er sah, wie sie sich verfärbte, leblos zusammen sank. Was, wenn der Schreck sie getödtet hätte? Dem Diener läutend, befahl er schnell Wasser, Essig, Lau de Cologne zu bringen. Verschmitzt lächelte der Herbeigerufene; ihm schienen solche Scenen nicht neu zu sein. Den vereinten Bemühungen der Beiden gelang es, Frau Aranka wieder zum Bewußtsein zu bringen. „Fort! Fort!" stöhnt sie, sich mühsam erhebend; „fort aus diesem Haus der Schande!" Sie schleppte sich einige Schritte vorwärts, sank aber am Sofa angelangt um; die Kräfte versagten ihr den Dienst. In Thränen ausbrechend, bat sie den Diener, sie nach Hause zu führen; sie werde es ihm reichlich lohnen. „Warten Sie, bis Sie sich erholt haben", mahnte Dr. Bathory; „ich lasse Sie in diesem Zustande nicht gehen!" „Elender!" rief sie im Tone tiefster Verachtung. „Und müßte ich aus den Knieen hinausrutschen, ich würde Ihr Haus meiden und" — „Das sollst Du mir büßen", sagte Dr. Bathory wuthschnaubend und wandte ihr den Rücken. Auf den Arm des Dieners gestützt, verließ die fast ohnmächtige Frau das Haus. Das waren Feiertage, wie sie sie nie zu erleben gedacht. Als sie daheim anlangend ihre Kinder, die nach dem Vater fragten, an's Herz preßte, weinte sie laut auf. Welch' ein Unglück war über ihr Haus hereingebrochen! Es war ihr wie ein Traum, ein schrecklicher, aufregender Traum, der ihr zeitweise das Bewußtsein trübte. Ja, konnte es denn wahr sein? Ihr Gatte in Untersuchungshaft! Sie dem Attentat eines frechen Wüstlings, der sein Richter sein sollte, kaum entgangen, die ganze Stadt in Aufruhr, daß in ihrem Hause ein Ritualmord verübt worden! Sie wartete, zählte die Stunden, stets hoffend, ihr Gatte werde in Freiheit gesetzt werden. Schon dämmerte der Abend, sie war noch immer allein! Eine herzbeklemmende Angst überfiel sie. Wie würde sie die Nacht überstehen in dem schrecklichen Bewußtsein, den geliebten Gatten in Kerkerhaft zu wissen! Bekannte kamen und gingen, suchten sie zu trösten, auf andere Gedanken zu bringen. Sie wußte kaum, was man zu ihr sprach. Niemand glaubte ja das Entsetzliche, dessen man Dr. Lazzlo beschuldigte, Allen war es ein Räthsel. wie man ihn, diesen ehrenfesten Mann, einer solchen Schanvthat zeihen konnte, und doch glaubte Niemand das Recht zu haben, seine Freilassung zu verlangen; dem Gesetze mußte, wenn eine Verhaftung angeordnet worden, freier Laus gelassen werden. Um ihres Gatten Lage nicht zu verschlimmern, hatte Aranka zu Niemanden davon gesprochen, daß Dr. Bäthory eS gewagt, ihrer Ehre zu nahe zu treten. Sie hatte ihn dies auch wissen lassen, dafür aber gefordert, daß Dr. Lazzlo keine Gefängnißkost erhalte, sondern daß da- Esten, welches fie ihm sandte, ihm ausgefolgt werde. Großmüthig hatte Dr. Bäthory, der um Alles einen Scandal vermieden wissen wollte, dies bewilligt. Dr. Lazzlo war nicht in der GemüthSverfaffung, Speise und Trank zu sich zu nehmen. Das Blut siedete in seinen Adern. Er rannte mit dem Kopfe gegen die Wände, meinte die ihm angethane Unbill nicht ertragen zu können. Vergeblich forderte er, vor einem anderen Untersuchungsrichter geführt zu werden. Tag auf Tag verging, ohne daß er auch nur vernommen wurde. Welche Seelenqual für den stets thätigen Mann! Man verweigerte ihm Papier, Tinte, Bücher. Der Tag wurde ihm zur _ Ewigkeit, die schlaflos verbrachte Nacht zur Höllenqual. Kein Lebenszeichen von seiner Gattin. Wie ihn der Gedanke quälte, ob man nicht auch sie einem Verhör unterzogen! Er wollte ja Alles dulden, Hast, Entbehrung, Aufregung, seine Unschuld mußte zu Tage treten, nur seine Frau sollte man nicht in das ihm ganz unerklärliche Getriebe, das Haß und Bosheit herausbeschworen, mit hineinziehen! Jetzt erst wurde ihm klar, waS Dr. med. Alföld's Worte: „Ich werde Ihnen schon zeigen, was es heißt, einen College» verdrängen", bedeuteten. Dr. Alföld war vom Amte suspendirt worden, weil er an einer Dienerin einen operativen Eingriff vorgenommen, der den Tod des Mädchens zur Folge hatte. Das Mädchen selbst hatte Anzeige gegen ihren Verführer gemacht und ihren Arzt, Dr. Lazzlo, als Zeugen gerufen, daß sie ein Opfer des Mannes geworden, der fie seinen Lüsten dienstbar gemacht. Dr. Lazzlo mußte, wiewohl es ihm klar war, daß Alföld ihm ein unversöhnlicher Feind werden würde, vor Gericht die Wahrheit sagen. Konnte er damals — der Proceß hatte sich vor etlichen Monaten abgespielt — ahnen, wie schreckliche Rache dieser Dr. Alföld nehmen würde. Dr. Bäthory war Alföld's Busenfreund; diese Beiden, im Bunde gegen ihn, schienen eS darauf abgesehen zu haben, ihn zu verderben. Da man ihm als Bürger nichts anhaben, seine Thätigkeit als Arzt nicht verdächtigen konnte, dichtete man ihm, dem strenggläubigen Juden, eine That an, die von der fanatisirten, zum religiösen Haß aufgestachelten Masse geglaubt wurde. Dr. Alföld war reich genug, alle Minen springen zu lassen, um eine Horde zu organisiren, die gegen Lazzlo zeugte. Was lhut der in Stumpfsinn befangene, durch Alkoholgenuß unzurechnungsfähig gemachte Bauer nicht für Geld! Bela Hetway, der in Lazzlo's Hause wohnte, wurde zuerst von ihm angeworben. „Für jeden Zeugen, den Du mir bringst", hatte ihm Dr. Alföld gesagt, „erhälst Du 100 Gulden." Und Bela Hetway, ein vollständig verarmter Mensch, der, um sich Schnaps kaufen zu können, jeder Miffethat fähig war, ging scharf in's Zeug, warb einen Zeugen nach dem and ren, organisirte eine ganze Schaar, die darauf eingeschworen wurde, auszusagen, Dr. Lazzlo habe die Ilona Kusmik beseitigt, weil er, der fromme Jude, am Paffahfeste da- Blut eines Christenmädchens brauchte. Hetway wußte schon, an welche Thüren er anzuklopfen hatte, um Zeugen zu werben. Da war der Maurer Arpad, ein alter Zechgenosse, der wegen schlechter Arbeit, die er an Lazzlo's Haus ausgeführt, von seinem Meister entlassen wurde und seinen Haß gern bethätigte, indem er wühlte und Stimmung gegen Lazzlo machte. Gegen den Juden waren fie alle, die ihm seine bevorzugte Stellung beneideten, einig vorzugehen; Niemand machte sich ein Gewissen daraus, eine Unwahrheit zu sagen. „Dem Jud". hieß es, „geschieht schon Recht, wenn er tüchtig eingetunkt wird! Lebt wie ein Fürst, ist reich, unabhängig, verdient mehr, als er verbrauchen kann, hat die schönste Frau im Ort!" (Fortsetzung folgt.)