Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8 Dr. VlEs Woürrnfrhritt denn sie verkauften diese Dinge, und ebenso ganz fertige Kleider, im Profeßhause. Wenn ich all dieses zudecken könnte, so wäre ich glücklich, aber ich fürchte, daß noch viele andere Sachen ans Licht kommen werden. Man spricht sogar von vierzig Millionen, welche seit 1757 nach England, Holland und Leipzig gesendet worden sein sollen." Und diesen Brief hat nicht etwa ein Judenlideraler geschrieben, deren es damals in Wien nicht gab, sondern die fromme Kaiserin Maria Theresia.') Und damals predigte kein Pfarrer: „Kaufet nur bei christlichen Kaufleuten und Handwerkern", und kein Lueger nahm sich des Kleinen Mannes an. Ein weiterer Borwurf, den man antisemitischerseits jetzt gern den Juden macht, ist, daß sie, und nur sie, im Mittelalter Sclavenhändler waren. Bor ungefähr einem Jahre hat die „Taitsche Zeitung", nach dem Werke eines gewisien Dr. Rübling, einen giftgeschwollenen Artikel über den Sclavenhandel der Juden im Mittelalter gebracht, indem sie auch ziemlich deutlich die Confiscation des Vermögens der Juden forderte. Ich würde es nicht der Mühe werth halten, das Geschwätz dieses an Leserschwund leidenden Blattes zu widerlegen, aber da der Vorwurf neulich von viel achtbarerer Seite und an hervorragender Stelle wiederholt wurde, müsien wir doch zur Steuer der Wahrheit und zur Abwehr den wirklichen Sachverhalt darlegen. Auf dem ersten österreichischen Antisclavereicongreß in Wien sagte Prälat Dr. Fischer-Colbrie u. A.: „Es waren namentlich Juden, die im IX. Jahrhundert an den Grenzgebieten des christlich gewordenen Mitteleuropas Sclavenhandel trieben. Sie fanden an Agobard von Lyon einen mächtigen Widersacher, der viel dazu beitrug, ihnen das Handwerk zu legen". Merkwürdig ist es, daß dieser „große Mann, der den Sclavenhandel bis in seine entferntesten Schlupfwinkel verfolgte", nur die jüdischen Sclavenhändler bekämpfte und gegen die christlichen Sclavenbesitzer und Sclavenhändler nichts einzuwenden hatte. In der Geschichte ist dieser um 840 verstorbene Erzbischof von Lyon mehr wegen seines rebellischen Auftretens gegen Kaiser Ludwig den Frommen und seines Judenhasses, als wegen seiner Sclavenfteundlichkeit bekannt. Wir werden im Folgenden, sobald er chronologisch an die Reihe kommt, uns mit ihm noch zu beschäftigen haben. In der erwähnt-n Rede werden die großen Verdienste der christlichen Geistlichkeit um die Befreiung der Sclaven und Abschaffung der Sclaverei mit großer Emphase geschildert, Papst Paul UL als erster Verkünder der allgemeinen Menschenrechte gefeiert. Gewiß, die christliche Kirche besteht erst seit neunzehn Jahrhunderten und der Sclavenhandel ist schon seit beinahe hundert Jcchren rechtlich (aber nicht überall tatsächlich) abgeschafft, die Negersklaven in Nordamerika sind seit schon sechsunddreißig, die in Brasilien seit schon dreißig Jahren fteigelaffen. So viel Zeit hat die christliche Charitas gebraucht. „Es ist", sagt Theodor Brecht in seiner trefflichen Schrift „Kirche und Sclaverei", * 2) „ein bewußt oder unbewußt geübter Kunstgriff, alles Gute, jede Besserung, welche in christlicher Zeit platzgreift, der Kirche zugute zu schreiben, als ob es außer ihr überhaupt keine sittlichen Factoren gäbe, alles Schlimme aber entweder todt zuschweigen oder aber die Kirche wenigstens von jeder Schuld fteizusprechen". Der Trinitarierorden, der auf dem bereits erwähnten Congreffe in Wien besonders gefeiert wurde, ist vorzüglich zu dem Zwecke gegründet worden, in die Gefangenschaft von Mohammedanern oder von Heiden gerathene Christen loszukaufen. Es ist dies gewiß ein recht lobenswerthes Unternehmen, so viel Anerkennung verdienend wie die in ähnlicher Weife für die bedrückten Juden wirkende ^llianee Israelite, welche von den Antisemiten stets beschimpft und verleumdet wird. Mit den allgemeinen Menschenrechten, mit dem „unveräußerlichen Recht aller Menschen, frei zu sein", mit dem jetzt so geflunkert wird, hat aber die Jahrhunderte lange Praxis der Kirche nichts zu thun gehabt. Und ob die Menschenrechte und die Freiheit in den Kerkern und auf den Scheiterhaufen der Inquisition besonders geschützt wurden, möchten wir fast bezweifeln. *) Arneth, Maria Theresia IX 98,568. 2) Barmen, Hugo Klein, 1890. Um die Citate nicht zu häufen, sage ich hier ein für allemal, daß ich Vieles aus diesem Merkchen zur vorliegenden Arbeit benutzt habe. Andere Quellen werde ich an gehöriger Stelle anfiihren. Doch wir wollen nicht in die Weite schweifen, sondern uns auf das vorliegende Thema — die Sclaverei — beschränken. Wir wollen nur die Gesetzgebung und die Praxis der Kirche in Bezug auf Sclaven und Sclavenhandel und den von Christen bettiebenen Sclavenhandel betrachten. Es wird sich dann von selbst ergeben, ob und welchen Antheil die Juden an diesem Handel hatten. Im alten jüdischen Staate war die Behandlung der Sclaven nach dem mosaischen Gesetze eine sehr milde, die Zahl der Sclaven nicht groß und von eigentlichem Sclavenhandel keine Rede. So fanden sich denn auch Jesus und die Apostel nicht veranlaßt, eine Aenderung der bestehenden auf die Sclaven Bezug habenden Gesetze und Einrichtungen zu fordern. Sie begnügten sich, den Herren Milde und Gerechtigkeit gegen die Sclaven, diesen den Herren gegenüber willigen Gehorsam und Respect zu empfehlen. Erst als das Christenthum mit der großen Heidenwelt, deren Wohlstand zum großen Theil auf der Sclavenarbeit beruhte, in nähere Berührung kam, lernten dessen Verbreiter und Lehrer die Gräuel des Sclavenhandels und die Leiden der Sclaven unter ihren „arischen" Herren kennen. Aber so lange das Christenthum nicht herrschende Staatsreligion war, konnten die Kirchenväter auch nicht mehr thun als ermahnen, und als es römische Staatsreligion geworden war — thaten sie auch nichts mehr. Hie und da fand sich wohl ein frommer Mann bewogen, um Gottes willen seinen Sclaven die Freiheit zu schenken, im Allgemeinen waren aber weder die Gesetzgebung, noch die weltlichen und geistlichen Gewalten den Sclaven günstig. Man hatte für die Sclaven nur schöne Redensarten von der Gleichheit aller Menschen vor Gott, von der Ueberflüssigkeit des Loskaufs, da sie doch schon durch Christus losgekauft seien u. dgl., kaufte und verkaufte aber Sclaven, gerade wie die Heiden. Ja, der heilige Thomas von Aquino, der jetzt als der größte christliche Philosoph gepriesen wird, lehrte. Aristoteles folgend, daß es für den Staat gut ist. wenn die Bauern Knechte sind; nur müßten diese Sclaven stark von Körper, von schwachem Verstand und von wenig Muth sein, damit sie nicht gegen ihre Herren complottiren oder rebelliren könnten. Die Juden erklärte er von rechtswegen ewiger Sclaverei verfallen, Sclaven der Kirche, die über ihre Habe verfügen kann. Und dem entsprach auch die den Sclaven der Juden günstige Gesetzgebung der Kirche. Während ein älteres kaiserliches Gesetz noch die Taufe eines heidnischen Judensclaven ohne Einwilligung des Herrn nicht gestattete — jetzt tauft man freilich bei uns Judenkmder gegen den Willen der Eltern — während also das Eigenthum der Juden so gut wie das der Christen geschützt war, verfügte das kirchliche Gesetzbuch: ein vom jüdischen Sclavenhändler gekaufter heidnischer Sclave bleibt, wenn er innerhalb dreier Monate den Entschluß kundgibt, Christ zu werden, Sclave, und der Händler darf ihn einem Christen verkaufen, gibt er aber nach drei Monaten diesen Entschuß kund, so ist er sofort freizulassen. Das heißt: der Jude darf keinen christlichen Sclaven zu eigenen Diensten besitzen, „damit nicht, was Gott verhüten möge, die christliche Religion dadurch geschändet würde, daß sie sich in jüdischer Knechtschaft befindet", den zum Wiederverkauf bestimmten Sclaven kann man aber dem Juden nicht wegnehmen, „damit sich die Sclavenhändler nicht über Störung ihres Gewerbes beklagen können"! Das Concil von Macon vom Jahre 581 ging aber weiter und verfügte, daß jeder Christ das Recht haben sollte, dem Juden für zwölf Soldi jeden christlichen Sclaven oder heidnischen, der Christ werden will, auch gegen den Willen des Eigenthümers wegzunehmen, zum eigenen Dienst zu behalten oder freizulassen. Bon diesem kirchlichen Gesetze wollte nun der bereits erwähnte Erzbischof Agobard von Lyon Gebrauch machen, um den Juden die zum Christenthum hinneigenden Sclaven „nach der alten Festsetzung" wegzunehmen, ohne Rücksicht auf deren wirklichen Werth. Die Juden wandten sich an den Kaiser Ludwig, der sich ihrer annahm und sie gegen die Eingriffe in ihr Eigenthum schützte. Das verdroß den Erzbischof ungemein. Er widerfetzte sich den Anordnungen des Kaisers, schrieb eine Schmähschrift gegen die Juden, in der er die unsinnigsten Angaben über ihren Glauben und ihre Ceremonien machte, aber vom Ritualmord sagte er nichts. Sieht man aber genauer zu, so findet man, daß der Bischof sich nicht aus Menschenliebe der in jüdischen Händen befindlichen Sclaven annahm, sondern aus Judenhaß, weil er die Propaganda der Juden, die Ausbreitung ihrer Religion fürchtete. Die Juden", klagt er in einem Briefe an den Kaiser, „rühmen