Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 1 (4.1.1901)
- Date
- 1901-01-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Dr. Bloch's Wochenschrift« Nr. 1 Existenzbedingungen des rumänischen Bauernstandes zurückzuführen ist. Wenn er aber sagte, daß der Gutsbesitzer seinen guten Mais exportirt und blos den schlechten, verdorbenen seinen Bauern zur täglichen Nahrung überläßt, so hat er damit doch nur einen Theil des rumänischen Bauernelends berührt. Der Pauperismus mit allen seinen physischen und moralischen Nachwirkungen ist in vielen Gegenden des Landes seit Aufhebung der Leibeigenschaft gewachsen. Früher sorgte wenigstens der Gutsherr für seine Leibeigenen, weil diese einen Theil seiner Habe ausmachten. Heute kann man die Zrbl der Gutsherren an den Fingern abzählen, die die materielle Lage der Bauern zu verbessern bemüht sind. Die Verwaltung der Krondomänen geht darin allerdings mit gutem Beispiel voran. Auch die aus dem Jahre 1888 stammenden Agrarprojecte des Juniministeriums Rosetti-Carp hatten eine Besserung der materiellen Lage der in Bedürfnißlosigkeit, Schmutz, Aberglauben und Krankheiten verkommenden großen Masse der ländlichen Bewohnerschaft im Auge. Aber diese Staatshilfe kann nur als ein Anfang zur Ausfüllung der ungeheuren Kluft gelten, die in Rumänien zwischen der Menge der armen Bauernschaft und der kleinen Zahl der Gutsbesitzer und Angehörigen der gebildeten Stände trotz der verfassungsmäßigen Gleichheit Aller vor dem Gesetz besteht, und die nicht nur als eine stete sociale Gefahr, sondern auch als eine Gefahr für den physischen Fortbestand der rumänischen Race bezeichnet werden muß. . . . Die sachlichen und sachverständigen Ausführungen werden in Rumänien nichts bessern. Das rumänische Volk ist bis in seine Spitzen verderbt, und die Culturschminke, die es sich aufgelegt, hat an seinem Wesen nichts ändern können. Zum Krach der Spielhagen-Banken. (So sind sie Alle.) Commercienrath Sanden, der sich bereichert und seinen Reichthum außer Landes in Sicherheit gebracht hat, ist mit drei Complicen wegen Betrügereien, die sich aus viele Millionen belaufen, in Haft genommen worden. Als sein Thun ruchbar geworden war, sagte er: „Die Juden verderben meine Banken"". — So sind sie Alle, Alle ohne Ausnahme. Angesichts der häßlichen Machenschaften des Commercienrathes Sanden nimmt sich folgender in der „Magdeburger Zeitung" veröffentlichter Brief der Frau des verhafteten Directors an ein älteres Fräulein, das einen größeren Theil ihres in schwerer Arbeit errungenen Gehaltes in Papieren der Banken angelegt und das „Vergnügen" gehabt hat, Frau Sanden persönlich kennen zu lernen, mehr als sonderbar aus. Das recht fromme Schreiben lautet: „Potsdam, Marienstraße 11 (Datum fehlt). Heute erhielt ich Ihren Brief, aus dem ich ersehe, daß Sie in ebenso schwerer Sorge sind wie wir selbst! GottderHerr allein kennt Diejenigen, durch deren Verschulden mein armer Mann, der stets eincni Jeden ein Muster in Pflichttreue, Fleiß und Gewissenhaftigkeit sein konnte, in diese so schreckliche Lage gebracht worden ist. Ich bin überzeugt, wenn Sie meinen Mann kennen würden, Sie würden es bereuen, auch nur ein Wort der Anschuldigung über ihn geäußert zu haben. Er, dessen größte Freude es war, zu helfen, sollte sich an fremden Hab und Gut versündigt haben? Das können nur Leute sagen, die ihn nicht kennen, oder solche, die gewissenlos genug sind, absichtlich Böses zu thun. — Sie beurtheilen die Lage der Banken aus den Zeitungsberichten, die in gehässiger und übertriebener Weise die Sache darstellcn, und gerade diesen Zeitungsberichten ist es zu verdanken, daß die Papiere so gegefallen sind. Eine genaue Darlegung der Verhältnisse wird erst in nächster Zeit stattfinden und Sie werden daraus ersehen, daß die Bank nicht so schlecht dasteht, wie es bisher geschildert ist. Sie schreiben, mein liebes Fräulein, mein Mann besäße 20 Millionen. Er hat nicht den zehnten Theil davon, und Alles, was er hatte, ist bereits in die Bank gegeben und sogar auch mein Bcsitzthum mit angegriffen worden. Daher, mein liebes Fräulein, treffen mich Ihre schweren Anschuldigungen nicht, denn ich habe ein ruhiges Gewissen, und ebenso erträgt auch mein Mann diese schwere Prüfung mit Ergebung und in fe st em Vertrauen auf unseres Herrn und Gottes Hilfe. Wir sind nicht nur in ebenso trauriger Lage wie Sie, mein liebes Fräulein, sondern wir müssen uoch Schmähungen und Beschimpfungen über uns ergehen lassen, die wir, Gott weiß es, nicht verdient haben. Mein liebes Fräulein, verlieren Sie auch nicht das Gottvertrauen, wenn wir alle den Herrn bitten, daß er der gerechten Sache den Sieg verleiht, so wird er uns nicht verlassen, sondern uns gegen unsere Feinde beschützen, die uns zu verderben trachten. Daß Gott der Herr uns alle, die wir auf Ihn hoffen, in seinen gnädigen Schutz nehmen und uns helfen möge, erfleht täglich in heißen Gebeten Frau M. Sanden geb. Felzer." Es wirkt geradezu peinlich, fortgesetzt den Namen Gottes in die Betrügereien der Spielhagen-Banken hineingezogen zu sehen. Leider verschweigt Fran Sanden, wie viele Millionen sie besitzt, die sicher in England untergebracht sein sollen. In Potsdam läßt die Aufregung über den Zusammenbruch der Banken keineswegs nach. Es wird jetzt das Gerücht colportirt, daß auch städtische G e l d e r in den Banken angelegt und verloren gegangen seien. Aus diesem Grunde soll die ganze Angelegenheit in der Stadtverordneten-Bersammlung daselbst zur Sprache gebracht werden. Der Magistrat kann die beruhigende Versicherung abgeben, daß städtische Gelder bei der Affarre nicht in Frage kommen. Dagegen wird schon jetzt eine wesentliche Erhöhung der Steuerzuschläge für das nächste Jahr angeküüdigt die man direct auf die Ausfälle, welche die städtische Steuercasse infolge der Affaire erleidet, zurückführt. Es kommt dabei nicht nur der Steuerverlust der Directoren Sauden und Warsinski in Betracht, sondern auch der Miuderbetrag, den die Selbsteinschätzung der Leidtragenden bei dem Krach ergeben wird und der bei den eigenartigen Potsdamer Geldverhältnissen ganz erheblich ins Gewicht fällt. Wie aus Schievelbein berichtet wird, ist der verhaftete Director Berthold W a r s i n s k i ein Sohn des dortselbst verstorbenen Postsecretärs Warsinski. Er war erst einfacher Schreiber bei der damaligen Gerichtscommission und trat Anfangs der Siebziger-Jahre in ein kaufmännisches Geschäft in Berlin über, wo er in verhältnißmäßig jungen Jahren Director wurde und ein äußerst kostspieliges Leben führte, wobei die Weiblichkeit eine große Rolle spielte. Die Juden und die jüdischen Künstler und Gewerbetreibenden in Oesterreich. Es läßt sich nicht leugnen, es weht durch ganz Oesterreich ein reactionärer Wind, der alles Hochstehende und Hervorragende auf ein Niveau Niederdrücken will, wo selbst das Kleine sich groß fühlen kann gegenüber dem Nichts. Alle bösen Leidenschaften haben vorher das Gebiet unterminirt, damit die Reaction ein fruchtbares Feld ihrer Thätigkeit finde. Zuerst wurde der Neid erweckt, der sich — ein Wolf im Schafspelz — das Mäntelchen des Antisemitismus umhing. Dieser erweckte den Racenhaß, dem dann der Classenhaß folgte. Man sah diese Dämone bei der Arbeit, wie sie, von sogenannten „Volksführern" ausgenützt, die Massen untereinander hetzten mit allerlei Vorspiegelungen, die Einen auf die vermeintlichen Vorrechte des Andern aufmerksam machend, welche dieser vorgeblich genießt. Man sah, wie das bethörte Volk, trotzdem es gemeinsame wirthschaftliche Sorgen zu tragen hatte, anfing, sich zu sondern nach Nationen, Confeffionen, Parteien, Conventikeln bis hinab zu den Fractiönchen. Die Uneinigkeit und Verwirrung hat nun das schwarze Gespenst, welches man nach blutigen Kämpfen für immer niedergerungen glaubte, wieder hervorgezaubert, und nun bemüht es sich dort einzuschleichen, wo esnun drohend und hartnäckig wohl für lange, lange Zeit bleiben wird. Zu Denen, die am meisten unter dieser Bewegung zu leiden haben, gehören die Juden, die Prügelkinder der Jahrhunderte, oder wie selbe eine Zeit lang schonend genannt wurden: „Die Israeliten". Dieses Volk oder diese Race, intelligent, ausdauernd, glaubte nach jahrhundertlangem Kampfe sich endlich seine Freiheit und Stellung unter den anderen „civilisirten" Völkern errungen zu haben. Es suchte, um seiner traditionellen Mission gerecht zu werden, bei seinen ehemaligen Feinden auch Liebe zu erwecken, und ging sogar so weit, zu vergessen, was ihm das Schicksal auferlegte: daß es immer nur existiren kann — wenn es jüdisch bleibt, jüdisch nach jeder Richtung hin. Speciell in Wien, der Haupt- und Residenzstadt, mit seinem Adel und einer sonst gutmüthigen Bevölkerung gefielen sich die Israeliten sehr im Verkehr mit ihren christlichen Mitbürgern. Sie suchten ganz aufzugchen in ihnen, vermieden ängstlich, an andere Abstammung zu erinnern, suchten an dem Wohle der Allgemeinheit mitzuarbeiten, gründeten Wohlthätigkeits-Anstalten und Vereine, pflegten den Verkehr mit Künstlern und Gelehrten und schmückten ihr Hein! mit den Erzeugnissen heimischen Gewerbes. — Doch alle diese Anstalten, Institute, Stiftungen rc. mußten interconfessionellen Cbarakter haben und die Freunde womöglich einer anderen Confesfiou angehören — denn man wollte durchaus zeigen, daß man, wie es damals hieß, liberaler Denkungsart sei. Alles schwamm in einem Meer von Einigkeit, Gleichheit und