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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-28 · 52 (28.12.1900) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
52 (28.12.1900)
Date
1900-12-28
Page
– (sequence 18)
Language
German
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feetif 938 Ox« Bloches kam, untersuchte den fast leblos daliegenden Mann, constatirte eine Herzlähmung; Aranka's Aufregung schrieb er dw Sorge um den alten Rabbi zu; man solle, meinte er, die Söhne sofort kommen lassen, sie sei zu schwach, die Pflege zu übernehmen. Dr. Pollak wußte sehr wohl, daß das Leben Rabbi Lazzlo's nur noch nach Tagen zählte. Die Gewißheit, daß sein Sohn sich dem Glauben der Väter abgewendet, hatte den strenggläubigen Mann wie ein tödtlicher Pfeil tief ins Herz getroffen. Gerade an dem Tage, als Eli sein Doctor-Examen gemacht, erhielt er die Kunde, der Vater sei schwer erkrankt, er möge unverzüglich nach Hause kommen. Wie hatte er sich Jahre hindurch auf diesen Tag gefreut und nun diese Nachricht« Das S^limmste befürchtend, traf er sogleich seine Vorkehrungen zu/ Reise. Er fand den Vater, als er daheiur anlangte, um zehn Jahre gealtert. „Sag' 'mir die Wahrheit", sprach der alte Mann, den Sohn umarmend, „was weißt Du von Aladär's Wandlung? Ich kann den Zweifel nicht ertragen! Gott wird mir Kraft geben, selbst das Schmerzlichste mit Fassung hinzunehmen!" Doch Eli hatte nicht das Herz, dem Vater zu sagen, was er wußte; er vertröstete ihn, Aladär werde schon von sich hören lassen, die Reise nach Rom dürfe ihn nicht beunruhigen. Des Sohnes Zuspruch, seine Nähe, seine liebevolle Tyeilnahme wirkten beruhigend auf den alten Vater; sein Zustand besserte sich von Tag zu Tag; von Gottvertrauen beseelt, fand er Trost und Stärkung im Gebet. Schon glaubte man an eine vollständige Genesung, da trat unerwartet ein Rückfall ein. Rabbi Lazzlo saß in seinem Zimmer und studirte; im Nebenzimmer war Aranka mit einer Handarbeit beschäftigt, die Thür stand offen. Der alte Rabbi hörte, wie Ruth Heigel, Aranka's Freundin eintrat und sie mit den Worten anredete: „Sei nicht traurig Aranka, er ist es wirklich nicht werth, daß Du Dich seinetwegen grämst!" „Du hast wahrscheinlich durch Deine Schwester Nachricht?" forschte Aranka, in ihrer Aufregung ganz vergessend, daß die Thür zum Studirzimmer Rabbi Lazzlo's offen stand und er jedes Wort hören konnte. „Die Schwester schreibt mir", sagte Ruth Heigel, „daß er mit Pater Jeremias nach Rom gereist ist und gar kein Hehl daraus macht, zum Christenthume übertreten zu wollen!" Vom Nebenzimmer her hörte man Aechzen und Stöhnen, dann einen herzzerreißenden Aufschrei; als Aranka hinzueilte, sah sie Rabbi Lazzlo leblos am Boden liegen. Der Schmerz um den verlorenen Sohn hatte ihn getödtet. Eli war trostlos. „Vater und Bruder verloren" rief er wehklagend; „o Gott, warum strafst Du mich so hart!" Die Theilnahme in der Gemeinde war eine aufrichtige und allgemeine; Niemand blieb daheim, als Rabbi Lazzlo zu Grabe getragen wurde; selbst Greise, Weiber, Kinder folgten dem Sarge. Man wußte, daß der Rabbi an gebrochenem Herzen gestorben. Der beabsichtigte Uebertritt Aladnr's bildete wochenlang den Gesprächsstoff; schließlich beruhigte sich das öffentliche Gewissen. Die älteren Leute sagten, es sei ein Unglück, daß die Jugend gar so wenig Pietät für die Religion der Väter habe, die jüngeren betrachteten es wiederum als ein Unglück, daß die Väter sie zum starren Glauben zwingen wollen. In Aranka war seit Rabbi Lazzlo's Tode eine Wandlung horgegangen. Aladär war ihr vollständig gleichgiltig geworden; umso inniger schloß sie sich an Eli an; sie suchte ihn zu trösten, sorgte für seine Unterhaltung, war bemüht, ihn seinen Verlust vergessen zu machen. Eli dankte ihr mit treuer Hingabe. Von Liebe wurde kein Wort gesprochen; sein Herz war noch zu sehr von Wehmuth erfüllt, die Trauer um den hochverehrten Vater eine zu heilige. Erst nachdem das Trauerjahr verflossen, erklärte sich Eli der Geliebten; sie hatte nach des Rabbis Tode bei einer Verwandten gewohnt, das Abhängigkeits-Verhältniß kennen gelernt, und gab Eli, den sie wahrhaft hoch schätzte, mit Freuden ihr Jawort. Die Hochzeit wurde in aller Stille gefeiert. Docto'r Eli Lazzlo erfreute sich in seiner Praxis allgemeiner Beliebtheit. Einige gut einschlagende Euren brachten ihn in den Ruf eines tüchtigen Arztes. Seine Häuslichkeit war eine überaus angenehme; Frau Aranka verstand es, ihm dieselbe mit poetischen Reiz zu verklären; sie war die Seele des Hauses, die gute Fee, die den Armen wohl that, ihre Kinder zu tüchtigen Menschen heraubildete. Wochenschrift »r. 82 In dem Maße aber, als Dr. Eli Lazzlo an Popularität gewann und von Juden und Christen zu Rathe gezogen wurde, mehrte sich im Kreise der Collegen, die sich durch ihn verdrängt glaubten, der Unwille gegen ihn; man neidete ihm sein Glück, nannte ihn einen Streber, konnte und wollte es vor Allem dem Juden nicht verzeihen, daß er so schnell zu Ansehen und Wohlstand gelangt war. Einer seiner erbittertsten Feinde und Neider war der alte Doctor Josef Oetvös, ein Mediciner, der es nicht verschmerzen konnte, daß die Mehrzahl seiner Patienten sich dem jüngeren, so schnell zu Ansehen gelangten Dr. Lazzlo zuwendete. „Der Jud'", schimpfte er oft, „wird uns noch Alle rniniren". Dr. Oetvös besaß Einfluß genug, um in seinem Kreise gegen Doctor Lazzlo Stimmung zu machen. War aber irgendwo Jemand lebensgefährlich erkrankt, so rief man doch keinen Anderen als Dr. Lazzlo und größtentheils gelang es ihm, den Patienten zu retten. Je mehr Erfolge der junge Arzt Hatte, desto ärger wüthete Dr. Oetvös; offen und im Geheimen agitirte er gegen ihn; er wollte ihn — koste es was immer — unmöglich machen. Alle Versuche scheiterten zeither an der Popularität, deren sich Doctor Lazzlo erfreute. Von Antisemitismus in dem Sinne, wie er sich heute breit macht, wußte man damals noch nichts; der Antisemitismus war noch kein nutzbringendes Geschäft; aber wo man den Juden Etwas anhaben konnte, war man dennoch gerne dabei, besonders denjenigen, die es zu Rang und Ansehen gebracht. Dr. Oetvös einziges Sinnen, und Trachten war darauf gerichtet, seinen Concurrenten unmöglich zu machen. Kein Mittel war ihm zu schlecht, um zu seinem Ziele zu gelangen. Offen und ehrlich ihm als Feind entgegentreten, wollte er nichl; im Gegentheil, er wahrte stets, wenn er mit ihm zusammenkam, den Schein der Freundschaft, um desto sicherer aus dem Hinterhalt zu treffen. Im Hause Dr. Lazzlo's lebte ein junges Mädchen Ilona Kusmik; sie war mit der Wartung der Kinder betraut, zeigte sich fleißig, treu und war von den Familienmitgliedern wohl gelitten. Urplötzlich — es war zwei Tage vor dem Pessachfeste — verschwand Ilona. Man suchte überall, forschte bei ihren Freunden und Verwandten nach, Niemand wußte über den Verbleib des Mädchens Etwas anzugeben. Frau Aranka wollte eine Stellvertreterin engagiren; eine Absage folgte der anderen; selbst die ärmsten Mädchen waren nicht dafür zu gewinnen, den Posten anzunehmen. Dr. Lazzlo wurde stutzig. Da mußte Etwas Vorgehen: Zu seinem nicht geringen Befremden vernahm er, daß Jemand — man wußte nicht wer — die Parole ausgegeben, Ilona Kusmik sei in Dr. Lazzlo's Hause ermordet worden, da der Doctor das Blut eines Christenmädchens zum Osterfeste brauchte. Daß man in dem kleinen unzartsten Städtchen wenig von Aufklärung wußte, war ihm bekannt, daß aber das alte Märchen vom rituellen Mord hier Boden finden konnte, setzte ihn doch in Erstaunen, noch mehr, daß man ihm, dem anerkannten Menschenfreunde, eine so scheußliche That zumuthete. Trotz eifriger Nachforschungen blieb Ilona verschwunden. Dr. Lazzlo ließ ihre Mutter rufen, die in einem zwei Meilen entfernten Dorfe wohnte; Frau Kusmik war merkwürdig gefaßt; offenbar wußte sie, daß keine Ursache vorhanden, Ilona als Tobte zu betrauern. Sie sagte: „Madel wird schon wieder kommen! Wird ihr nix g'scheh'n." Die Frau hatte ehedem von Dr. Lazzlo's Mutter viele Wohlthaten empfangen — und war offenbar nicht gewillt, in den allgemeinen Chorus einzustimmen. Obgleich sie, die Nächstbetheiligte, keine Klage erhob, erhielt Dr. Lazzlo doch eine Vorladung, bei Gericht zu erscheinen. Der amtirende Richter war als ein Judenfeind bekannt; die Vernehmung Lazzlo's war für den ersten Pessachtag bestimmt. Frau Aranka war der Ansicht, ihr Gatte solle um eine Verlegung des Termines ansuchen, um den Gottesdienst nicht versäumen zu müssen, doch Eli wollte sich dem Richter gegenüber gar nicht aus den frommen Juden Hinausspielen und erschien bei Gericht. Das Verhör war ein überaus peinliches. „Bekennen Sie sich schuldig", fragte der Richter in barschem Tone, „die Ilona Kusmik bei Seite geschafft zu haben?" Dr. Lazzlo traute seinen Ohren nicht. „Welchen Grund", sagte er, sich zur Ruhe zwingend, „könnte ich haben, einen treuen, mir fast unentbehrlichen Dienstboten bei Seite zu schaffen?"

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