Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 934 Ar. Bloch's Wochenschrift Nr. 52 Mor^fache selbst betreffen, sondern die bekannte Klagesache gegen die „Staatsbürger-Zeitung" wegen Beic-ldigung der hiesigen Gerichts- und Verwaltungsorgane. Berlin, 5. December. In der Gruppe N. und NO. des .Centralvereiues deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach heute Abend Rabbiner Doctor Ackermann-Brandenburg über das Thema: „Am'Beginn des Jahrhunderts". Vom Herzen komme.de und zu Herzen gehende Worte waren es, mit oenen er sich in seinem nach Inhalt und Form gleich glänzenden Bortrage an die gespannt lauschenden zahlreichen Zuhörer wandte, und sehr mit Recht konnte der Leiter der Gruppe darauf Hinweisen, daß wohl selten die in letzter Zeit so angefeindeten Jntereffen des Judenthums mit solcher Wärme und Innigkeit vertreten worden seien. Der Redner ging davon aus, welche entgegengesetzten Meinungen über das Judenthum der Beginn des neuen Jahrhunderts zu Tage gefördert habe. Während naturgemäß die Rückblicke, welche von jüdischer Seite auf das 19. Jahrhundert geworfen werden, die Judencmancipation als die bedeutendste Errungenschaft priesen, habe man in judenfeindlichen Blättern den ernsthaften Vorschlag lesen können, den Beginn des neuen Jahrhunderts durch Aufhebung der Judenemancipation und" Stellung der Juden unter ein beionderes Fremdenrecht zu feiern. Die Aufgabe der Juden, Segen über alle Völker zu verbreiten, sei unabhängig von dem Genuß staatlicher Rechte, aber sie hätte» diese Rechte im Namen der Menschlichkeit zu fordern, und kein anderes Volk habe einen tiefer begründeten Anspruch auf volle Gleichberechtigung als das jüdische, welches den Begriff der Gleichberechtigung zuerst in die Welt gebracht habe — eine Wahrheit die unmittelbar aus dem biblischen Menschheitsbegriff resultire. Als die furchtbarste Tragödie der Weltgeschichte muffe es erscheinen, daß gerade dieses Volk am eigenen Leibe die entsetzlichen Folgen verspüren müffe, welche die Mißachtung dieses Begriffes nothwendig mit sich bringen, das Volk, das, in Lehre und Leben die höchste Tolera.z verbreitend, unter dem Drucke leidenschaftlicher Intoleranz zu leiden habe. Der große Sieg, daß die Schrecken der Tragödie im 19. Jahrhundert bis auf ein gewisses Maß herabgemildert seien, erfahre eine bedeutende Minderung und wandele sich in Beschämung um, wenn man sehe, wie in der Emancipation der Juden die Praxis so wenig mit der Theorie gleichen Schritt gehalten habe. Das erste Jahr des neuen Jahrhunderts habe uns eine Fülle betrübender Eceigniffe gebracht, die das Judenthum und seine Stellung innerhalb der Völker bis in das tiefste Innere berühren: der Fall Dreyfus, in dem das Judenthum als solches schuldlos am Pranger gestanden, der Polnaer Pcoccß, in welchem die barbarische Jsolirung des Judenthums gegenüber jeglicher Anschuldigung noch deutlicher zum Ausdruck gekommen sei, und in Deutschland der Konitzer Fall, der fortan ein Programm bedeuten werde, das wie ein schwarzes Mal auf den Jahrhundertsanfang haften werde. An unserer religiösen Ehre sei hier ein Verbrechen verübt worden, das sich zwar würdig der großen Reihe von Verbrechen anschließenderen Opfer die Juden im Laufe der Weltgeschichte gewesen, das aber als Resultat uud Frucht des ersten Jahres des 20. Jahrhunderts von der nichtjüdischen Menschheit nie gebüßt werden könne. Auch in Deutschland folge das Unheil dem Antisemitismus auf dem Fuße nach. Gesetz und Recht wanken, wo er sich breit mache, es lösen sich alle Bande frommer Scheu, wo er die Gemüther mit tollen Wahnideen zu erfüllen beginne. So sehr es auch die Juden mit Genugthuung erfülle, wenn sie sähen, wie einzelne Einsichtige die Bezichtigung der antisemitischen Haffer weit von sich weisen, so lange sie mit anderem Maße gemessen würden wie die nichtjüdischen Mitbürger, so lange sie nicht den gleichen Schutz geuöffen wie die christliche Kirche, so lange werde dem Vaterlande nicht der Friede blühen, den es so dringend bedürfe, so lange erheben die Juden den Klageruf und die Menschlichkeit stimme mit ihnen ein: Das Judenthum ist vogelfrei! — Und nun zu Rumänien! Hier müffe sich Europa sagen, daß es den an den Juden begangenen Rechtsbruch nicht nur nicht gehindert, sondern durch sein vertragswidriges Stillschweigen geradezu gefördert habe. Doch womit man gesündigt habe, damit werde man gestraft. Am eigenen Leibe habe es in China denselben Haß, dieselbe Unduldsamkeit empfinden müssen, habe es erfahren müffen, wie es thue, wenn man schutzlos und hilflos der Uebermacht eines Mächtigen und Gewaltigen preisgegeben sei. „Wir aber," so schloß der Redner, „die wir Alle leidend und duldend im Mittelpunkte dieser Eceigniffe stehen, ob wir auch klagen, so zagen wir doch nicht, ob wir auch nnmuthig werden, so verlieren wir doch nicht den Muth, wir stehm auf der Warte, auf die unser Gott und unsere vieltausendjährige glorreiche Geistesgeschichte uns hingestellt hat. Von dieser Warte erheben wir unsere Stimme und rufen es ohne Scheu in alle Lande hinaus, was und wie an uns gethan wird. Wenn uns bange Zweifel beschleichen sollten, und wenn wir uns fragen, warum uns all das Schwere, dann antworten wir uns selbst mit den Worten jenes uralten Gleichnisses, wo der Weife auf die Frage, weshalb die so sehr gequälten und bedrückten Juden behaupten, Gott näher zu stehen, als die anderen Völker, erwiderte: „Israel ist unter den Völkern, was das Herz unter den Gliedern des Körpers ist. Ist der Körper krank, dann fühlt das Herz es zumeist und zuerst." Israel, das Herz der Menschheit, leidet, denn der Menschheitskörper ist krank. Einst wird aber der große himmlische Arzt Genesung senden, wo alles Böse dahingeschwunden; bis dahin wird Israel nimmermehr ermüden, gleichwie das Herz die Lebensströme in den Körper der Menschheit hinauszusenden, die Ströme der Liebe und Freiheit, der Wahrheit und Gerechtigkeit!" Langanhaltender Beifall lohnte den Redner für seine Ausführungen. Brüssel. (Die Bittschrift anbei! Pap st), welche von einem Comite beider christlichen Confessionen gegen den Antisemitismus, namentlich aber gegen die Blutbeschuldigung gerichtet wurde, hat folgenden Wortlaut: „Sehr heiliger Vater! Di: Unterzeichneten, welche den verschiedensten philosophischen Schulen und. mit Ausnahme der jüdischen, allen Religionen angehö.en, haben die Ehre, Ew. Heiligkeit zu melden, daß alle edlen Geister, gleichviel wessen Glaubens, mit Schrecken den großen Fortschritt wahrnehmen, den der Judenhaß in allen Ländern macht. Aengstlich sehen Sie die wachsende Gunst, mit welcher die unwissenden Massen, die ebenso haffenswerthe, wie absurde Legende vom Ritualmorde aufnehmen. Sie beklagen die Gewaltthätigkeit und die Plünderungsscenen, denen diese Legende als Borwand dient, sie bedauern auch das in Kuttenberg am 15. September gegen einen Juden wegen eines Ritualmordes ausgesprochene Tvdesurtheil, das sie als den größten Schimpf für die Civilisation ansehen. Gleich nach Fällung jenes Todesurtheils hat die civilisirte Welt Protest dagegen erhoben, die Wissenschaft ist eingeschritten und der verurtheilte Jude Hilsner ist nicht hingerichtet wordeni Alle Geister der Humanität athmeten nach gefälltem Spruch des Cassationshofes erleichtert auf, da er durch Annullirung des Urtheils der modernen Gesellschaft die Schande einer Hinrichtung wegen Rltualmordes erspart hat. Die Unterzeichneten setzen ihre Hoffnung ans die Weisheit Ew. Heiligkeit, die sie inständigst bitten, den glorreichen Traditionen des päpstlichen Stuhles zu folgen und die Wiederkehr ähnlicher Greuel zu verhindern. London. (Die diesjährige C h a n u k a f e i e r i n der großen Londoner Synagoge) stand noch weit mehr als im Vorjahre unter dem Einfluß des südafrikanischen Krieges. Derselben wohnten zahlreiche kürzlich vom Kriegsschauplätze zurückgekehrte jüdische Soldaten nebst ihren Angehörigen, sowie 250 Osficiere all:r Waffengattungen und fast aller Trupp entheile der englischen Armee bei. Die jüdischen Cityfreiwilligen marschirten unter den Klängen eines Marsches in die Synagoge, wo sie mit einem dröhnenden „Boruch-habo“ empfangen wurden. Nach einem von Chief-Rabbi Dr. Adler gesprochenen Dankgebet hielt Rev. Francis L. Cohen die Festpredigt, in welcher er unter Anderem hervorhob, daß die rabiatesten Anglophoben des Continents zugleich die wüthendsten Antisemiten seien. Er hob ferner hervor, daß die englischen Juden, welche den Vorzug der liberalen und wahrhaft toleranten englischen Verwaltung sehr wohl zu würdigen wissen, sich gerade während des südafrikanischen Krieges als große Patrioten und opferwillige, treue Unterthanen bewährt haben. Man kennt die Namen von nicht weniger als 700 Juden, die jetzt in Südafrika unter den Waffen stehen. Dazu kommt noch eine gewiß nicht zu unterschätzende Anzahl jüdischer Soldaten deren Namen nicht zur allgemeinen Kenntniß gelangt sind. Es ist dieses ein Procentsatz, der das Verhältnis der jüdischen Bevölkerung Englands zur nichtjüdischen beiweitem übersteigt. Von diesen jüdischen Soldaten sind 160 gefangen, verwundet oder krank, während 49 Juden den Heldentod auf dem Schlachtfelde fanden. Die Namen dieser gefallenen Juden wurden dann feierlich verlesen und für ihre Seelen das bekannt ergreifende jüdische Maskirgebet gesprochen. Als Ergänzung zu dieser synagogalen Feier fand am selben Abend im Makkabäerclub eine zweite Chanukafeier statt, welcher nebst den Mitgliedern dieses Clubs noch eine Anzahl militärischer Gäste, darunter Capitän Arthur M. Meyer von Contingent von New-Zealand, B. B. Weil, der tapfere Ber-