Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-28 · 52 (28.12.1900) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
52 (28.12.1900)
Date
1900-12-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021384--10487-3034971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

tfeett. 932 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 52 Unsere beiden Humanitätsvereine — und nur von diesen kann ich heute sprechen — haben bis heute Dank der Opferwilligkeit der Glaubensgenossen dieser Bezirke, wenn ich so sagen darf, noch keine Noth gelitten; richtig ist wohl, daß auch sie die allgemein traurigen Verhältnisse und die daraus folgende Verarmung spüren. Sollte eine Decentralisation des Armenwesens erfolgen, würden sie gewiß noch mehr in Anspruch genommen werden und müßten dann allerdings auch höher subventionirt werden. Schließlich spricht Herr Architekt Fleischer seine Freude darüber aus, daß ihn der Cultusvorstand zur heutigen Generalversammlung delegirt hat. Ist er doch seit Bestand des Vereines dessen Mitglied, und er freut sich der Gelegenheit, dem Vereinsvorstande für seine umsichtige und mühevolle Arbeit im Dienste der Humanität, im Namen des Cultusvorstandes und in einem eigenen Namen zu danken. (Allgemeiner Beifall.) Der Präses spricht hierauf dem Herrn Architekten Fleischer für die dem Vereine und dessen Vorstande in so herzlicher Weise gewidmeten Worte den wärmsten Dank aus. Man schreitet sodann zur Wahl von vier Mitgliedern. Laut § 15 der Statuten gelangen heuer die Herren Dr. Karl L ö w y, Richard Schüller, Leopold S t o w a s s e r und S. Weiß zum Austritte. Sämmtliche vier Herren erklären sich bereit, eine Wiederwahl in den Vorstand anzunehmen. Bei dieser Gelegenheit betont der Präses Herr Dr. L ö w y, daß im Laufe der drei Jahre seiner Leitung der Verein stets Fortschritt machte, und daß es ihm zum Vergnügen gereicht, sagen zu können, daß während der ganzen Zeit auch nicht die geringste Dissonanz unter den Borstandsmttgliedern vorgekommen ist. Als Scrutatoren fungiren die Herren S. P i ck und Ernst Schüller. Dieser verkündet, daß die genannten vier Vorstandsmitglieder einstimmig wiedergewählt wurden. Ebenso werden die bisherigen Revisoren per Acclamation wiedergewählt, worauf der Präses sämmtlichen Erschienenen den wärmsten Dank für die bewiesene Theilnahme ausspricht und die Generalversammlung schließt. Ung.-Brod. Die zionistische „Achiva" aus Ung.-Hradisch veranstaltete diesmal in unserer Gemeinde eine Makkabäerfeier mit dem unausbleiblichen Tanzkränzchen und lud unseren Rabbiner durch eine Deputation zur Theilnahme ein. Auf die Begrüßung durch den Präses antwortete der Rabbiner: Chanuka ist ein religiöses Fest, es verherrlicht nicht den Heldenmuth der Makkabäer, sondern die Reinigung des durch den hellenischen Geist und die hellenische Unzucht entweihten jüdischen Heiligthums, was schon der Name Chanuka bestätigt. Der Feind, den die Makkabäer bezwungen haben, war der hellenische Geist, der heute wieder seine Auferstehung in der Welt feiert und die Herzen vergiftet. Nicht für den jüdischen Nationalismus haben die Makkabäer gekämpft, ihr Feldgeschrei war: Heiligung des Sabbath, Unantastbarkeit der Speisegesetze und die Verehrung der Thora. Eine Verherrlichung dieser Männer hat zur Voraussetzung, daß wir ihren Geist in uns aufnehmen und in unserem Leben zur Geltung bringen. Wie wollen Sie aber die Makkabäer feiern, wenn Sie den Sabbath entweihen und der Speisegesetze nicht achten. Sie feiern die Religionshelden und Glaubenskämpfer mit Worten und verleugnen sie durch Thaten. Sie verwandeln das „Chanukafest" in eine „Makkabäerfeier" und verbinden es mit einem Tanzkränzchen. Das jüdische Gesetz aber ruft Euch zu: Beim Scheine der heiligen Chanukaflamme sind solche profane Unterhaltungen unstatthaft. Die Chanukalichter sind religiöse Symbole. Der Vorsitzende der „Achiva" erklärte dagegen dem Rabbiner, Chanuka sei ein nationales Fest und meinte, Se. Ehrwürden dürfte die Meinung ändern, wenn Herr, Rabbiner die Güte hätte, seiner Festrede zuzuhören. Der Rabbiner antwortete hierauf, als Gast müsse er sich Reserve auferlegen und könne sich in eine Polemik nicht einlassen. Seine Ansichten sind nicht blos das Resultat objectiven Denkens, sondern auch der Lehrinhalt des überlieferten Judenthums. Die Herren Zionisten haben auf dem Wege der Rückkehr zum Judenthum aus ihrer früheren völligen Entfremdung viel unjüdischen Ballast mit sich genommen. Erst wenn sie auf dem Wege der Rückkehr rüstig fortschreiten, können sie auf den wahren Standpunkt des Judenthums gelangen und dann wolle er ihnen gerne die Bruderhand reichen. Budapest, 17. December. (Das neue israelitische Waisenhaus.) Im elegantesten Villenviertel Budapests, in der Stadtwäldchen-Allee, die auf beiden Seiten von den schönen, behaglichen Sommerpalästen der Reichen flankirt ist, erhebt sich seit Kurzem ein prunkvoller Bau, den Aermsten der Armen, den Vater- und mutterlosen Waisen gewidmet. Ein auch äußerlich vornehm ausgestatteter, in gothischenglischem Stil aufgeführter zweistöckiger und ganz monumental sich präsentirender Bau; das neue zweite geräumige Heim der von der P e st e r israelitischen Religionsgemeinde in liebevoller Pflege betreuten Waisenknaben. Starker Opfersinn, werkthätig und ohne Eigennutz, hat dieses Asyl geschaffen, das dem guten Herzen der Haupt- und Residenzstadt Budapest und seiner Bürger in jeder Beziehung zur Ehr' und Zier gereicht. Das Werk lobt den Meister, den Schöpfer. Geschaffen aber wurde es durch den Wohlthätigkeitssinn der Mitglieder oberwähnter Cultusgemeinde. Diese zählt mit berechtigtem Stolze eine stattliche Reihe humanitärer Anstalten zu ihren Schöpfungen. Und da die edlen Menschen/die auf die Initiative eines speciellen, für das Wohl der elternlosen Kleinen sich begeisternden Mannes hin den heute feierlich eingeweihten Prunkbau in gehobener Stimmung betraten, mochten sie sicherlich zurückdenken an die Zeit, von der uns kaum ein Menschenalter trennt. Für die verlassenen jüdischen Waisenkinder wurde damals in der alten Schwarzen Adlergasse ein unansehnlicher einstöckiger Bau adaptirt, ein recht dürftiges Heim, welches genau sechzehn Waisenkindern Obdach bieten konnte. Seither ist das jüdische Knaben-Waisenhaus längst im eigenen schönen Hause in dem staatlichen Bau an der Ecke der Andrassystraße und Epreskertgasse, untergebracht worden. Verzehnfacht hat sich die Zahl der sorgsam behüteten Schützlinge, aber noch viel mehr war und blieb die Zahl derjenigen armen Kinder, denen wegen Mangels an Geld und Räumlichkeiten keine Unterkunft geboten werden konnte. Der nämliche Mann, der die in ihrer Primitivität so armselige Anstalt durch unentwegtes eifriges Bemühen zu erster, schönster Blüthe gebracht hatte, der Obmann der Waisenhauscommission der Pester israelitischen Religionsgemeinde Herr Jakob Deutsch war es, der abermals an den humanitären Sinn seiner Glaubensgenossen appellirte, der die Geldsammlung zur Errichtung des zweiten großen Waisenhauses einleitete und durchführte. Ihm, dem „Waisenvater", gebührt in erster Reihe das Lob für das Gelingen des Werkes. Diejenigen, die mit ihren großen und kleinen Spenden die Herstellung der neuen Waisenanstalt ermöglichten, in welcher heute; am Einweihungstage. bereits zweihundert Waisenknaben unter väterlicher Fürsorge gut und warm untergebracht sind, ihnen zollen nicht nur die vor dem Untergange geretteten Kleinen, nicht nur die Confession, der sie angehören, ihnen entrichtet jeder bravfühlende Mensch gerne den Tribut ehrlichen Dankes. In Anwesenheit der höchsten civilen Würdenträger des ungarischen Staates, unter denen Ministerpräsident Koloman S z e l l und Unterrichtsminister Dr. Julius W l a s s i c s, sowie der Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt Josef Markus an erster Stelle zu erwähnen sind, hat gestern Vormittags im schönen Betsaale der neugeschaffenen Anstalt die feierliche Einweihung derselben stattgefunden. Mächtig erbrauste der Orgelklang, gen Himmel stiegen andächtige Betgesänge, es wurden Reden gehalten, die vom Herzen kamen und zum Herzen drangen. Man betete für die Kleinen, welche die Wohlthat genießen, und sicherlich auch für die Erwachsenen, die nur aus milder Hand die Mittel für die Errichtung der neuen Anstalt spendeten. Ueber die Details der Eröffnungsfeier berichten wir im Folgenden : Nachdem der Präsident des den Namen Jakob Deutsch führenden Vereins der einstigen Zöglinge des Warenhauses, Salomon Rotier, in rührender Weise die Antheilnahme der dankbaren Schüler des Waisenhauses an der schönen Feier verdolmetschte, ergriff Oberbürgermeister Joseph Markus das Wort, um den Schöpfern und Förderern der humanen Anstalt den Dank der Hauptstadt auszudrücken. „Voll Staunen und Begeisterung" sagt Redner — sehen wir da, wie innerhalb geringer Zeitabschnitte monumentale Werke der Humanität entstehen, wie die grenzenlose Hochherzigkeit der Leiter dieser schönen Institution unserer Hauptstadt solch' bedeutungsvolle, segenbringende Anstalten überreiche. Die Gegenwart kann angesichts dieser gewaltigen Schaffenskraft ihrer Anerkennung keine Schranken fetzen, doch dürfen die Gründer dieses Werkes auch des Dankes der kommenden Generation gewiß sein. (Stürmischer Beifall.) Oberrabbiner Dr. Samuel K o h n vollzog mm in Begleitung einer schönen Rede, in welcher er den Segen des Himmels auf das Institut und seine Begründer herabflehte, den eigentlichen Weiheact. Dem Gebete des eloquenten Predigers folgte die Absingung des von Ferdinand Singer componirten religiösen Liedes, wozu Dr Sigmund G o n d a den stimmungsvollen Text geschrieben hatte. Mit den Klängen des „Hymnus" erreichte die solenne Feier ihr Ende. Die Anwesenden besichtigten nun, vom Präsidenten Jakob Deutsch geführt, das neue, bereits complet eingerichtete Gebäude.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.